INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung 02
Hauptteil 03
1. Begriffsgeschichte Diglossie 03
A. Definition nach Emmanuel Roidis 03
B. Definition nach Ioannis Psycharis 03
C. Definition nach William Marçais 04
D. Definition nach Charles Ferguson 05
E. Definition nach Gumperz 07
F. Definition nach Joshua Fishman 08
G. Definition nach Heinz Kloss 09
H. Definition nach Gottfried Kolde 09
I. Definition nach Boris Uspenski 10
J. Definition nach Ralph Fasold 10
2. Bilinguismus 10
3. Verknüpfung von Diglossie und Bilinguismus 12
4. Konkretisierung am Beispiel der katalanischen
Soziolinguistik 13
Zusammenfassung 16
Literaturverzeichnis 18
Anhang 19
1
EINLEITUNG
Die vorliegende Arbeit befasst sich zum einen mit der Definition des Begriffes „Diglossie“ und den verschiedenen Weiterentwicklungen dieser Definition im Laufe der Jahre von 1886 bis heute und zum anderen mit der Abgrenzung des Begriffes zum Bilinguismus. Danach werde ich die diglossische Situation anhand des Beispiels der katalanischen Soziolinguistik kurz konkretisieren und mich dabei hauptsächlich auf die
Ausführungen von Georg Kremnitz 1 beziehen.
Diglossie leitet sich vom griechischen diglossía ab. Die Silbe „di“ wird mit zwei beziehungsweise doppelt übersetzt und „glossa“ ist die Sprache. Somit bedeutet Diglossie so viel wie Zweisprachigkeit. Dabei handelt es sich um die Zweisprachigkeit einer Gesellschaft, bei der es klare, funktionale Differenzierungen zwischen den einzelnen gesprochenen Sprachen gibt. Jeder Einzelne einer solchen Gesellschaft kann diese Sprachen anwenden, benutzt sie aber nur in bestimmten Situationen. Die eine zum Beispiel in familiären und die andere in beruflichen Gesprächen. Der Terminus Diglossie ist umstritten, da die Definitionen im Laufe der Geschichte von unterschiedlichen Sprachsituationen ausgegangen sind. Der Begriff Bilinguismus leitet sich vom lateinischen bilinguis ab. Die Silbe „bi“ steht dabei für zwei beziehungsweise doppelzüngig, die Silbe „lingua“ für Zunge beziehungsweise Sprache.
Von Bilinguismus wird gesprochen, wenn ein Sprecher die Fähigkeit hat, sich in zwei Sprachen auszudrücken. Dabei gibt es verschiedene Typen des Bilinguismus, auf die ich später genauer eingehen werde. Für die Abgrenzung zur Diglossie ist es wichtig sich zu vergegenwärtigen, dass man von Bilingualismus spricht, wenn man frei wählen kann, welche der beherrschten Sprachen man spricht, während die Wahl der Sprache bei der Diglossie abhängig ist von der Situation in der man sich befindet.
1 GEORG KREMNITZ: Sprachen im Konflikt. Tübingen 1979, S. 11ff.
HAUPTTEIL
1. BEGRIFFSGESCHICHTE DER DIGLOSSIE
Der Begriff der Diglossie wurde zuerst von den griechischen Schriftstellern und Philosophen Emmanuel Roidis und Ioannis Psycharis geprägt. Sie verwendeten ihn im Zusammenhang mit der Zweisprachigkeit Griechen-lands. Diese Zweisprachigkeit beschreibt den Gegensatz zwischen der Katharévoussa und der Dimotiki. Die Katharévoussa ist eine Kunst-
sprache, die nach dem Ideal des klassischen Attisch 2 entwickelt wurde, da man die Notwendigkeit einer modernen Staats- und Bildungssprache sah. Dimotiki dagegen ist eine aus dem Altgriechischen entstandene, historisch gewachsene Volkssprache. a. Definition nach Emmanuel Roidis
Emmanuel Roidis war ein griechischer Schriftsteller 3 . Ab 1875 gab er die wöchentlich erscheinende satirische Zeitschrift Akropolis heraus. Roidis war ein Verfechter der Dimotiki und ein Gegner der Katharévoussa. Die Zweisprachigkeit in Griechenland empfand er als nationales Desaster, für das er die gebildete Oberschicht verantwortlich machte. Er selbst schrieb seine Werke in Katharévoussa, befürwortete allerdings die Benutzung der Dimotiki in der Literatur. Roidis erwähnte den Begriff Diglossie im Jahr 1885 in einem linguistischen Aufsatz in der Akropolis. b. Definition nach Ioannis Psycharis 4
Der Terminus Diglossie wurde 1886 von dem französischen Philologen Ioannis Psycharis aufgegriffen und ebenfalls auf die griechische Sprachsituation in seinem ersten sprachwissenschaftlichen Werk „Essay
2 Attisch ist ein Dialekt des Altgriechischen.
3 *1836, 1904
4 In der Literatur findet man unterschiedliche Schreibweisen des Namens. Es gelten auch
Giannis, Yannis, Jannis, Jean, Giais Psicharis.
