Ebene. Und Neuhouser zeigt, dass es l’amour-propre ist, die eine zentrale Stellung in Rousseaus weiteren staatstheoretischen wie pädagogischen Überlegungen einnimmt. Aber wie sooft, wenn das Frühwerk unter der Folie des Spätwerks gelesen wird, werden fast automatisch diejenigen Aspekte, Ideen oder Problemlagen fokussiert, die vom Autor in irgendeiner Weise weiterverfolgt, anders akzentuiert oder gar in ihr Gegenteil verkehrt werden. Mit anderen Worten: Hätte Rousseau etwa im Gesellschaftsvertrag nicht den Schutz, sondern eine quasisozialistische Abschaffung des Rechts auf Privateigentum gefordert, würde dies vermutlich ein anderes Licht auf den früher entstandenen Zweiten Diskurs und die darin skizzierte Eigen-tumstheorie werfen. 3
In vorliegendem Essay werde ich mich ausschließlich auf Rousseaus Zweiten Diskurs beschränken. Es stellt sich demnach die Frage, ob l’amour-propre auch in ihm bereits diese zentrale Stellung einnimmt, wenn nicht zwangsläufig selbst als Übel, so wenigstens als deren Hauptursache. Daher werde ich mich im Folgenden mit Neuhousers zweiter Säule, die seine These stützen soll, auseinandersetzen. Sie besteht aus einer Vielzahl an Textstellen gerade auch aus dem Zweiten Diskurs, und darunter finden sich einige, die Neuhousers These in der Tat zweifelsfrei zu belegen scheinen. Das ist insbesondere dort der Fall, wo Rousseau im Konjunktiv von einer Theorie der Anerkennung spricht, die es in einem eigenen „beträchtliche[n] Werk“ (259) erst noch ausführlich auszuarbeiten gälte. Eine solche Theorie über Wesen und Wirkung von l’amour-propre hätte das Potential, nahezu alle Übel im menschlichen Zusammenleben zu erklären. 4
Damit, so könnte man meinen, wäre meine Untersuchung bereits abgeschlossen - gäbe es da nicht noch andere Stellen, die etwas ganz anderes besagen. So ist es richtig, dass Rousseau an einer Stelle expressis verbis sagt, dass das Streben nach Anerkennung (als anderen in irgendetwas überlegen, was diese Form der Anerkennung zwangsläufig ein knappes Gut werden lässt) „der erste Schritt zur Ungleichheit und gleichzeitig zum Laster“ (205) gewesen sei. Denn „[s]chließlich geben der verzehrende Ehrgeiz, der Eifer ihr Vermögen zu mehren - we- 3 Neuhouserist sich dessen bewusst, wenn er in einer Fußnote lapidar anmerkt, dass Rousseau Ungleichheit
ohne Abhängigkeit (durch Eigentum bzw. Arbeitsteilung) zwar für unproblematisch halte, aber eher Ungleichheit als Abhängigkeit verringern wolle, weil „Letztere eine grundlegendere Bedeutung für die Zivilisation“ (13f.) habe. Zumindest im Zweiten Diskurs finden sich allerdings, wenn überhaupt, wenige Hinweise, dass Rousseau an den durch Abhängigkeit ermöglichten bzw. forcierten Formen von Zivilisation sonderlich viel gelegen sei.
4 „Ich würde sichtbar machen, wie sehr dieser allgewaltige Drang nach Ruf, Ehre und Auszeichnungen […] alle
Menschen zu Konkurrenten, Rivalen oder vielmehr Feinden macht. […] Ich würde zeigen, daß wir gerade diesem Eifer […] all das zuzuschreiben haben, was es an Besserem und Schlechterem bei den Menschen gibt: […] eine Menge schlechter Dinge bei einer geringen Zahl guter. Endlich würde ich dartun, daß man eine Handvoll Mächtiger und Reicher gerade deshalb auf dem Gipfel der Größe und des Glücks sieht, während die Masse in Dunkelheit und Elend dahinkriecht, weil die Reichen die von ihnen genossen Dinge nur insoweit achten, als die anderen sie entbehren.“ (257) Gerade dieser letzte Satz scheint zu belegen, dass es primär keine ökonomischen Interessen sondern das Streben nach Anerkennung einer überlegenen Position ist, die Ungleichheit bewirkt und Ausbeutung motiviert. Vgl. Neuhouser, Rousseau und das Verlangen nach Anerkennung, 12.
