Inhaltsverzeichnis
1. ,Conversazione in Sicilia' das Meisterwerk Elio Vittorinis
S. 2
2. Analyse und Interpretation zentraler Aspekte des Romans
S. 3
2.1 Die Figuren
S. 3
2.1.1
Silvestro S.
3
2.1.2
Concezione
S.
4
2.1.3
Die
,Gran
Lombardi'
S.
5
2.1.4
Calogero,
Ezechiele
und
Porfirio
S.
6
2.1.5 Die Vertreter der faschistischen
Herrschaft S.
7
2.1.6
,Il
mondo
offeso'
S.
8
2.2 Sprachliche Gestaltung und rhetorische Mittel
S .9
2.2.1
Der
Dialog
S.
9
2.2.2
Die
Wiederholungen
S.10
2.2.3
Die
Symbolik
S.11
2.2.4
Die
Ironie
S.11
2.3 Intertextualität
S.12
2.4 Die Multidimensionalität des Romans
S.13
2.4.1
Die
,doppia
realtà'
S.13
2.4.2
Die
Symbolhaftigkeit
des
Romans
S.14
2.5 Theorie und Ideologie im Roman
S.14
2.5.1
Die
Poetik
Vittorinis
S.14
2.5.1
Die
politische
Ideologie
S.15
3. Zusammenfassung
S.17
4. Literaturverzeichnis
S.18
1.
,Conversazione in Sicilia' das Meisterwerk Elio Vittorinis
In der berühmten Vorrede zu seinem Roman ,Il Garofano Rosso' spricht Elio
Vittorini über seinen Werdegang als Schriftsteller und mißt dabei vor allem seinem
Werk ,Conversazione in Sicilia' große Bedeutung zu: ,, Ora il ,mio' libro io l`avevo, o
pensavo di averlo, in Conversazione"
1
. In diesem Roman sei es ihm endlich
gelungen, ,die eine Wahrheit'
2
auszudrücken.
,Conversazione in Sicilia' wird von den meisten Kritikern als Vittorinis Meisterstück
angesehen. Die zahlreichen Neuauflagen, die seit seiner Veröffentlichung erschienen
sind, bezeugen die Beliebtheit, die der Roman auch beim Publikum erfährt.
Das Werk wurde 1938/39 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift ,Letteratura' zum
ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und blieb zunächst sowohl von den
Kritikern, als auch von der faschistischen Zensur weitestgehend unbeachtet. Dies
änderte sich mit der ersten Buchedition im Jahre 1941. Das Verlagshaus Parenti
veröffentlichte den Roman unter dem Titel ,Nome e lagrime' zusammen mit der
gleichnamigen Erzählung Vittorinis. Die große Nachfrage veranlaßte Bompiani, den
Roman noch im selben Jahr diesmal unter seinem Originaltitel - nachzudrucken.
Die erste Auflage war innerhalb eines Monats vergriffen. Es folgten zwei weitere, bis
die faschistische Zensur im Herbst 1942 die Publikation unterband. Doch
,Conversazione in Sicilia' erfreute sich in Italien bereits so großer Beliebtheit, daß es
in verschiedene Sprachen übersetzt wurde und so im Ausland weiterhin erscheinen
konnte. Vor allem in der Schweiz fand der Roman als antifaschistisches Werk großen
Zuspruch. Nach dem Krieg erschienen in Italien zahlreiche weitere, teilweise auch
illustrierte Ausgaben
3
. Der Roman gehört heute zu den unbestrittenen ,Klassikern'
der italienischen Literatur.
Im folgenden sollen einige zentrale Aspekte des Romans diskutiert werden. Aufgrund
einer Analyse der Figuren, des Sprachstils und der Intertextualität wird der
symbolisch-allegorische Charakter des Werkes und die politische Ideologie, die dem
Roman zu Grunde liegt, erläutert. Dabei kommen auch die poetologischen
Vorstellungen Vittorinis und ihre Umsetzung in ,Conversazione in Sicilia' zur
Sprache.
1
Elio Vittorini: Prefazione alla prima edizione del ,Garofano Rosso', in: ders.: Le opere narrative, a cura di
Maria Corti, Milano² 1980, S. 423-450, S. 428.
2
Ebd., S. 428.
3
Zur Editionsgeschichte von ,Conversazione in Sicilia' siehe z.B. Claudio Toscani: Come leggere
Conversazione in Sicilia di Elio Vittorini, Milano, 4.Auflage, 2002, S. 70.
2
2.
Analyse und Interpretation zentraler Aspekte des Romans
2.1 Die Figuren
Im ersten Kapitel erhält der Protagonist Silvestro Ferrauto einen Brief von seinem
Vater, der ihn dazu veranlaßt, eine Reise nach Sizilien an den Ort seiner Kindheit
anzutreten. Unterwegs begegnet er verschiedenen Personen, die alle eine Funktion
haben: sie bringen ihn auf seiner Bewußtseinsreise ein Stück weiter.
Wie auch Silvestro selbst werden sie mit wenigen, signifikanten Details umrissen.
