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1. Einleitung 2
2. Bernhard Sehring 4
3. Der Auftrag für die Fassadengestaltung des Warenhauses der 7
H. C. Tietz AG in Berlin durch Oscar Tietz
4. Das Warenhaus Tietz 9
4.1 Die Hauptfassade an der Leipziger Strasse 9
4.1.1 Zwischen Mut und Maßlosigkeit, Bewunderung und 12
Ablehnung
4.2 Die Fassade an der Krausenstrasse 13
4.3 Der Erweiterungsbau in der Jerusalemer Strasse und das 14
Bauschicksal des Warenhauses
5. Schlussbemerkung 15
6. Literaturverzeichnis 16
7. Abbildungsverzeichnis 17
8. Abbildungen 19
1
1. Einleitung
Warenhäuser sind heutzutage vertraute Bestandteile einer städtischen Infrastruktur und gehören in größeren Städten zu einem Stück Alltagskultur, selbst wenn es derzeit schlecht um die Zukunft der Kauftempel stehen mag. Auf mehreren Stockwerken wird dem Kunden ein umfangreiches Warenangebot auf großen Verkaufsflächen präsentiert. Zu den bekanntesten Warenhäusern in Deutschland zählen heute unter anderem das Kaufhaus des Westens (KaDeWe), jahrzehntelang das Symbol von materiellem Wohlstand in der westlichen Welt, sowie diverse Karstadt- und Galeria Kaufhof-Filialen.
Die baugeschichtlichen und wirtschaftlichen Wurzeln des Warenhauses lassen sich jedoch schon in den orientalischen Bazaren und den Kaufhallen des Mittelalters finden. Den Grundstein für die Institution Warenhaus legten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts große Bazaranlagen in London und Paris, in denen zahlreiche Verkaufsstände um einen zentralen Lichthof herum angeordnet waren. 1872 eröffnete in Paris das erste berühmte, mehrstöckige Großwarenhaus. Dieses wurde zum einen Maßstab für die weiterhin in Paris entstandenen Warenhäuser und auch zum anderen Vorbild für die zukünftigen Warenhäuser in Deutschland, insbesondere in Berlin. Es war das „Au Bon Marche“ in der Rue de Sèvres (Abb. 1), welches nach Plänen der Architekten Laplanche und Sédille und dem Konstrukteur Gustav Eiffel errichtet wurde. Eine vertikal gegliederte Fassade mit weit geöffneten Glasflächen und Sprossenwerk, glasgedeckte Lichthöfe, aufwendig ausgestattete Räume mit Verspiegelungen, Täfelungen und durch Gaslicht erhellte Wände machten dieses Gebäude zu einem wahren Palast des Handels. 1 In Berlin wurde die Warenhaus-Ära durch Alfred Messels Wertheimbau in der Leipziger Straße 111 eingeleitet, der im November 1897 eröffnet wurde. (Abb. 2) Die Leipziger Straße bildete den Mittelpunkt des Verkehrs und Handels in der Stadt. Insbesondere die Zeit um die Jahrhundertwende war bestimmt durch einen enormen Bauboom, der den damaligen Bereich der Innenstadt (u.a. Friedrichstrasse, Leipziger Strasse, Leipziger Platz, Alexanderplatz, Spittelmarkt, Potsdamer Platz) zu einer wahren Geschäftscity machte. 2 Für Messels gerüstartiges Wertheim-Warenhaus dienten die Pariser Warenhäuser, vorrangig das „Au Bon Marché“, als Vorbild.
1 Stürzebecher, Peter: Das Berliner Warenhaus. Bautypus, Element der Stadtorganisation,
Raumsphäre der Warenwelt. Berlin 1979. S. 17.
