Ha bitus
Inhaltverzeichnis
VORWORT. 3
EINLEITUNG. 5
GESCHICHTE DES BEGRIFFS. 7
URSPR ÜNGE IN DER PHILOSOPHIE. 7
WIEDERENTDECKUNG BEI DURKHEIM UND WEBER 8
ARNOLD GEHLEN 9
PETER BERGER UND THOMAS LUCKMANN 9
DER HABITUSBEGRIFF BEI NORBERT ELIAS 10
DER HABITUSBEGRIFF BEI BOURDIE.U 12
ENTSTEHUNG DES BOUDIEU’SCHEN HABITUSKONZEPTS 12
FUNKTIONSWEISE DES HABITUS. 13
BEISPIEL : MÄNNLICHE HERRSCHAFT (DOMINATION MASCULINE) 20
KRITIK. 22
LITERATUR : 25
ANHANG: 27
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Vorwort
Die vorliegende Arbeit versucht in eines der zentralen Konzepte des Werks von Pierre Bourdieu einzuführen, seinem Begriff des Habitus. Eine Konzeption die eine Schlüsselposition im Werk des französischen Sozialwissenschafters einnimmt und sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen zieht. Ein Werk, dass vor allem durch seine Vielfalt beeindruckt. So zieht es sich von den frühen ethnologischen Studien in der Kabylei, über Studien zur sozialen Gebrauchsweise der Photographie, zur sozialen Reproduktion, vor allem im Bildungsbereich, kultursoziologischen Studien zu Essen, Freizeit, Geschmack in der Kunst, Analysen des intellektuellen und wissenschaftlichen Felds, Forschungen über Bischöfe, Unternehmer und den Notwendigkeitsgeschmack der ArbeiterInnen, Religions-, Rechts-, Kunst-, und Mediensoziologie bis hin zu seiner später ausgearbeiteten Theorie der männlichen Herrschaft, um nur Einiges zu nennen. Diese „partiellen Theorien des Sozialen“ 1 entwickeln sich dabei stetig, zwischen theoretischer Reflexion und empirischer Forschungsarbeit weiter.
Dabei dreht es sich vorrangig um die Gegensätze zwischen Subjektivismus und Objektivismus, ökonomischem und symbolischem Kapital, opus operatum und modus operandi, die Pierre Bourdieu zu überwinden sucht. Er knüpft an das von Marx formulierte Grundproblem des Zusammenwirkens von Individuum und Gesellschaft an. Dabei befindet er sich in den Fußstapfen von Karl Marx, der im achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte folgendermaßen schrieb:
Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter
selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. 2
Wie also die Subjekte einerseits ihre Geschichte selber machen, diese ihnen aber als äußere Macht gegenübersteht. Von Karl Marx übernimmt Pierre Bourdieu auch die Vorstellung einer in Klassen gegliederten Gesellschaft.
Gleichzeitig bricht der französische Soziologe allerdings mit der marxistischen Theorie in einigen Bereichen. Er wirft ihr eine intellektuelle Illusion vor, wenn sie theoretisch bestimmte Klassen mit real oder tatsächlich mobilisierbaren Klassengruppierungen gleichsetzt. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch den Ökonomismus und Objektivismus von vielen marxistischen TheoretikerInnen, welcher die symbolischen Kämpfe unterschlägt 3 .
1 Bourdieu 1979: 41
2 Marx 1972:115.
3 Bourdieu 1985:9ff.
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„Ich für meinen Teil habe versucht, jenen fast theologisch behandelten Gegensatz zu überwinden zwischen den Klassentheorien und den Schichttheorien, einem Gegenstand der sich zwar in den Soziologievorlesungen gut ausmacht und auch dem Denken des DIAMAT gut Gesicht steht, faktisch
aber nichts weiter darstellt als den Reflex eines bestimmten Standes der intellektuellen Arbeitsteilung.“ 4 Auf die Frage, was der Marxismus für ihn bedeutet antwortet er in diesem Sinne auch mit: „Folglich ist die Alternative: Marxist sein oder nicht sein, eine religiöse und bestimmt keine
wissenschaftliche“ 5 .
