Vorwort
Vorwort
Im Januar 2008 nahm ich an der Fortbildung „Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt“ teil, um meine Qualifikation als Physiotherapeutin zu erweitern. Organisiert wurde dieser Grundkurs von Sigrun Burggraef, Leiterin der Lehrstätte Hanne Marquardt in Lübeck. Während dieser viertägigen Veranstaltung wurde nicht nur auf die Fußreflexzonentherapie (RZF) bei Beschwerden und Erkrankungen von Erwachsenen eingegangen, sondern ebenfalls die Behandlung von Kindern besprochen. Dies regte mich zu dem Gedanken an, dass die RZF auch für schwerstmehrfachbehinderte Kinder, wie ich sie in einem Praktikum im Rahmen meiner Ausbildung im St. Antoniushaus Kiel behandelte, sehr hilfreich sein kann. Nach einem Gespräch mit Sigrun Burggraef zu dieser Thematik hatte ich das Thema meiner Bachelorthesis gefunden.
Ich möchte an dieser Stelle Sigrun Burggraef für ihre fachliche Unterstützung und ihr Engagement danken.
Außerdem danke ich dem St. Antonius Kiel, dass ich meine Untersuchung zur RZF mit zwei Kindern durchführen durfte. Weiterhin danke ich den Mitarbeitern des Behindertenbereiches für ihr Entgegenkommen während der regelmäßigen Behandlungszeiten der Kinder.
Zuletzt danke ich meiner Professorin Heidi Höppner dafür, dass sie mich in meinem Vorhaben, dieses Thema zu bearbeiten und eine eigene kleine Studie durchzuführen, ermutigt und bestärkt hat.
I
Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS
Verzeichnis der Abbildungen. IV
Verzeichnis der Tabellen. VII
Verzeichnis der Abkürzungen. VIII
1 Einleitung. 1
2 Sinn und Nutzen der Fußreflexzonentherapie für die
Entwicklung und das Befinden schwerstmehrfachbehinderter
Kinder - Kontextualisierung der Fragestellung. 3
3 Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt. 7
3.1 Historischer Hintergrund. 7
3.2 Das Konzept. 10
3.2.1 Reflexzonen. 11
3.2.2 Ziele und Indikationen. 12
3.2.3 Kontraindikationen. 13
3.2.4 Griffe und Technik. 15
3.3 Die Durchführung. 18
3.3.1 Behandlungsbedingungen. 18
3.3.2 Symptom- und Hintergrundzonen. 19
3.3.3 Befund der Reflexzonentherapie. 20
3.3.4 Dosierungsgrenze und Normalisierung
einer Reflexzone. 22
3.4 Wissenschaftliche Evidenz der Wirkung. 23
3.4.1 Zusammengefasste Ergebnisse diverser
Studien. 24
3.4.2 Studie: Fußreflexzonentherapie für eine
gesteigerte Nierendurchblutung. 28
3.4.3 Fazit zur wissenschaftlichen Evidenz
der Fußreflexzonentherapie. 29
4 Das schwerstmehrfachbehinderte Kind. 30
4.1 Begriffsklärung der Schwerstmehrfachbehinderung. 30
4.2 Die Ursachen von Schwerstmehrfachbehinderung. 31
4.3 Auftretende Störungen und Probleme. 33
II
Inhaltsverzeichnis
5 Die Fußreflexzonentherapie als Behandlungsmöglichkeit für das
schwerstmehrfachbehinderte Kind. 36
5.1 Die Ziele. 36
5.2 Vorteile der Fußreflexzonentherapie als
Behandlungsansatz. 39
5.3 Die Behandlungsbedingungen. 41
6 Ein Pretest zum Effektivitätsnachweis der
Fu ßreflexzonentherapie. 43
6.1 Methode. 43
6.2 Anamnese und Befund der Kinder. 44
6.2.1 Anamnese und Befund von Kind 1. 44
6.2.2 Anamnese und Befund von Kind 2. 46
6.3 Durchführung. 48
6.4 Ergebnisse. 49
6.4.1 Kind 1. 49
6.4.2 Kind 2. 51
6.5 Diskussion der Ergebnisse und Transfer zur
International Classification of Health, Disability and
Functioning 53
7 Fazit 58
Literaturverzeichnis 60
Anhang 64
Abstract 109
III
Verzeichnis der Abbildungen
Verzeichnis der Abbildungen
Abb. 1..................................................................................................................1 Logo der Lehrstätte Hanne Marquardt für Reflexzonenarbeit am Fuß (Lehrstätte Hanne Marquardt 2007, Zugriff 17.11.2008)
Abb. 2...................................................................................................................5 Darstellung der Komponenten des ICF-Modells bezüglich schwerstmehrfachbehinderter Kinder
Abb. 3...................................................................................................................7 Kopie des Altars von Copan, angefertigt von Frederick Catherwood aus Victor von Hagen „Auf der Suche nach den Maya“ (Kaiser, Poyck-Scharmann & Scharmann 1995, S. 15)
Abb. 4...................................................................................................................8 Die Körperzonen nach Dr. Fitzgerald (Marquardt 2007, S. 7)
Abb. 5.................................................................................................................11 [...] Form des Fußes [in Nullstellung] (Marquardt 2005, S. 7)
Abb. 6.................................................................................................................11 Makrosystem Mensch (Grundkurs Refelxzonentherapie am Fuß nach Hanne Marquardt o.D., S.55)
Abb. 7.................................................................................................................25 Patientenurteil im Anschluss an die Behandlungsserie; 92% gaben eine Verbesserung bezüglich Schmerz und Funktion an
Abb. 8.................................................................................................................25 Patientenurteil acht Wochen nach der Behandlungsserie; 87% gaben eine weitere Verbesserung bezüglich Schmerz und Funktion an
IV
Verzeichnis der Abbildungen
Abb. 9.................................................................................................................56 Darstellung der Komponenten des ICF-Modells bezüglich
schwerstmehrfachbehinderter Kinder nach den Ergebnissen des Pretests
Abb. 10...............................................................................................................65 Hanne Marquardt (Marquardt 2005, S. II)
