1
Inhalt
01
1…………. Einleitung
02
2…………. Der dystopische Roman
03
2.1
Begriffsgeschichte und Merkmale 03
2.2
Zur Entstehung der Anti-Utopie 06
2.3
Historische Betrachtung und aktuelle Entwicklungen 10
3…………. Über die negativ-utopischen Gesellschaftsordnungen
15
3.1……. Die Grundpfeiler der schönen neuen Welt und von Metropolis
15
3.2
Die Position des Individuums in den dystopischen Gesellschaften 21
3.2.1 Über die Gesellschaftsordnung 21
3.2.2 Individualität und Nonkonformismus 29
3.2.3 Zwischenmenschliche Beziehungen und der Wert einzelnen Lebens 37
3.3
Zur Funktion und Darstellung von Technik 43
4…………. Charakteristika der dystopischen Romangesellschaft
46
5…………. Anhang
Literaturverzeichnis 50
2
1. Einleitung
Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, Vorstellung von zukünftigen Welten zu konstruieren - Aufzeichnung über utopisches Gedankengut, entsprechend des heutigen Verständnisses des Begriffs, existieren bereits aus der Zeit der Antike. Seitdem konnte sich die Utopie als interdisziplinäre Geisteshaltung etablieren, wobei sie sich im Laufe der Zeit zu einer auffallend vielschichtigen Gattung entwickelt hat. Sowohl die Geistesals auch die Sozialwissenschaften bedienen sich ihrer, weshalb sich der Terminus leicht im alltäglichen Sprachgebrauch etablieren konnte. Wer jedoch versuchen würde, eine Definition zu finden,
die das Wesen der Utopie [erfasst] und dabei den Staatsrechtler, Soziologen, Pädagogen und Literaturhistoriker in gleicher Weise [befriedigt], würde unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen, weil die Utopie ein [höchst] komplexes Gebilde darstellt […]. 1
Zunächst bewegen sich die Entwürfe zwischen den Polen idealistischer Vorstellungen über zukünftige Lebensräume und grauenerregender Zukunftsvisionen, deren Eintreffen es zu verhindern gilt. Sowohl die positiven als auch die negativen Utopien behandeln die unterschiedlichsten Themenkomplexe. Wie im ersten Teil der vorliegenden Arbeit verdeutlicht werden soll, orientieren sich die Verfasser der Gegenweltentwürfe an ihrer zeitgenössischen Realität, welche in den Werken aufgegriffen und tendenziell weitergedacht wird. Auch persönliche Erfahrungen und, daraus resultierend, die grundlegenden Geisteshaltungen der Autoren müssen dabei eine Rolle spielen.
Wie bereits angedeutet, ergibt sich aus dem diffizilen Charakter der Utopie, dass die Konstruktion einer allumfassenden Definition des Begriffs kaum möglich ist. Ziel der vorliegenden Arbeit soll nun aber sein, einen (wenn auch nur kleinen) Schritt in diese Richtung zu unternehmen. Zunächst wird es dafür nötig sein, die genrekonstituierenden Merkmale der Utopie, inklusive aller ihrer Ausprägungen, zusammenzutragen, um so zu einer ersten literaturwissenschaftlichen Begriffsanalyse zu gelangen. Hierbei wird näher auf die Unterkategorie der Anti-Utopie eingegangen werden. Diese stellt die Grundlage für den zweiten Teil dieser Arbeit dar. Dort sollen für die Negativ-Utopie charakteristische Motive, Themen und Merkmale vorgestellt und erörtert werden. Um die Analyse möglichst detailliert und genau zu gestalten, wird eine weitere Spezifizierung des zu untersuchenden Materials vonnöten sein. Es war zuvor erwähnt worden, dass Utopien zum Teil stark divergierende Grundthematiken besitzen. Daher soll ein
1 Tuzinski, Konrad: Das Individuum in der englischen devolutionistischen Utopie. Tübingen 1965 (= Studien zur englischen Philologie 9), S. 2. [Änderungen durch die Verfasserin A. F.]
