1 Einleitung
„Kassel/Fuldabrück. Eine 22-jährige Frau aus Fuldabrück soll ihr neugeborenes Kind unmittelbar nach der Geburt getötet haben. Gegen die junge Frau wurde am Samstag Haftbefehl wegen des Verdachts des Totschlags erlassen, das teilten Polizei und die Staatsanwaltschaft gestern mit.
Die 22-Jährige sitzt in Untersuchungshaft, sie schweigt bislang zu den Vorwürfen. Nach Angaben der Polizei war die Leiche des weiblichen Säuglings am Freitag in der Wohnung der Frau in Fuldabrück gefunden worden. Wie die Obduktion ergab, hat das Kind zum Zeitpunkt der Geburt gelebt. Ursache für seinen Tod ist laut Polizei eine Stichverletzung. Die 22-Jährige hatte sich am Freitag in einem Kasseler Krankenhaus frauenärztlich untersuchen lassen. Dort war festgestellt worden, dass sie erst vor Kurzem entbunden haben musste. Auf Nachfragen räumte die Frau ein, am Freitag allein ein Kind in ihrer Wohnung entbunden zu haben. Sie habe es nach der Abnabelung in eine Tasche gepackt. Ihre Schwangerschaft hatte die ledige junge Frau geheim gehalten. Das Krankenhaus alarmierte die Polizei und entsandte einen Notarzt, der nur noch den Tod des Säuglings feststellen konnte. (…) Über die Schwangerschaft oder das Motiv der Frau aus Fuldabrück wisse man noch nichts. Die Ermittler seien nun ganz auf die Aussagen der 22-Jährigen angewiesen (…).
Nach Informationen der HNA hat die 22-Jährige bereits eine einjährige Tochter zusammen mit einem Mann, der Anfang 20 ist. Auch bei diesem Kind soll die Schwangerschaft nicht bekannt gewesen sein“ (Hessisch Niedersächsische Allgemeine 2009).
Immer wieder berichten Medien über Vorfälle, die die Menschen besonders erschüttern. Die Öffentlichkeit ist über die scheinbare Skrupellosigkeit der Mütter schockiert und bringt den Täterinnen völliges Unverständnis entgegen. Was jedoch versteckt sich hinter den monstergleichen Fassaden der Mütter? Welches Schicksal mussten sie erleiden, das sie zu dieser Tat veranlasst hat?
Auch wir sind entsetzt, wenn wir in den Nachrichten hören, dass ein Säugling von seiner Mutter vermeintlich grundlos gequält wurde, gleichzeitig empfinden wir Mitgefühl der Täterin gegenüber, da es uns bewusst ist, dass bestimmte Umstände dazu geführt haben müssen. Immer wieder haben wir uns gefragt, ob die Frauen während der Tat berechnend handeln und sich in diesem Moment der Konsequenzen bewusst sind oder ob sie währenddessen neben sich stehen und danach damit leben müssen, dass sie einem geliebten Menschen Schreckliches angetan haben und von Angehörigen, Freunden und der Öffentlichkeit dafür geächtet werden. Während unseres Studiums und der zwei Schwangerschaften unserer Kinder haben wir bereits am Rande von postnatalen Erkrankungen, die zu den fürchterlichen Taten führen können, gehört. Immer wieder sind uns Begriffe wie Baby-Blues oder Wochenbettdepressionen begegnet, näher beschäftigt haben wir uns damit allerdings nicht. Deshalb wollen wir unsere Studienarbeit dafür nutzen, um herauszufinden, welche postnatalen Erkrankungen es gibt und welche Faktoren diese begünstigen können.
Wir werden sie in zwei Hauptkapitel unterteilen, im ersten beschäftigen wir uns mit den verschiedenen postnatalen Erkrankungen, deren Häufigkeiten und Verläufen, im zweiten mit möglichen biologischen, psychischen und sozialen Ursachen.
2 Postnatale Erkrankungen
Im Folgenden werden wir die postnatalen Erkrankungen, die auftreten können, benennen und beschreiben.
2.1 Baby-Blues
Etwa 80 Prozent junger Mütter sind vom so genannten Baby-Blues betroffen. Hierbei handelt es sich um leichte Verstimmungen, die aufgrund von enormen hormonellen Veränderungen auftreten können. Sie beginnen 24 bis 48 Stunden nach der Entbindung und dauern in der Regel nicht länger als zwei Wochen, in wenigen Fällen auch bis zu sechs Wochen an (vgl. Dunnewold, A. u.a. 1996: 29 f). „Frauen mit Baby-Blues weinen sehr schnell, reagieren gereizt auf Dinge, die sie normalerweise nicht stören, sind ausgesprochen müde und erschöpft, leiden unter Schlafproblemen, reagieren emotionaler als gewöhnlich und fühlen sich leicht beunruhigt und besorgt“ (ebd.).