Abb. 11...............................................................................................................66 Struktur der ICF (modifiziert nach Rentsch & Bucher 2005, S.19)
Abb. 12...............................................................................................................67 Wechselwirkung zwischen den Komponenten der ICF (Rentsch & Bucher 2005, S.25)
Abb. 13...............................................................................................................68 Reflexzonen der Füße (Verlag Hanne Marquardt 2004)
Abb. 14a.............................................................................................................69 Kein Druck; das Schwingen das Armes bewegt das Endglied des Daumens (Marquardt 2005, S.13)
Abb. 14b.............................................................................................................69 Maximale Aktivität des Daumens entspricht dem Setzen des therapeutischen Reizes in der Gewebetiefe (Marquardt 2005, S.13)
Abb. 15a & b......................................................................................................69 Zeigefinger-Grundgriff in seinen Bewegungsphasen (Marquardt 2005, S.15)
Abb. 16a.............................................................................................................70 Fersen-Dehn-Griff an einem Fuß(Marquardt 2005, S. 22)
Abb. 16b.............................................................................................................70 Yin-Yang-Streichung (Marquardt 2005, S. 25)
V
Verzeichnis der Abbildungen
Abb. 16c.............................................................................................................70 Atemausgleichsgriff (Marquard 2005, S. 23)
Abb. 16d.............................................................................................................70 Handflächen-Fußsohlen-Griff (Marquardt 2005, S.24)
Abb. 17...............................................................................................................71 Vorderseite einer Befundkarte der RZF (Rückseite: Verlaufsprotokoll, Patientenmitarbeit und Reflexion) (Verlag Hanne Marquardt)
Abb. 18a.............................................................................................................91 Befund von Kind 1 vor dem Pretest
Abb. 18b.............................................................................................................91 Befund von Kind 1 nach dem Pretest
Abb. 19a.............................................................................................................92 Befund von Kind 2 vor dem Pretest
Abb. 19b.............................................................................................................92 Befund von Kind 2 nach dem Pretest
Abb. 20...............................................................................................................97 Auswahl angewandter Griffe während des Pretests bei Kind 1
Abb. 21...............................................................................................................98 Auswahl angewandter Griffe während des Pretests bei Kind 2
VI
Verzeichnis der Tabellen
Verzeichnis der Tabellen
Tab. 1.................................................................................................................12 Unterschiede der Reflexzonentafeln von Ingham und Marquardt
Tab. 2.................................................................................................................32 Ursachen von Entwicklungsstörungen (modifiziert nach Aksu 2002, S.73)
Tab. 3.................................................................................................................47 Fußmaße von Kind 2 vor der RZF-Behandlung
Tab. 4.................................................................................................................51 Fußmaße von Kind 2 nach der RZF-Behandlung und die jeweilige Differenz zur Messung vor der Behandlung in eckigen Klammern
Tab. 5.................................................................................................................99 Auswertung des Fragebogens nach einem Monat
Tab. 6...............................................................................................................103 Auswertung des Fragebogens nach zwei Monaten
Tab. 7...............................................................................................................106 Verlaufsprotokoll der Fußreflexzonenbehandlung
VII
Verzeichnis der Abkürzungen
Verzeichnis der Abkürzungen
ADL Activities of Daily Life/ Aktivitäten des täglichen Lebens BAM Bewegungsausmaß CRPS Complex Regional Pain Syndrome ICF International Classification of Health, Disability and Functioning ICIDH International Classification of Impairment, Disabilities and Handicap PEG Perkutane endoskopische Gastrostomie RI Resistenzindex RZF Reflexzonentherapie am Fuß/ Fußreflexzonentherapie SSW Schwangerschaftswoche VAS Visuelle Analogskala
VIII
Kapitel 1 - Einleitung
1 Einleitung
„Hominis imago in pedibus“, so lautet der Schriftzug in dem Logo der Lehrstätte Hanne Marquardt, Schule für Reflexzonenarbeit am Fuß. Dieser Leitsatz bedeutet: „Das Abbild des Menschen in den Füßen“ oder auch „Des Menschen Bild in den Füßen“ (s. Abb. 1).
Der gewählte Leitsatz spiegelt die Grundlage der Fußreflexzonentherapie (RZF) wieder, denn es wird vermutet, dass fast der komplette Körper des Menschen in Form von Reflexzonen am Fuß und am distalen Unterschenkel abgebildet ist. Aus diesem Grund können Blockaden, Beschwerden, Schmerzen, Funktionsstörungen usw. über diese gezielte Form der Massage an den Füßen behandelt und gelindert werden.
