Gliederung
Einleitung 1
1 Terminologische Grundlagen. 3
2 Formalisierung am Beispiel Schule 4
3 Funktionen und Folgen der Formalisierung. 8
3.1 Formalisierung und Stabilität. 9
3.2 Informalität und Elastizität 13
Schlussbetrachtung 18
Literatur 20
Einleitung
Der deutsche Soziologe NIKLAS LUHMANN beschäftigt sich in seinem 1964 erstmals erschienen Frühwerk „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ mit dem Wesen formalisierter Sozialsysteme. Er entwickelt einen ganz eigenen theoretischen Zugang, in welchem er die Grundannahmen der traditionellen
Organisationswissenschaft in Frage stellt. Diese setzen soziale Ordnungen als etwas Absolutes und endlos Bestehendes voraus, an Entsprechend richtet sich jegliches menschliche Handeln innerhalb der Organisation in harmonischer Kausalität daran aus. Ein solches „Maßstab-Denken“ 1 biete zwar anschauliche Einfachheit, werde jedoch nicht den eigentlich viel komplexeren, weit verzweigten Vorgängen menschlichen Handelns in formalen Systemen gerecht. Organisation erschließt sich demnach nicht über Menschen, sondern über Kommunikationsstrukturen. Auf der Basisannahme, dass menschliches Handeln nicht auf Individuen oder absolute Werte zurückführbar ist, analysiert Luhmann unter der ihm eigenen Systemperspektive. Danach sind Handlungen immer einem oder mehreren Systemen mit je eigenen prägenden Anforderungsstrukturen zugehörig. Da die Erwartungsstrukturen in Form von Werten und Regeln sich nicht auf etwas absolut bereits Vorhandenes - auf etwas „Seiendes“ 2 - begründen, besteht für alle sozialen Systeme die Notwendigkeit, durch Leistungen ihren Bestand gegenüber „differenzierten, veränderlichen Umwelten“ 3 zu sichern. Mit der Formalisierung wird ein besonders hohes Maß an Systemstabilität erzeugt. Dennoch sind Organisationen keine technischen Apparate, sondern auf menschlichen Kommunikationen beruhend. Die Formalität bietet nur Rahmen und Grenzen, als Orientierungsgrundlage für das menschliche Handeln und bestimmt somit die Leistungsfähigkeit des Systems, die innere Ordnung nach außen „relativ invariant“ 4 zu halten.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, auszugsweise anhand des praktischen Beispiels der Schule als eine formale Organisation, LUHMANNs Grundgedanken zu den funktionalen Zusammenhängen formaler und informaler Systemleistungen nachzugehen. Dabei soll vor allem ein analytischer Aspekt besondere
1 LUHMANN 1976, S. 395
2 ebd., S. 396
3 ebd., S. 396
4 ebd., S. 24
Berücksichtigung finden, welcher seinem Werk innerhalb der Organisationswissenschaft wegweisende Bedeutung gab. Formalisierte
Sozialordnungen weisen neben „besonders herausgehobenen formalen Erwartungen“ 5 als Grundlage der Organisation eine Vielzahl faktischer Verhaltensweisen auf, die sich Ersteren nicht zuordnen lassen. So entspricht die faktische Verhaltensstruktur innerhalb formaler Systeme ganz wesentlich auch informalen Erwartungen. Am Gedanken des Systemerhalts orientiert, wird speziell der Frage nachgegangen, welche Bedeutung diesen, in der formalen Erwartungsstruktur nicht ausdrücklich festgeschriebenen, informalen
Erwartungsstrukturen am Beispiel der Organisation Schule und ausführlicher an der Position des Lehrers zukommt.
Die vorliegende Arbeit basiert auf den Ausarbeitungen der oben benannten Monographie. Damit orientieren sich theoretische Aussagen und Definitionen am entsprechenden zeitlichen Entwicklungsstand LUHMANNs Theorie. Das gewählte Beispiel dient der Veranschaulichung der Theorie, nicht jedoch der eigenständigen Auseinandersetzung mit der Problematik des gesellschaftlichen Erziehungssystems, welches später von ihm auch eine ausführliche Auseinandersetzung fand.
Die Arbeit gliedert sich in drei unterschiedliche Teile. Den Anfang bildet die Einführung in begriffliche Zusammenhänge, die das theoretische Grundgerüst seiner Arbeit ausmachen. Darauf aufbauend widmet sich der zweite Teil der Frage, was unter der Formalisierung und Differenzierung von Systemen zu verstehen ist. Beispiele formaler Konstruktion werden anhand der Organisation Schule praktisch nachvollzogen. Der dritte Teil setzt sich mit der Bedeutung der Formalität und der Informalität für den Systemerhalt auseinander. Zum Einen werden Aspekte der Stabilisierung und Rationalität als Ergebnis der Formalisierung nachvollzogen. Dabei wird jedoch nicht der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Da die Formalisierung einer sozialen Ordnung sich nicht auf einfache Kausalzusammenhänge reduzieren lässt, erfordert die Betrachtung der Funktionsstruktur zum Anderen die Auseinandersetzung mit Fragen der Flexibilität und Elastizität von Organisationen. Hier kommt die tragende Rolle informaler Strukturen zum Ausdruck.
