R. Fehl: 4. Essay zu Platons Euthyphron 06.07.2009
von den Göttern geliebt wird, weil es fromm ist, dann wird das Gottgeliebte von den Göttern geliebt, weil es gottgeliebt ist. [10e] (P6) Wenn das Fromme das Gottgeliebte wäre, dann würde gelten: Wenn das Gottgeliebte gottgeliebt ist, weil es von den Göttern geliebt wird, dann ist das Fromme fromm, weil es von den Göttern geliebt wird. [11a]
(K) Das Fromme und das Gottgeliebte sind nicht dasselbe. [10d]
Zu dieser Rekonstruktion von Sokrates’ Argument ist folgendes anzumerken: Interessanterweise präsentiert Sokrates die letzten beiden Prämissen (P5) und (P6) erst nach seiner Konklusion, d.h. Euthyphron wird nicht mehr, wie noch bei den ersten vier, jeweils um Zustimmung gebeten. Was könnte diese Chronologie rechtfertigen? Offensichtlich ist Sokrates der Auffassung, dass Euthyphron sich allein dadurch schon zur Annahme von (K) verpflichtet hat, indem er sich 1.) auf seine Definition (D) festlegt und 2.) die Prämissen (P1)-(P4) als wahr anerkennt. Aber wie genau funktioniert dann der entscheidende Schritt seiner Beweisführung? Soviel immerhin ist klar: Die Aussagen, die in (P5) und (P6) über das Fromme und das Gottgeliebte gemacht werden, stehen in direktem Widerspruch zu (P2) und (P4). Gerechtfertigt scheint die spätere Einführung von (P5) und (P6) nämlich auch deshalb, weil Sokrates in ihnen inhaltlich nichts Neues einführt, sondern sie aus den ersten vier Prämissen und der Hypothese von (D) konstruiert. Erzeugt wird der Widerspruch, indem (D) es scheinbar erlaubt, die Ausdrücke „Gottgeliebtes“ und „Frommes“ durcheinander zu ersetzen, wodurch sich der Wahrheitswert von (P2) und (P4) ändert. Dabei ist es allerdings alles andere als klar, inwieweit dieser Austausch in Weil-Sätzen überhaupt legitim ist bzw. welches Substitutionsprinzip ihm zugrunde liegt. 3
Aufgrund dieser Unklarheit handelt es sich bei Sokrates’ Erläuterung seiner Konklusion mittels (P5) und (P6) vermutlich um die komplizierteste und fragwürdigste Passage des be-handelten Dialogteils, wenn nicht gar des ganzen Dialogs. Wen wundert es da, wenn diese ebenso kurze wie argumentativ gehaltvolle Erläuterung dem im Gespräch damit konfrontierten Euthyphron auch Probleme bereiten würde. 4 Der Reiz dieser Argumentationsweise mag
3 Vgl. etwa Peter Geach: Plato’s „Euthyphro“. An Analysis and Commentary. In: The Monist, July 1963, 369-
382, hier: 376f.
4 Im Text gibt es keine Stelle, an der Euthyphron sich zu Sokrates’ Schlussfolgerung explizit äußert, d.h. weder
fechtet noch erkennt er sie als schlüssig an. Dass er letzteres doch tut, dieser Rückschluss ließe sich höchstens durch die Tatsache rechtfertigen, dass Euthyphron keinen Einspruch erhebt, als die Suche nach einer konsistenten Definition auf Sokrates’ Betreiben ganz von vorne losgehen soll. Andererseits jedoch muss die Äußerung, ihm drehe sich nach diesen buchstäblich Schwindel erregenden Argumentationsschritten alles im Kreis, als Zeichen von Verwirrtheit gedeutet werden. [11b] Kurz darauf schreibt er es dann einem fremden (Sokrates) oder Seite 2 von 7
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für Sokrates darin gelegen haben, durch die Erzeugung eines logischen Widerspruchs Euthyphron regelrecht zwingen zu können, das Scheitern seiner eigenen Definition anzuerkennen und diese aufzugeben. 5 Im Folgenden will ich der Frage nachgehen, ob diese problematische und zumindest schwerverständliche Vorgehensweise überhaupt nötig ist, oder ob Sokrates nicht mit geringerem Aufwand die Definition hätte angreifen und seinem Gesprächspartner hätte einsichtig machen können, worauf er mit seiner Kritik hinaus will.
Viel wichtiger oder zumindest vorrangiger scheint es, sich zunächst der Konklusion zuzuwenden: Worauf will Sokrates hier eigentlich hinaus?
