Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen 6
2.1 Theorien zu Migration 6
2.1.1 Fremdheit und Marginalität 7
2.1.2 Die Wechselbeziehungen von Aufnahmegesellschaft und Migranten in
verschiedenen theoretischen Modellen 11
2.1.2.1 Die Modelle von Alan Richardson und Ronald Taft 11
2.1.2.2 Milton M. Gordons Assimilationsmodell und die „ethclass“ 15
2.1.2.3 Hoffmann-Nowotnys Thesen zur Beziehung von gesellschaftlicher und
kultureller Dimension 18
2.1.2.4 Das Assimilationsmodell von Hartmut Esser 19
2.1.2.5 Ergänzende Bemerkungen zu Migration als sozialem Prozess 22
2.2 Zur historischen Sozialforschung und zur Migration als deren For-
schungsgegenstand 23
2.3 Zu sozialen Konflikten in der Einwanderungsgesellschaft und der Rolle
der staatlichen Politik 26
3. Zur Migrationsgeschichte Deutschlands im ausklingenden 19. Jahrhundert
bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 27
3.1 Deutsche Überseeauswanderung und Landflucht als Ursachen von „Leu-
te -“ und „Arbeiternot“ 28
3.2 Strukturwandel, kontinentale Zuwanderung und staatliche Migrationspo-
litik im Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg 32
4. Zur Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg 46
5. Migrationsgeschichte zur Zeit der Weimarer Republik 51
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5.1 Emigration, Flucht, Vertreibung nach dem Ersten Weltkrieg 52
5.2 „Inländervorrang“ und staatliche Regulierung des Arbeitsmarktes 55
6. Das Schicksal der „Displaced Persons“ nach dem Zweiten Weltkrieg 60
7. Arbeitsmigranten im Spannungsfeld zwischen Zu- und Einwanderung in
der Bundesrepublik Deutschland 64
7.1 Neuer Arbeitskräftebedarf - Migranten, Arbeitsmarkt, Politik und Gesell-
schaft in der BRD bis 1973 65
7.2 Die Entwicklung seit den 1970er-Jahren hin zum Einwanderungsland und
die Nicht-Anerkennung der Einwanderungssituation durch die Politik 71
8. Strukturveränderungen von Migration und politische Paradigmenwechsel
seit den 1980er-Jahren 81
8.1 Asylbewerber und (Spät-)Aussiedler als neue Herausforderungen für Poli-
tik und Gesellschaft in Deutschland 82
8.2 „Ein unumkehrbarer Zuwanderungsprozess“ - der Regierungswechsel
1998 als Bewusstseinswandel in der Migrationspolitik? 89
8.3 Migranten und staatliche Integrationsförderung im neuen Jahrtausend 94
9. Zusammenfassung 98
10. Abbildungsverzeichnis 102
11. Literaturverzeichnis 103
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1. Einleitung
Erst vor wenigen Jahren setzte sich für die Bundesrepublik auch von Seiten der Regierung und der beiden großen Volksparteien - wenn auch sehr zögerlich und nicht bei jedem einzelnen Spitzenpolitiker - der Terminus „Einwanderungsland“ durch 1 , wenn von der Nation hinsichtlich ihrer Migrationsströme gesprochen wird. Manchen Beobachtern schien es, als habe man in der Politik jahrzehntelang eine offensichtliche Entwicklung nicht beim Namen nennen wollen oder sie sogar ignoriert (Bade/Oltmer 2004: 84 f.). Trotzdem bewegt(e) das Thema der Migration 2 die Menschen im Land. Aus diesem Grund wurde es von den politischen Parteien auch oft im Wahlkampf für innenpolitische Debatten und Profilbildung benutzt. Ein prominentes Beispiel dafür ist die stark polarisierende Unterschriftenaktion von Roland Koch (CDU) gegen die doppelte Staatsbürgerschaft im hessischen Landtagswahlkampf 1999 (Angenendt/Kruse 2004: 482). Wie sehr das Thema die Menschen stets beschäftigte, lässt sich daran erkennen, dass die Diskussionen um Einwanderung und die Eingliederung von Migranten schon seit weit über einem Jahrhundert immer wieder ähnlich und auch ähnlich intensiv geführt wurden. Denn die Fragestellungen und die Positionen ähneln sich über einen Zeitraum von über 130 Jahren hinweg auf verblüffende Weise (Herbert 2001: 9). Solche Debatten hatten und haben oft einen populistischen Zug, und nicht selten trüben ideologisch oder von tagespolitischem Interesse geprägte Positionen den Blick auf Fakten und schränken die Handlungsmöglichkeiten der politischen Akteure ein.
Aus der Perspektive der historischen Sozialforschung lässt sich allerdings ein objektiverer Blick auf Vorgänge und Strukturen gewinnen, die oft in Diskussionen verklärt oder gar nicht erkannt wurden. Mit der interdisziplinären Verschränkung von Sozial- und Geschichtswissenschaften ist es möglich, abseits von Wahlkampf
1 So vertrat der damalige saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) am 1. März 2002, dem Tag der Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz, im Gegensatz zum bayerischen Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber (CSU) die Ansicht, dass „Deutschland faktisch ein Einwanderungsland“ sei (Meier-Braun 2002: 133 f.).
2 Der Begriff „Migration“ stammt aus den Sozialwissenschaften und ist „aus den praktischen Bedürfnissen der Verwaltung abgeleitet und an Staatsvorstellungen des 20. Jahrhunderts gebunden“. Er ist sinnvoll für die staatliche Verwaltung um juristisch zwischen Umziehenden, Reisenden und Migranten (zu denen auch Flüchtlinge und Asylsuchende gehören) zu differenzieren (Kleinschmidt 2002: 13). Beispielsweise in Preußen und Deutschland fand Migrationsforschung auf Weisung durch Beamte statt und blieb immer in politischen Kontext eingebettet (Kleinschmidt 2002: 22). In dieser Arbeit wird der Schwerpunkt auf der transnationalen Migration liegen, Binnenmigration als Wanderung innerhalb nationalstaatlicher Grenzen ist nur entscheidend bei den sogenannten „Ruhrpolen“.
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und politischen Machtkämpfen der Frage nachzugehen, ob - oder zu welchem Zeitpunkt - man von einer Einwanderung nach Deutschland sprechen kann, inwieweit Zuwanderung für Deutschland notwendig war oder ist, wie die Politik mit dem sozialen Prozess „Migration“ umging, und wo Fehler im Umgang mit Migration gemacht wurden.