5 ebd., S. 29
1
1 Terminologische Grundlagen
Gesellschaftliches Zusammenleben ist gemäß LUHMANNs theoretischer Perspektive von einer inneren Ordnung bestimmt, die sich verschiedensten sozialen Systemen zuordnen lässt. Bevor jedoch geklärt werden kann, was ein „soziales System“ ausmacht, muss klargestellt werden, was unter dem Systembegriff zu verstehen ist. Danach lässt sich alles als System bezeichnen, was ein Innen und ein Außen aufweist. Es beinhaltet eine Ordnung, die sich nach außen, gegenüber ihrer Umwelt, abgrenzt. Damit ist das System durch eine „relative Invarianz“ 6 charakterisiert. Bezogen auf das gesellschaftliche Zusammenleben gibt es spezieller die sozialen Systeme. Sie „bestehen nicht aus konkreten Personen mit Leib und Seele, sondern aus konkreten Handlungen“ 7 . Mehrere Handlungen stehen in einem Sinnzusammenhang und sind gegenüber einer Umwelt abgrenzbar. Die Handlungen orientieren sich an der inneren „Ordnung der Verhaltenserwartungen, die den Systemzusammenhang definieren“ 8 . Auf der Grundlage der abgrenzbaren
Erwartungsstruktur, an der sich Handlungen orientieren, ist das soziale System in der Lage über einen längeren Zeitraum relativ unabhängig gegenüber Wechselfällen der Umwelt zu bestehen. Die Stabilisierung der Erwartungsstruktur bestimmt maßgeblich über den Fortbestand.
Ein Beispiel für ein soziales System ist die Freundschaft. Das Innere des Systems ist alles, was sich zwischen bspw. zwei personalen Aktionssystemen, also Personen abspielt, die in einer freundschaftlichen Verbindung zueinander stehen. Das Äußere betrifft alle Handlungen bzw. Kommunikationen, welche nicht in einem unmittelbaren Sinnzusammenhang mit der Freundschaft stehen. Strukturiert ist sie durch verschiedene Verhaltenserwartungen, deren Sinn dem Fortbestand der Freundschaft trotz immer neuer und teils widersprüchlicher Umgebungssituationen dient. Die Erwartungen beziehen sich typischerweise auf Loyalität, gegenseitige Unterstützung, Vertrauen usw. als Orientierungsgrundlage künftigen Verhaltens.
6 „Relative Invarianz [ist die, U.T.] Unabhängigkeit des Systems von Veränderungen der Umwelt.“ (ebd., S. 26)
7 ebd., S. 25
8 ebd., S. 26
2
Erwartungen sind nicht einfach vorhanden und immer die gleichen. In elementaren Ordnungen, wie die Freundschaft auch eine ist, entwickeln sich diese im Prozess der Generalisierung. Durch Kommunikation generalisieren sich die Erwartungen auf drei Ebenen, die in der Summe die notwendige Stabilität für den Systembestand erzeugen. Erwartungen werden (1) zeitlich, (2) sachlich und (3) sozial generalisiert. (1) zeitliche Generalisierung meint: die Geltung geht über den Einzelfall hinaus, erhält somit Normqualität. Auf der (2) sachlichen Ebene verstetigt sich die Kombination verschiedener Verhaltenserwartungen zu einem typischen Rollenbild. Wenn sich bestimmte Erwartungen oder Rollenbilder (3) sozial bestätigen, ist das Ausdruck eines Konsens‘ innerhalb einer Gruppe. Der Konsens geht dabei über den Personenkreis der unmittelbar Beteiligten hinaus. Die Generalisierung von Erwartungen erzeugt eine stabile Ordnung als Grundlage für ein soziales System. Innerhalb elementarer Sozialsysteme können auch widersprüchliche Situationen eine gewisse Toleranz erfordern. 9
Die innere Widersprüchlichkeit, die sich als Unsicherheitsfaktor auf die Erwartungsstabilisierung auswirken kann, soll über den Weg der Formalisierung von Erwartungen ausgeschaltet werden. Damit ist der gedankliche Übergang zum formalisierten Sozialsystem vollzogen. Als formalisiert gelten soziale Systeme, deren Erwartungen teilweise formalisiert sind und damit generelle Geltung für die interne Handlungsorientierung besitzen. Mit der Formalisierung von Erwartungen wird ein Höchstmaß an Generalisierbarkeit erreicht. 10 Die Anerkennung wird zur Bedingung der „Mitgliedschaft“ 11 in der Organisation.
2 Formalisierung am Beispiel Schule
Schule ist ein formalisiertes soziales System. Sie ist durch eine teilweise formalisierte Erwartungsstruktur mit einer übergeordneten Idee definiert, nach welcher das System organisiert ist. Die Idee rankt sich um die Bildung der Schüler durch Lehrer in
9 vgl. ebd., S. 56ff.
10 vgl. ebd., S. 59
11 ebd., S. 39
3
Arbeit zitieren:
Ulrike Triebel, 2008, Luhmanns systemfunktionaler Ansatz - Schule als formale Organisation, München, GRIN Verlag GmbH
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