Das Wissen über die Wichtigkeit der Füße existiert schon seit langem und wurde wahrscheinlich schon von alten Kulturkreisen, wie beispielsweise den Mayas, zu Heilzwecken angewandt. Mit der Durchsetzung der Schulmedizin geriet die Reflexzonenarbeit eher an den Rand der medizinischen Versorgung und wurde erst vor ca. 100 Jahren in der westlichen Welt wieder entdeckt, bis sie durch den Verdienst Hanne Marquardts auch in Deutschland Einzug hielt. Mittlerweile gibt es viele ausgebildete Fußreflexzonentherapeuten 1 , die in ihrer täglichen Praxisarbeit die RZF erfolgreich anwenden. Allerdings hat sich die RZF noch nicht überall durchgesetzt und ist vor allem auch noch nicht in der gesetzlichen medizinischen Versorgung integriert. Meiner Meinung nach profitieren sehr viele Patienten von dieser Methode, weshalb die RZF noch weiter verbreitet werden sollte. Ein besonderes Anwendungsgebiet stellt für mich die Physiotherapie in der Pädiatrie dar. Kinder
1 Um den Textfluss nicht zu stören, wird bei Personen die grammatikalisch maskuline Form
gewählt. Natürlich sind in diesen und allen übrigen Fällen immer Frauen und Männer
gleichermaßen gemeint. Dies trifft auf Therapeuten ebenso zu wie auf Patienten u.ä.
1
Kapitel 1 - Einleitung
können mit dieser Form der Therapie über die Füße auf eine angenehme Art in ihrer Entwicklung gefördert und herausgefordert werden. „Kinder sind im Aufbau, man kann also geschwächte Veranlagungen durchaus noch stabilisieren. Bei Kindern kann man [...] vieles bahnen “ (persönliche Mitteilung Burggraef 2008, s. Anhang S. 74-87). Daher ist es mir auch sehr wichtig, dass schwerstmehrfachbehinderte Kinder zusätzlich zur regelmäßigen
Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie usw. mit der RZF behandelt werden. In der vorliegenden Arbeit werde ich auf diese Thematik eingehen. Ich werde darstellen, wie die RZF bei den betroffenen Kindern wirkt und weshalb bei einer ganzheitlichen Therapie nicht darauf verzichtet werden sollte. Ich beginne im zweiten Kapitel mit dem Aufgreifen der Fragestellung und werde diese auch in Bezug zum Modell der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) setzen. Die RZF ist eine ganzheitliche Methode, d.h. ihre Wirkung geht über die isoliert betrachtete Linderung der Symptome hinaus. Um dies zu verdeutlichen dient der Transfer zur ICF. Das dritte Kapitel erklärt die RZF, ich gehe dabei auf die Geschichte, das Konzept, die Durchführung und auf die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse ein. Kapitel vier handelt von dem schwerstmehrfachbehinderten Kind, welche Ursachen es für die Schwerstmehrfachbehinderung gibt und wie sich die Folgen zeigen. Der fünfte Teil der Arbeit stellt die RZF als Behandlungsmöglichkeit für das schwerstmehrfachbehinderte Kind dar, welche Ziele verfolgt werden können und auch wie die Durchführung aussehen könnte. Da ich bisher noch keine Studien zu meiner gewählten Thematik finden konnte, werde ich im sechsten Kapitel den Pretest, den ich im Sommer 2008 im Antoniushaus Kiel mit zwei Kindern verwirklicht habe, wiedergeben und die Ergebnisse diskutieren. Um die Fragestellung des zweiten Kapitels erneut aufzufassen, werde ich die gewonnenen Ergebnisse wieder in Bezug zur ICF setzen. Ich schließe diese Bachelorthesis mit einem Fazit über die RZF als Therapieansatz bei schwerstmehrfachbehinderten Kindern ab.
Ziel der Arbeit soll es sein, die Fußreflexzonentherapie als weitere sinnvolle Ergänzung der physiotherapeutischen Techniken interessant zu machen, damit diese von mehr Physiotherapeuten, besonders im Arbeitsfeld Pädiatrie genutzt wird.
2
Kapitel 2 - Sinn und Nutzen der Fußreflexzonentherapie für die Entwicklung und das Befinden
schwerstmehrfachbehinderter Kinder - Kontextualisierung der Fragestellung
2 Sinn und Nutzen der Fußreflexzonentherapie für die
Entwicklung und das Befinden schwerstmehrfachbehinderter
Kinder - Kontextualisierung der Fragestellung
Schwerstmehrfachbehinderte Kinder bekommen schon seit Langem viel Hilfe und Unterstützung in ihrer Entwicklung. Sie werden von Therapeuten, Pflegepersonal, Erziehern, Lehrern und natürlich von der Familie gefördert. Dabei werden verschiedene Konzepte mit Erfolg genutzt, Bobath, Vojta oder Castillo Morales 2 , um nur ein paar zu nennen. Daraus ergibt sich die Frage, weshalb eine weitere Behandlungsmethode benötigt wird. Wie gut kann das Ergebnis der Therapie sein, dass es sich in der Praxis durchsetzt? Meiner Meinung nach hat die RZF große Auswirkungen auf das Wohlbefinden des Kindes. Ich gehe davon aus, dass Bauchschmerzen und Kopfweh gelindert werden, Bronchitiden und Infektionen der Atemwege vorgebeugt werden können und das vegetative Nervensystem nachhaltig stabilisiert wird. Die Füße, die das schwerstmehrfachbehinderten Kind kaum nutzen kann, werden gereizt, wodurch darüber hinaus Tastsinn, Sensibilität und Körperwahrnehmung geschult werden. Dies sind nur ein paar Ziele, die mit der RZF sehr gut verfolgt werden können. Es ist eine schnell erlernbare und schnell wirkende Methode. Es werden keine weiteren Hilfsmittel als die eigenen Hände benötigt und der Ausführende hält während der Behandlung immer direkten Kontakt zu den Kindern.