Pierre Bourdieu, der zwar selbst sagt, dass Theorie die nur von Intellektuellen für Intellektuelle geschrieben wird keine Sekunde der Mühe wert ist, schreibt gleichzeitig in einer äußerst komplexen und schwierig zu lesenden Sprache, da sich seiner Meinung nach Komplexes nur auf komplexe Weise sagen lässt 6 . Dabei fordert er den/die LeserIn nicht nur mit seinen Satzungetümen, einer Fülle an Anspielungen und Wortspielen sowie einer nur sehr selten erklärten Begriffsverwendung. Auch die große Zahl an unterschiedlichen
ÜbersetzerInnen in das Deutsche machen im Laufe der Zeit die Lektüre nicht einfacher. Nichtsdestotrotz fasziniert die Arbeit von Bourdieu, seine umfangreichen empirischen Forschungen, kreativen Weiterentwicklungen bereits vorhandener Theorie sowie seine eigene Theorie-Arbeit. Selbst sein Schreibstil wirkt geradezu wie eine Anwendung seiner eigenen Theorie, in der sich so vieles um Darstellung, Distinktion und Symbolik dreht. Gerade in ihrer schweren Verständlichkeit eignet sich dich perfekt zur intellektuellen Distinktion.
4 Bourdieu 1993b:53.
5 Bourdieu 1992:67.
6 Schwingel 1995:10.
- 4 -
Einleitung
Die Entstehung der Soziologie als Wissenschaft konnte erst mit der, durch die Aufklärung einsetzenden Entzauberung der Welt entstehen. Von da an, ist die Welt nicht mehr die von Gott gesetzte, einzig mögliche Ordnung. Mit der Entzauberung oder Verweltlichung kam das Individuum auf die Welt. Menschen werden als handlungsfähige, selbstverantwortliche und prinzipiell gleiche Individuen anerkannt. Diese bilden gemeinsam die Gesellschaft, eine Praxis, die zu untersuchen die Soziologie im 19. Jahrhundert angetreten ist. Wie ist diese „Gesellschaft der Individuen“ möglich? In unseren alltäglichen Handlungen produzieren wir ja ständig Gesellschaft, ohne dies explizit zu tun. Die Soziologie muss daher den Menschen als vergesellschaftlichtes Individuum denken, die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft erkennen, „das Paradoxon vom objektiven Sinn ohne subjektive Absicht lösen“ 7 . Das bisher einflussreichste Konzept zur Lösung dieser Frage, war das Konzept der „Rolle.“ Andere soziologische Denker, beispielsweise Norbert Elias in “Die Gesellschaft der Individuen” oder Pierre Bourdieu verwendeten und entwickelten den Begriff des Habitus. Dieser kann als Alternative zum Begriff der “Rolle” gesehen werden 8 . “Der Habitus ist das vereinigende Prinzip, das den verschiedenen Handlungen des Individuums ihre Kohärenz, ihre Systematik und ihren Zusammenhang gibt.” 9 Er trennt nicht die “sozialen Rollen” sondern geht von einem Identitätskonzept aus. Krais zieht in ihrem Aufsatz auch die, in der Parson’schen Formulierung des Rollenkonzepts expliziten Trennung von Körper und Geist als Kontrast zum Habitus-Konzept heran. Der Habitus, ganz besonders in der Theorie von Bourdieu bezieht den Körper ganz bewusst in die Theorie ein. Er ist, wie Bourdieu immer wieder betont inkorporierte Struktur, inkorporierte Geschichte.
Parson unterstellt in seiner Theorie der Rolle ein bewusstes Wissen der Interaktionspartner um die Erwartung des Anderen, eine bewusste Zweck-Mittel Rationalität. Soziales Handeln in der Theorie von Pierre Bourdieu ist demgegenüber viel differenzierter aufgebaut und folgt dem „praktischen Sinn“ der handelnden Subjekte. Einem Begriff, dem wir uns später noch einmal detaillierter zuwenden werden.
Alles in allem ist das Bourdieu’sche Habituskonzept zu einem wichtigen Bestandteil der soziologischen Gegenwartstheorie geworden. Dabei ist immer auch die Verankerung in die Soziologie-Geschichte beachtenswert. Wie schon im Vorwort angedeutet bezieht sich Pierre