Deutschlands Migrationsgeschichte begann nicht erst in der Bundesrepublik mit der Anwerbung von Gastarbeitern. Der Blick könnte auch beliebig viele Jahr-hunderte vor der Gründung des Kaiserreiches 1871 zurückreichen. Aber ein Vergleich einer nichtindustrialisierten mit einer industrialisierten Gesellschaft macht bei dieser Fragestellung keinen Sinn, da sonst kein durchgehender roter Faden zu ziehen wäre. Deshalb wird diese Arbeit mit der Fokussierung auf das Migrationsgeschehen erst in einer Nation beginnen, in der die Industrialisierung schon relativ weit fortgeschritten war und die gleichzeitig vielfältige Strukturveränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft erlebte. Schon in den ersten Jahrzehnten des Kaiserreiches erlebte das Land große Auswanderungsschübe, rieb sich aber auch an der Frage nach der Beschäftigung von Ausländern im Reich, die den Arbeitskräftebedarf bestimmter wirtschaftlicher Bereiche befriedigen sollten. Dieser Anfangspunkt der im Folgenden vorzustellenden „Befunde zur Migrationsgeschichte Deutschlands“ liegt in den 1880er-Jahren. Die dritte sogenannte „Auswanderungswelle“ nach Übersee war auf dem Höhepunkt, innere Umstrukturierungsprozesse führten zu einem Bedarf an ausländischen Arbeitskräften. Es macht deshalb Sinn hier zu beginnen, um einige zentrale Aspekte der Migrationsgeschichte des modernen Deutschlands zu analysieren, auch wenn Vergleiche verschiedener Epochen wegen der unterschiedlichen Umstände immer sehr vorsichtig anzugehen sind. Trotzdem - so viel sei jetzt schon gesagt - lassen sich auch bestimmte strukturelle Ähnlichkeiten aufdecken. Neben der Frage nach Deutschlands Identität als Einwanderungsland steht also auch die Aufarbeitung von Strukturen der Wanderungen im Vordergrund. Zusätzlich liegt der Fokus auf der politischen Zuwanderungs- und Einwanderungssteuerung, deren Gestaltungsmöglichkeiten und deren Folgen. Dabei soll kein Gesamtbild aller Migrationsströme und Strukturveränderungen gezeichnet werden, sondern nur diejenigen herausgegriffen werden, die die deutlichsten Auswirkungen auf Deutschland hatten und an denen die Fragestellung in Hinsicht auf die migrationspolitische Gestaltung auch Erkenntnisse abwirft.
Zuvor soll in dieser Arbeit eine theoretische Grundlage sowohl über Migration selbst, als auch über die Disziplin der historischen Sozialforschung gelegt werden.
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Nach einer Analyse verschiedener Zeitabschnitte hinsichtlich der oben genannten Fragestellung werden die Erkenntnisse zusammengefasst und kurz diskutiert.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in der Soziologie eine Vielzahl von Theorien entwickelt, die das Themenfeld der Migration in bestimmten Teilaspekten behandeln. Es gab bestimmte Trends, mit welchen Begriffen, mit welchen Gesichtspunkten von Migration man sich vorwiegend beschäftigte. Auch wenn sich die Begrifflichkeiten der Forscher teilweise unterschieden, ähnelte sich doch der Fokus, der zunächst auf die Suche nach Erklärungsmodellen für Migration gelegt wurde (Han 2005: 41). Im Folgenden werden einige theoretische Ansätze aufgegriffen, die - auch mit Blick auf die Migrationsgeschichte Deutschlands - bestimmte Aspekte von (modernen) Wanderungen zu erklären versuchen. Für die vorliegende Themenstellung ist ein Blick auf die folgenden Ansätze von großem Wert, da sie uns verdeutlichen, mit welchen Schwierigkeiten sowohl Migranten als auch die Aufnahmegesellschaften zu kämpfen haben. Außerdem gewinnt man Erkenntnisse über die soziale Rolle des Migranten im Verhältnis zur Aufnahmegesellschaft und über die Wechselbeziehungen, in die dieser in der für ihn neuen Gesellschaft eintritt. Die Prozesshaftigkeit der möglichen Eingliederung in die Zielgesellschaft, aber auch die sozialen Wechselwirkungen zwischen Einwanderern und Aufnahmegesellschaft sind dabei Hauptthemen der im Kapitel 2.1.2 vorgestellten Ansätze. 3 Zuvor werden aber in 2.1.1 zwei klassische theoretische Ansätze über den „Fremden“ als sozialen Akteur, nämlich von Alfred Schütz und Georg Simmel erläutert, außerdem das Konzept des Personaltypus des sogenannten „marginal man“, der auf Robert E. Park zurückgeht. 4
3 Die behandelten Theorien und Modelle sind bewusst ausgewählt worden, da sie teils exemplarisch für andere Modelle sind (Alan Richardson und Ronald Taft), bestimmte Aspekte sehr weitsichtig analysieren (Georg Simmel, Alfred Schütz, Milton M. Gordon) oder ihre Erklärung eine große Reichweite hat (Hartmut Esser).
4 Die Basis für den „marginal man“ habe - Friedrich Heckmann zufolge - aber Georg Simmel mit seinem Aufsatz über den „Fremden“ gelegt (Heckmann 1981: 114).
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2.1.1 Fremdheit und Marginalität
Georg Simmels - als soziologischer Klassiker geltender Aufsatz - „Exkurs über den Fremden“ (Simmel 1992: 764-771) von 1908 erklärte den Fremden als soziologisches Phänomen, definierte ihn „als der Wandernde, […] der heute kommt und morgen bleibt“ (Simmel 1992: 764). Die Fremdheit entsteht bei Simmel gerade durch die Überwindung früherer räumlicher Distanz gegenüber einer Gruppe von Personen, zu denen ein Individuum nun in der Rolle des „Fremden“ stößt. Früher war der Fremde durch die räumliche Distanz gar nicht existent für den Betrachter und für die Gruppe, für die er erst relevant wird, sobald er zu ihnen stößt. Eine Person wird dann zum Fremden, wenn sie in den „räumlichen Umkreis“ (Simmel 1992: 765) tritt, in dem sich auch der Betrachter befindet, der erst dadurch seinem Gegenüber das Attribut des Fremden geben kann und so zur Entstehung von dessen Fremdheit beiträgt. Ein ‚Fremder’ braucht, um diese soziale Rolle einnehmen zu können, immer auch einen Akteur, für den er fremd (im Sinne Simmels) sein kann - eine Wechselbeziehung ist hier zwingend notwendig, denn Fremdheit wird bei Simmel sozial konstruiert. Er betonte, dass durch die Fremdheit jener Person ein hohes Maß an Objektivität im Urteil über den Gesellschaftskreis, in dem jene die Rolle des Fremden übernimmt, zukommt (Simmel 1992: 766 f.). Von einem Weg, die eine Person aus der Fremdheit heraus nehmen kann, spricht Simmel nicht. Ihm scheint es meines Erachtens in erster Linie um die (temporär begrenzte) Fixierung und Bestimmung der Fremdheit als soziale Eigenschaft einer Person zu gehen, einhergehend mit der Beschreibung weiterer Eigenschaften wie einer spezifischen Objektivität, die in Beziehung zu der Gruppe von Personen entsteht, für die eine Person als Fremder auftritt. Alfred Schütz’ Aufsatz „Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch“ (Schütz 1972: 53-69) 5 analysierte die soziale Rolle des Fremden, den er als „einen Erwachsenen unserer Zeit und Zivilisation“ definiert, „der von der Gruppe, welcher er sich nähert, dauerhaft akzeptiert oder zumindest geduldet werden möchte.“ Für Schütz selbst war „der Immigrant“ das „hervorragende Beispiel dieser sozialen Situation“.
