Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Ausgangslage
2.1. Migranten in der BRD und dem deutschen Bildungssystem 4
2.2. Curriculare Vorgaben im Fach Deutsch an niedersächsischen
Hauptschulen S. 5
2.3. Ergebnisse aus PISA 2006 6
3. Mögliche Ursachen von Bildungsdefiziten bei Migranten 8
4. Wege aus dem Bildungsdefizit - Chancen für Migranten
durch Förderprogramme
4.1. Allgemeine Grundlagen 11
4.2. vorschulische Sprachförderung
4.2.1. Deutsch für den Schulstart 14
4.2.2. Das Kieler Modell 18
4.3. Sprachförderung in der Sek. I - FörMig 21
5. Konsequenzen und Erkenntnisse aus den Förder-
programmen - ein vergleichendes und kritisches Fazit
S. 23
Bibliographie S. 29
1
1. Einleitung
Durch meine Arbeit in der offenen Jugendarbeit 1 werde ich beinahe täglich mit den verschiedensten Phänomenen der deutschen Sprache konfrontiert. Viele dieser Sprachvariationen sind durch eine heterogene Mischung der sozialen Gruppe begründet, mit der ich im Zuge dieser Arbeit in Kontakt komme. Zusätzlich weise ich, durch mein Studium der Germanistik, sicherlich eine erhöhte Sensibilität bezüglich der deutschen Sprache auf, sodass mir Abweichungen von der Standardsprache möglicherweise eher auffallen, als anderen Menschen. Oftmals handelt es sich dabei auch um Soziolekte 2 , in einigen Fällen lassen sich diese Phänomene jedoch nicht mit einem Begriff der Linguistik fassen.
A: „Ey, bist du Bus oder Fahrrad?
Y: „Ne, ich bin Fahrrad hier.“ A: „Kommst du nachher mit Busse [Bushaltestelle]?“ Y: „Ne, ich hab‘ nichts Lust dafür!“ 3
Diese Anekdote aus meinem Alltag soll die Intention dieser Arbeit verdeutlichen, warum es wichtig ist, sich mit dem Bildungsstand der Kinder und Jugendlichen, sei es mit oder ohne Migrationshintergrund, zu befassen.
Im Zuge dieser Arbeit werde ich die gegenwärtige Zusammensetzung der deutschen Gesellschaft kurz skizzieren und auf das deutsche Schulsystem übertragen. Dazu beziehe ich mich auf die curricularen Vorgaben für das Fach
1 Mit offener Jugendarbeit meint man die Arbeit, die bei öffentlichen Trägern (z.B. Kommunen, Gemeinden, Städten) im Jugendbereich geleistet wird. Ein weiteres wesentliches Merkmal der
offenen Jugendarbeit ist es, dass jeder Jugendliche diese Angebote, meist unentgeltlich, nutzen
kann. In meinem speziellen Fall sieht das so aus, dass ich an drei Tagen der Woche die Betreuung
in einem Jugendtreff anbiete.
2 Als Soziolekt, auch Gruppensprache genannt, bezeichnet man die Gesamtheit der sprachlichen Besonderheiten einer Gruppe, wobei betreffende Gruppe andere Gemeinsamkeiten aufweisen
muss, als die sprachliche Übereinstimmung. (vgl. Metzler Lexikon Sprache 2004, S. 604.)
Auf meine Situation übertragen kann man in vielen Fällen vom Soziolekt sprechen, da die
Jugendlichen alle der gleichen Clique mit gleichen Hobbies und in vielen Fällen sogar der gleichen
ethnischen Herkunft angehören.
3 Diese Unterhaltung ist hier nach Gedächtnisprotokoll aufgeschrieben und ereignete sich so zwischen zwei Jugendlichen türkischer Herkunft im Jugendtreff. Auffällig sind hier das Fehlen
von Artikeln und Präpositionen (mit dem Bus, mit dem Fahrrad) und das falsche Genus bezüglich
Lust. Der Begriff Busse kann durchaus als Besonderheit der Jugendsprache zugeordnet werden.