2 Stürzebecher. Berlin 1979. S. 19.
2
Auch hier spannten sich breite Glasbahnen zwischen schmale vertikale Pfeiler, die ununterbrochen vom Sockel bis zum Dach durchliefen und die eiserne Innenkonstruktion des Hauses sichtbar zum Ausdruck brachten. Riesige Verkaufsflächen, reiche Ausschmückungen und ein eleganter zentraler Lichthof machten dieses Warenhaus zu einem beliebten Anziehungspunkt. 3 Weitere Berliner Wertheim-Warenhäuser befanden sich zu der Zeit in der Rosenthaler Straße und Oranienstraße. Neben dem Konzern Wertheim prägten gleichzeitig auch die Warenhäuser der Firmen A. Jandorf & Cie. und Hermann Tietz zunehmend das Stadtbild und standen natürlich auch in Konkurrenz zueinander, was sich zum Teil in der architektonischen Gestaltung der Bauten widerspiegelte. Ein deutliches Beispiel dafür zeigt sich anhand des Warenhauses Tietz in der Leipziger Strasse (Abb. 3), nach den Entwürfen von Bernhard Sehring erbaut, das mit der Absicht errichtet wurde, den Messelschen Wertheim-Bau in seiner Repräsentanz zu übertreffen.
Die folgende Arbeit wird sich mit dem Architekten Bernhard Sehring, dem Bauherren Oscar Tietz, sowie natürlich mit der Gestaltung des Warenhauses, deren Hauptfassade sehr umstritten aufgenommen wurde und auch Aufsehen erregte, näher auseinander setzen.
3 Stürzebecher. Berlin 1979. S. 27-31.
3
2. Bernhard Sehring
Bernhard Sehring (Abb. 4) ist am 1. Juni 1855 in Edderitz, Anhalt geboren und starb am 27. Dezember 1941 in Berlin. Bekannt wurde Sehring vorrangig als Theaterbaumeister. Nach seinen Plänen entstanden unter anderem das Berliner Theater des Westens, das Schauspielhaus in Düsseldorf, das Stadttheater in Cottbus und auch das Kino Delphi-Palast in der Kantstr. in Berlin. Bernhard Sehring stammte aus einem kleinbürgerlich-dörflichen Umfeld und war der Sohn eines Dessauer Bauführers. Mit neun Jahren kam er auf das Gymnasium in Dessau, wo er auch einen großen Teil seiner Jugend verbrachte. Die dort reichlich zu findenden Bauten des 16.-18. Jahrhunderts, sowie die Parklandschaften, wie der Landschaftspark Wörlitz, der mit seinen Zierbauten in Stilformen von Gotik bis zum Louis-seize, den einzelnen Villen, Grotten und Teichanlagen erregten besonders seine Aufmerksamkeit. Auch befand er sich räumlich nicht weit von der Harz-Region entfernt, die mit ihrer Architektur ebenfalls immer wieder Einfluss auf Sehrings Schaffen haben soll. Nachdem Sehring sich dazu entschloss Privatarchitekt zu werden, besuchte er die Kunstschule in Dessau. Die Entscheidung zu diesem Beruf wurde einerseits durch seinen Vater geprägt und auch durch den außerordentlichen Aufschwung des bürgerlichen Bauens seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, worin Sehring für sich eine Chance sah, sich in der neuen Gesellschaftsordnung verwirklichen zu können. Von 1873 bis 1875 studierte er am Polytechnikum in Braunschweig und anschließend vier Semester Architektur an der Königlichen Bauakademie in Berlin, wo Sehring in Johann Heinrich Strack einen Gönner und Förderer seiner Entwicklung gefunden hatte. 4
Nach seinem Eintritt in den Architektenverein zu Berlin wurde er 1881 im Alter von 26 Jahren für seine Wettbewerbsentwürfe zur Berliner Museumsinsel mit dem Schinkelpreis ausgezeichnet. 5
Bereits ein Jahr später bekam er den großen Akademischen Staatspreis für seinen Ideenentwurf zum Berliner Kunstausstellungsgebäude, woraufhin er ein Staatsstipendium für Rom erhielt. 6
4 Berndt, Ralph: Bernhard Sehring. Ein Privatarchitekt und Theaterbaumeister des
Wilhelminischen Zeitalters. Leben und Werk. Dissertation. Cottbus 1998. S.5-9.
