Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2.1 Definitorische Abgrenzung des Volks- vom Kunstmärchen 4
2.2 Die wichtigsten Merkmale des Volksmärchens. 8
2.3 Der goldne Topf Ein Kunstmärchen? 11
2.3.1 Märchenkonzeption und Sprache. 11
2.3.2 Die Handlungsstruktur 18
2.3.3 Ironie und Humor. 21
2.3.4 Der Mythos im Märchen - romantische Naturphilosophie. 24
2.3.5 Lesarten und selbstreferentielle Intertextualität. 27
2.3.6 Identifikation. 31
2.4 Die Kunstmärchen als heterogene Gattung. 34
3. Fazit. 37
Literaturverzeichnis 39
2
1. Einleitung
„In keiner als in dieser düstern verhängnißvollen Zeit, wo man seine Existenz von Tage zu
Tage fristet und ihrer froh wird, hat mich das Schreiben so angesprochen - es ist als
schlösse ich mir ein wunderbares Reich auf […] - mich beschäftigt die Fortsetzung der
Fantasiestücke ungemein, vorzüglich ein Mährchen, das beynahe einen Band einnehmen
wird - Denken Sie dabei nicht, Bester! an Schehezerade und Tausend und Eine Nacht - der
Turban und türkische Hosen sind gänzlich verbannt - Feenhaft und wunderbar aber keck
ins gewöhnliche alltägliche Leben tretend und seine Gestalten ergreifend soll das Ganze
werden.“ 1
E.T.A. Hoffmanns Brief an seinen Verleger Carl Friedrich Kunz (August 1813) spielt auf ein charakteristisches Phänomen der deutschen Romantik an. Die epochalen Einflüsse förderten die Märchenkultur, so fanden neben den durch Erfindung und Arrangement charakterisierten Kunstmärchen vor allem die so genannten Volksmärchen besondere Popularität. Die Kinder- und Hausmärchen (im folgenden Verlauf: KHM) von Wilhelm und Jakob Grimm galten lange Zeit als Inbegriff dieser Gattung. Allerdings widerlegte Heinz Rölleke in den 1970er Jahren die Behauptung der Grimms, dass sie in ihrer Märchensammlung Stoffe aus der mündlichen Tradition unverändert konservierten. 2 Diese Ansicht führte zur Bedingtheit der Bezeichnung Volksmärchen; ferner gestaltete es sich als schwierig, eine eindeutige Abgrenzung zum Kunstmärchen zu formulieren. Diese Gattungs- und Definitionsprobleme stellen ein aktuelles und umfangreiches Themenfeld der aktuellen Märchenforschung dar. Tangiert werden vor allem Herkunft, Gemeinsamkeiten, schriftliche und mündliche Überlieferungswege sowie die Rezeption der Märchen. 3 Entsprechend gestaltet sich auch die Gattungszugehörigkeit „De[s] goldne[n] Topf[es]“ als diffizil. Zum Teil wird Hoffmanns Werk als DAS paradigmatische Kunstmärchen deklariert, häufig wird durch alternative Gattungsbezeichnungen versucht, diesen Terminus zu umgehen. In der Forschungsliteratur werden für Hoffmanns Werk verschiedene Gattungsbezeichnungen vorgeschlagen, häufig wird sich mit einem ‚Sowohlals-Auch’ beholfen, dabei überwiegen die Termini (Novellen)Märchen und Novellen. 4 Aus diesen Vorüberlegungen ergibt sich die grundlegende Fragestellung der Arbeit: Am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf“ sollen Abgrenzungsmerkmale zwischen Kunst- und Volksmärchen aufgezeigt werden. Im Hinblick auf die Probleme der Kunstmärchenforschung wird zudem beleuchtet, ob auch eine Einordnung in den Bereich der (Märchen)novelle Hoffmanns Werk gerecht wird. Dieses Ergebnis soll exemplarisch die Relevanz dieser problematischen Gattungsbezeichnung veranschaulichen.
1 E.T.A. Hoffmanns Briefwechsel, Bd. 1. Hrsg. von Fr. Schnapp. Darmstadt, 1967 - 1969, 407ff.
2 Vgl. Heinz Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm - Quellen und Studien. Gesammelte Aufsätze. Trier,
2004, 278.
3 Vgl. Kathrin Pöge-Alder: Märchenforschung. Theorien, Methoden, Interpretationen. Tübingen, 2007, 11f.
4 Vgl. Hartmut Steinecke: Die Kunst der Fantasie- E.T.A. Hoffmanns Leben und Werk. Frankfurt am Main [u.
a.], 2004, 193.