3
zwangsläufig in jedem utopischen Werk behandelter Aspekt im Vordergrund stehen: Die Gesellschaftsordnung. Übereinstimmungen zwischen den untersuchten Werken, im Hinblick auf diese Thematik, können daher als typisch negativ-utopisch gewertet werden. Da der Entstehungskontext, wie zuvor angesprochen, bei der Interpretation von Utopien besonders zu beachten ist, weisen gemeinsame Vorstellung über die Strukturen der Zukunftsgesellschaften bei unterschiedlichen zeitlichen und räumlichen Hintergründen der Autoren besonders deutlich auf Genre-Charakteristika hin. Als Grundlage für die Untersuchung werden nun zwei anti-utopische Klassiker des frühen 20. Jahrhunderts, also einer Zeit der gesellschaftlichen Umstürze, dienen. Auf der einen Seite wird Aldous Huxleys Schöne neue Welt stehen. Im Zentrum der Geschichte befindet sich eine „Wohl- standsgesellschaft,in der alle Menschen am Luxus teilhaben, in der aber auch Freiheit, Religion, Kunst und Humanität auf der Strecke geblieben sind“ 2 . Als Vergleichspunkt wird Metropolis von Fritz Lang fungieren. Sein Werk behandelt eine phantastische Zu- kunftsstadt,„gefügt aus Zukunftstürmen und Zukunftsstraßen, [in der] die Arbeiter unter der Erde und die Herren oben im Tageslicht“ 3 leben.
Den Schluss der Arbeit wird ein Vergleich der beiden Gesellschaftsordnungen bilden, in welchem die charakteristisch negativ-utopischen Merkmale zusammengefasst werden sollen.
2. Der dystopische Roman
2.1 Begriffsgeschichte
In den westlichen Kultur- und Literaturkreis eingeführt wurde die Utopie durch den Briten Thomas More mittels seiner 1516 veröffentlichten Schrift über die Insel Utopia, in welcher er das Leben in einem fernen Idealstaat beschrieb. 4 In unserem modernen Sprachgebrauch ist der Terminus der Utopie nun fest verankert, Das ist ja utopisch! gilt als geläufiger Ausspruch. Für gewöhnlich wird hiermit etwas als unrealistisch oder gar unmöglich abgetan und in den Grundzügen entspricht dies auch der wissenschaftlichen Bedeutung des Wortes Utopie, da diese „ein Gegenmodell zur Wirklichkeit“ 5 darstellen soll. Jedoch ist die alltägliche Verwendung des Begriffs eher negativ behaftet. Demge- 2 Huxley,Aldous: Schöne neue Welt. Ein Roman der Zukunft. 65. Aufl. Frankfurt am Main 2008, S. 3.
3 Hildenbrandt, Fred: Metropolis. In: Berliner Tagesblatt 11 (1927), S. 2.
4 vgl. Hug, Franziska: Die Gattung der Utopie im Wandel. Samuel Butlers Erewhon und George Orwells Nineteen Eighty-Four als Beispiele. Trier 2007 (= Jenaer Studien zur Anglistik und Amerikanistik 12), S.
4.
5 Kuester, Hildegard: Utopia - Utopie. In: Beck, Rudolf/ Hildegard Kuester/ Martin Kuester: Basislexikon anglistische Literaturwissenschaft. Stuttgart/ Paderborn 2007 (= UTB 2930), S. 250.