5 Berndt. Cottbus 1998. S.14.
6 Berndt. Cottbus 1998. S.16.
4
In Rom traf er Künstler wie den Bildhauer Max Unger, für den er später in Berlin-Kreuzberg ein Ateliergebäude baute und setzte sich dafür ein, dass Stipendiate des Deutschen Kunstvereins in Rom ein deutsches Künstlerhaus bekamen. Für dieses Künstlerhaus entwickelte er Entwürfe und führte sogar schon umfangreiche Verhandlungen, das Vorhaben jedoch scheiterte. Von Rom aus nahm Sehring auch erstmals an einem Theaterbau-Wettbewerb für ein Stadttheater in Halle/ Saale teil, den aber Heinrich Seeling, späterer Konkurrent Sehrings, gewann. 7 In Berlin zurück, gründete der Architekt 1885 zusammen mit dem Regierungsbaumeister Ernst Peters das Architektenbüro Peters & Sehring in der Charlottenstraße 11 in Berlin-Kreuzberg. Es ist anzunehmen, dass Sehring dort mehr für die architektonischen Gesamtentwürfe und Peters für die statischen Berechnungen, Details und die Verwaltungsangelegenheiten zuständig war. Das Büro Peters & Sehring nahm mit einzelnen Entwürfen, wie dem Fassadenentwurf für den Mailänder Dom, dem Entwurf für eine Synagoge in Berlin und auch einem Entwurf für das Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I., an diversen Wettbewerben teil. 8
1889 gründete Bernhard Sehring sein eigenes Büro und begann mit dem Bau des Künstlerhauses St. Lucas in der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg, dass im Frühjahr 1890 fertig gestellt und sein Eigentum wurde.
Er arbeitete nun als freier Künstler und Architekt. Sein Wunsch war es, mit St. Lucas ein Haus zu schaffen, dass einerseits preisgünstigen Lebens- und Arbeitsraum für junge, mittellose Künstler bereitstellt und andererseits als Miets- und Zinshaus dienen könnte. Mit diesem Projekt konnte er somit auch seine damalige Idee eines Künstlerhauses in Rom nun in Berlin verwirklichen. Das dunkelrote Backsteinhaus St. Lucas (Abb. 5-6) mit seinen zahlreichen Atelierwohnungen, der eigenwilligen Formensprache mit Türmchen, Erkern, Skulpturen und Reliefs, was eine gewisse Volkstümlichkeit ausstrahlt, lässt sich als eine Art Schlüsselwerk von Sehrings Schaffen betrachten. Das Künstlerhaus wurde schnell zu einer Sehenswürdigkeit und zu dem Treffpunkt künstlerischen Lebens von Berlin. 9
7 Berndt. Cottbus 1998. S.18-28.
8 Berndt. Cottbus 1998. S.28-37.
9 Berndt. Cottbus 1998. S.38-44.
5
In Anlehnung an den Stil des Künstlerhauses, wurden nach seinen Plänen 1891/92 noch drei weitere Wohn- und Geschäftshäuser in Charlottenburg sowie die damals berühmte Litzenburg in Berlin Wilmersdorf errichtet. 10
In Sehrings Architektenbüro entstanden dann die Pläne für den Bau des Theater des Westens, ein Privattheater von Bernhard Sehring selbst zusammen mit dem Theatermann Paul Blumenreich. Wer von den Beiden der Initiator für den Bau war, ist strittig.
Mit dem Theater des Westens (Abb. 7) wollte Sehring ein Theater bauen, wie es in Deutschland noch keines gab. Am 1.10. 1896 sorgte es bei der Eröffnung für große Aufregung. Man reagierte sehr verwundert auf die äußere Erscheinung von Zuschauerhaus und Bühnenhaus, da sie stilistisch von ihm wie zwei ungleichartige Bauteile behandelt wurden und symbolisch zwei verschiedene Welten repräsentieren. Während sich das Zuschauerhaus hinter dem Glanz und der Pracht einer Palastarchitektur verbirgt, erinnert das überdimensionale Bühnenhaus durch seine Zinnen, Türme, Schießscharten und Erker dagegen eher an eine Burg. 11 Dieses Prinzip des Stilkontrastes findet sich auch in anderen Bauwerken Sehrings, wie bei den Theatern in Bielefeld, Halberstadt und Düsseldorf. Auch in der Erscheinung des Warenhauses Tietz, zu welchem er 1899 durch Oscar Tietz den Auftrag für die Fassadengestaltung erhielt, lassen sich zwei grundverschiedene Fassadentypen ausmachen.
