Inhalt
Seite :
1. Einleitung 2
2. Das Ergebnis eines ungehemmten Malstiftes 3
3. oder alles ist anders 5
3.1 Der unaufhörliche Wahn des Verstehens 6
3.2 Ein Drama zwischen zwei Blicken 9
3.3 in einer abgestorbenen dramatischen Struktur 12
4. Eine doppelte „Übermalung“? 13
5. Schlussbemerkung 15
6. Literaturverzeichnis 16
7. Anhang 17
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1. Einleitung
Heiner Müllers „Bildbeschreibung“ ist 1984 als Auftragsarbeit für den „Steirischen Herbst“ in Graz, einem internationalen Festival für zeitgenössische Kunst, in Miedenkam am Chiemsee entstanden. 1 Die Grundlage für den Text lieferte die Zeichnung einer ungarischen Bühnenbildstudentin des ersten Semesters, Emilia Kolewa.
„Der Anlass war eine Zeichnung etwas koloriert, von einer Bühnenbildstudentin in Sofia. Sie hatte einen Traum gezeichnet. Sie hatte Freud nicht gelesen, so dass das eins zu eins war, ohne jede Hemmung von Symbolen.“ 2
Es handelt sich um eine Tuschezeichnung mit Schraffiertechnik und Wasserfarben im Format A3, wie sie im Anhang zu sehen ist. (siehe Abbildung) In Interviews behandelt Müller selbst den Text als einen Theatertext und bei seiner Uraufführung in Graz wurde er als eine Bewusstseinslandschaft inszeniert. Zahlreiche weitere Aufführungen zeigen stets eine fruchtbare und unterschiedliche Herangehens- und Umsetzungsweise des Textes.
Auch in der umfangreichen Sekundärliteratur lassen sich die verschiedensten Herangehensweisen an diesen recht unbequemen Text lesen. Typische Strukturen eines Dramas, wie ein stringenter Handlungsablauf, Rollenzuweisungen und Dialogstrukturen sucht der Rezipient vergebens. Vertraute Sichtweisen, wie bei denen eines klassischen Textes, müssen somit ebenfalls in den Hintergrund rücken.
Die folgende Arbeit soll sich mit der Auseinandersetzung von Bildbetrachter, Autor und auch Rezipienten mit dem jeweils vorliegenden Medien Bild und Text beschäftigen.
Der Fokus liegt dabei auf dem Konflikt zwischen direktem und innerem Sehen, einem Wechselspiel zwischen Betrachtung, Befragung und der unermüdlichen Suche nach dem Dahinter mit auch gleichzeitiger Infragestellung dessen.
1 Lehmann, Hans-Thies (Hrsg.) : Heiner-Müller-Handbuch : Leben - Werk -Wirkung. Stuttgart (u.a.). Metzler, 2003. S.197.
2 Müller, Heiner: Krieg ohne Schlacht. Köln. Kiepenheuer & Witsch, 2009. S.342
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2. Das Ergebnis eines ungehemmten Malstiftes
Was ist nun auf dem Bild der Studentin zu sehen, das Müller für den Text inspiriert hat? (siehe Abbildung)
Im rechten Bildvordergrund ist das halbfigurige Portrait einer Frau zu sehen. Ihre rechte Hand liegt auf der linken Brust, ihr Kopf ist leicht geneigt, der Blick nach rechts unten aus dem Bild heraus gerichtet. Der Gesichtsausdruck schwankt zwischen Trauer, Bedrücktheit und Entsetzen. Ihre langen Haare hängen strähnig herunter, ihre Kleidung, vermutlich ein Mantel, ist zerschlissen und der linke Ärmel ist ausgefranst. Die linke Hand, sowie die Beine werden vom Bildrand abgeschnitten. Im linken Bildvordergrund befindet sich ein Holztisch mit einem daran stehenden Stuhl. Auf der Tischplatte steht ein Pokal mit Früchten, vermutlich Zitronen, ein umgeworfenes und zerbrochenes Weinglas liegt am Rand der Platte und dunkle Flüssigkeit breitet sich auf dem Tisch und Boden aus.
Das Bild wird in der Mitte durch einen Baum geteilt. Zu sehen ist lediglich der Stamm, zwei Äste wachsen aus dem Bildrand heraus. Neben dem Baum ist ein zweiter umgeworfener Stuhl zu sehen. Dahinter steht ein schiefes Haus mit einem weit geöffneten Fenster und herausflatternder Gardine. Aus der Haustür tritt gerade ein Mann, ein Fuß befindet sich noch auf der Türschwelle. In den Händen hält er fest einen Vogel, dessen Flügel weit ausgebreitet sind. Er trägt eine Schirmmütze und eine robuste Jacke, die wie eine Arbeiterjacke aussieht. Sein Blick ist gerade verlaufend, doch ein Ziel sieht der Betrachter nicht. Auch sein Blick geht aus dem Bild heraus. Im Gegensatz zu der Frau zeigt sein Gesicht keine Schwermut, ganz im Gegenteil, seine Gesichtszüge verraten beinahe ein Lächeln.
Der ermöglichte Blick in das Hausinnere zeigt durch eine sehr dichte Schraffur Dunkelheit. An der einen Wand des Zimmers scheint etwas zu hängen, doch es ist nicht klar auszumachen was es ist. Eine weitere Wand ist durch eine Tür oder einen Kamin durchbrochen.
Um das Haus selbst wird nach rechts hin ein Schatten geworfen, was wieder durch die dichte und dunkle Schraffur sichtbar wird.
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Hinter dem Haus erstreckt sich entfernt eine Landschaft mit einer Baumgruppe rechts und einem dahinter liegenden Gebirgszug mit einem wolkenverhangenen Himmel darüber. Landschaft und Himmel vermitteln durch die Strichführung Unruhe und sind sehr einfach ausgeführt.
Die Frau im rechten Bildvordergrund und der Mann im Hintergrund bilden eine Achse, die durch den Tisch mit umgeworfenem Glas und Baum umgekippten Stuhl durchbrochen wird.
Zwischen beiden Personen findet auf Grund der Blickrichtungen kein direkter Kontakt oder direkte Kommunikation statt. Vielmehr zeigt die frontale Ansicht der Frau eine Abkehr des Geschehens und der Motivik, die hinter ihr liegen. Das zerbrochene Glas auf dem Tisch und der umgeworfene Stuhl neben dem Baum lassen auf einen vorangegangenen Konflikt schließen, der sich aber nicht eindeutig aus dem Bild herauslesen lässt.
Soweit der bildliche Grundaufbau, die Figurenkonstellation, enthaltende Requisiten und vermittelte Stimmung, die sich für mich als Bildbetrachter grob erschließen lassen und die als Folie für Müllers Text dienten.
Wie er mit dieser Vorlage umging soll im folgenden Kapitel näher betrachtet werden.
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Arbeit zitieren:
Nanni Harbordt, 2010, Heiner Müllers "Bildbeschreibung" und die Rollen von Bildbetrachter, Autor und Rezipient, München, GRIN Verlag GmbH
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