Bevor er in diesem Aufsatz zu der Analyse des Fremden als Sozialtypus gelangte, leistete Schütz noch etwas Vorarbeit, indem er das Alltagswissen des Individuums und der Gruppe als inkohärent, unklar und nicht frei von Widersprüchen deklarierte,
5 Erstveröffentlichung 1944 in „The American Journal of Sociology“, vgl. Vorwort zu Schütz 1972: X.
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vor allem im Vergleich mit der Art Wissen, das durch Wissenschaft erlangt werden kann. Der entscheidende Punkt bei dieser Darstellung ist, dass das Alltagswissen „für die Mitglieder der in-group“ genügend Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit besitzt, um als „Anleitung für alle Situationen“ benutzt zu werden, „die normalerweise in der sozialen Welt vorkommen“. Noch ein Zitat, um dies zu verdeutlichen: „Es ist ein Wissen von vertrauenswerten Rezepten, um damit die soziale Welt auszulegen und um mit Dingen und Menschen umzugehen, damit die besten Resultate in jeder Situation“ erreicht werden können. Wenn nun das Alltagsdenken unwirksam wird, da die damit einhergehenden Annahmen - (a.) dass das Leben immer so weitergeht, wie es gewesen ist, (b.) dass dieses Wissen verlässlich ist, (c.) dass relativ oberflächliches Wissen über Typus oder Stil von Ereignissen reicht, um sie zu kontrollieren, sowie (d.) dass man mit den Mitmenschen in diesen Annahmen und der Anwendung des Alltagswissen übereinstimmt - nicht mehr auf die Situation des sozialen Akteurs zutreffend sind, stürzt das Individuum in eine Krise. An diesem Punkt ist die ,Vorarbeit’ von Schütz beendet, von nun an bezieht er sich direkt auf den Sozialtypus des Fremden. Denn er teilt diese Grundannahmen der in-group eben nicht, er stellt vieles, „das den Mitgliedern der Gruppe, der er sich nähert, unfraglich erscheint, in Frage“. Er ist nicht mit den Rezepten und dem Alltagswissen dieser Gruppe erzogen und sozialisiert worden, kann diese also nicht einfach als wahr und gültig akzeptieren, da er mit anderem Alltagswissen sozialisiert wurde. Dieses stellt er nun selbst in Frage, da es für die neue Gruppe, der er fremd ist, ungeeignet ist. Denn er ist nicht nur neutraler Beobachter, sondern hat ein Interesse daran, Mitglied der für ihn neuen Gruppe zu werden. Er wird versuchen zu erlernen, „die neuen Kultur- und Zivilisationsmuster“ zu verstehen und zu benutzen, da seine eigenen Muster hier nicht anwendbar sind und die Muster der in-group das Orientierungsschema bilden, das in der sozialen Welt dieser Gruppe gebraucht wird. Ohne im Besitz dieses Orientierungsschemas zu sein, kann der Fremde nicht zu einem Mitglied der in-group werden. Sein Ziel wird es nun, analog zur aktiven Beherrschung einer Sprache (im Vergleich zum nur passiven Verstehen), die Anwendung der Kultur- und Zivilisationsmuster der in-group zu erlernen, um dort Mitgliedschaft zu erlangen. Beim Beispiel der Sprache bleibend, ging Schütz noch mehr ins Detail: so erwähnte er die sekundären Bedeutungen von Begriffen, die zwar lexikalisch aufgeführt sind, sich aber je nach Kontext unterscheiden. Ebenso sind Jargons, Dialekte, Idiome in verschiedenen sozialen Gruppen sehr unterschiedlich. Diese Ausdrucksschemata müssen zur aktiven Beherrschung einer Sprache erlernt und
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verstanden werden, um sie quasi blind anwenden zu können. Genau diese freie, routinierte, selbstverständliche Anwendung ist nur Mitgliedern der in-group möglich, weshalb der Fremde erst einmal außen vor steht, da er diese Details noch nicht beherrscht.
Der Fremde findet sich in diesen Mustern kaum zurecht, er kann nicht die selbstverständlich erscheinenden Handlungsrezepte benutzen, um in einer Situation ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen, sondern muss dies von Situation zu Situation, ohne die Routine der Mitglieder der in-group, zu erreichen versuchen. Der Fremde kann deshalb nicht mit großer Sicherheit eine Handlung abrufen, die von der ingroup in typischen Situationen verlangt wird. „Die Kultur- und Zivilisationsmuster der Gruppe, welcher sich der Fremde nähert, sind für ihn kein Schutz, sondern ein Feld des Abenteuers, keine Selbstverständlichkeit, sondern ein fragwürdiges Untersuchungsthema, […] eine problematische Situation selbst und eine, die hart zu meistern ist.“ Der Fremde ist im Besitz von Objektivität, da er aufgrund seines Bedürfnisses nach Anpassung und des Verstehens ein „Gefühl für die Inkohärenz und Inkonsistenz der Zivilisationsmuster“ der in-group entwickelt. Ein Problem, das die ingroup daher oft mit Fremden habe, sei die mangelnde Loyalität des Fremden, in der Schütz mehr als ein Vorurteil sah, vor allem wenn der Fremde sich als „unwillig oder unfähig erweist“, die Zivilisationsmuster seiner Heimat mit denen der in-group auszutauschen. Dann bleibe der Fremde ein „marginal man“. Zur Assimilation, dem Thema, mit dem sich die im Folgenden besprochenen Modelle befassen, schrieb Schütz den Schluss seines Artikels, der hier wegen seiner Klarheit, aber auch wegen seiner in dieser Epoche verhafteten Grundannahme kritisierbar ist, zitiert werden soll: „Die Angleichung des Neuankömmlings an die ingroup, die ihm zuerst fremd und unvertraut erschien, ist ein kontinuierlicher Prozeß, in welchem er die Kultur- und Zivilisationsmuster der fremden Gruppe untersucht. Dann werden diese Muster und Elemente für den Neuankömmling eine Selbstverständlichkeit, ein unbefragbarer Lebensstil, Obdach und Schutz. Aber dann ist der Fremde kein Fremder mehr, und seine besonderen Probleme wurden gelöst“ (Schütz 1972: 53-69). Dass Eingliederung nicht grundsätzlich so linear und kontinuierlich verläuft, wird Bestandteil der Argumentation im folgenden Kapitel sein. In den ersten Jahrzehnten der Migrationsforschung wurde einige Mühe in die Entwicklung von Modellen gesteckt, die die Prozesshaftigkeit der Migration auf einer abstrakten Ebene beschreiben wollten. Diese - wie in den Zusammenfassungen der Ansätze zu sehen sein wird - wollten verschiedene allgemein gültige Stufen vom
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Verlassen der Herkunftslandes bis zu einer Eingliederung in und Angleichung an die Aufnahmegesellschaft feststellen. Die „Chicagoer Schule“, die von Robert E. Park und William I. Thomas begründet wurde, beschäftigte sich intensiv mit der Migrationssoziologie und nahm auf diesem Gebiet eine Pionierrolle ein. Chicago selbst bot dafür herausragende Voraussetzungen, die Größe der Stadt hatte sich seit 1850 innerhalb von 80 Jahren verhundertfacht. Ein hoher Anteil an Einwanderern (unter ihnen waren die Deutschen temporär die größte Gruppe) und damit einhergehende soziale und wirtschaftliche Probleme gewissermaßen direkt vor der Haustür der Soziologen ergaben ein Forschungsfeld, für das die Mitarbeiter des Instituts nicht weit zu reisen hatten. In diesem Umfeld entstanden demzufolge auch einige Arbeiten zur Migrationssoziologie 6 (Treibel 2008: 84 f.).
An dieser Stelle soll noch der Persönlichkeitstypus des „marginal man“ im Fokus stehen, da ähnlich wie bei Simmel und Schütz ein Typus des homo sociologicus ausgeleuchtet wird. Robert E. Park skizzierte im Artikel „Human Migration and the Marginal Man“ (Park 1928: 881-893) in „The American Journal of Sociology“ einen Charaktertypus, der die Person des Migranten beschreiben sollte. Zwar argumentierte Park mit rassistischen Annahmen (vgl. Park 1928: 882 f.; siehe auch Fußnote 6), davon abgesehen ist seine Charakterstudie soziologisch relevant. Wanderungen bringen seiner Darstellung zufolge Veränderungen in der Persönlichkeit der Migranten mit sich. Wenn die traditionelle Gesellschaftsorganisation im Zuge der Wanderung zerfällt, wird der Mensch als Individuum emanzipiert, das Individuelle wird stark herausgehoben. Er wird auf der einen Seite befreit, nämlich von Bräuchen und Traditionen, aber auf der anderen Seite verliert er auch in gewissem Maße Zielorientierung und Kontrolle. Trotzdem wird eine Reintegration der Individuen in eine neue Gesellschaftsordnung folgen. Davor aber, so Park, gibt es Veränderungen im Charakter der Migranten selbst. Als Kosmopolit ist es ihm möglich, auf die alte Heimat mit dem Abstand eines Fremden zu schauen.
