nie oder Individualität der Physiognomie verloren. Aus dem Gesicht eines Gottes gar wird auf diese Weise das eines wilden Tieres. Wer dieses Gesicht nicht vor seiner Entstellung kannte, dem wird es unbekannt bleiben, denn es ist dauerhaft unkenntlich geworden. Nun stellt sich natürlich die Frage, wie die Entstellung der Seele zu verstehen ist, wie und vor allem durch wen oder was wurde sie bewirkt?
Im Nachsatz zum eingangs zitierten Vergleich erklärt Rousseau, wie dieser zu verstehen sei:
Sie [= die menschliche Seele] hat das Gesicht sozusagen [fast] 3 bis zur Unkenntlichkeit verändert, da sie im Schoß der Gesellschaft durch tausend unaufhörlich immer wieder einwirkende Ursachen, durch den Erwerb einer Menge von Kenntnissen und Irrtümern, durch die der körperlichen Verfassung widerfahrenen Veränderungen und durch die fortwährenden Erschütterungen der Leidenschaften verdorben wurde. (65)
Für die Entstellung zeichnet demnach die Gesellschaft verantwortlich, bzw. Einwirkungen auf die Seele, die es jenseits der Gesellschaft nicht gegeben haben würde. Das leuchtet insofern ein, als es bestimmte Kenntnisse nur gibt, weil sie an vorherige Kenntnisse anknüpfen und diese erweitern, oder bestimmte Leidenschaften wie die der Liebe oder des Ehrgeizes (als Anerkennungsstreben) nur in Bezug auf mindestens ein weiteres Individuum denkbar sind. Warum es sich dabei aber um eine Entstellung und nicht bloß um eine Veränderung handeln soll, bleibt vorerst unklar. Denn was heißt es, dass die Seele vor aller Berührung mit der Gesellschaft noch ein Gesicht hat, mithin sie selbst ist, und dieses anschließend allmählich immer mehr verliert?
Es liegt nahe, die noch unversehrte Seele mit Rousseaus Begriff des Naturzustands in Verbindung zu bringen. Die Natur wäre innerhalb dieses Bildes gewissermaßen als Bildhauerin der Glaukus-Statue zu denken, als die Kraft also, die der Seele ihre ursprüngliche und damit eigentliche, wahre Gestalt verleiht. Das Bild, das hier von der menschlichen Seele in Analogie zu einer Statue entworfen wird, ist, wie der Name schon sagt, vor allem eines: statisch. Her-vorgegangen aus jenem unvordenklichen Schöpfungsakt, wäre die Seele als fertig oder vollkommen, d.h. als in ihrer Entwicklung abgeschlossen zu betrachten. Was ihr jetzt noch von außen, von Seiten der Gesellschaft, widerfahren kann, sind Eingriffe in das Werk der Natur. Die Gesellschaft tritt hier nicht als eine vergleichbare bildnerische Kraft in Erscheinung, sondern als eine blinde Gewalt in Form eines willkürlichen Erosionsprozesses. Jede weitere Veränderung und Einflussnahme durch sie kann der Seele nichts hinzufügen, was ihr irgendwie noch fehlen würde.
3 Im Original heißt es „presque méconnaissable“ (64), die Meiner-Übersetzung unterschlägt diesen kleinen ab-
schwächenden Zusatz. Ferner handelt es sich nicht um einen Nachsatz, sondern um die Fortsetzung des zu Beginn dieses Essays zitierten Vergleichs.
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Arbeit zitieren:
R. Fehl, 2010, Die Zeit, das Meer und die Stürme, München, GRIN Verlag GmbH
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