2
Deutsch und werde kurz auf die Ergebnisse von PISA eingehen. Anschließend versucht diese Arbeit die Ursachen von Bildungsdefiziten bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu erläutern. Der Hauptteil meiner Arbeit konzentriert sich dann natürlich auf die Möglichkeiten zur Beseitigung der bestehenden Bildungsdefizite. Dies wird über das exemplarische Vorstellen von drei Förderungsprogrammen mit unterschiedlichen Ansätzen geschehen, die abschließend von mir kritisch betrachtet und reflektiert werden.
3
2. Ausgangslage
2.1.Migranten 4 in der BRD und dem deutschen Bildungssystem
In Deutschland leben derzeit ungefähr 15,5 Millionen 5 Menschen mit Migrationshintergrund. Das heißt, 18,9% unserer Bevölkerung sind Migranten 6 . In Niedersachsen sind ca. 500.000 Menschen 7 mit Migrationshintergrund ansässig, was somit einen Anteil von 6,25% der niedersächsischen Gesamtbevölkerung ausmacht. Für die Kinder und Jugendlichen dieser Bevölkerungsgruppe bedeutet das neben kulturellen Veränderungen auch auf ihrem Bildungsweg Schwierigkeiten, Missständen und sogar Benachteiligungen begegnen zu müssen. So sind Schüler mit Migrationshintergrund in den Hauptschulen Niedersachsens eindeutig überrepräsentiert. So besuchen 37,3% aller Kinder mit ausländischen Wurzeln diese Schulform. Im Vergleich dazu besuchen nur 24,7% aller deutschstämmigen Schüler die Hauptschule. Dieses Verhältnis kehrt sich mit steigendem Bildungsniveau jedoch um. So ist es an den Realschulen um Bundesgebiet nahezu ausgeglichen, 35,6% Migranten zu 37,3% Deutsche, zeigt jedoch an den Gymnasien eine deutliche Diskrepanz auf, 20,2% Migranten zu 33,7% Deutsche. 8 Diese Zahlen verdeutlichen, dass im Zuge der Bildungspolitik und der Konzeption von Bildungsstandards und Curricular auf die Bevölkerungsgruppe der Migranten eingegangen werden muss, da sie längst keine Randgruppe oder Minderheit mehr darstellen.
4 Bei sämtlichen Personenbezeichnungen wird zugunsten der Lesbarkeit und des Verständnisses auf die Benutzung der geschlechtsspezifischen Formulierung verzichtet. Es wird stets die
generische Form verwendet, die beide Geschlechter einschließt.
5 Nach dem statistischen Bundesamt belief sich die genaue Zahl im Jahre 2008 auf 15.556.00 Menschen. vgl.
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Navigation/Statistiken/Bevoe
lkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund/Migrationshintergrund.psml
6 Als Migranten bezeichnet man diejenigen Menschen, die selbst im Ausland geboren wurden oder bei denen mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde. vgl. PISA-Konsortium
Deutschland 2006, S. 348.
7 vgl. Minas - Atlas über Migration, Integration und Asyl 2008, S. 63.
8 vgl. PISA-Konsortium 2006, S. 360.
4
2.2.Curriculare Vorgaben im Fach Deutsch an niedersächsischen
Hauptschulen
Warum in dieser Arbeit gerade die Hauptschulen im Betrachtungsmittelpunkt stehen sollen, wird durch die vorher genannten Zahlen eindrucksvoll verdeutlicht. Der Großteil der in Niedersachsen lebenden Schüler mit Migrationshintergrund besucht eben jene Schulform, findet dort sogar eine massive Überrepräsentation. Somit will ich mich hier den Vorgaben des niedersächsischen Kerncurriculums für das Fach Deutsch zuwenden, um die erwarteten Kompetenzen der Schüler herauszuarbeiten.