Als erstes ließe sich fragen, was genau es heißen soll, dass das Fromme und das Gottgeliebte voneinander verschieden sind? Betrachtet man nur diese - wie auch immer geschlussfolgerte - Aussage (K), könnte man eine seltsame Vorstellung von (D) gewinnen. Sokrates möchte (D) mit seiner Argumentation als unzureichend zurückweisen, demnach müsste (K) das Gegenteil von (D) besagen und diese unmittelbar widerlegen. So könnte man etwa vermuten, Euthyphron habe behauptet, das Fromme und das Gottgeliebte seien miteinander identisch - eine zumindest komisch klingende Behauptung, die ja eine Definition sein soll. Das scheint nicht das übliche Vokabular zu sein, in dem man vom Definiendum (das Fromme) und Definiens (das Gottgeliebte) und ihrem Verhältnis zueinander spricht. Zweifelsohne besteht zwischen beidem ein „sehr enger“ Zusammenhang; und gleichzeitig ist es offenkundig nicht so, dass beides schlechterdings ein und dasselbe wäre - andernfalls erübrigte sich ja von Vornherein jede Suche nach einer Definition. Wie genau also ist dieser Zusammenhang beschaffen? Was wird von Definitionen erwartet, was sollen sie leisten? Betrachtet man den Dialog in seiner Gesamtheit, insbesondere aber das erste Drittel, stellt man schnell fest, dass zwischen beiden Gesprächspartnern kein Konsens in diesen Fragen besteht. Mit einigem Recht kann man den Euthyphron (und sicherlich noch weitere der Dialoge, die um eine „Was ist x?“-Frage kreisen) somit auch als ein Aufeinandertreffen unterschiedlicher Definitionsbegriffe lesen. Dabei handelt es sich freilich um ein eigenes Problemfeld, das hier lediglich angerissen werden kann. Gleichwohl ist die Unterscheidung verschiedener Definitionsbegriffe (die im Text nirgends explizit vorgenommen wird) von entscheidender Bedeutung
sogar unerklärlichen Einfluss (Daidalos) zu, dass mit seiner Definition plötzlich irgendetwas nicht mehr stimmt. [11c/d]
5 In ihren Auswirkungen auf das mehr oder weniger überrumpelte Gegenüber erinnert Sokrates Argumentieren
an dieser Stelle ein bisschen an die damals verbreiteten öffentlichen Rededuelle, bei denen ein Redner mit je-mandem wettete, er könne den Anderen zur Annahme der aberwitzigsten Schlüsse zwingen. Dass es sich hierbei mehr um einen rhetorischen Schaukampf denn um wirkliche Überzeugungsarbeit handelt, dürfte auf der Hand liegen. Seite 3 von 7
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für die Beurteilung von (D). Daher wird es hilfreich, vielleicht sogar erforderlich sein, diesem Aspekt vorübergehend unsere Aufmerksamkeit zu schenken.
Je nachdem, welchen Definitionsbegriff man zugrunde legt, hat Euthyphron nämlich sehr wohl das Fromme definiert - allerdings nur, wenn man einmal von der prinzipiellen Schwierigkeit (manche Philosophen würden womöglich sogar sagen: Unmöglichkeit) absieht, zuverlässige Kenntnis von der Liebe bzw. dem Hass aller Götter zu erlangen. Doch diese Kenntnis, soviel geht aus seinem selbstbewussten Auftreten hervor, traut sich der in religiösen Dinge beschlagene Wahrsager Euthyphron durchaus zu. Veranschaulichen ließe sich ein solcher Definitionstyp an folgendem Beispiel 6 : Angenommen, Karl hätte genau ein Lieblingstier, und das sei der Elefant. Eine Definition von Elefanten wie die folgende wäre in etwa so informativ (und in ihrem Sinn korrekt) wie die Euthyphrons: „Elefanten sind die von Karl geliebten Tiere.“ Auch hier wäre eine zuverlässige Identifikation und Zuordnung jedweden einzelnen Tieres zur Spezies der Elefanten möglich, wann immer uns bekannt ist, ob sie von Karl geliebt werden.
Sokrates lässt (D) in diesem Sinne schließlich auch gelten, indem er es dahin gestellt sein lässt, ob die Götter das Fromme nun lieben oder aber nicht, um anschließend seine Ausgangsfrage zu wiederholen: „Was ist das Fromme und was das Unfromme?“ [11b] Analog ließe sich gegen die im Beispiel gegebene Elefanten-Definition einwenden, dass einen die Liebe Karls herzlich wenig interessiere, man dagegen aber nach wie vor wissen möchte: Was ist ein Elefant?
Wissen scheint ein weiterer wesentlicher, mit dem der Definition eng verbundener Begriff zu sein: Einmal als das Wissen, das es braucht, um eine bestimmte Definition gegeben zu können, und andererseits das Wissen, das eine solche Definition zu vermitteln vermag. An welcher Art von Wissen ist Sokrates interessiert? Als Sokrates seinem Gegenüber erklärt, in welcher Weise er über das Fromme belehrt zu werden wünscht, führt er zwei wichtige, auf die späteren Dialoge hinausweisende Begriffe ein: Idee oder Gestalt (ἰδέα), Form (εἶδος) und später Wesen (οὐσία). 7 [5d;6d;11a] Mit ihnen macht Sokrates deutlich, dass er auf der Suche
6 Mir ist bewusst, dass man gegen dieses Beispiel einwenden könnte, zwischen der Liebe Karls und göttlicher
Liebe bestehe ein fundamentaler Unterschied, indem letztere kein neutrales Unterscheidungsmerkmal darstelle, sondern das Geliebte sozusagen „adlige“ und auf religiös-mythische Weise tatsächlich verändere. Das scheint aber ein Problem des gesamten Dialogs zu sein, indem der von Sokrates angestrebten Begriffsbestimmung die unausgesprochene „philosophische“ Voraussetzung zugrunde liegt, dass das, was traditionell eher dem Bereich des irrationalen Glaubens angehört, von der menschlichen Ratio restlos erfassbar wäre. Diese Vorannahme geteilt, sehe ich nicht, wieso das Beispiel nicht in selber Weise funktionieren würde, wenn Elefanten die Lieblingstiere der Götter wären.
7 Die Tragweite dieser zentralen Begriffe kann hier allerhöchstens angedeutet werden: Es ist kein Zufall, dass
die ersten beiden aus dem Bereich optischer Wahrnehmung stammen, denn es sind Geometrie und Mathematik, die zu Platons Zeiten den Status paradigmatischen Wissens haben. Deshalb lässt sich der Begriff der Idee ganz Seite 4 von 7
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R. Fehl, 2009, Das Fromme und das Gottgeliebte, München, GRIN Verlag GmbH
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