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niger aus echtem Bedürfnis als um sich über die anderen zu setzen - allen Menschen die dunkle Neigung ein, sich gegenseitig Schaden zuzufügen.“ (221) Genauso richtig ist es aber, dass es wenig später heißt: „Alle diese Übel sind die erste Wirkung des Eigentums und das unzertrennliche Begleitgefolge der entstehenden Ungleichheit.“ 5 (221f.) Wie genau ist das zu verstehen? Welche Rolle spielt hier das Eigentum?
Neuhouser trägt dieser und ähnlichen Äußerungen insofern Rechnung, als er l’amourpropre allein nicht als hinreichende Bedingung für die Entstehung von verstetigter „signifikante[r] moralische[r] Ungleichheit“ 6 auffasst. Allerdings stuft er die anderen notwendigen Bedingungen, zu der die ‘Erfindung’ von Eigentum zählt, in einer hierarchischen Ordnung als geringere Übel ein, die diese Entstehung von Ungleichheit zwar ermöglichen wenn nicht sogar begünstigen, sie aber in keinem Fall hervorrufen würden. Aber wäre nicht umgekehrt l’amour-propre ohne Eigentum gar keine Gelegenheit gegeben, sich derart verderblich auf das menschliche Zusammenleben auszuwirken? Welche notwendige Bedingung ist nötiger? Die Schwierigkeit lässt sich am Bild eines Sprengstoffs veranschaulichen, der sich aus mehreren Substanzen zusammensetzt, die jede für sich genommen völlig harmlos sind und erst als Mischung explosiv werden. So scheint es zunächst problematisch bzw. willkürlich, zu sagen, die Sprengkraft der Mischung hänge in besonderem Maße von einer der Substanzen ab. Schauen wir uns also Neuhousers Begründungen dafür an, weshalb er l’amour-propre aus diesem Verbund an notwendigen, zusammengenommen hinreichenden Bedingungen herausgreift.
Rousseau selbst gibt am Ende des ersten Teils an, ihm bleibe im zweiten nur noch übrig, die Quelle der Ungleichheit „in der allmählichen Entwicklung des menschlichen Geistes zu zeigen.“ (189) Muss es sich dabei, wie Neuhouser es versteht, um die „psychologische Quelle“ 7 handeln? Dann käme wohl tatsächlich nur l’amour-propre in Betracht. Wieso beginnt Rousseau den zweiten Teil dann mit dem berühmt gewordenen Bild von der ersten Einzäunung als der Gründung der bürgerlichen Gesellschaft? Und auch hier gibt es wieder einen Zusammenhang, der als monokausales Verhängnis deklariert wird: Hätte diese Einzäunung nicht stattgefunden, wären der Menschheit unzählige „Verbrechen, Morde, Leiden und Schrecken“ (193) erspart geblieben. Wenn man die Entstehung von Eigentum als den rein äußerli-
5 Diesesauf den ersten Blick inkonsistente Nebeneinander von Behauptungen lässt sich m.E. am besten durch
eine Eigentümlichkeit Rousseaus früher Schriften erklären: Gemeint ist seine Vorliebe für eingängige Bilder und Zuspitzungen, die freilich nur dann zum Problem werden, wenn Rousseau mit ihnen gewissermaßen über das Ziel seiner Argumentation hinausschießt, indem er manche Punkte um der Prägnanz willen vielleicht stärker macht, als ihm im Sinne der eigenen Überlegungen lieb sein dürfte.
6 Ebd. 11.
7 Neuhouser, Rousseau und das Verlangen nach Anerkennung, 6 (Hervorh. im Original).
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Arbeit zitieren:
R. Fehl, 2010, Die Ketten der Besitzenden, München, GRIN Verlag GmbH
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