Über ihre Persönlichkeit erfahren wir nicht viel. Die meisten Reisegefährten tragen
keine Namen, sondern werden mit emblemartigen Bezeichnungen versehen
4
. Die
Figuren bleiben Typen. Dadurch bekommen sie symbolhaften Charakter und stehen
als Repräsentanten für bestimmte Gesellschaftsschichten oder Bewußtseinshaltungen,
die durch die wenigen Einzelheiten über ihr Äußeres, ihr Verhalten und ihre Sprache
definiert werden
5
. Einige der Personen lassen sich dabei unter verschiedenen
Kategorien zusammenfassen.
2.1.1 Silvestro
Im Epilog wird der Protagonist Silvestro Ferrauto, oder vielmehr sein
Bewußtseinszustand, präsentiert. Er leidet unter ,astratti furori'
6
, unter einer
unsäglichen Wut über die verlorene Menschheit. Die Formulierung ,astratti furori',
die im italienischen Sprachgebrauch seit ihrer Verwendung in ,Conversazione in
Sicilia' zum geflügelten Wort wurde, ist hier ein Schlüsselbegriff, der Silvestro bis
zum Ende des Romans zugeordnet ist.
Die Figur steht in der Tradition der großen Helden der Literaturgeschichte, wie z.B.
Odysseus, Parzifal oder Faust
7
, die ebenfalls eine Reise unternehmen und dabei über
die Wahrheit der Welt belehrt werden. Darüber hinaus ist sie stark autobiographisch
gezeichnet: Wir erfahren über Silvestro, daß er in Syrakus
8
als Sohn eines
4
Vgl. Mechthild Gesthuisen: Elio Vittorini und sein literarisches Werk in der Zeit, Wesel 1987, S. 149.
5
Vgl. ebd., S. 150f.
6
Die Schlüsselbegriffe des Romans werden in der Originalsprache belassen, da sich bei Vittorini ganze
Konzepte damit verbinden.
7
Franca Bianconi Bernardi: Parola e mito in ,Conversazione in Sicilia',in: Lingua e Stile 2/1966, S. 161-190,
S. 161.
8
Vgl. Vittorini: Conversazione, S. 144.
3
Bahnangestellten
9
geboren wurde. Als 15-jähriger verließ er seine Heimat und zog in
den Norden Italiens
10
. Dort lebt er in verschiedenen Städten, unter anderem in
Florenz und Mailand
11
. Er arbeitet in einer Setzerei
12
und beschäftigt sich mit
Übersetzungen
13
. Diese Informationen stimmen exakt mit der Biographie Vittorinis
überein
14
. Neben diesen Fakten verlieh der Autor seiner Hauptfigur auch persönliche
Erfahrungen aus seiner eigenen Kindheit, die ihn selbst sehr geprägt hatten. Dazu
gehören die Fluchtversuche, die er als Kind mit dem Familienticket für
Bahnangestellte unternahm
15
, sowie die frühen Berührungen mit der Literatur,
darunter besonders der Einfluß von ,Mille e una Notta'
16
. Auch die Episode mit dem
Chinesen
17
könnte auf ein Kindheitserlebnis des Autors zurückgehen, der als
Siebenjähriger ein Boot mit chinesischen Passagieren kentern sah
18
. Die
Ähnlichkeiten könnten darauf hinweisen, daß Vittorini sich durch Silvestro selbst
repräsentiert, als ,,Modellfall für all die, die wie er um ein rechtes Verhältnis zu ihren
Mitmenschen ringen"
19
.
2.1.2 Concezione
Die Mutter Silvestros, Concezione Ferrauto ist das Symbol der Ur Mutter und der
Weiblichkeit. Ihre bedingungslose Barmherzigkeit, mit der sie einen fremden
Landstreicher aufnimmt und sich um die Kranken des Dorfes kümmert, auch wenn
diese nicht dafür bezahlen können, läßt sie zu mehr als der bloßen Mutter Figur
werden: ,, Ed era più che mia madre, dicendo questo, madre uccello, madre
ape"
20
. Ihre Kinder nannten sie die ,,Mamma Melone"
21
, da aus ihrem Leib, wie sie
dachten, die Melonen kämen. Die einfach sizilianische Frau wächst zum Mythos, sie
wird mit der Erde gleichgesetzt und zur Göttin der Fruchtbarkeit
22
. Laut Heidi Marek
9
Vgl. ebd., S. 135.
10
Vgl. ebd., S. 136.
11
Vgl. ebd., S. 158.
12
Vgl. ebd., S. 136.
13
Vgl. ebd., S. 131.
14
Vgl. o.A. : Cronologia della Vita, in: Elio Vittorini: Conversazione in Sicilia, Milano ³ 2001.
15
Vgl. Vittorini: Conversazione, S. 138 und Elio Vittorini: Diario in Pubblico (1929 1956), Milano² 1970, S.
190.
16
Vgl. Vittorini: Conversazione, S. 268 und Vittorini: Diario in Pubblico, S. 190.
17
Vgl. Vittorini: Conversazione, S. 252f.
18
Vgl. Vittorini: Diario in Pubblico, S. 189.
19
Gesthuisen: Elio Vittorini, S. 136.
20
Ebd., S. 222.
21
Ebd., S. 202.
22
Vgl. Heidi Marek: Elio Vittorini und die moderne europäische Erzählkunst (1926-1939), Heidelberg 1990,
S. 265.
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