2.2 Normale postnatale Umstellung
Dieser Begriff beschreibt diegleichen Symptome wie der Baby-Blues, einzig mit dem Unterschied, dass die normale postnatale Umstellung bis zu acht Wochen nach der Geburt andauern kann. Die Ursachen sind auch hier in den hormonellen Veränderungen zu finden, allerdings darf die enorme psychosoziale Umstellung nicht außer acht gelassen werden. Denn mit dem Mutterwerden beginnt die Frau, sich selbst zu
hinterfragen und neu zu definieren, insbesondere beim ersten Kind. Sie muss ihr früheres, kinderloses Selbst mit dem neuen Bild der Mutter in Einklang bringen, was sich insbesondere dann erschwert, wenn sie ihren Beruf aufgibt, um sich ausschließlich um das Kind zu kümmern. Jedes Kind bringt eine Veränderung der Aufgaben, der Beziehung und der Zeitanforderungen innerhalb der Familie mit sich, wodurch die erste Zeit mit dem Baby anstrengend und stressig ist. Jedoch ist die normale postnatale Umstellung in der Regel kein andauerndes Problem, vielmehr erübrigt sie sich, wenn wieder Gleichgewicht in das Leben eingekehrt ist (vgl. Dunnewold, A. u.a. 1996: 30 ff).
Ist die psychische Verfassung der Mutter allerdings so schlecht, dass sie ihren täglichen Pflichten nicht mehr nachkommen kann oder zweifelt sie länger als fünf Wochen an ihrer Fähigkeit als Mutter oder sogar an der Beziehung zu dem Baby, handelt es sich möglicherweise um eine ernstere Form postnataler Reaktionen. Die Betroffenen können sich in diesem Fall nicht mehr selbst aus der Situation herausbringen, sondern benötigen ärztliche Hilfe (vgl. a.a.O.: 32).
2.3 Schwere postnatale Veränderungen von Stimmung und Antrieb
Veränderungen von Stimmung und Antrieb sind auch als affektive Störungen bekannt. Besonders häufig treten hierbei die postnatale Depression und die postnatale Manie auf. Etwa 10 bis 20 Prozent der jungen Mütter leiden unter postnatalen Depressionen, die in seltenen Fällen zu einer Psychose führen können. Die Zahlen über eine postnatale Manie sind zwar nicht bekannt, jedoch wird davon ausgegangen, dass sie der Vorbote zu einer Wochenbettpsychose ist. (vgl. Dunnewold, A. u.a. 1996: 35).
2.4 Postnatale Depressionen
Anders als beim Babyblues steigern sich die postnatalen Depressionen normalerweise langsam und stetig über einen Zeitraum von acht oder mehr Wochen. Sie können aber auch jederzeit in den ersten beiden Monaten nach der Entbindung ausbrechen.
Die Beschwerden sind im einen Moment stärker, im anderen Moment schwächer ausgeprägt, die junge Mutter fühlt sich mal gut, mal miserabel. Dieser Stimmungswechsel kann ganz plötzlich auftreten. Häufig kommt es zu Veränderungen im Appetit und bei den Schlafgewohnheiten, wobei jeweils beide Extreme auftreten können, d.h. ein verminderter Appetit bzw. Heißhunger, ein erhöhtes Schlafbedürfnis bzw.
Durchschlafstörungen (vgl. Dunnewold, A. u.a. 1996: 35). „Hinzu kommen beispielsweise häufiges Weinen und Tränenausbrüche, starke Konzentrationsstörungen sowie Niedergeschlagenheit und Bedrückung. Mangelnde Energie und fehlendes Interesse an Aktivitäten, denen man sonst gerne nachgegangen ist, sind weitere Kennzeichen“(ebd.). Die betroffenen Frauen sind häufig leicht reizbar und reagieren überempfindlich. Sie sehen sich nicht als gute Mutter und befürchten, dass sie sich nicht so um ihr Kind kümmern können, wie es von ihnen erwartet wird. Ihr neues Selbstbild nehmen sie ausschließlich negativ wahr und schaffen es nicht, es auf eine neue, positive Weise zu definieren. Aus diesem Grund halten sie sich hinsichtlich ihrer Partner, Familien und Freunden für Ballast.
Ehemals selbstbewusste Frauen, die sich vor ihrer Entbindung als fähig und erfolgreich wahrgenommen haben, fühlen sich nun als Versagerinnen, die ihrer Mutterrolle nicht gerecht werden können. Hinzu kommt, dass sie sich gleichzeitig
Gedanken darüber machen, wie sich ihre postnatale Depression auf die Entwicklung des Kindes auswirkt. Ihre Hilf-und Hoffnungslosigkeit wird von Gedanken, sich selbst oder dem Kind etwas anzutun, begleitet und erschwert (vgl. a.a.O.: 35 f).