4
genüber steht auch eine positive Bedeutung von Utopie oder utopisch, zu welcher dem Laien jedoch der Zugang fehlen mag: Es handelt sich um die philosophische, politik-oder literaturwissenschaftliche Verwendung des Ausdrucks. Insbesondere die erstgenannte Geisteswissenschaft kann auf eine erheblich längere Verwendungsgeschichte des Utopie-Begriffs zurückblicken, als unsere Alltagssprache. 6
Bereits die Gelehrten der griechischen Antike bemühten sich „um einen gerechten und sozialen Aufbau einer zukünftigen Gesellschaftsordnung“ 7 . Eine elementare Rolle kommt hierbei Platon und seiner Politeia (um 374 v. Chr.) zu, in welcher er einen ständischen Idealstaat entwarf. 8 Wie das Genre selbst, entstammt auch der Begriff der Utopie dieser griechischen Tradition. Der Terminus setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern ού (nicht) und τόπος (Ort) in Kombination mit dem Suffix -ία. Ins Lateinische übersetzt wird hieraus Utopia. Da sich die von ού in lateinisch u übersetzte erste Silbe des Wortes zusätzlich in εύ (gut) rückübersetzen lässt, besitzt der Begriff eine weitere Bedeutungsfacette: Utopie entspricht demnach einer Verflechtung aus kein Ort und guter Ort. 9 In der weiteren Entwicklung dieser Literaturform wurden zusätzliche Spezifizierungen vorgenommen. So entstand für Geschichten, welche von einem guten Ort handeln, die Bezeichnung Eutopie und analog, für Geschichten über einen schlechten Ort, die Dystopie, zusammengesetzt aus dys (schlecht) und τόπος. 10 Weiterhin lässt sich zwischen Raum-Utopien, die an einen fremden Ort verlegt wurden, und Zeit-Utopien, welche in einer vergangenen oder zukünftigen Epoche angesiedelt sind, unterscheiden. 11
Fiktive Gegenweltentwürfe bewegen sich „zwischen den Polen des totalen, umfassenden Staatsentwurfs einerseits und der auf einige Aspekte beschränkten, partiellen Gegenwelt- lichkeitandererseits […], tendieren [jedoch] am ehesten zur Totalität hin“. 12
6 vgl. Erzgräber, Willi: Utopie und Anti-Utopie in der englischen Literatur. Morus - Morris - Wells - Huxley - Orwell. München 1980 (= Literaturstudium 1), S. 13.
7 Tuzinski, S. 1.
8 Hug, S. 4.
9 vgl. Tzuinski, S. 3.
10 vgl. Hug, S. 7.
11 vgl. Erzgräber, S. 14.
12 Schulte-Middelich, Bernd: Möglichkeiten utopischen Denkens - Das Erbe Platons. In: Pfisterer, Manfred [Hrsg.]: Alternative Welten. München 1982 (= Münchener Universitätsschriften 12), S. 26. [Änderung durch die Verfasserin A. F.]
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[Sie] zeichnen sich [dabei] durch einen relativ konstanten umfangreichen Themenkatalog aus […]. Er deckt das ganze Spektrum vom öffentlich-politischen bis zum privat-intimen Bereich ab, von der utopischen Gesetzgebung bis zur Kindererziehung und zu Fragen der Sexualität. 13
Sowohl negative als auch positive Utopien thematisieren häufig sogenannte Hypostatisierungen der Gegenwart. Dabei handelt es sich zumeist um „in die Zukunft weitergedachte Tendenzen, die sich nach Meinung der Autoren in der aktuellen Wirklichkeit abzeichnen“ 14 oder aber eine bewusste Abkopplung von der Realität, welche durch den gezielten Einsatz von Traditionsbrüchen provoziert wird.
