Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
Die Figuren 2
Die Stiefmutter / Mutter 2
Nach den Brüdern Grimm 2
Nach Ludwig Bechstein 7
Nach Adelheid Wette 9
Nach Frank Corsaro 11
Die Hexe 13
Nach den Brüdern Grimm 14
Nach Ludwig Bechstein 15
Nach Adelheid Wette 16
Nach Frank Corsaro 17
Schlussfolgerung 18
Bibliographie 20
Prim ärliteratur 20
Sekund ärliteratur 20
Einleitung
Im Garten der Romantik blühten nicht nur blaue Blumen. Als bekanntester Ertrag dieser reichen Epoche sind auf uns die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm gekommen, die zu den bedeutendsten Sprachdenkmälern der deutschen Literatur gehören. 1
Ein Märchen dieser Sammlung ist Hänsel und Gretel, welches unumstritten zu den bekanntesten aller Märchen gehört. Es erzählt die Geschichte von zwei kleinen Kindern, Hänsel und Gretel, welche von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden, da nicht genug zu essen für alle vorhanden ist. Hänsel und Gretel erleben vieles und müssen es mit einer Hexe aufnehmen, bevor sie ihren Heimweg antreten und ihren Vater in die Arme schließen können. Dies fasst in aller Kürze den Inhalt des Märchens zusammen, das im Laufe der Zeit so viele Menschen inspiriert hat: Angefangen bei den Brüdern Grimm und Ludwig Bechstein in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Vertonung durch Engelbert Humperdinck und seine Schwester Adelheid Wette im Jahre 1893. Noch heute wird dieses Märchen Kindern von Eltern und Großeltern vorgelesen und hat, über ein Jahrhundert nachdem es schriftlich festgehalten worden ist, kaum etwas von seiner Faszination eingebüßt. Es vergeht kein Weihnachten, ohne dass die Kinderoper Humperdincks in den Opernhäusern gespielt wird.
Was also, muss man sich fragen, macht die Faszination von Hänsel und Gretel aus? Und ist dieses Kindermärchen wirklich kindgerecht?
Antworten auf diese Fragen sollen später gefunden werden. Speziell wird jedoch die Figur der Mutter beziehungsweise der Stiefmutter und die der Hexe in Hänsel und Gretel beleuchtet. Auch soll untersucht werden, welche Wirkung die jeweilige Darstellung sowohl auf Kinder als auch auf Erwachsene haben kann und ob es möglich ist, ihnen ausschließlich Unterhaltungscharakter oder auch psychologischen Tiefgang zuzusprechen.
Bevor dies jedoch unternommen wird, soll auf die inhaltlichen Unterschiede der verschiedenen Versionen des Märchens in aller Kürze eingegangen werden.
1 Irmen, Hans-Josef: Hänsel und Gretel. Studien und Dokumente zu Engelbert Humperdincks
Märchenoper. Mainz: 1989. S. 25.
1
Die Figuren
Die Stiefmutter / Mutter
Nach den Brüdern Grimm
Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm beginnen im Jahre 1806 damit, Märchen und Sagen zu sammeln. 2 „Wohl fahndeten die Brüder bei ihrer Sammelarbeit auch nach schriftlichen Quellen, aber immer wieder betonten sie, dass es die mündliche Überlieferung gewesen sei, auf die sie ihr Werk stützten.“ 3 Über sechs Jahre lang führen sie ihre Suche fort und veröffentlichen den ersten Band ihrer Kinder- und Hausmärchen 1812, der zweite erscheint bereits im Jahre 1815. 4 Ihre Märchensammlung gehört bis heute zu den bekanntesten der Welt. Da sie ihre Geschichten häufig mehrmals geändert und überarbeitet haben, erscheint es nicht verwunderlich, dass es mehrere Versionen desselben Märchens gibt, die sich allerdings nur unwesentlich voneinander unterscheiden. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird lediglich auf eine Version eingegangen. Die für jedermann zugängliche Online-Version 5 des Gutenberg Projekts 6 dient hierbei als Vorlage. An dieser werden im Folgenden die Frauenfiguren, zuerst die der Mutter, genauer beleuchtet.
Das Märchen der Brüder Grimm beginnt damit, die Not der Familie zu schildern. Die Eltern sind ratlos und wissen nicht, wie sie sich selbst und ihre Kinder weiterhin ernähren sollen. Und so sagt die Stiefmutter eines nachts zu ihrem Mann:
„Weißt du was, Mann, [...] wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.“ 7
2 Gerstner, Hermann: Brüder Grimm in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg:
1973. S. 38.
3 Ebd.
4 Ebd. S. 39-40.
5 Vgl. Grimms Märchen. Lechner Verlag: 1992.
6 Projekt Gutenberg (2008)
7 Ebd.
2
Der Mann reagiert schockiert über diesen Vorschlag und erwidert, dass er es nicht übers Herz bringe, seine Kinder im Wald alleine zu lassen, wo sie höchstwahrscheinlich von wilden Tieren gefressen werden. Seine Frau jedoch lässt ihm keine Ruhe und bringt ihn letztendlich dazu, ihrem Plan zuzustimmen. Dem Leser stellt sich nun die Frage, was von einer Mutter zu halten ist, die bereit ist, ihre Kinder allein im Wald auszusetzen? Ist nicht eher zu erwarten, dass die Eltern sich selbst opfern, um ihren Kindern eine Zukunft zu ermöglichen? Weshalb beginnt ein Kindermärchen mit einem derartigen Horrorszenario? Ist es möglicherweise damit zu erklären, dass es sich hier nicht um die leibliche Mutter von Hänsel und Gretel handelt, sondern um die Stiefmutter? Und was hat die Brüder Grimm dazu veranlasst, die Figur der Mutter in ihren früheren Versionen gegen die der Stiefmutter auszutauschen? Maria Tatar zufolge liegt es daran, „because Wilhelm Grimm could rarely resist the temptation to act as censor by turning the monstrously unnatural cannibals and enchantresses of these tales into stepmothers, cooks, witches, or mother-in-law” 8 . Und sie erklärt weiter, dass „as the audience for the tales changed, the need to shift the burden of evil from a mother to a stepmother became even more urgent” 9 .