Schwerstmehrfachbehinderte Kinder haben eine große Bandbreite an Problemen, Beschwerden und Blockaden aufzuweisen. Aus diesem Grund ist es richtig, neue Konzepte oder Methoden in die Behandlung und Förderung mit einfließen zu lassen und neue Ansätze auszuprobieren, um die optimale Variante für das Kind zu ermitteln.
Die RZF ist mehr als nur eine Technik. Es ist eine Methode, die nicht nur auf Besserung der Symptome abzielt, sondern die Gesundheit und das Wohlbefinden des gesamten Menschen anregen und wenn möglich wiederherstellen will und kann. Deshalb werde ich hier Sinn und Nutzen der
2 Therapiekonzepte der Pädiatrie (Hüter-Becker (Hrsg.) 2004)
3
Kapitel 2 - Sinn und Nutzen der Fußreflexzonentherapie für die Entwicklung und das Befinden
schwerstmehrfachbehinderter Kinder - Kontextualisierung der Fragestellung
RZF anhand des Modells der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF), zu deutsch Internationale Klassifizierung von Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit näher erläutern. Dadurch wird klarer, dass das Umfeld und der Alltag der Kinder mit schwersten Mehrfachbehinderungen in der Behandlungsplanung und -umsetzung ebenfalls eine große Rolle spielt. Die ICF stellt ein Rehabilitationsmodell der World Health Organisation (WHO) dar und wurde im Mai 2001 auf deren 54. Vollversammlung verabschiedet. Im Gegensatz zu dem Vorläufer, der International Classification of Impairment, Disabilites and Handicap (ICIDH) von 1980, stellt es nicht nur die chronische Erkrankung und die Beeinträchtigung dar, sondern gibt auf Grundlage des biopsychosozialen Modells Aufschluss über den Lebenshintergrund des Betroffenen und orientiert sich an der Gesundheit. Die ICF ist demnach nicht nur defizit-, sondern auch ressourcenorientiert. Die WHO will mit der ICF eine vereinheitlichte Sprache in der Beurteilung von Gesundheit, deren Komponenten und Auswirkungen fördern, wodurch die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen im Gesundheitswesen verbessert werden soll. Außerdem wird der internationale Datenvergleich vereinfacht (Rentsch & Bucher 2005). „Die WHO liefert einen Zugang zu Funktionsfähigkeit und Behinderung aus naturwissenschaftlichen, soziologischen und gesellschaftlichen Perspektiven im Sinne eines interaktiven und sich entwickelnden Prozesses“ (ebd., S.18). Um den Aufbau der ICF kurz zu umreißen und zu veranschaulichen, dient die Abbildung 11 (s. Anhang S. 66). Die ICF entspricht nicht nur dem Biomedizinischen Modell, sondern es wurde, wie bereits erwähnt, um das biopsychosoziales Modell erweitert, welches den Gesundheitszustand objektiv wiedergibt, wobei die subjektiven Faktoren zusätzlich mit beachtet werden. Bei dem hierarchischen Aufbau dieser Klassifikation steht an oberster Stelle die Unterteilung in die zwei Teile Funktionsfähigkeit und Behinderung (Teil 1) sowie die Kontextfaktoren (Teil 2). Erstere gliedert sich in Körperfunktion und -strukturen sowie Aktivitäten und Partizipation auf. Im zweiten Teil wird unterschieden zwischen Umweltfaktoren, die als äußere Faktoren entweder Förderfaktoren oder Barrieren darstellen, und personenbezogenen Faktoren (innere Faktoren), die nicht beurteilt, sondern nur benannt werden. Die Behinderung eines Menschen wird wiedergegeben über die einzelnen Wechselwirkungen zwischen den Komponenten der ICF, im
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Kapitel 2 - Sinn und Nutzen der Fußreflexzonentherapie für die Entwicklung und das Befinden
schwerstmehrfachbehinderter Kinder - Kontextualisierung der Fragestellung
Speziellen zwischen den Angaben zum Körper, der Aktivität/ Partizipation und den entsprechenden Kontextfaktoren (ebd.). Zur Veranschaulichung der Wechselwirkungen dient die Abbildung 12 (s. Anhang S. 67). Alle einzelnen Determinanten stehen in Beziehung zueinander, wodurch jede Veränderung einer Komponente auch die anderen beeinflusst.
Im Folgenden werde ich die Gesundheitssituation der
schwerstmehrfachbehinderten Kinder über die Determinanten der ICF näher darstellen (s. Abb. 2). Die RZF, wenn sie richtig und regelmäßig angewendet wird, kann der Verbesserung einzelnen Komponenten dienen.