Die Utopie ist ein flexibles, starken Änderungen unterworfenes Genre, denn „Autoren, die eine alternative Welt entwerfen, tun dies immer mit Blick auf die aktuelle Wirklichkeit, die sie radikal verändern, modifizieren oder einfach nur zeitweise spielerisch aufhe- benwollen“ 15 . Utopische Literatur muss daher immer vor dem Hintergrund der jeweili- genrealhistorischen Situation gelesen und verstanden werden, denn „um den Entwurf einer ‚alternativen Welt‘ in seiner Intention zu erfassen, [muss] notwendigerweise bekannt sein, als Alternative wozu er entworfen wurde“ 16 . Sie mag zwar „Dokumente der Möglichkeiten enthalten“ 17 , stellt jedoch vielmehr einen „Zerrspiegel ihrer eigenen Epo- che“ 18 dar. Darausfolgt, dass für die Utopie „der jeweilige Bezug auf die empirische Gegenwart, aus der heraus und als Gegenmodell zu der sie entstanden ist“ 19 erheblich wichtiger ist, als bei anderen fiktionalen Texten. Dieses Merkmal verbindet die Utopie mit der Satire: Auch sie kann, aufgrund der starken Verknüpfung mit der politischen und gesellschaftlichen Situation ihrer Entstehungszeit, nur mithilfe entsprechenden Wissens verstanden werden. Nicht immer geben Utopie und Satire dem geneigten Leser einen deutlichen Hinweis auf ihre zeitgenössischen Realitäten. In diesen Fällen muss er „die Differenz zwischen alternativer Idealwelt und aktueller Wirklichkeit selbst erschließen
13 ebd. [Änderungen durch die Verfasserin A. F.]
14 ebd., S. 28.
15 ebd., S. 27.
16 Mühlheim, Ulrike: Utopie, Anti-Utopie und Science Fiction. In: Pfisterer, S. 315.
17 Cunis, Reinmar: Wunschbild und Alptraum. Eine soziologische Betrachtung moderner literarischer Utopien. In: Die neue Gesellschaft 3 (1961), S. 219.
18 ebd.
19 Mühlheim, S. 315.
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und moralisch-didaktisch auswerten“ 20 , wobei letzteres vor allem für dystopische Erzählungen gilt.
Die utopische Gegenweltlichkeit wird bestimmt von „Fremd- und Andersartigkeit bei gleichzeitiger Anschließbarkeit an den Erfahrungshorizont des intendierten Lesers“ 21 . Fremdartigkeit ergibt sich aus den häufig unrealistisch und verdreht wirkenden Kulissen der Romane, die nicht der Realität des Rezipienten entsprechen. Die fiktive Welt muss daher durch eine Verlagerung auf einen nicht historischen Zeitpunkt oder erdachten Raum isoliert und so sinnfällig gemacht werden. Zusätzlich ist es dem Autor möglich, die Glaubwürdigkeit seiner Geschichte durch als „Gegengewicht zur Unwahrscheinlichkeit der alternativen Welt“ 22 fungierende Beweisstücke, wie Tagebücher, Briefe oder sehr detaillierte Beschreibung seiner Reise und Erlebnisse, zu erhöhen. Hierdurch erreicht er eine Anschließbarkeit an den Erfahrungshorizont des Romanrezipienten. Besonders frühe Utopien, wie auch Mores Utopia, bedienen sich des unkomplizierten Mittels, als Reiseroman getarnt aufzutreten, um so besonders einfach mit Beweisstücken und fremdartigen Schauplätzen überzeugen zu können.
2.2 Zur Entstehung der Anti-Utopie
Es konnte bereits festgehalten werden, dass zur Interpretation einer utopischen Schrift realhistorisches Hintergrundwissen unabdingbar ist. Ebenso verhält es sich auch bei der Entstehung des Genres der Utopie sowie ihrer Unterkategorien.
Der ersten klassischen Utopie von Thomas More gingen die Renaissance und der Huma- nismusin Europa voraus. Seit dem 14. Jahrhundert kam es zur „Abkehr von [der] mittelalterliche[n] Scholastik, [zur] Gründung humanistischer Universitäten [sowie einem] neue[n] Verhältnis des Menschen zur Natur“ 23 . Zeitgleich löste man sich vom „hierar- chisch-christlichenDenken des Mittelalters“ 24 , Kunst und Literatur der Antike gewannen
20 Schulte-Middelich, S. 33.
21 ebd.
22 ebd.
23 Stollberg-Rilinger, Barbara: Einführung in die Frühe Neuzeit: Einführung in die Epoche: Humanismus. http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/einleitung/einfuehrung_epoche/glossar.htm#humanismus (5.
Dezember 2008). [Änderungen durch die Verfasserin A. F.]