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Um dieser Aufgabenstellung nachzukommen, werden eingangs die Termini Volksmärchen und Kunstmärchen im Sinne Lothar Bluhms definiert und problematisiert: Der Märchenbegriff sei zwar nicht sinnvoll zu ersetzen, aber „das Bemühen um begriffliche Klarheit und die den Gebrauch begleitende Reflexion seiner Bedingtheiten“ wäre wünschenswert 5 (Kap. 2.1). Die zunächst allgemeinen Stilmerkmale des Volksmärchens werden aus Max Lüthis Untersuchung „Das europäische Volksmärchen“ bezogen (Kap. 2.2), um „De[n] goldne[n] Topf“ schablonenartig zu beleuchten (Kap. 2.3). Diese Analyse soll auch den weitgehend bestehenden Forschungskonsens bestätigen, dass die Kunstmärchen eigene Merkmale entwickelt haben, die sich nicht direkt aus dem Vergleich mit dem Volksmärchen ableiten lassen. 6 Aufgrund der Heterogenität der Gattung, die anhand von Wührls Studie verdeutlicht werden soll, konnte allerdings auch mit diesen typischen Kunstmärchenmerkmalen bislang keine eindeutige Gattungsdefinition aufgestellt werden (Kap. 2.4). Diese und weitere Probleme der Märchenforschung werden im Fazit noch einmal zusammengefasst.
2.1 Definitorische Abgrenzung des Volks- vom Kunstmärchen
Im heutigen Sprachgebrauch des Wortes ‚Märchen’ (Diminutiv zu Mär) ist das Spannungsverhältnis zwischen Phantastischem und Tatsächlichem erhalten geblieben, das sich bis zu seinen sprachlichen Wurzeln zurückverfolgen lässt. Der Begriff ‚mari’ (althdt.) oder ‚maere’ (mhd.) gilt im Mittelalter als Erzählinhalt mit Bedeutungen wie Kunde, Bericht, Erzählung oder ‚Gerücht’, unterlag aber früh einer Pejoration und wird noch heute auf erfundene oder unwahre Geschichten angewendet. 7
Seit dem 18. Jahrhundert bezeichnet der Terminus die Gattung (Volks)märchen. Die Volksmärchen grenzen sich von anderen Wundergeschichten (wie Sage, Legende usw.) dadurch ab, dass sie das Wunderbare mit dem Natürlichen wie selbstverständlich mischen. 8 Die gedankliche Unterscheidung zwischen Kunst- und Volksmärchen bildete sich rund 80 Jahre später heraus, als von Johann Gottfried Herder, Gottfried August Bürger, den Gebrüder Grimm und den Romantiker die Begriffe Volk, Volksüberlieferung und darunter auch Volksmärchen „für die politische und ästhetische Debatte instrumentalisiert wurden.“ 9 Jacob Grimm prägte die Theorie des Volksmärchens, mit den KHM (1812/15)
5 Lothar Bluhm: Grimm Philologie. Beiträge zur Märchenforschung und Wissenschaftsgeschichte.
Hildesheim [u. a], 1995, 12f.
6 Vgl. Claudia Liebrand: „Punschrausch und paradis artificiels: E.T.A Hoffmanns Der goldne Topf als
romantisches Kunstmärchen.“ In: Alexander Vera u. Fludernik, Monika: Romantik. Trier, 2000, 32f.
7 Vgl. Pöge-Alder, 21f.
8 Vgl. Hermann Bausinger: Märchen. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und
vergleichenden Erzählforschung. Brednich, Rolf Wilhelm (Hrsg), Bd. 9, Berlin, 1999, S. 250ff.