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Diese Objektivität machte Park in folgendem Satz auf anschauliche Weise deutlich: „The effect of mobi-
6 Derauf Robert E. Park zurückgehende „race-relations-cycle“ (vgl. Park 2005: 150), ein unumkehrbares Zyklenmodell zur Beschreibung von Assimilation (als Endstufe eines Prozesses in dem Kontakt, Wettbewerb, Akkomodation zuvor stattfinden) könnte auch im Folgenden erläutert werden. Allerdings basiert diese Darstellung meines Erachtens zur stark auf einem rassistischen Denkmodell. Im Allgemeinen ist der Kritik von Esser zu folgen, der diese Art von Modell für zu oberflächlich und in seiner Unumkehrbarkeit für nicht zutreffend hielt (Esser 1980: 48).
7 Hier bringt Park das Element der Objektivität hinein, das auch Simmel und Schütz angesprochen hatten. Bei Park allerdings bezieht sich diese Objektivität zuerst auf das Herkunftsland und erst mit Bezug auf Simmel selbst auf das Aufnahmeland, zu dessen Kultur man als Nicht-Mitglied einen gewissen Abstand hat (Park 1928: 888).
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lity and migration is to secularize relations which were formerly sacred“. Anpassung und Angleichung gehe aber nicht immer einfach und schnell vonstatten. Hier verfällt Park wieder in Rassenkategorien. Physische Merkmale verhindern laut Park eine schnelle Assimilation (also nicht zum Beispiel durch eine spezifische Mentalität), weil manche ,Rassen’ 8 dem Aussehen der Aufnahmegesellschaft weniger entsprechen als andere ,Rassen’. Der ,marginal man’ jedenfalls lebe im Zustand einer Krise, er gehöre weder voll zu der Heimat, die er verließ, noch zu der Gesellschaft, in der er ein neues Mitglied werden möchte. Er ist für beide Gesellschaften nun ein Fremder. Da dieser Krisenzustand dauerhaft sei, entwickele sich daraus ein Personaltypus. Seelische Instabilität, verstärkte Befangenheit 9 , Ruhelosigkeit und Unwohlsein zählen zu den Elementen dieses Charakters (Park 1928: 887-893). Milton M. Gordon kritisierte später, dass diese Charakterzüge nie verlässlich bewiesen wurden. Allerdings hielt nicht nur Gordon den soziologischen Typus des ,marginal man’ für zutreffend (Gordon 1975: 57). In beiden Punkten kann man Gordon zustimmen. Es ist gut möglich, dass einige Einwanderer, die in ihrer spezifischen Lebenssituation als ,marginal man’ zu bezeichnen sind, eine derartige Persönlichkeit aufweisen. Es auf alle Migranten zu verallgemeinern, ist aber durchaus problematisch. Allerdings ist die soziologische Kategorie der Marginalität für den zwischen den Kulturen stehenden, aber nirgendwo vollkommen zugehörigen Wandernden passend gewählt (vgl. Heckmann 1981: 139).
2.1.2 Die Wechselbeziehungen von Aufnahmegesellschaft und Migranten in
An Migration als physikalische Bewegung im Raum von Herkunfts- zu einem Zielort schließen sich soziale und sozialpsychologische Prozesse an. Vielen Soziolo-
8 „Rasse“wird in Anführungszeichen gesetzt, um deutlich zu machen, dass dieser Begriff Grundpositionen impliziert, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, aber trotzdem bei Park Verwendung fanden. Die mit Rassenvorstellungen verbundenen körperlichen Unterschiede zwischen Menschen können soziale Wirkung entfalten, wenn sie von gesellschaftlichen Akteuren als bedeutsam aufgefasst werden. Biologisch gesehen ist es Unsinn, von ,Rassen’ bei Menschen zu sprechen, weshalb die dem Rassismus zugehörigen Vorurteile abgelehnt werden müssen (vgl. Heckmann 1981: 52-60, Giddens 1999: 234).
9 „Intensified self-consciousness“ (Park 1928: 893) übersetzte Treibel (2008: 107) mit „verstärkter Gehemmtheit“.
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gen ging es darum, diese Prozesse zu analysieren und zu schematisieren, um eine gewisse Vorhersehbarkeit für diese Vorgänge zu erlangen. Einige dieser Versuche werden im Folgenden geschildert, denn es ist wichtig zu verstehen, dass Migration nicht mit dem Ortswechsel und der Ankunft in einer neuen Heimat endet, sondern dass sich soziale und sozialpsychologische Prozesse, die über das Gelingen von Eingliederung entscheiden, anschließen.
In der Mai-Ausgabe der Zeitschrift „Human Relations“ von 1957 legten zwei Forscher je ein Assimilationsmodell für Migration vor. Ronald Taft im Aufsatz „A Psychological Model for the Study of Social Assimilation“ (Taft 1957: 141-156) sowie Alan Richardson in „The Assimilation of British Immigrants in Australia“ (Richardson 1957: 157-166).
Richardson verstand Assimilation als Aneignung von Werten und Einstellungen der Mehrheitsgesellschaft durch eine Minderheit, hielt es aber auch für möglich, dass die Mehrheitsgesellschaft ebenfalls von der Minderheit beeinflusst wird. Vor dem Hintergrund der Einwanderung von Briten nach Australien 10 konstruierte er drei Schritte im Assimilationsprozess als Idealtypen „to divide up the assimilation process“. Diese Schritte benannte er als „isolation“, „accomodation“ und „identification“: 11
• Zur Stufe der Isolation bemerkte Richardson, dass in diesem Abschnitt die mitgebrachten Einstellungen aus der Herkunftsgesellschaft intensiviert werden könnten und eine Veränderung dieser zu verhindern versucht wird. Wenn dieses Verhalten der Beibehaltung alter Einstellungen regelmäßig auftrete, spricht man laut Richardson von Isolation.
• Bei der zweiten Stufe, der Anpassung, einem Prozess des Bewusstseins, versuchen die Migranten absichtlich und bewusst bestimmte offensichtliche Verhaltensweisen zu verändern - im Sinne einer Angleichung an die Verhaltensweisen der Mehrheitsgesellschaft des Ziellandes. Tiefer gehende Einstellungen des Migranten sind aber noch nicht involviert. Als Beispiele für die neue Konformität nannte Richardson „conventions of dress, food, and social formalities“. • In der dritten Stufe, der Identifikation, passe sich der Migrant durch regelmäßigen Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft, zum Beispiel am Arbeitsplatz, in der
10 Die Einwanderung von Briten nach Australien hatte Ronald Taft ebenfalls als Vorbild für sein Modell genommen (vgl. Taft 1957: 141-156).
11 „Accomodation“ wird im Folgenden mit Anpassung übersetzt werden, bei den beiden anderen Begriffe wird einfach die deutsche Version des lateinischen Fremdwortes benutzt.
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Kirche oder bei anderen eher informellen Gelegenheiten immer mehr an die für ihn neue Gesellschaft an. Er fühle sich selber soweit als Teil der Gesellschaft des Ziel-landes der Migration, dass er ein Wir-Gefühl mit dieser aufbaut, das stärker ist als zur Herkunftsgesellschaft.