2.5 Postnatale Manie
So wie der Baby-Blues tritt auch die postnatale Manie meistens in den ersten Tagen nach der Geburt auf. Die betroffenen Frauen sind ruhelos, haben Schwierigkeiten, einen Gang zurückzuschalten und benötigen weniger Schlaf als normalerweise. Ihre Gedanken überschlagen sich und sie haben das Bedürfnis, alles auf einmal sagen zu wollen, wodurch es für Zuhörer schwierig wird, ihrem Redefluss zu folgen. Die Frauen haben scheinbar endlose Energien und beginnen gleichzeitig viele unterschiedliche Aufgaben, die jedoch selten zu Ende geführt werden, da sie im gleichen Moment zur nächsten Tätigkeit wechseln. Häufig entsteht ein heilloses Chaos (vgl. Dunnewold, A. u.a. 1996: 39). Plötzliche Stimmungsumschwünge sind typisch für eine Manie, jedoch kennzeichnet sich die postnatale Manie nicht durch besonders gehobene oder euphorische Stimmungen, sondern vielmehr durch leichte Erregbarkeit und Gereiztheit. In der Anfangszeit einer postnatalen Manie kommt es nicht zwangsweise gleich in hohem Maße zu mangelnden Urteilsvermögen, unlogischen Schlüssen und verzerrten Wahrnehmungen, allerdings kann sich die Erkrankung sehr schnell zuspitzen. So ist es der betroffenen Frau in den ersten Wochen eventuell noch möglich, ihren Zustand als krankhaft zu erkennen, in der nachfolgenden Zeit bedarf es allerdings einer nahe stehenden Person, die die Symptome erkennt und die
Frau davon überzeugt, sich in ärztliche Behandlung zu begeben (vgl. a.a.O.: 39 f).
2.6 Postnatale Angststörungen
Postnatale Angststörungen lösen schwere und immer wiederkehrende Angst- und Panikgefühle aus. Diese Gefühle können in ganz bestimmten Situationen auftreten oder aber das ganze Leben und die ganze Welt betreffen. Typisch sind auch angsteinflößende Gedanken, die sich auf das Baby beziehen (vgl. Dunnewold, A. u.a. 1996: 42). Postnatale Angststörungen werden in drei Krankheitsbilder unterteilt, die wir im Folgenden näher beschreiben werden:
- postnatale Panikstörungen
- postnatale Zwangsstörungen
- posttraumatische Belastungsstörungen
Wie viele Frauen nach der Geburt an postnatalen Angstzuständen leiden, ist nicht bekannt, es ist aber wahrscheinlich, dass unter den geschätzten 10 bis 20 Prozent der an postnatalen Depressionen erkrankten Mütter auch Frauen mit Angstzuständen zu finden sind, da sich die diagnostischen Kategorien teilweise überschneiden. Die Symptome entstehen meist in den ersten zwei bis drei Wochen nach der Entbindung, steigern sich dann und erreichen einige Wochen später ein auffälliges Maß, das zu einer Depression führen kann, wenn es unbehandelt bleibt (vgl. ebd.).
Bei den postnatalen Panikstörungen kommt es zu Panikattacken und Angstzuständen, die sich durch körperliche Symptome wie Kurzatmigkeit, Gefühle der Beklemmung oder des Schmerzes im Brustbereich, Schwindel, Kribbeln in Händen
und Füßen, Zittern oder Schütteln, Schweißausbrüche, Ohnmacht, heißes oder kaltes Schaudern äußern können. Beim ersten Mal treten diese Panikattacken und Angstzustände meist plötzlich und ohne Vorankündigung auf, danach können sie gelegentlich oder auch täglich entstehen. Die betroffenen Frauen haben in diesen Situationen oft das Gefühl, sterben zu müssen oder die Kontrolle über sich zu verlieren. Die meisten von ihnen können keinen bestimmten Anlass für die auftretende Panik benennen, wodurch sie sich noch hilfloser fühlen. Nach einer Panikattacke, die sogar im Schlaf entstehen kann, fühlen sich die Frauen erschöpft und verletzlich. Die meisten von ihnen verspüren eine immer wiederkehrende Angst, dass ihnen selbst, ihrem Baby oder einem anderen Familienmitglied etwas Schreckliches widerfahren könnte. Diese Gefühle können die vorhandenen Depressionen und Angstzustände noch zusätzlich verschlimmern (vgl. Dunnewold, A. u.a. 1996: 43).
Bei den postnatalen Zwangsstörungen treten in den ersten Wochen nach der Geburt immer wieder Angstgedanken, -vorstellungen und -bilder auf, in denen es meistens darum geht, dem neugeborenen Kind etwas Schreckliches anzutun. Die Bilder entstehen, ohne dass die Frauen sie willentlich herbei führen. In ihren Gedanken verletzen sie ihr Baby mit einem Messer, ersticken oder ertränken es, werfen es die Treppe herunter oder stecken es in eine Mikrowelle. Frauen, die in ihrer Kindheit selbst Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, haben jetzt ähnliche Vorstellungen bezüglich ihres Kindes. Die eben aufgeführten Gedanken müssen aber nicht zwangsläufig das neugeborene Kind betreffen, sie können sich ebenso auf andere nahe stehende Personen wie den Partner, ein älteres Kind oder die Eltern beziehen. Zudem geht es in den Vorstellungen nicht unbedingt um selbstverschuldete Schäden, sondern auch um zufällige Ereignisse wie Autounfälle oder Krankheiten.
Arbeit zitieren:
Dennis Becker, Hannah Pangerl, 2009, Postnatale Erkrankungen , München, GRIN Verlag GmbH
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