24 Stollberg-Rilinger, Barbara: Einführung in die Frühe Neuzeit: Einführung in die Epoche: Renaissance. http://www.uni-muenster.de/FNZ-Online/einleitung/einfuehrung_epoche/glossar.htm#renaissance (5. De- zember 2008).
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an Interesse und neue Welten, insbesondere Amerika, wurden entdeckt. Durch diese Neuerungen wurde der Grundstein für das moderne Welt- und Menschenbild gelegt und die „utopische Tradition erlebte […] eine Wiedergeburt“ 25 . So verwundert es nicht, dass auch Thomas Mores Utopia ganz im Zeichen humanistischer Denktradition stand und „die Landschaft des politischen Denkens in Europa entscheidend“ 26 beeinflusste, indem sie sich kritisch mit der gesellschaftlichen und politischen Ordnung Englands unter König Heinrich VIII. auseinandersetzte. Der starke Tudor-Monarch, der zwischen 1509 und 1547 regierte und vor allem für die Errichtung der englischen Nationalkirche bekannt ist, 27 hatte „mittels der Einzäunung von Gemeindeland und dessen Umwandlung in Weide- fläche […] dieseit dem 15. Jahrhundert verstärkte Nachfrage nach Wolle zur Profitsteigerung“ 28 genutzt. More beschrieb demgegenüber einen Inselstaat, der jedem Bürger ausreichenden Platz gewährte und, durch die Ausrottung der christlichen Todsünden des Geizes, der Üppigkeit, der Unmäßigkeit, des Zornes sowie der Trägheit, 29 eine Republik der Tugend darstellte.
Im 17. Jahrhundert kam es zu einer Erweiterung der „Fiktionalisierung der Utopie […] in Form der Einführung und des beträchtlichen Ausbaus des Reiseberichts“ 30 . Zudem wurde die fiktive Autobiographie zu einer beliebten utopischen Erzählform. Hier diente
der Ich-Erzähler, fiktiver Reisender und Berichterstatter, […] als glaubwürdiger Kommen- tatorder fremden Welt vornehmlich dazu, dem Rezipienten die Gegenwelt vertrauter zu machen, um Ablehnung des Andersartigen oder Skepsis zu vermeiden. […] Ausführliche Wahrheitsbeteuerungen in Form zuverlässiger Beweise, wie etwa Briefe, Tagebücher, […] oder Verknüpfung des Geschehens mit zeitgenössischen Ereignissen, sind dabei wichtige narrative Techniken zur Plausibilisierung der Gegenwelt […]. 31
Im 19. Jahrhundert vollzog sich ein weiterer Wandel in der Geschichte der Utopie. Aus- gelöstdurch die Französische Revolution, „die eine neue Lebens- und Gesellschaftsord-
25 Hug,S. 11.
26 ebd.
27 Hübner, Emil: Das politische System Großbritanniens. Eine Einführung. 2. aktual. Aufl. München 1999 (= Beck’sche Reihe 1251), S. 15.
28 Hug, S. 12.
29 vgl. ebd.
30 ebd., S. 16. 31 ebd., S. 17.
8
nung durch einen gewaltsamen Umsturz zu verwirklichen versuchte“ 32 sowie die schnelle Steigerung des zivilisatorischen Fortschritts, wurde die Utopie neu geprägt. Sie intendierte nun nicht mehr allein eine satirische Kritik an herrschenden Umständen, sondern wur- deverstanden „als ein konkretes Ziel, auf das alles politische Handeln auszurichten sei“ 33 . Zeitgleich fand erstes sozialistisches Gedankengut seine Verbreitung, vor allem im Rahmen der Utopie, weshalb hier auch von einem „Zeitalter des utopischen Sozialismus“ 34 gesprochen werden kann.