Allerdings sei eine Vermischung dieser Stufen bezogen auf verschiedene Bereiche des Kontakts und verschiedene Aspekte des täglichen Lebens in der neuen Gesellschaft möglich, es muss folglich nicht eine Stufe abgeschlossen sein, um in allen Lebensbereichen in die nächste Stufe einzutreten (Richardson: 158-160). Aber Richardson machte keine Aussagen über eine Zwangsläufigkeit des Erreichens der letzten Stufe oder über eine Umkehrbarkeit des Prozesses. Alles in allem ist das Modell relativ oberflächlich, weshalb nun das etwas detailliertere Modell Ronald Tafts als Kontrast dazu zusammengefasst wird:
Tafts Modell besteht aus sieben Stufen, die den Verlauf der Assimilation systematisch beschreiben wollen:
• In der ersten Stufe ist ein Wissen über die Kultur der Aufnahmegesellschaft zu einem gewissen Grad vorhanden. Zentral ist dabei, dass ein Migrant dadurch befähigt werde, eine bestimmte neue soziale Rolle einzunehmen. Grundlegend dafür sind unter anderem Sprachkenntnisse oder sogar Kenntnisse des Jargons der Gruppe.
• In der zweiten Stufe kommt es zu einer positiven Einstellung gegenüber Personen, Normen und dem Erreichen der Mitgliedschaft in der Aufnahmegruppe. Interaktionen zwischen Migrant und Aufnahmegesellschaft finden statt, die aber wiederum nicht immer positive Auswirkungen auf die Akteure haben müssen. Jedenfalls sei der Migrant auf der Suche nach Interaktion und Partizipation, soweit es ihm gestattet wird. Seine Einstellung zur Aufnahmegesellschaft wird durch deren Verhalten ihm gegenüber geformt, durch die Art und Weise, wie der Ankömmling akzeptiert oder ausgeschlossen wird.
• In der dritten Stufe erfolgt ein Entfernen von der Herkunftsgesellschaft. Die Einstellungen gegenüber Personen, Normen und Mitgliedschaft in der neuen Gruppe werden in umgekehrter Weise zu diesen Einstellungen gegenüber der Herkunftsgesellschaft interpretiert. Die Zielgesellschaft wird gegenüber der Herkunftsgesellschaft favorisiert, das Gewicht verschiebt sich zugunsten der Aufnahmegesellschaft.
• In der nächsten Stufe versucht der Migrant wegen des Ziels des Erreichens der Mitgliedschaft sich entsprechend seiner zugewiesenen sozialen Rolle zu verhal-
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ten. Dies entspricht dem Ausdruck der ‚Anpassung’. (Taft gestand dem Modell an dieser Stelle ein gewisses Maß an Flexibilität zu, da diese Anpassung auch vor der zweiten Stufe passieren könne „in the interests of harmony“.) Aus dem Spielen einer Rolle wird das vollständige Übernehmen und Ausfüllen dieser Rolle. Eine Überkonformität in dieser Rollenübernahme könne aber auch zu Argwohn von Seiten der Aufnahmegesellschaft gegenüber dem Migranten führen, vor allem wenn er den kulturellen Kontext seiner Handlungen noch nicht voll versteht oder ein übertrieben angepasstes Verhalten nicht den Rollenerwartungen der Aufnahmegruppe entspricht.
• In Stufe fünf wird dann soziale Akzeptanz durch die Aufnahmegruppe erreicht und ein gewisses Maß an sozialer Intimität entsteht. • Stufe sechs habe dann die ‚Identifikation’ zum Inhalt. Der Migrant werde von der Aufnahmegesellschaft als Mitglied angesehen. Schwierigkeiten bei der genauen Bestimmung der erfolgten Integration sah Taft allerdings in der Differenzierung der Gesellschaft in verschiedene Gruppen, die verschiedene Maßstäbe und Einstellungen gegenüber Migranten benutzen können, so dass eine Gruppe der Aufnahmegesellschaft den Neuling als Mitglied akzeptiere, eine andere aber diesen ablehne. • In der letzten Stufe der Assimilation übernehme der Neuankömmling die Normen der Aufnahmegesellschaft als seine eigenen (Taft 1957: 145-152). Taft gestand der Sequenzialität seines Modells ein gewisses Maß an Flexibilität zu, auf die Details der verschiedenen Reihenfolgemöglichkeiten soll hier aber nicht weiter eingegangen werden. Insgesamt sind meines Erachtens Modelle dieser Art trotzdem zu oberflächlich und geben zu wenig Informationen über individuelle Voraussetzungen wie Distanz der Herkunftskultur zur Aufnahmekultur oder dem Bildungsgrad, und beziehen derartige Unterschiede in den kognitiven und gesellschaftlichen Vorbedingungen, mit denen Migranten mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen handeln, nicht mit ein. Die letzte Stufe Tafts, eine vollständige Übernahme der Normen der Aufnahmegesellschaft, impliziert eine teilweise Negierung, ein Verdrängen der Normen, mit denen die Person in seiner Herkunftsgesellschaft sozialisiert wurde, die mit den Normen der Aufnahmegesellschaft nicht übereinstimmen. Das Erreichen eines solchen Zustandes anzunehmen, ohne dies weiter sozial-psychologisch zu begründen, erscheint meines Erachtens nicht überzeugend. Esser kritisierte außerdem die fehlende Systematik und das Klassifikatorische des Ansatzes, war aber der Meinung, dass dies erst als „Vorstufe einer Theorie angesehen werden kann“. Er lobte allerdings, dass Eingliederung „als Wechselprozeß motivier-
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ter Handlungen, Handlungserfahrungen und Lernen“ verstanden wurde und der Grad des Eingliederungserfolges von äußeren und inneren Bedingungen, die das Individuum mitbringt, mitbestimmt werden (Esser 1980: 56).
2.1.2.2 Milton M. Gordons Assimilationsmodell und die „ethclass“
Milton M. Gordon entwickelte in seiner Monographie „Assimilation in American Life. The Role of Race, Religion, and National Origins“ (Gordon 1975) das Konzept der „ethclass“ als soziale Kategorie und legte ein Assimilationsmodell vor, das einige qualitative Fortschritte gegenüber älteren Modellen dieser Art aufwies. 12 Gordon argumentierte, dass ethnische Zugehörigkeit Teil der Generierung und Zuweisung von Identität sei, auch im Sinne der Abgrenzung von anderen (Gordon 1975: 25). Soziale Klasse grenze aber noch detaillierter ab, nämlich auch innerhalb einer ethnischen Gruppe (Gordon 1975: 26). Der nächste wichtige Schritt in seiner Argumentation war die Einführung des Primär-/Sekundärgruppenschemas, in dem die Unterscheidung von Primär- und Sekundärgruppe darüber definiert wurde, inwieweit folgendes auf die jeweilige Gruppe zutrifft oder nicht: „contact is personal, in-formal, intimate, and usually face-to-face, and which involves the entire personality, not just a segmentalized part of it“. Wo dies zutrifft, spricht man von der Primärgruppe, bei der Sekundärgruppe sei die Art der Kontakte durch das jeweilige Gegenteil der Adjektive zu beschreiben (Gordon 1975: 31 f.). Die Gruppenzugehörigkeit zur jeweiligen ethnischen Gruppe führt dazu, dass das Individuum in vielen Fällen nicht die Grenzen dieser Gruppe überschreite, also die sozialen Kontakte der Primärgruppe zumeist innerhalb der eigenen Ethnie stattfinden. Gordon sah, dass in den USA das Familienleben und die Religion ethnisch abgeschlossen waren, aber in Wirtschaft und Politik zumeist eine Mischung der ethnischen Kontakte stattfand (Gordon 1975: 34-37). Um die soziale Differenzierung durch eine Zusammenführung des Konzepts der Ethnizität und der sozialen Klassen zu beschreiben, führte Gordon nun den Begriff der „ethclass“ ein. Denn das Verhalten von Menschen ähnele sich mehr entlang der Kategorie der sozialen Klasse als
12 Außerdem legte Gordon eine weitaus gesellschaftskritischere Grundhaltung an den Tag als zum Beispiel Robert E. Park. Er kritisierte das Verhalten der Amerikaner gegenüber den Einwanderern und stellte das Selbstbild der Vereinigten Staaten vom „melting pot“ der Realität der Minderheiten gegenüber (Treibel 2008: 99).