Abb. 2
Darstellung der Komponenten des ICF-Modells bezüglich schwerstmehrfachbehinderter Kinder
Ein Beispiel: Nutzt man in der Behandlung eines Kindes mit Tetraspastik vor allem Ausstreichungen und sanfte therapeutische Reize der RZF, wird der Muskeltonus der hypertonen Muskulatur abnehmen. Dadurch werden die Arme oder Beine des Kindes lockerer und beweglicher. Folglich wird das Kind in der physiotherapeutischen Behandlung, z.B. nach Bobath, einen größeren Erfolg haben, da die Extremitäten beweglicher sind und die Fazilitation von
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Kapitel 2 - Sinn und Nutzen der Fußreflexzonentherapie für die Entwicklung und das Befinden
schwerstmehrfachbehinderter Kinder - Kontextualisierung der Fragestellung
Bewegungen erleichtert wird. Ist dies erreicht, wird das Kind motorisch einen Fortschritt erleben und dabei unterstützt werden selbstständiger zu agieren. Auf die Aspekte der Körperfunktion/ -struktur und schließlich auch der Aktivität wird somit positiv eingewirkt. Außerdem wird die Psyche und Motivation des Kindes (personenbezogene Faktoren) positiv beeinflusst, wenn es sich freier bewegen kann. Auf diese Weise können die Lebensbedingungen
schwerstmehrfachbehinderter Kinder optimiert werden. Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, dass es sich lohnt, die RZF in die therapeutische Behandlung und Förderung schwerstmehrfachbehinderter Kinder zu integrieren. In meiner Tätigkeit als Physiotherapeutin in der Praxis wurde mir dies bestätigt. Deshalb halte ich es für außerordentlich wichtig, die Methode der
Fußreflexzonentherapie auch wissenschaftlich fundiert zu bestätigen, damit mehr betroffene Kinder von der RZF profitieren können. Die folgenden Kapitel sollen Aufschluss darüber geben, warum die RZF eine sinnvolle Ergänzung zur herkömmlichen und klassischen Therapie darstellt. Eine explorative 3 Effektivitätsstudie im kleinen Rahmen soll erste evidenzgebende Ergebnisse liefern. Vor dem Hintergrund der ICF werde ich abschließend noch einmal auf die Effektivität der RZF eingehen.
3 entdeckend, ausprobierend, erforschend
6
Kapitel 3 - Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt
3 Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt
3.1 Historischer Hintergrund
Die Anfänge der Reflexzonentherapie lassen sich heute kaum detailliert nachvollziehen. Es ist aber davon auszugehen, dass in verschiedenen Kulturkreisen die Behandlung diverser Beschwerden indirekt über Manipulation und Druckmassagen an den Füßen mit Erfolg durchgeführt wurde. Beispiele dafür gibt es aus dem alten China oder aus Ägypten: Ein Wandbild von ca. 2500 v. Chr. zeigt „Ärzte“, die die Füße und Hände von Patienten behandeln, welche laut Inschrift um Schmerzfreiheit bitten (Wright 2005). Ein weiteres Zeugnis hierfür ist der Jahrtausende alte Altar von Copán im heutigen Staat Honduras, auf welchem die Fußreflexzonenbehandlung der Maya in Stein gehauen ist. Mittels verschlüsselter Symbole wurde die Behandlung wichtiger Organe und Körperfunktion dargestellt (Abb. 3).
Die Punkte weisen dabei auf die Massagetechnik hin, die Anzahl der Balken gibt Aufschluss über den dargestellten Körperbereich. Exemplarisch soll hier auf das erste Symbol eingegangen werden, welches den Bereich des Hinterkopfes wiedergibt. Der obere Balken ist die Schädeldecke. Im mittleren Teil ist der gesamte Schädel mit Kleinhirn, Großhirn und Epiphyse dargestellt. Die unteren drei Punkte geben Informationen zur Behandlung, in diesem Fall sollen die großen Zehen behandelt werden (Kaiser, Poyck-Scharmann &
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Kapitel 3 - Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt
Scharmann 1995). Diese Erklärung deckt sich mit der Fußreflexzonentherapie unserer Zeit, denn nach der heutigen Auffassung, liegen die Kopfzonen ebenfalls in den Zehen und die Gehirnzone im Speziellen im Großzeh. Dementsprechend ist anzunehmen, dass die Anfänge der Reflexzonenarbeit in einer Zeit liegen, in der sich die Menschen noch auf genaue Beobachtungen der Körperreaktionen bei bestimmten Anwendungen verlassen mussten. Diese entwickelten sich im Weiteren zu effektiven Methoden, wovon die Fußreflexzonenmassage eine ist. Es sind jedoch nur wenige eindeutige Quellen aus dieser Zeit vorhanden, deren Interpretation auf das Vorkommen und die Anwendung der RZF schließen lässt .
Der erste Mediziner, der diese alten Erfahrungen und das Wissen in seine Behandlung integrierte, war Dr. med. William Fitzgerald (1872-1942). Bezugnehmend auf die Erfahrungen der Ureinwohner Mittel- und Nordamerikas, entwickelte er 1917 die „Zone therapy“. Hierfür teilte er den Menschen in zehn senkrecht verlaufende Zonen ein („Body Zones“), beginnend am Kopf bis hin zu den zehn Fingern und zehn Zehen (s. Abb. 4).