Die zweckfreie Seite der schönen Literatur, die Selbständigkeit und Eigenwertigkeit der literarischen Welt [traten] nunmehr so in den Hintergrund, daß in der Zeit nach Engels die Frage der Verwirklichung oder gar des Datums der Verwirklichung der Idealkonzeption zum Kriterium der Utopie überhaupt erhoben [wurde]. 35
Auch der Einfluss der biologischen Evolutionstheorien nach Darwin und Erasmus war enorm. Es entstand der Glaube an ein „evolutionistisch sich entwickelnde[s] unabwendbare[s] Schicksal“ 36 , basierend auf einem Verständnis des Fortschritts als „Grundgesetz aller Wirklichkeit“ 37 . Utopien dieser Art oder Phase ist gemeinsam, dass sie weniger auf Kritik an der Realität bedacht waren, als auf die „Darstellung eines als verbindlich ge- dachtenIdeals oder Programms“ 38 . Da Technik und Fortschritt hier als positive Tendenzen betrachtet wurden, kann von konstruktiven Utopien gesprochen werden. 39 Auf diese Form der Utopie folgte die Zeit der Utopien der Idylle, welche sich „von den sozialistischen Staatsutopien vor allem inhaltlich radikal [unterschieden]“ 40 . Hier wurde ein „ästhetisches und sittliches Missvergnügen an der Häßlichkeit des Maschinenzeitalters und der Industriestädte“ 41 vermittelt, indem Gesellschaften mit einfachem Lebens-standard zeichnete und idealisiert dargestellt wurden. Oft im Rahmen eines Traumes oder
32 Erzgräber, S. 14.
33 ebd.
34 Seeber, Hans-Ulrich: Wandlungen der Form in der literarischen Utopie. Studien zur Entfaltung des utopischen Romans in England. Göppingen 1970, S. 27.
35 Schulte Herbrüggen, Hubertus: Utopie und Anti-Utopie. Von der Strukturanalyse zur Strukturtypologie. Bochum 1960, S. 116. [Änderungen durch die Verfasserin A. F.]
36 ebd., S. 117. [Änderungen durch die Verfasserin A. F.]
37 ebd.
38 Seeber, S. 12.
39 vgl. ebd.
40 Hug, S. 22. [Änderung durch die Verfasserin A. F.]
41 Seeber, S. 114.
9
Dauerschlafes, erlebte der Protagonist solcher Romane eine Gegenwelt zum für ihn aktuellen Maschinenzeitalter. Die Menschen leben bei ständigem Frühling in bäuerlichen, idyllischen Verhältnissen, „Maschinen, sowie industrialisierte Metropolen [sind] als verhasste Symbole eines unnatürlichen Daseins weitgehend verschwunden“ 42 .
Durch den Zusammenprall von alter und neuer Welt in Form zahlreicher Dialoge zwischen Besucherfigur und Utopiern wird die Verderbtheit der Wirklichkeit augenscheinlich. Hierbei werden insbesondere die das Denken des 19. Jahrhunderts prägenden Befürchtungen artikuliert, dass der technische Fortschritt nicht mit einem moralischen Fortschritt der Menschen einhergeht. 43
„Das verstärkte Aufkommen dieser eutopischen, fortschrittskritischen Werke Ende des 19. Jahrhunderts zeugt folglich vom Schwinden und Nachlassen des uneingeschränkten Optimismus, wie er uns in den konstruktiven Utopien begegnet.“ 44 Indem sich die Utopie der Idylle strikt gegen die Rationalität und Kollektivismus propagierende konstruktive Utopie stellte, kann sie in gewisser Weise als eine Art Vorläufer der klassischen Anti-Utopie betrachtet werden. Hinzu kam Ende des 19. Jahrhunderts eine Verbreitung des pessimistischen Staatsromans, der ebenfalls „eine literarische Gegenbewegung“ 45 zur Utopie, im Sinne einer Eutopie, darstellte.