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entlang der Kategorie der Ethnizität. Menschen versuchen sich deswegen in ihren Primärgruppen innerhalb ihrer sozialen Klasse und gleichzeitig innerhalb ihrer Ethnizität zu bewegen, also innerhalb ihrer „ethclass“ (Gordon 1975: 51 f.). Zur Verdeutlichung, warum diese Kontakte für das Individuum die angenehmsten sind, folgendes Zitat: „With a person of the same social class but of a different ethnic group, one shares behavioral similarities but not a sense of peoplehood. With those of the same ethnic group but of a different social class, one shares the sense of peoplehood but not behavioral similarities. The only group which meets both of these criteria are people of the same ethnic group and same social class“ (Gordon 1975: 53). Gordon setzte sich zum Ziel, den Assimilationsprozess detailliert zu analysieren, die entscheidenden Variablen und Faktoren dabei zu benennen und ihre Funktion aufzuzeigen (Gordon 1975: 68). Er konstruierte einen abstrakten Idealtypus der Assimilation an Kultur und Gesellschaft des Aufnahmelandes anhand eines fiktiven Beispiels einer fiktiven Aufnahmegesellschaft („Sylvania“) und eines fiktiven Ein-wanderervolkes („Mundovian“) (Gordon 1975: 69). Um diesen Zustand zu erreichen, müssen sieben Subprozesse durchlaufen werden, die er wie folgt erklärte: • In Stufe 1, die Akkulturation benannt wird, findet eine Anpassung an die Kultur und an das Verhalten der Aufnahmegesellschaft statt. • Die nächste Stufe beschreibt eine strukturelle Assimilation. Gemeint ist damit der Zugang zu Cliquen, Klubs und Institutionen auf dem Level der Primärgruppe. • Stufe 3, die er „Amalgamation“ nannte, meint die Heirat zwischen Mitgliedern der beiden Gesellschaften.
• Eine Entwicklung eines Zugehörigkeitsgefühls, einer Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft findet im nächsten Schritt statt. • Stufe 5 ist erreicht, wenn die Zuwanderer keinen Vorurteilen von Seiten der Aufnahmegesellschaft mehr ausgesetzt sind.
• Die vorletzte Stufe meint analog zur Stufe 5 die Abwesenheit von Diskriminierung von Seiten der Aufnahmegesellschaft.
• Die siebte und letzte Stufe beschreibt laut Gordon die Abwesenheit von Konflikten um Werte und Macht zwischen Einwanderern und Aufnahmegesellschaft (Gordon 1975: 70 f.).
Jede dieser Stufen könne laut Gordon zu einem unterschiedlichen Grad vollendet werden (Gordon 1975: 71). Ihm gelang es, teilweise die Wechselwirkung zwischen Aufnahmegesellschaft und Einwanderern mit einzubeziehen, indem er eine vollständige Assimilation erst mit dem Erreichen eines Zustandes ohne Vorurteile
16
und Diskriminierung, die von der Aufnahmegesellschaft ausgeht, zugesteht. Gordon führte auch aus, dass die Einwanderer ihre Verhaltensgewohnheiten nicht komplett aufgeben, sondern dass die Aufnahmegesellschaft selbst einige dieser Verhaltensweisen übernehme, in Übereinstimmung mit den älteren eigenen Verhaltensweisen. In diesem Prozess entstehe also eine kulturelle Mischung (Gordon 1975: 74). Über die unterschiedliche Stärke des Einflusses der beiden Gruppen auf diese Mischung erfährt man von Gordon leider nichts. Für ihn ist diese Vermischung ein Idealtypus, an dem man die Realität messen könne. Die sieben Stufen sind gemeint als Variablen, die erfüllt werden müssen, damit man von einer vollkommenen Assimilation sprechen kann, sie müssen also nicht in einer strengen Reihenfolge vonstatten gehen. Dabei gäbe es zwei grundsätzliche Möglichkeiten, wie eine Assimilation letztendlich geformt sein könne: den „melting pot“ als Vermischung, oder die komplette Anpassung an die Aufnahmegesellschaft (Gordon 1975: 74 f.). Die komplette Assimilation werde in der Realität nicht zwangsläufig erreicht. Sobald begonnen, ist dies kein unumkehrbarer Prozess, oft wird nur eine Stufe erfüllt (Gordon 1975: 76-78). Dadurch, dass die Variablen nicht zwingend in bestimmter Reihenfolge hintereinander erfüllt werden, und dass auch ein Ausbleiben der Erfüllung einer oder mehrerer (allerdings nicht beliebiger) Variablen zugestanden wird, hat das Modell Gordons einige Vorteile gegenüber älteren Modellen. Es ist so grundsätzlich auch zur Messung des Grades der Anpassung von Migranten geeignet und macht keine Vorhersage, dass sie definitiv eintreffen müsse und über welche Stufen sie einträfe. Hartmut Esser lobte an diesem Ansatz die „gesamtanalytische Betrachtungsweise“ (Esser 1980: 59) und die Erkenntnis, dass die strukturelle Assimilation (siehe Stufe 2) jeder weiteren Stufe vorausgehe und diese auf die kulturelle Assimilation folge 13 (Esser 1980: 69). Die Erkenntnis Gordons von der Rolle der Ethnizität und der sozialen Klasse für die sozialen Kontakte scheint meines Erachtens auch überaus zutreffend. Man unterscheidet dabei zwischen „Ethnizität“ als soziale Grenze für viele Einwanderer der ersten und zweiten Generation, und „symbolischer Ethnizität“, die bei Einwanderern späterer Generationen einen eher „folkloristischen Rückbezug auf die Geschichte von Migration und Integration ihrer Vorfahren“ bedeutet, und nicht mehr für die Reichweite der ethnischen Kontakte im Alltagsleben bestimmend ist (Hoerder et al. 2007: 48).