7 Bourdieu 1981:170.
8 Vgl. Krais 2004:92ff.
9 Krais 2004:95.
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Bourdieu ganz explizit auf die Theorien von Max Weber, Karl Marx oder Emile Durkheim. Die Theorie Bourdieu lässt sich somit niemals von der soziologischen Theoriegeschichte abgelöst betrachten. Gleichzeitig nimmt Bourdieu jedoch auch immer wieder Theorieansätze implizit aus der Vergangenheit oder anderen Disziplinen und baut sie in seine Theorie ein. So ist, beispielsweise genauso wie Bourdieu sich bei seinem Hauptwerk „La Distinction“ zweifelsfrei auf die Arbeiten Thorstein Veblens und dessen „Theory of the leisure class“ stützt, auch das Habitus Konzept nicht von Bourdieu erfunden worden. Daher beginne ich diesen Text mit einer Rückschau auf die bisherige Geschichte des „Habitus“-Begriffs. Im zweiten Teil der Arbeit setzte ich mich dann genauer mit der Bourdieu’schen Verwendung auseinander. Die Anfänge in der Kabylei und spätere Ausarbeitung des Konzepts, die Verwendung in verschiedenen Kontexten sowie einige Beispiele. Abschließend führe ich noch Kritikpunkte am Habituskonzept an. Trotz aller zeit- und raumbedingten Kürze hoffe ich einen guten Einblicke in den soziologischern Begriff des Habitus und seine Verwendung im Werk von Pierre Bourdieu liefern zu können.
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Geschichte des Begriffs
Ursprünge in der Philosophie
10 hat nicht nur Wurzeln in der altgriechischen Sprache, sondern Der Begriff des Habitus
ebenso in der dortigen antiken Philosophie 11 . Später wurde er von Thomas von Aquin aufgegriffen. Dieser verwendete den Begriff des Habitus als „zuständliche Eigenschaft, 12 dauerhafte Anlage eines Dinges zu etwas“ . Damit versucht er die Vermittlungsinstanz 13 und der Ausführung einer Handlung 14 auszudrücken 15 zwischen der Potentialität . Wir können 16 diesen über die Handlungen der Personen, den Tätigkeiten die aus ihnen hervorgehen erkennen. Gerade aus der Tatsache, dass Menschen ohne Verzögerung spontane Handlungen ausführen, spricht für ihn dabei für die Existenz eines Habitus. Jeder Einzelperson kommt ein 17 persönlicher Habitus zu. 18 Thomas von Aquin bezieht sich auf die Sichtweise des Aristotelismus , welcher im Gegensatz
zum Platonismus „die Bedeutung der Erfahrung, der Gewöhnung und der praktischen Erinnerung, damit auch des Körperlichen, für das menschliche Handeln“ betont 19 . Mit der 20 verschwindet diese (körperliche) Sicht wieder in der abendländischen cartesianischen Wende
Wissenschaftsauffassung, bis sie spätestens im 20. Jahrhundert wieder entdeckt wurde. Erste Anzeichen einer neuerlichen Zuwendung zu diesem Konzept sieht der USamerikanische Soziologe Charles Camic bereits in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Helvetius sprach beispielsweise von der Gewohnheit, die Menschen antreibt und eine großen
10
Von der philosophischen Begriffsdefinition her, bedeutet Habitus „(lat.) „die ‚Haltung’, das Gehabe, das
Gebaren, die dauernde Gestalt, Verhaltens- und Erscheinungsweise eines Menschen, bei Thomas v. A. (Summa
theol. I,II 49,2 ad 1) insbes. die zuständliche Eigenschaft, die dauernde Anlage eines Dinges zu etwas, die
‚Fertigkeit’ im Unterschied zur dispositio (Anlage) als solcher, der ‚Fähigkeit’; daher auch die Gewohnheit.“
Vgl. Kirchner, Michaëlis 1998: 279.
11 Vgl. Camic 2000: I-329
12
habitus quodammodo est medium inter potentiam puram et purum actum. Vgl.: Krais, Gebauer 2002: 26ff
13
potentia pura
14
purus actus
15
Er unterscheidte auch verschiedene Ausformungen des Habitus, wie den „habitus activus“, den „Habitus
corporis“, den „habitus athleticus“ oder den für den Bourdieuschen Begriff wichtigen „habitus operativus“
(„Habitus der Tätigkeit“) Vgl. Krais, 2002:26
16
habitus per actus cognoscuntur
17
Cuius habitus, eius est actus. Vgl. Krais 2002:26
18 Vgl. auch den Begriff der hexis, der für Bourdieu später bedeutend wird, als eine der zehn Kategorien des
Aristoteles. (hexis, das griechische Pedant zum lateinische Habitus als das Haben, Anhaben (Bekleidetsein),
Innehaben (Besitz), die Beschaffenheit, der dauernde Zustand, die Gewohnheit. Vgl. Kirchner/Michaëlis
1998:290: Aristoteles: Nikomachische Ethik.
19 Vgl. Krais 2002:27
20
Cogito ergo sum
7
Arbeit zitieren:
Ingolf Erler, 2003, Habitus - Geschichte des Begriffs und seine Verwendung in der Theorie von Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag GmbH
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