Kapitel 3 - Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt
In diesen Zonen, lokalisiert an Kopf, Händen und Füßen, behandelte er seine Patienten, wodurch er viele wichtige Erkenntnisse zur Reflexzonentherapie erlangte. Mittels der Zonenrasterung wird der Körper systematisch unterteilt. So sind die am Fuß befindlichen Reflexe leichter zu finden (Ingham 2002). Fitzgerald lehrte die Anwendung seiner Zonentherapie verschiedenen Fachärzten, Chiropraktikern und Therapeuten, die ihrerseits weitere Erfahrungen zusammentrugen. Folglich erlangte die Reflexzonenarbeit um 1925 in den USA einen hohen Bekanntheitsgrad (Marquardt 2007). Damit war Fitzgerald der erste Arzt der Neuzeit, der die Wechselwirkung und Verknüpfungen des ganzen Körpers mit seinen Einzelteilen in therapeutisch nutzbare Verbindung brachte.
Zu Beginn der 30er Jahre zeigte die Masseurin Eunice Ingham (1888-1974) wachsendes Interesse an den Ausarbeitungen Fitzgeralds. Auf seiner Grundlage entwickelte sie durch jahrelange eigene Erfahrung ihre „Ingham-Method of compression massage“, welche als „Reflexology“ bekannt wurde. Diese beschrieb sie erstmal 1938 in „Stories the feet can tell“, welches sie später ergänzte in „Stories the feet have told“ (Marquardt 2005). Darin beschreibt sie ihre Technik als „spezialisierte Gewebebehandlung [...], wenn die Nervimpulse in den Füßen beeinflusst werden und eine Entspannung herbeigeführt wird“ (Ingham 2002, S.7) Im Laufe der Zeit kam auch Hanne Marquardt (geb. 1933, ausgebildete Krankenschwester und Masseurin, s. Abb. 10, Anhang S. 65) mit der Ingham-Methode in Berührung. Zunächst arbeitete Marquardt zwei Jahre als Lehrkraft an der Massageschule in Boppard/ Rhein. 1958 beendete sie ihre Ausbildung zur Atemtherapeutin und legte 1961 erfolgreich ihre Prüfung zur Heilpraktikerin ab. Begeistert von der „Reflexology“ führte sie diese über neun Jahre lang selbst in ihrer Praxis durch, bis sie 1967, überzeugt von der Methode, sowohl im präventiven als auch im kurativen und rehabilitativen Bereich, praktische Kurse für medizinisches Fachpersonal anbot. 1970 eröffnete sie ihre erste Lehrstätte für Fußreflexzonentherapie in Königsfeld-Burgberg. Schließlich folgte 1975 ihr Erstlingswerk mit dem Titel „Reflexzonenarbeit am Fuß“. Mittlerweile hat sich die Anzahl ihrer Lehrstätten auf 15 Ausbildungsorte im In- und Ausland gesteigert (Marquardt 2005). Noch heute, mit 75 Jahren, gibt sie ihr Wissen um die Reflexzonentherapie am Fuß auf nationaler und internationaler Ebene an Interessierte weiter. „Ich wünsche
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Kapitel 3 - Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt
mir, dass das Erbe, das ich vor Jahrzehnten antrat und bis heute weitergebe, vielen Menschen auf ihrem inneren und äußeren Lebensweg eine gute Richtung weisen und immer lebendig, praxisnah und zeitgemäß bleiben möge“ (Marquardt 2005, S.5).
3.2 Das Konzept
Die Reflexzonentherapie am Fuß wird dem Bereich der Komplementärmedizin 4 zugeordnet, bei welcher die Selbstheilungskräfte des Patienten unterstützt werden. „Als Ordnungs- und Regulationstherapie [...] versteht [sie] jede Art von Schmerz, auch den in den Zonen, als Hinweis, dass die Heil- und Regenerationskraft des Menschen Hilfe und Unterstützung braucht“ (Reflexzonentherapie am Fuß 2008, S.6). Das Prinzip besteht dabei in der Widerspiegelung des Makrosystem Mensch im Mikrosystem Fuß, d.h. fast der ganze Körper, bis auf Hände, Unterschenkel und Füße, wird in Form von Reflexzonen am Fuß reflektiert. Auf diese Weise können Funktionsstörungen und Beschwerden der Organe, der Muskulatur, des Lymphsystems, der Knochen und Gelenke festgestellt und indirekt sowohl über die Fußsohle und den Fußrücken, als auch über das Sprunggelenk und den distalen Unterschenkel behandelt und gelindert werden. Mit den Händen wird der ganze Fuß mittels verschiedener Griffe und Druckintensitäten je nach Behandlungsbedarf bearbeitet.
Es wird vermutet, dass die Wirkung der RZF auf dem viszerokutanen Reflex beruht. Dies bedeutet, dass der therapeutische Reiz über nervale Verbindungen, die zwischen der Haut und den verschiedenen Organen bestehen, weitergeleitet wird oder dass die Organe über vegetative Reaktionen nach gesetztem Reiz erreicht werden können (Kolster & Ebelt-Paprotny 2002). Dies ist allerdings noch nicht grundlegend erforscht. Auch gibt es noch keinen wissenschaftlich belegten Nachweis der Reflexzonensomatopie. Dennoch steht fest, dass ein heilender Reizmechanismus vorhanden ist, der ähnlich der Akupunktur zum gewünschten Behandlungserfolg führen kann (Wright 2005).