9 Bluhm, 39.
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intendierten die Grimms eine bewusste Abgrenzung zu den freien poetischen Bestrebungen Brentanos, den sie aber weiterhin als ihren ‚Anreger’ „zum Zusammentragen alter deutscher Poesie“ verehrten. 10 Die Grimms erkannten in den Märchen „Reste alter Mythen und einer in ihrer Zeit verdeckten, jedoch wiederzuentdeckenden Naturpoesie, die nicht durch rationalistische Zutaten und abstrakte Stilelemente“ verunreinigt sei. 11 Dementsprechend haben sie sich bemüht, „diese Märchen so rein als möglich war aufzufassen […] Kein Umstand ist hinzugedichtet oder verschönert und abgeändert worden.“ 12
Die tatsächliche oder angebliche Herkunft aus der mündlichen Tradition war zunächst das wichtigste Kriterium für die Anwendung des Begriffs (Volks)Märchen. 13 Dagegen sind Kunstmärchen per lexikalischer Definition die Märchen, „die als Erfindung eines namentlich bekannten Autors in kunstvoll ausformulierter Sprache meist schriftlich festgehalten und verbreitet wurde[n] und somit zur Individualliteratur zähl[en].“ 14 Direkte Entsprechungen dieses Terminus in anderen europäischen Ländern existieren nicht, auch wenn das Phänomen der Kunstmärchen eine internationale Verbreitung findet. 15 In der Forschung wurde bereits der Versuch unternommen, wertungsfreiere Termini einzuführen. Kunstmärchen bedeutet - je nachdem welche Hälfte des Kompositums fokussiert wird - auf der einen Seite kunstvolle Dichtung im Gegensatz zum Volksmärchen, auf der anderen Seite beinhaltet Kunst auch den Aspekt der Konstruktion und wird somit „zum unlänglichen synthetischen Ersatz“ für das wirkliche Volksmärchen. 16 Es gilt die Übereinkunft, die Begriffe wertfrei zu gebrauchen, so sind auch „einfältige Erfindungen einer Phantasie, die sich darin gefällt, Blumen, Tiere oder Möbel reden, fliegen, handeln zu lassen“ als Kunstmärchen zu bezeichnen. 17 In den ersten beiden Dritteln dieses Jahrhunderts wurde der Begriff Kunstmärchen meist unreflektiert als feste Gattungsbezeichnung verwendet. 18 Erst durch den Nachweis Heinz Röllekes, dass die KHM statt der angeblich ausschließlich volkstümlichen, mündlichen
10 Pöge-Adler, 126.
11 Vgl. Cary-Madeleine Fontaine: Das romantische Märchen. Eine Synthese aus Kunst und Poesie. München,
1985, 51f.
12 Grimm, Jacob und Wilhelm: Kinder-und Hausmärchen. Gesamtausgabe mit allen Zeichnungen von Otto
Ubbelohde. Zweiter Band. Kreuzlingen/München, 2005, 441.
13 Vgl. Rölleke, 9.
14 Paul-Wolfgang Wührl: Das deutsche Kunstmärchen. Geschichte, Botschaft und Erzählstrukturen.
Baltmannsweiler, 2003, 5.
15 Vgl. Bettina Kümmerling-Meibauer: Die Kunstmärchen von Hofmannsthal, Musil und Döblin. Köln [u. a.],
1991, 10.
16 Liebrand, 33.
17 Jens Tismar und Mathias Mayer: Kunstmärchen. Stuttgart [u. a.], 1997, 1f.
18 Vgl. Kümmerling-Meibauer, 10.
5
Erzählungen „ein Konglomerat aus mündlich zugetragenen Stoffen, Textteilen und Abschriften“ enthalten 19 , gestaltete sich die Abgrenzungsfrage als weniger eindeutig. Die Grimms beschränkten sich in den veröffentlichen Herkunftsangaben auf vage Angaben wie ‚mündlich in Hessen’, ‚aus den Maingegenden’ etc., um das anonyme Volk als Träger und Gestalter der Märchen zu rekurrieren - so bedinge der kollektive Ursprung seine kollektive Überlieferung. 20 Allerdings sind die Gewährsmänner der Grimms mit den französischen Literaturmärchen vielfach vertraut gewesen und zum Teil auch heute noch namentlich bekannt. Als eine Hauptquelle für den ersten Band sollte Marie Hassenpflug Erwähnung finden. 21 Dies widerspricht der Grimm’schen Intention einer Konservierung rein deutschen Kulturguts, das aus der mündlichen Tradierung erwachsen ist. Ebenso widersprechen die Literarisierungen Willhelm Grimms der naturpoetologischen Ideologie. Er führte nicht nur die typischen Eingangs- und Schlussformeln ein, sondern versah die Texte mit Redewendungen, um ihnen den Charakter des Mündlichen zurückzugeben. Zur kindgerechteren Gestaltung arbeitete er die anfänglich verpönten moralischen Ermahnungen plastischer heraus und schwächte erotische Motive ab. 22 Er fügte sogar Kunstmärchen wie Hans im Glück in die Märchensammlung ein. 23 Deshalb wird in der Forschungsliteratur der Begriff Volksmärchen für die Grimm’schen Märchen nicht mehr verwendet. Mittlerweile spricht man von der „Gattung Grimm“ 24 oder wie Bluhm von ‚Buchmärchen’: Dieser Terminus beschreibe schriftlich fixierte, in der Regel literarisierte Erzählungen, die zwischen mündlich überlieferten Volkserzählungen und den Kunstmärchen stehen. 25 Allerdings ist es schon deshalb schwierig einen neuen Begriff einzuführen, weil die KHM „in aller Welt irrtümlich für die unverfälschte Wiedergabe einer nach Jahrhunderten noch um 1800 in Hessen lebendigen Tradition aufgefaßt wurden und in diesem Sinn unzählige Nachahmungen zeitigten.“ 26 Dementsprechend gestaltet sich der Vergleich der Kunst- und Volksmärchen anhand der Stilmerkmale Lüthis weiterhin als plausibel. Seine Untersuchung gilt in der Märchenforschung als signifikant. Die Merkmale hat er anhand der Untersuchung von Märchen 15 europäischer Länder aufgestellt, wobei der Fokus auf den KHM lag. 27