Unter Kompetenzen versteht das Niedersächsische Kultusministerium „[die]Fähigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten, aber auch Bereitschaften, Haltungen und Einstellungen, über die Schülerinnen und Schüler verfügen müssen, um Anforderungssituationen gewachsen zu sein.“ 9
Nach dem Kerncurriculum werden diese Fähigkeiten in zwei Kompetenzbereiche untergliedert. Einerseits wird hier zwischen dem inhaltsbezogenen Kompetenzbereich, bestehend aus Sprechen und Zuhören, Schreiben, Lesen - mit Texten und Medien umgehen und Sprache und Sprachgebrauch untersuchen, und andererseits dem methodenbezogenen Kompetenzbereich, im dem die Schüler über fachspezifische Methoden und Arbeitstechniken verfügen sollten, unterschieden. 10 Verallgemeinernd lassen sich die Fertigkeiten des inhaltsbezogenen Kompetenzbereiches auf folgende Kernkompetenzen, auch klassenübergreifend, zusammenfassen. 11 Im Bereich Sprechen und Zuhören wird von den Schülern grundsätzlich die Fähigkeit der Artikulierung und der Orientierung an der deutschen Standardsprache erwartet. Ferner sollten sie in der Lage sein, ein Gespräch auf dessen Informationsgehalt hin zu untersuchen und diesen zu deuten. Außerdem sollten sie sich an die normierten Gesprächsregeln
9 Kerncurriculum für die Hauptschule 2006, S .5.
10 Kerncurriculum für die Hauptschule 2006, S. 11.
11 Die im Kerncurriculum aufgeführten Kompetenzen werden hier stark verallgemeinert und zusammengefasst, da es nicht Gegenstand dieser Arbeit ist, eine Analyse des Curriculums
durchzuführen. Es soll lediglich eine grobe Vorstellung des, im Kerncurriculum, verankerten
Kompetenzbereiches dargestellt werden. Daher werden die dort beschriebenen Fertigkeiten auf ein
für diese Arbeit sinnvolles Maß herunter gebrochen.
5
von Zuhören und Ausreden lassen halten können. Im Bereich Schreiben sind die Kernkompetenzen das Anwenden der richtigen Orthographie-, Grammatik- und Interpunktionsregeln. Weiterhin wird mit steigender Klassenstufe erwartet, dass die Schüler auch ungebräuchliche Begriffe und Fremdwörter den Regeln entsprechend richtig schreiben. Im Bereich Lesen - mit Texten und Medien umgehen liegen die Kernkompetenzen auf dem fließenden und dem zeilenübergreifend richtigem Lesen von Texten. Die Schüler sollten die Wortbedeutungen erkennen und die Textzusammenhänge richtig deuten können. Außerdem wird verlangt, dass sie den Textinhalt richtig erfassen. 12
Diese Kompetenzen werden mit Beginn der Schullaufbahn vermittelt und in den weiterführenden Jahrgängen vertieft und intensiviert. Im Idealfall sollen die Schüler in Lage sein, vorhandenes Wissen zu aktivieren und auf den neuen Lernstoff zu transferieren. Es liegt jedoch auf der Hand, dass für einen bestmöglichen Lernerfolg bereits im Vorschulalter die Grundlagen dafür gelegt werden müssen. Ob und in welchem Umfang dies bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund der Fall ist, soll in den folgenden Kapiteln geklärt werden.
2.3.Ergebnisse aus PISA 2006 13
Die PISA-Studie 2006 ist der dritte Ländervergleich, nach 2000 und 2003. Das „Programme for International Student Assessment“ 14 ist eine vom OECD 15 organisierte internationale Vergleichsstudie, deren Ziel es ist, den Erfolg der Bildung-systeme zu untersuchen. Die Zielgruppe dieser Studie sind 15jährige Schüler der verschiedensten Schulformen. Dazu erhalten die Schüler Fragebögen, die ihre Grundkompetenzen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erfassen sollen. Es werden jedoch nicht nur Fertigkeiten im schulischen Bereich erfasst. Durch PISA wird ebenfalls „regelmäßig der
12 vgl. Kerncurriculum für die Hauptschule 2006, S. 13 - 46.