4 lat.: complementum = Ergänzung; ergänzende Medizin zur Schulmedizin; Alternativmedizin
10
Kapitel 3 - Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt
3.2.1 Reflexzonen
Um die Reflexzonen des Fußes leichter finden zu können, sind die „body zones“ von W. Fitzgerald, die Schautafeln von H. Marquardt (s. Abb.13, Anhang S. 68) und die Formenanalogie zwischen Mensch und Fuß (s. Abb. 5 und 6) eine sehr gute Hilfestellung. Die Formenanalogie wurde von Marquardt entdeckt. Stellt man sich einen sitzenden Menschen vor, entspricht diese Darstellung der Form eines aufgestellten Fußes in Nullstellung. Dabei gelten folgende Regeln: die Vorderseite des Menschen (ventral) ist an der Dorsalseite des Fußes und die Rückseite des Menschen (dorsal) ist plantar am Fuß zu finden. Daraus ergeben sich weitere Übereinstimmungen: die Reflexzonen des Kopfes und Halses liegen in den Zehen, die von Thorax und Oberbauch in den Mittelfußknochen; Bauchraum und Becken können an den Fußwurzelknochen bis hin zu den Knöcheln behandelt werden und die Reflexzonen des Oberschenkels und der Knie entsprechen schließlich dem distalen Unterschenkel (Marquardt 2005).
Abb. 5 Abb. 6
[...] Form des Fußes [in Nullstellung] Makrosystem Mensch (Grundkurs (Marquardt 2005, S. 7) Reflexzonentherapie am Fuß nach Hanne Marquardt o.D., S. 55)
Weiterhin spiegeln die knöcherne Strukturen des Fußskeletts auch die Knochen des gesamten Körpers wider. So ist beispielsweise die Reflexzone des
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Kapitel 3 - Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt
Oberarmes am fünften Mittelfußknochen zu finden. Ebenso verhält es sich mit Gelenken, Bändern und der Muskulatur. Zur detaillierten Darstellung dienen die Schautafeln im Anhang.
Marquardt hat auch hier ihre Erfahrungswerte einfließen lassen, so dass sich die Reflexzonen in ihrer Lokalisation teilweise von denen Inghams unterscheiden oder Marquardt diese noch um weitere Reflexzonen erweitert hat (s. Tab. 1). Auf diese Weise sind die Reflexzonen heute detaillierter beschrieben, was die Befundaufnahme und die zielgerichtete optimale Behandlung jedes Patienten erleichtert. Die Variationen der Reflexzonen beruhen auf empirischen Erfahrungswerten aus ihren Behandlungen.
Tab. 1
Unterschiede der Reflexzonentafeln von Ingham und Marquardt
3.2.2 Ziele und Indikationen
Die Ziele der Fußreflexzonentherapie sind breit gefächert. Von Entspannung bis hin zu Aktivierung kann vieles abgedeckt werden. Die RZF dient nicht der direkten Heilung, sondern der Anregung der Selbstheilungskräfte des Körpers. Je nach Diagnose und Beschwerdebild werden die Parameter der Durchführung variiert, jedoch immer mit dem Ziel eine Hyperämisierung des Fußgewebes zu erreichen, damit der Körper schon von der Basis her zur
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Kapitel 3 - Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt
Regenerierung und Ordnung aktiviert werden kann. Weiterhin soll das vegetative Nervensystem stabilisiert und energetische Blockaden gelöst werden. Die RZF geht davon aus, dass das optimale Zusammenspiel der Körperfunktionen vom Fließen der Energie abhängig ist und daher nicht durch auftretende Blockaden, die sich durch Hornhaut oder Falten der Fußsohle zeigen, gestört werden darf (Burggraef 2004). Außerdem zielt die RZF darauf ab, Ausscheidungen der Harnwege, des Verdauungstraktes und auch der Haut und Atemorgane zu fördern sowie Muskelverspannungen und eventuell vorhandene Spasmen zu regulieren.
Verschiedene Indikationen haben sich bewährt. Als erstes sind hier die statischmuskulären Erkrankungen zu nennen, unabhängig ob akut oder chronisch, wie beispielsweise Arthrose oder schmerzbedingte Bewegungseinschränkungen. Die zweite Indikationsgruppe beinhaltet funktionelle Erkrankungen des Verdauungstraktes, z.B. Gastritis oder Obstipation. Die dritte große Gruppe umfasst Erkrankungen des Atemwegssystems wie Bronchitis oder Erkältungen. Weiterhin können Beschwerden der harnableitenden Wege gelindert werden. Ebenso profitieren Allergiker mit Heuschnupfen, Asthma oder
Hauterkrankungen von der RZF. Der Schlaf-Wach-Rhythmus und das allgemeine Wohlbefinden können ebenfalls positiv beeinflusst werden. Interessant für Frauen ist die Besserung von Menstruationsbeschwerden nach mindestens einer Behandlungsserie (persönliche Mitteilung Burggraef 2008, s. Anhang S. 74-87). Nützlich ist die RZF auch für die große Gruppe der Kinder und alten Menschen, die mit ihren meist komplexen chronischen Erkrankungen eine Besserung ihres Zustandes erleben können (Marquardt 2007).