13 Oder höchstens gleichzeitig auftreten könne.
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2.1.2.3 Hoffmann-Nowotnys Thesen zur Beziehung von gesellschaftlicher und
kultureller Dimension
Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny legte in seiner Monographie „Soziologie des Fremdarbeiterproblems. Eine theoretische und empirische Analyse am Beispiel der Schweiz“ (Hoffmann-Nowotny 1973) vier Modelle über die Beziehung von Migranten und Aufnahmegesellschaft in Bezug zur ungleichen Verteilung von Macht und Prestige vor. 14 Wichtiger an dieser Stelle sind aber seine Präzisierungen der Begriffe Integration und Assimilation. Dafür sei nach Hoffmann-Nowotny die Unterscheidung von Kultur und Gesellschaft wichtig. Kultur bezeichnete er als „Symbolstruktur, Gesellschaft als die Positionsstruktur der sozialen Realität“. Demnach bedeutet für ihn Integration die Partizipation an der Gesellschaft, Assimilation steht für die Partizipation an der Kultur (Hoffmann-Nowotny 1973: 172). 15 Interessant sind nun folgende Schlüsse, die der Autor daraus zog: Die gesellschaftliche Dimension determiniere die kulturelle Dimension in stärkerem Maße als andersherum. Die kulturelle Dimension kann zwar auch Rückwirkungen auf die gesellschaftliche haben und diese beeinflussen. Diese Interdependenzbeziehung ist allerdings grundsätzlich asymmetrisch, da die gesellschaftliche Dimension die kulturelle stärker beeinflusst als umgekehrt. Das heißt im Endeffekt, dass die Assimilation von der Integration stärker beeinflusst wird als umgekehrt. Konkret bedeutet dies:
14 Beim Knüpfen der Kausalketten dieser systemtheoretischen Modelle stand zu Anfang die Variable der „Entwicklungsunterschiede“. Diese Variable stellt Ausgangs- und Zielländer von Migration in Beziehung, in der Annahme, dass Migration „sowohl in abnehmender wie auch in Richtung zunehmender Entwicklung verlaufen“ könne. Bei ersterer Richtung wird von Überschichtung der Sozial-und Berufsstruktur des Aufnahmelandes gesprochen, bei letzterer von Unterschichtung. Die Begriffe Über- und Unterschichtung beziehen sich auf die Höhe der Positionen auf der vertikalen Leiter der „Statuslinien des aufnehmenden Systems“, die die Einwanderer einnehmen. Unterschichtung bedeutet daher, dass „Einwanderer in die untersten Ränge der Beschäftigungsstruktur eintreten“ und dadurch bestimmte Folgen erzeugen (Hoffmann-Nowoty 1973: 24), wie zum Beispiel sozialen Aufstieg von einheimischen Arbeitern, die zuvor auf eben diesen Statuspositionen angesiedelt waren. In den Modellen ging es Hoffmann-Nowoty um die Darstellung von Zusammenhängen von Statusveränderungen, Macht und Prestige, die hier aber nicht näher erläutert werden müssen. Die Variable der Entwicklungsunterschiede ist natürlich nicht die einzige Ursache von Migration, aber durch ihre Verknüpfung mit Statusveränderungen in der Zielgesellschaft zu einem Modell macht ihre Erwähnung an dieser Stelle Sinn.
15 Man kann sich also auch die Frage stellen, inwieweit Einheimische assimiliert und insbesondere integriert sind. „Eine den Einwanderern durch die aufnehmende Gesellschaft scheinbar verweigerte interaktionelle Integration kann nämlich lediglich Ausdruck der bekannten Gesetzmäßigkeiten sein, nach der informelle Beziehungen […] vor allen Dingen in der gesellschaftlichen Horizontalen, also zwischen Personen mehr oder weniger gleichen Status’, stattfinden. Die Zurückweisung muß deshalb keineswegs unbedingt mit dem Merkmal „Einwanderer“ zu tun haben“ (Hoffmann-Nowotny 1973: 173). Marginalität ist ihm zufolge also nicht nur ein Phänomen, das auf Migranten zutrifft, sondern auch die soziale Situation von Einheimischen beschreiben könne.
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„[…] je größer die Chancen der Einwanderer bzw. ihrer Kinder sind, an den Werten der Gesellschaft zu partizipieren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine Assimilation.“ Es wird angenommen, dass die wechselseitige Beeinflussung von der Integration gestartet wird, und ihr die stärkere Beeinflussung möglich ist (Hoffmann-Nowotny 1973: 173). Viele Konzeptionen von Assimilation gehen von einer Homogenität der einheimischen Kultur aus, die nicht der Wirklichkeit entspricht. So wird oft zum Beispiel eine Übernahme „der deutschen“ oder „der schweizerischen“ Kultur gefordert. Allerdings stellt Kultur keine Konstante dar, sie unterliegt sowohl räumlichem als auch zeitlichem Wandel. Und bei der Forderung nach Assimilation muss auch der realistische Assimilationsgrad innerhalb einer Subkultur der Unterschicht mit beachtet werden. Dieser zu erwartende Assimilationsgrad „kann nicht an den idealen Normen der dominierenden Mittelschichtkultur gemessen werden“ (Hoffmann-Nowotny, 1973: 176).
2.1.2.4 Das Assimilationsmodell von Hartmut Esser
Hartmut Esser erarbeitete ein relativ aufwändiges und komplexes handlungs-theoretisches Modell zur Assimilation von Migranten (vgl. Esser 1980: 209-234). Dieses Modell, basierend auf der Theorie des Handelns und Lernens (Esser 1980: 181) besteht im Groben aus zwei Teilen: einem „Prozeß-Modell“, das Erklärungen für Handlungen und Rückwirkungen von Migranten und deren Umgebung bieten soll, sowie einem „Verlaufsmodell der Eingliederung“ (Esser 1980: 209). Esser versuchte Assimilation unterschiedlichen Grades 16 zu erklären und dabei möglichst umfassend entscheidende Determinanten und Bedingungen als Variablen in sein Modell mit einzubeziehen. Im Grundmodell ist die Assimilation die abhängige Variable in den Dimensionen „kognitiv, identifikativ, sozial, strukturell“ (Esser 1980: 210). Motivation und Belohnung spielen in den Modellen und aufeinander bezogenen Hypothesen eine tragende Rolle. „Hypothese 7 a“ als Beispiel: „Wenn assimilative Handlungen für den Wanderer zur belohnend empfundenen Zielerreichung oder Bedürfnisbefriedigung beitragen, verstärken sich die assimilativen Handlungstendenzen“ (Esser 1980: 215). Die Hypothesen Essers beschreiben in der Form von
16 Esser bezeichnete die Endstadien der Assimilation (hier in abnehmender Graduierung und Reichweite aufgezählt) als „Innovativ-empathische Assimilation“, „traditional-empathische Assimilation“, „mechanische Anpassung“, „deferente Marginalität“ und „ethnische Subkultur“ (Esser 1980: 223, 225).
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Kausalketten Folgen, die von „empirisch häufig realisierten Bedingungskonstellationen“ (Esser 1980: 13) gezeitigt werden. Sie alle betreffen Handlungen in Bezug auf die Assimilation der Migranten, die sich unter bestimmten Bedingungen positiv und unter anderen Bedingungen negativ auf sie auswirken (Esser 1980: 211-216). Die zunächst unabhängigen Variablen im vereinfachten Grundmodell sind in Bezug auf die Person des Migranten „Motivation“ 17 , „Kognition“ 18 , „Attribuierung“ 19 , „Wider-stand“ 20 , in Bezug auf die Umgebung sind es „Handlungsopportunitäten für assimilative Handlungen“, „Barrieren“ des Aufnahmesystems 21 und die „alternativen Handlungsopportunitäten (nicht assimilativer Art)“ (Esser 1980: 210 f.). Esser übersah nicht, dass für die unabhängigen Variablen dieses Modells ebenfalls Ursachen existieren. Ebenso gibt es auch Auswirkungen der Assimilation zurück auf Person und Umgebung (siehe beispielsweise Hypothese 7 a, a.a.O.) und die dazugehörigen Variablen, die dadurch nicht mehr als unabhängig zu bezeichnen sind. Ebenso von Gewicht ist die Erkenntnis, dass es Variablen gibt, die nur in bestimmten Fällen Effekte bei anderen Variablen hervorrufen, beispielsweise ein Bevölkerungsüberschuss, der erst als Belastung erlebt werden muss. Den Variablen des Grundmodells wurde so eine Fülle spezifischer Variablen zugeordnet (Esser 1980: 220 f.). Ein relativ komplexes Prozessmodell, das verschiedene Pfade für gleiche Endergebnisse der Assimilation, also „empirische Alternativen“ bereithält (Esser 1980: 222), kann als zweite Stufe des Esser’schen Modells gelten. Esser betonte, dass Assimilation in Stufen vonstatten geht. Als erstes „assimilieren sich die Personen in den Bereichen, in denen eine Assimilation zur Befriedigung der zentralsten Alltagsbedürfnisse dringlich ist“ (Esser 1980: 230). Erst im Anschluss ist Assimilation in anderen Bereichen möglich. Allerdings müssen diese Bereiche nicht zwangsläufig erschlossen werden, denn externe Assimilationsbarrieren oder eigene begrenzte Assimilationsabsichten können dies verhindern. Laut Esser passiert dies oft, wenn Handlungsalternativen wie „Rückwanderung oder ethnische Segmentation“ zur Verfügung stehen (Esser 1980: 230). Er vermutete außerdem, dass die kognitive Assimilati-