Die Rolle der Stiefmutter ist seit jeher negativ behaftet. Man erinnere sich etwa an Schneewittchen oder Aschenputtel, welche ebenfalls in den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen zu finden sind. Auch in diesen Märchen setzen die Stiefmütter alles daran, ihre Stiefkinder loszuwerden oder ihnen das Leben so schwer als nur möglich zu machen. Was jedoch steckt dahinter? Ist der Wunsch dieser Frauen, eine eigene Familie mit leiblichen Kindern zu gründen, so stark, dass sie selbst vor Mord nicht zurückschrecken? Was kann die Verfasser dieser Geschichten dazu bewogen haben, diese Figuren so zu zeichnen?
Der Erzieher und Therapeut Bruno Bettelheim ist der Ansicht, dass die weiblichen Figuren in Hänsel und Gretel, also die Stiefmutter und die Hexe, „die feindlichen Mächte“ 10 in der Geschichte darstellen. Auf die Hexe soll später eingegangen werden. Was die Stiefmutter betrifft, so ist sie eindeutig die treibende Kraft, die die Kinder aus dem Haus haben will und laut Bettelheim ist das auch gut so. Die Mutter repräsentiert die Quelle der Nahrung für die Kinder 11 und ist somit überaus wichtig
8 Tatar, Maria: The Hard Facts of the Grimms’ Fairy Tales. Princeton: 1987. S. 142.
9 Ebd.
10 Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. München: 1980. S. 189.
11 Ebd. S. 183.
3
für sie. Wenn diese Quelle nun nicht länger zur Verfügung steht, bedeutet das ein großes Problem für die hungrigen Kinder. Sie werden gezwungen, selbständiger zu handeln. Dies gelingt Hänsel und Gretel auch. Iring Fetscher argumentiert weiter:
Der erste Mordanschlag der Eltern misslang dank der List des Knaben Hänsel, der den Rückweg heimlich mit Kieselsteinen markiert und so seine Schwester und sich selbst sicher nach Hause zurückführen kann. 12
Das Wiedersehen mit den Eltern ist zwiegespalten: Der Vater freut sich von Herzen, seine Kinder wiederzusehen, während die Stiefmutter sie schellt, so lange im Wald geschlafen zu haben. Nach kurzer Zeit ist wieder nicht ausreichend zu essen für alle da und die Frau schlägt erneut vor, die Kinder loszuwerden. Dieses Mal gelingt es den Eltern. Die Kinder finden sich allein im Wald wieder und müssen gemeinsam nach einer Lösung suchen. Sie selbst müssen nun herausfinden, was zu tun ist und können nicht mehr auf die Hilfe ihrer Eltern hoffen. Denn von Eltern, die ihre eigenen Kinder aussetzen und dem Hungertod überlassen, ist keinerlei Hilfe zu erwarten. Normalerweise wird die Figur der Mutter mit Schutz, Geborgenheit und Wärme assoziiert. Sie ist die wichtigste Bezugsperson eines Kindes in den ersten Jahren. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass die Mutter ihr Kind neun Monate in sich trägt, es beschützt und ernährt. Die Bindung zur Mutter ist daher von besonderer Art.
Im Gegensatz dazu übernimmt der Vater eine weniger wichtige Rolle, was auch bei Hänsel und Gretel der Fall ist. Er wird „im ganzen Verlauf der Geschichte als eine schattenhafte, unwirksame Figur“ 13 dargestellt, „wie er dem Kind ganz allgemein zu Anfang seines Lebens vorkommt“ 14 . Und in der Tat ist die Figur des Vaters eine passive: Er hilft mit, seine eigenen Kinder auszusetzen, zweimal, obwohl er mehrmals beteuert, dies nicht übers Herz zu bringen. Er ist nicht in der Lage, mit einer anderen Lösung die Nöte der Familie in den Griff zu bekommen und versagt somit in der Rolle des Familienoberhauptes und Ernährers. Wie bereits erwähnt, befinden sich Hänsel und Gretel nun alleine im Wald und sehen sich ihren größten Ängsten ausgesetzt: Angst vor dem Alleinsein, Angst zu verhungern und Angst zu sterben.
12 Fetscher, Iring: Wer hat Dornröschen wachgeküsst? Das Märchen-Verwirrbuch und die Reportagen
des Edlen von Goldeck von den drei Märchendeuter-Kongressen. Frechen: 2000. S. 132.
13 Bettelheim, B.: Kinder brauchen Märchen. S. 184.
14 Ebd.
4
Arbeit zitieren:
Sabrina Birn, 2008, Die Stiefmutter / Mutter und die Hexe in 'Hänsel und Gretel' - Eine Untersuchung, München, GRIN Verlag GmbH
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