10 Berndt. Cottbus 1998. S.48f.
11 Berndt. Cottbus 1998. S.96-104 sowie 162-171.
6
3. Der Auftrag für die Fassadengestaltung des Warenhauses der H. & C. Tietz AG in Berlin durch Oscar Tietz
Über den Warenhauskonzern Hermann Tietz schrieb Doris Wittner 1932 folgendes: „Wie aus dem Atom das Weltall entsprang, aus dem Winkel die Welt sich entwickelte, ebenso scheint die Ausbreitung und Expansion einer einzigen Familie und des ihr zugehörigen Unternehmens von sich gegangen zu sein“ 12 Oscar Tietz (Abb. 8) wurde 1858 in Posen geboren und stammte aus einer deutschjüdischen Kaufmannfamilie. Seine Lehre absolvierte er in der Textilbranche seines Bruders Leonhard in Stralsund. Leonhard Tietz hatte bereits 1879 in Stralsund das erste deutsche Warenhaus eröffnet und damit den Grundriss für eine weitere Kaufhauskette gelegt, aus der später der Kaufhof-Konzern hervorging. Unter dem Firmennamen Hermann Tietz hatte Oscar Tietz mit Hilfe der Finanzierung seines Onkels Hermann Tietz 1882 sein erstes Geschäft in Gera eröffnet, wofür er neue Geschäftsprinzipien entwickelte. Es handelte sich um ein Kurz- und Weißwarengeschäft, in dem auch Wollwaren angeboten wurden. Die einzelnen Waren wurden direkt beim Fabrikanten gekauft, womit der Einkauf billiger war. Der Verkaufspreis der angebotenen Artikel lag weiterhin deutlich unter dem der anderen Anbieter. Sein Geschäft lief nach der Devise: großer Umsatz - kleiner Nutzen. Auch die Preise blieben fest und stiegen nicht. Gera wurde ein geschäftlicher Erfolg und weitere Filialen wurden 1886 in Weimar, 1888 in Karlsruhe, 1889 in München und 1891 in Straßburg gegründet. Sein erstes Warenhaus eröffnete er 1897 in Hamburg. Zur selben Zeit bemühte er sich bereits auch um ein Grundstück in der City von Berlin. 13 1898 kaufte Oscar Tietz die Häusergruppe zwischen der Leipziger Straße 46-49 und der Krausenstraße 44-49 für ca. 8. Mio. Mark. 14 Unter den Häusern des erworbenen Grundstücks gehörte auch das bedeutende Konzerthaus Bilse, welches kurz nach dem Erwerb, wie auch die restlichen Bauten, abgerissen wurde. 15
12 zitiert nach: Wittner, Doris: Seine Gründer und die junge Generation. In: Hermann Tietz. 1932. S.7.
In: Berndt. Cottbus 1998. S.55.
13 vgl..: Colze, Leo: Berliner Warenhäuser. Nachdruck der Erstausgabe von 1908. Berliner
Texte. Band 4. Hrsg. von Detlef Blum. Berlin 1989. S. 16-19. / Stürzebecher. Berlin 1979. S. 32./
Frei, Helmut: Tempel der Kauflust. Eine Geschichte der Warenhauskultur. Leipzig
1997. S.70-75.
14 Berndt. Cottbus 1998. S.56.
15 Stürzebecher. Berlin 1979. S. 32.
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Arbeit zitieren:
Nanni Harbordt, 2009, Bernhard Sehring – Das Warenhaus Tietz an der Leipziger Strasse (1899/1900), München, GRIN Verlag GmbH
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