13 Da die Ergebnisse aus der PISA-Studie 2009 erst für Dezember 2010 angekündigt sind, dient die Studie von 2006 als aktuelle Erkenntnisgrundlage.
14 PISA-Konsortium Deutschland 2006, S. 15.
15 Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (engl. Organisation for Economic Cooperation and Development). Die OECD besteht aus 32 Mitgliedsstaaten, die sich
u.a. die Steigerung des Lebensstandards und der Beschäftigungszahl zum Ziel gemacht haben.
vgl.: http://www.oecd.org/pages/0,3417,de_34968570_35009030_1_1_1_1_1,00.html
6
Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Kompetenz erfasst.“ 16 Durch diese Datenerhebung können Rückschlüsse auf etwaige Disparitäten im Bildungssystem gezogen werden.
Für diese Arbeit sind die Ergebnisse im Bereich der Lesekompetenz von primärem Interesse, hängt die Lesekompetenz doch eng mit der Sprachkompetenz und Sprachkenntnissen zusammen. Um diese Lesekompetenz zu erfassen, werden den Schülern bei der PISA-Studie verschiedene Texte und Textformen vorgelegt. Diese dienen unterschiedlichsten Leseanforderungen, wie dem Lesen für private, schulische, berufliche oder öffentliche Zwecke. Zusätzlich werden den Lesern so genannte Leseaufgaben gestellt. Diese bezwecken die Interpretation und Reflektion nach Form und Inhalt bestimmter Texte. Das Ergebnis dieser Erhebung für PISA 2006 gibt wieder, dass die Lesekompetenz deutscher Schüler im Alter von 15 Jahren im OECD-Mittel liegt. 17 Das heißt, deutsche Schüler sind in der Lage ihre Lesekompetenzen durchschnittlich gut anzuwenden. Im Umkehrschluss heißt das jedoch auch, deutsche Schulen und Lehrer sind in der Lage, den Schülern diese Kompetenzen durchschnittlich gut zu vermitteln. 18
Für die Betrachtung dieser Arbeit ist es jedoch interessanter, sich den PISA-Ergebnissen von Schülern mit Migrationshintergrund zuzuwenden. Aus diesen wird deutlich, dass Migrantenkinder eine deutlich schlechtere Lesekompetenz aufweisen, als Kinder ohne Migrationshintergrund. 19 In Niedersachsens Schulen sind das immerhin 17,4% aller Schüler, die diese Defizite aufweisen. 20 Aus diesen Ergebnissen ergibt sich die Frage, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen der ethnischen Herkunft und diesen Bildungsdefiziten gibt und wenn vorhanden, muss die Konsequenz sein, Überlegungen über Möglichkeiten zur Beseitigung anzustellen.
16 PISA-Konsortium 2006, S. 26.
17 Der OECD-Durchschnitt liegt hier bei 492 Punkten, Deutschland erreichte 495 Punkte. Der Wert weicht also nicht signifikant vom OECD-Durchschnitt ab. Für Niedersachsen wurde jedoch
nur eine Punktzahl von 484 Punkten erreicht. Dieses Ergebnis wird als signifikant unter dem
OECD-Durchschnitt bewertet. vgl.: PISA-Konsortium 2006, S. 108 - 109.
18 Diese Aussage ist hier vorerst wertfrei gemeint.
19 vgl. PISA-Konsortium 2006, S. 364 (Abb. 10.4).
20 vgl. PISA-Konsortium 2006, S. 351 (Tabelle 10.1).
7
Arbeit zitieren:
René Zach, 2010, "Deutsches Sprache, schweres Sprache", München, GRIN Verlag GmbH
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