17 DerAnreizwert im Blick auf eine Zielsituation.
18 Subjektive Erwartungen an assimilative Situationen und Handlungen.
19 Ebenfalls in Bezug auf assimilative Handlungen.
20 Kosten und nicht intendierte Folgen von assimilativen Handlungen.
21 Zum Beispiel rechtliche Einschränkungen oder soziale Probleme wie Vorurteile oder Diskriminierung.
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on immer vor der sozialen und der strukturellen Assimilation stattfindet, welche wiederum stattgefunden haben müssen, damit eine identifikative Assimilation erreicht werden kann (Esser 1980: 231). Eine der wichtigsten Leistungen Essers bestand darin, dass er die Rolle der Aufnahmegesellschaft (in Essers Grundmodell die „Umgebung“) für das Erreichen der Assimilationsstufen deutlich machte. Er verband damit die makrosoziologische Perspektive mit der mikrosoziologischen Ebene des individuellen Handelns (Vogelgesang 2008: 22 f.). Seine Theorie ist weitreichender als die Zyklenmodelle zur Angleichung von Migranten, da sie Möglichkeiten des Scheiterns, verschiedene Wege zur und verschiedene Grade der Assimilation erklärbar macht und sowohl individuelles Handeln als auch äußere Bedingungen in einem dynamischen Modell zusammenbringt.
Das Erfassen und Gewichten aller einzelnen Faktoren in einem Gesamtmodell ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Eine Systematisierung von Migrationsmotivationen, Migrationsbewegungen und Eingliederung von unterschiedlichsten Wanderern kann wegen ihrer Vielfalt und Komplexität nur schematisch, zusammenfassend und nie mit dem Anspruch auf Vollständigkeit geschehen. Oft sind ja Migrationsentscheidungen gerade nicht rational, und damit für den Forscher um so schwerer analytisch zu erfassen (Han 2005: 21).
Zusammenfassend bleibt zu bemerken, dass man grundsätzlich die mit Ein-wanderung verbundene, mögliche Eingliederung in (allerdings variabler) prozesshafter Weise beschreiben kann. Aus den Beispielen von Assimilationsmodellen und -theorien wird ersichtlich, dass sowohl das Individuum, als auch äußere Bedingungen aus der alten Heimat, ebenso wie im Aufnahmeland die Art und Weise der Eingliederung beeinflussen, also ein dynamisches Beziehungs- und Ursachengeflecht entsteht, dass dies determiniert. Diese Erkenntnis von der Komplexität der Prozesse der Migration wird helfen, die Migrationsgeschichte Deutschlands in Bezug auf die Lagen und Probleme der Migranten besser verstehen zu können. An den Beispielen zur Theoriebildung über Migration lässt sich meines Erachtens ablesen, dass Migration ein nicht problemlos in ein starres Theoriegebäude einzubindendes Phänomen darstellt. Die Multidimensionalität, die Pluralität und Dynamik der Faktoren und Wechselwirkungen, die die Handlungen der Migranten und die Umwelt beeinflussen, erschweren es sowohl für Migranten, als auch für Gesellschaften und Politik, dem Phänomen der Migration mit einfachen Rezepten zu begegnen, die eine relativ konfliktfreie und für die Beteiligten vorteilhafte Lösung bieten würde.
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2.1.2.5 Ergänzende Bemerkungen zu Migration als sozialem Prozess
Zum Abschluss des Kapitels über Modelle folgen über den Gegenstand der Migration selbst noch einige wenige theoretische Bemerkungen und Begriffe zur Migration, die nicht direkt aus den vorherigen Darstellungen abzuleiten sind, aber trotzdem wertvoll für das Verständnis von Migration als sozialhistorischem Thema sind.
• Migration kann allgemein in drei Phasen gegliedert werden: Die erste umfasst die Wanderungsbereitschaft bis hin zum Wanderungsentschluss. Die zweite Phase ist durch die Reise zum Zielort gekennzeichnet. In der dritten Phase geschieht die Eingliederung, die (wie in Kapitel 2.1.1 und diesem Kapitel erarbeitet) in unterschiedlichsten Ausprägungen und Dimensionen stattfinden kann. • In der Ausgangsgesellschaft wird die Wanderungsentscheidung getroffen, die potentiellen Migranten werden dabei von bestimmten Rahmenbedingungen (wie politischem System, sozialer Stratifizierung, Wirtschaftsstruktur, Industrialisierungsgrad, Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen, etc.), spezifischen Wanderungstraditionen und davon bedingten Informationen, sowie Informationen aus dem Zielgebiet beeinflusst.
• Man unterscheidet zwischen Push-Faktoren, die wanderungsbestimmend wirken, wenn „die vorgegebenen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Rahmen- und Lebensbedingungen als sehr einschränkend empfunden“ werden, sowie den sogenannten Pull-Faktoren, also Faktoren, die eine Migration in das Zielgebiet als positive Option erscheinen lassen. Push- und Pull-Faktoren stehen in einer Wechselbeziehung zueinander, haben aber unterschiedliches Gewicht für die Migrationsentscheidung.
• Die Familie ist eine immens wichtige soziale Institution für Migrationsentscheidungen. Ökonomische und emotionale Aspekte spielen hierbei eine Rolle, ebenso wie Machtpositionen zwischen Geschlechtern und Generationen. • Man kann Migration systematisch typologisieren hinsichtlich Motiven 22 , Distanz, Richtung (Hinwanderung, zirkulärer Wanderung, Rückwanderung), Dauer
22 Freiwilligkeit ist dabei ein wichtiges Thema. Denn ein Migrant wird immer zu einem gewissen Maß von äußeren Einflüssen abhängig und geleitet sein. Es ist wichtig, dabei zu differenzieren, zum Beispiel zwischen Migration aus (relativ) freiem Willen um aus einer Situation beschränkter ökonomischer Handlungsmöglichkeiten auszubrechen und Migration wegen drohender oder schon realer Verarmung. Unfreiwillige Migration beschreibt dagegen zum Beispiel Flucht, wobei hier wieder differenziert werden kann zwischen relativ freier Wahl des Fluchtweges und -ziels und Fluchtgeschehen, wo sogar Fluchtweg und -ziel von anderen bestimmt wird.
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Arbeit zitieren:
Tobias Heyer, 2009, Strukturwandel und Migration: Befunde zur Migrationsgeschichte Deutschlands seit 1880, München, GRIN Verlag GmbH
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