19 Pöge-Alder, 62.
20 Vgl. Rölleke, 38.
21 Vgl. Stefan Neuhaus. Märchen. Tübingen [u. a.], 2005, 134.
22 Vgl. Rölleke, 38.
23 Vgl. Ebd., 43f.
24 Jolles, 219.
25 Vgl. Bluhm, 27.
26 Heinz Rölleke: Märchen. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft: Neubearbeitung des
Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. von Klaus Weimar, Bd. 2, Berlin [u.a.]: de Gruyter,
2007, 515.
27 Kümmerling-Meibauer, 224.
6
Allerdings führte die Enthüllung des Grimm’schen Mythos’ zu der Forderung nach einer neuen bzw. erweiterten Definition des Kunstmärchens. Kontrovers wurde über die generelle Möglichkeit einer mündlichen Tradierung diskutiert. So stellte Manfred Grätz ähnlich wie Fehling fest, dass es im 18. Jahrhundert in Deutschland keine Volksmärchen mit einer urwüchsigen Existenz im Volk existieren, sondern dass die Märchen des beginnenden 19. Jahrhunderts auf französische und orientalische Quellen zurückgehen. 28 Mittlerweile wird von einem wechselseitigen Einfluss gesprochen, in dem sich Oralität und Literarität bedingen. Die Auffassung einer von der Literatur völlig unbeeinflussten oralen Tradierung ist obsolet. 29 Allerdings sollte das Definitionsmerkmal der mündlichen Tradierung relativiert werden. So meint auch Stefan Neuhaus, die Oralität sei überhöht worden, um „im 19. Jahrhundert […] eine nationale Einigung der deutschsprachigen Länder durch die ‚Entdeckung’ gemeinsamer kultureller Wurzeln vorzubereiten.“ 30 Dies resultierte vor allem aus der Französische Revolution sowie der Okkupationen Napoleons. 31 Am Bespiel des Mythos Faust weist er nach, dass es auch in anderen Gattungen gängig ist, dass Autoren voneinander abschreiben, ohne dass eine Überlieferung durch das ‚Volk’ anzunehmen ist (vgl. auch Boccaccio). 32 So steht bei Goethes Faust und Thomas Manns Doktor Faustus die originäre Leistung im Vordergrund, ohne dass diese als reine Bearbeitungen des mittelalterlichen Sagenstoffes aufgefasst werden. Er sieht Schriftstücke immer durch den jeweiligen Autor individuell gestaltet und variiert, demnach sage die lexikalische Bestimmung zu wenig zur tatsächlichen Differenzierung der beiden Märchentypen aus und bedürfe einer Erweiterung. So sei es generell fraglich, ob mündliche Texte überhaupt wortgetreu aufgezeichnet werden können. 33 Mit dem generellen Zweifel am romantischen Klischee von der Entstehung des Kunstmärchens aus dem Volksmärchen stellte sich die Frage über die (Un)selbstständigkeit der Gattung neu. 34
Allerdings sind die Forschermeinungen über die Entstehungsgeschichte der Märchen disparat. Es erscheint unwahrscheinlich, dass sich der Ursprungsort der Märchen je eindeutig nachvollziehen lässt. Kontroversen bestehen darüber, ob das Märchen durch Monogenese oder Polygenese, eine Entstehung der Märchen an verschiedenen Orten unabhängig voneinander seinen Ursprung nahm (vgl. Anthropological School) 35 oder ob