3.2.3 Kontraindikationen
Trotz aller positiven Aspekte der RZF ist auch diese Methode kein Allheilmittel. Bei der Anwendung gilt es bestimmte Kontraindikationen zu beachten. Diese werden in absolute und relative Kontraindikationen unterschieden. Zu den absoluten zählen
• akute Entzündungen im Venen- und Lymphsystem, • Fremdkörper in der Nähe lebenswichtiger Organe und Systeme, • Aneurysmen in arteriellen Blutgefäßen, • Transplantate und
13
Kapitel 3 - Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt
• Melanome, die speziell an Füßen und Beinen vorkommen.
Des Weiteren sollte nach überstandenen Venenentzündungen der aktuelle Zustand ärztlich abgeklärt sein, um die RZF durchzuführen. Die relativen Kontraindikationen werden unterteilt in Erkrankungen der Füße und weitere relative Kontraindikationen. Zur ersten Teilgruppe gehört • der Morbus Sudeck 5 am Fuß (Behandlung kontralateral oder über
Handreflexzonen möglich),
• Gangräne 6 am Fuß (nur für geübte und sichere Therapeuten mit
Erfahrung),
• Ekzeme oder Mykosebefall am Fuß (Baumwollsocken verhindern den
direkten Kontakt und ermöglichen dennoch die Therapie) und • Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis im akuten
schmerzhaften Stadium (nur sanft arbeiten und vor allem Ausstreichungen anwenden). Zu den weiteren relativen Kontraindikationen werden • infektiöse und hochfieberhafte Erkrankungen (RZF nur als
unterstützende Maßnahme während ärztlicher Behandlung), • Psychosen wie Schizophrenie (Psychopharmaka verschleiern normale
Reaktionen, wodurch Reaktionen auf die RZF nicht eindeutig abzugrenzen sind),
• bei ärztlich verordneter Immunsuppression (Leukozytenzahl unter 2500)
(Grundkurs Reflexzonentherapie am Fuß nach Hanne Marquardt o.D.), • Aids im terminalen Stadium (lediglich sanfte Reize und Ausgleichsgriffe)
und
• Risikoschwangerschaften gezählt.
Außerdem sollte man bei Erkrankungen, bei denen eine Operation optimale Erfolge verspricht, diese auch durchführen und auf die RZF verzichten (Marquardt 2005).
5 auch als Complex regional pain syndrome (CRPS) bezeichnet
6 „Form der ischämischen Nekrose mit Autolyse des Gewebes und Verfärbung“ (Engst et al. 1998)
14
Kapitel 3 - Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt
3.2.4 Griffe und Technik
Die Grundlage der RZF ist die Arbeit mit den eigenen Händen. Dementsprechend ist es wichtig, dass der Therapeut seine Hand ohne Überdehnung oder Verkrampfung entspannt einsetzen kann. Der Abstand zu den Füßen des Patienten sollte dabei ungefähr einer Unterarmlänge entsprechen (Marquardt 2007). Die Behandlungsbank sollte auf der individuellen Arbeitshöhe eingestellt sein, um sowohl Rücken- als auch Schulter- und Armschmerzen während der Arbeit zu vermeiden. Der wichtigste Griff der RZF ist der Daumen-Grundgriff (s. Abb. 14a & b, Anhang S. 69). „Die heutzutage ausgeführte Grifftechnik wurde auf dem Wege jahrelanger praktischer Erprobung entwickelt, um die Hand bestmöglich funktionsgerecht einzusetzen“ (Marquardt 2005, S.12). Hierbei wird auf einen zu starken mechanischen Druck verzichtet, da der Reiz nur über die Bewegungsabfolge des Daumens entsteht, während die Finger passiv ruhen und Halt geben. Der Daumen-Grundgriff kann in zwei Phasen unterteilt werden, um die Bewegung besser nachvollziehen zu können. Die erste Phase ist die aktive. Der Unterarm steht in der Semipronationsstellung, Hand und Unterarm bilden eine horizontale Linie. Durch die drucklose Berührung des Fußes mit dem Daumen, befindet sich dieser in einer leichten Opposition. Durch ein entspanntes Vorwärtsschwingen des Armes, welches aus dem Schultergelenk kommt und nicht aus dem Handgelenk, resultiert eine passive Flexion des Daumenendgliedes. Nun übernimmt der Daumen die aktive Phase und steigert den Flexionswinkel auf 90°, damit über den Daumenba llen schließlich der therapeutische Reiz punktuell im Gewebe gesetzt werden kann. Es folgt die passive Phase des Griffes, denn durch ein spontanes Entspannen der Daumen-und Handmuskulatur kann der Arm passiv zurückschwingen. Schließlich ruht der Daumen wieder auf dem Fuß (Marquardt 2005). Der Wechsel zwischen aktiver und passiver Phase führt zu einem harmonischen Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung, was einerseits dem Therapeuten die Möglichkeit einräumt, sich wieder neu auf jeden therapeutischen Reiz konzentrieren zu können, und andererseits dem Fußgewebe von neuem Zeit zu Verarbeitung des eben gesetzten Reizes gibt.
Ein weiterer wichtiger Griff ist der Zeigefinger-Grundgriff (s. Abb. 15a & b, Anhang S. 69). Im Unterschied zum Daumen-Grundgriff setzt hier der
15
Arbeit zitieren:
Dana Loudovici, 2009, Die Fußreflexzonentherapie nach Hanne Marquardt als Therapieansatz bei schwerstmehrfachbehinderten Kindern, München, GRIN Verlag GmbH
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