Die Dystopie entwickelte sich nun als eine „kritische Gegenbewegung gegen das utopische Denken […] und gegen die literarische Darstellung utopischer Gesellschaftszustän- de“ 46 .Sie ist somit als Reflex auf ihre spezifischen Zeitumstände zu sehen. Ihre Kritik zielte vornehmlich auf die zunehmende Perfektionierung von Gesellschaft und Staat ab, provoziert durch die im 19. Jahrhundert allgegenwärtige Technisierung sämtlicher Lebensbereiche. Vor allem bei den frühen Autoren, wie Huxley, Orwell und Samjatin, wird die Furcht vor einer daraus resultierenden Tilgung der „humane[n] Würde des Menschen“ 47 offenkundig: „Die Kritik an den Auswirkungen utopischen Denkens droht uto- pischesDenken überhaupt in Frage zu stellen“ 48 , da als zentrale Charakteristika der Utopie vor allem Isolation des Individuums, Perfektion in allen Lebensbereichen und, daraus
42 Hug, S. 22. [Änderung durch die Verfasserin A. F.]
43 ebd., S. 23.
44 ebd.
45 Tuzinski, S. 6.
46 Erzgräber, S. 15.
47 ebd., S. 16. [Änderung durch die Verfasserin A. F.]
48 ebd.
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resultierend, Selektion gelten. 49 Dystopien vermitteln demnach nicht nur - im Gegensatz zum pessimistischen Staatsroman - eine politische Botschaft, „sondern warnen ganz deutlich vor zukünftigen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen“ 50 . Durch dieses „Willensmoment unterscheide[n] [sie] sich […] von der puren Phantasie und der Prophetie; durch ihren Wirklichkeitsbezug vom Illusionären und Irrealen, welche die Wirklichkeit an sich ausschließen“ 51 .
2.3 Historische Hintergründe und Ausprägungen der Dystopie
Auch zu Thomas Mores Zeiten hatte es schon negative Utopien gegeben. Joseph Halls Mundus Alter et Idem von 1607 gilt als eines der sehr frühen Werke, ist aus heutiger Sicht jedoch eher der Prosasatire als der klassischen Dystopie zuzuordnen. Hall kritisierte in seiner Schrift die gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit, indem er ein „groteske[s] [Alternativbild] zur zeitgenössischen Wirklichkeit [verspottete]“ 52 . Darüber, welches Werk nun tatsächlich als das Genre der Anti-Utopie konstituierend bestimmt werden kann, ist sich die Utopieforschung uneinig. Zweifellos jedoch hat sich der Wandel „von der Vorherrschaft der Eutopie zur Dominanz des dystopischen Diskurses“ 53 in einem langwierigen Prozess vollzogen und kann somit unmöglich auf die Veröffentlichung eines einzelnen Romans datiert werden. Im Folgenden sollen für diesen Umschwung relevante Faktoren, im Sinne realhistorischer Ereignisse und daraus resultierender Geisteshaltungen, vorgestellt und erörtert werden.
Einen solchen Faktor stellte Anfang des 19. Jahrhunderts der Einzug des Sozialismus in das Genre Utopie dar. Dieser politischen Ideologie liegt die Idee von einer solidarischen Gesellschaft, „in der die Grundwerte Freiheit und Gleichheit verwirklicht werden“ 54 , zugrunde. Ihre schnelle Entwicklung von einer rein hypothetischen, utopischen Annahme zur politischen Bewegung ließ ihre Realisierung in greifbare Nähe rücken. 55
Was Wunder also, daß nunmehr, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, da die vorher von menschlicher Unvollkommenheit freie Spekulation in das Feld politischer Kontroversen
49 vgl. ebd., S. 17.
50 Kuester, S. 252.
51 Von Bondy, M.: Der Untergang der Utopie. In: Die Gegenwart 112 (1950), S. 13. [Änderung durch die Verfasserin A. F.]
52 Hug, S. 24. [Änderungen durch die Verfasserin A. F.]
53 ebd.
54 Schubert, Klaus/ Martina Klein: Das Politiklexikon. 4. aktual. Aufl. Bonn 2006, S.277.
55 vgl. Mühlheim, S. 320.
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Alice Fleischmann, 2009, Monströse Metropolis oder schöne neue Welt?, München, GRIN Verlag GmbH
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