28 Vgl. Tismar, 2f.
29 Vgl. Pöge-Adler, 63f.
30 Neuhaus, 19.
31 Vgl. Ebd., 20.
32 Vgl. Jolles, 232.
33 Vgl. Neuhaus, 3.
34 Vgl. Ewers, Hans-Heino: Deutsche Kunstmärchen von Wieland bis Hofmannsthal. Stuttgart, 1987, 654.
35 Vgl. Rainer Wehse: „Uralt? Theorien zum Alter der Märchen.“ In: Oberfeld, Charlotte: Wie alt sind unsere
Märchen? Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen. Krummwisch bei Kiel, 2005, 26.
7
es sich bei dem Märchen vielmehr um eine Spätform der Dichtung handelt. 36 Geht man von der monogenetischen These aus, einer einmaligen Erfindung mit nachfolgender Diffusion (vgl. v. a. Finnische Schule), „so sind jedenfalls alle (Volks-)märchen zunächst Kunstmärchen und haben ihren eigentlichen Charakter erst durch die Überlieferungsgeschichte […] gewonnen.“ 37
Jens Tismar betont weiterhin die Unselbständigkeit der Gattung, da das Kunstmärchen erst vor der Folie des Volksmärchens vergleichbar werde. 38 Auch Volker Klotz ordnet dem Kunstmärchen das Volksmärchen über, er fordert wie Stefan Neuhaus, das Schema des Volksmärchens aufzuarbeiten, als dessen „Novellierung“ das Kunstmärchen erscheint. 39 Hans-Heino Ewers (1987) sieht in der Tradition Friedemar Apels die Eigenständigkeit der Gattung, da sich das Kunstmärchen „am Volksmärchen allenfalls noch eines Stoffreservoirs bediene.“ 40 So seien mindestens 90 % der europäischen Kunstmärchen vom Volksmärchen abgehoben. 41 Dies wird mehr und mehr zum Forschungskonsens. Das Kunstmärchen habe eigene Gattungsmerkmale und eine eigene -tradition ausgebildet, so dass der starre Vergleich am Volksmärchen aufgegeben und das Kunstmärchen neu definiert werden müsse - sowohl gegenüber dem Volksmärchen als auch gegenüber anderen Gattungen der Kunstliteratur.
Insgesamt hat der Blick auf die Kunstmärchenforschung gezeigt, dass im Rahmen der Diskussion Schriftlichkeit/Mündlichkeit eine neue Definition des Kunstmärchens anzustreben ist. 42 Dies gilt auch für die Begrifflichkeiten, die trotz aller kritischen Vorbehalte in der Arbeit beibehalten werden.
2.2 Die wichtigsten Merkmale des Volksmärchens
Anhand des Merkmals der Eindimensionalität lässt sich das Märchen von anderen Gattungen relativ unkompliziert abgrenzen. Die Welt ist nicht in Diesseits und Jenseits geteilt. Der Märchenheld verkehrt mit den übernatürlichen Figuren, als ob sie seinesgleichen wären. 43 In der Welt herrscht eine eigengesetzliche Ordnung, die auf immergültigen ethischen und ästhetischen Idealvorstellungen basiert. Demnach dominiert das Gute über das Böse, das Gerechte über das Ungerechte und das Schöne über das Hässliche. Tritt eine Störung dieser Ordnung auf, ist das ganze Geschehen darauf
36 Lutz Röhrich: „Wechselwirkungen zwischen oraler und literaler Tradierung.“ In: Oberfeld, Charlotte: Wie
alt sind unsere Märchen? Forschungsbeiträge aus der Welt der Märchen. Krummwisch bei Kiel, 2005, 69.
37 Rölleke (Reallexikon Märchen), 515.
38 Vgl. Tismar, 2f.
39 Vgl. Volker Klotz: Das europäische Kunstmärchen. Fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der
Renaissance bis zur Moderne. Stuttgart, 2002, 9 u. 28.
40 Ewers, 660.
41 Vgl. Ebd., 656.
42 Vgl. Tismar, 6.
43 Vgl. Max Lüthi: Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. Tübingen [u. a.], 2005, 21.
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Anja Bossmeyer, 2009, Die Abgrenzung des Kunst- vom Volksmärchen, München, GRIN Verlag GmbH
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