über die neugriechische historische Grammatik“ 5 , die 1886 veröffentlicht wurde, angewandt.
Um seinen Ansatz zu verstehen, sind weitere Hintergrundinformationen von Bedeutung. Ioannis Psycharis war ein Philologe, Linguistiker und Schriftsteller. Er wurde 1854 im damals russischen Odessa geboren und starb 1929 in Paris. Seine familiären Wurzeln kommen aus Griechenland, er selbst hat allerdings fast sein gesamtes Leben in Paris verbracht. Durch seine Werke hat er die Sprachdiskussion in Griechenland wieder neu entfacht. Seine Position war, dass es nur einen Fortschritt geben könnte, wenn die Volkssprache gestärkt und als offizielle Schriftsprache durchgesetzt werden würde. Psycharis missfiel die Koexistenz zweier grundverschiedener Sprachformen, die weit über das Gefälle zwischen gesprochener und geschriebener Sprache hinausging. Er achtete die lebendige, gesprochene Sprache und versuchte als erster das Neugriechische vom Standpunkt der modernen Sprachwissenschaft zu betrachten. Für ihn be-stand die Notwendigkeit einer sprachlichen Reform. Bis in die 1970er Jahre war die Sprachsituation in Griechenland von der Diglossie, also den zwei Varietäten des griechischen, die gelehrte und geschriebene Katharévoussa und die muttersprachlich gesprochene Dimotiki 6 geprägt. Psycharis verwendete als einer der ersten in seinem Werk „Meine Reise“ die Volkssprache. Wichtig war ihm mit seinen Werken das System aufzuzeigen, dass der Volkssprache zugrunde liegt. Sie ist einfach und doch aus der Sicht der Orthographie sehr systematisch. c. Definition nach William Marçais
William Marçais bezieht den Begriff Diglossie auf die arabischen Länder. Er lebte von 1872-1956, war Orientalist und Sprachwissenschaftler. Sein Studium absolvierte er in Frankreich, arbeitete überwiegend in Nord-Afrika und Paris. Er weist er auf die Existenz einer Diglossie bzw. Triglossie mit
5 GEORG KREMNITZ: Diglossie, in: Hans Goebl/Peter Nelde/Zdenek Stary/Wolfgang Wölck
(Hg.): Kontaktlinguistik, ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung.
Berlin/New York 1996, S. 245.
6 1976 wurde die griechische Sprachfrage zu Gunsten der Volkssprache Dimotiki
entschieden.
einer Mehrheitssprache (Dialektarabisch) und mehreren Minderheitensprachen (Hocharabisch, Französisch, Englisch, Berberisch, Armenisch und Kurdisch) hin. Er war im Jahr 1930 fest davon überzeugt: „Le français est la langue d‘avenir du Maghreb 7 .“ 8 Marçais erkannte die relative Französisierung des Arabischen und die relative Arabisierung des Französischen. d. Definition nach Charles Ferguson
Charles Ferguson wurde 1921 in Philadelphia geboren und starb 1998. Er war Linguist. In seinem berühmten Aufsatz zur Diglossie gab er als erster eine ganz genaue Definition des Begriffes:
Diglossie ist für Ferguson 9 …
„... eine relativ stabile sprachliche Situation, in der neben den Hauptdialekten der
Sprache (die eine oder mehrere normierte regionale Formen einschließen kann),
eine stark divergierende, streng kodifizierte (oft grammatisch komplexere) Varietät
vorkommt, Träger eines weiten und angesehenen Literaturkorpus, aus einer
früheren Periode oder aus einer anderen Sprachgemeinschaft stammend, im Rah-
men des Unterrichtswesens allgemein vermittelt und vor allem als Schriftsprache
und als formales Sprachvehikel gebraucht, jedoch zu den täglichen
10 Kommunikationszwecken von keinem Teil der Gemeinschaft verwendet wird“ Laut Ferguson spricht man also von Diglossie, wenn zwei oder mehr Formen einer einzelnen Sprache in verschiedenen Situationen gebraucht werden. Meistens sind diese beiden Formen zum einen die Standardsprache und zum anderen ein oder mehrere regionale Dialekte. Charles Ferguson beschäftigt sich mit dem griechischen, dem arabischen, dem deutschschweizerischen und den haitianischen Sprachraum. Im
7 Maghreb ist der Zusammenschluss der Länder Tunesien, Algerien und Marokko.
8 WILLIAM MARÇAIS: La diglossie arabe. Paris 1930, S. 7ff.
9 Originaltext: DIGLOSSIA is a relatively stable language situation in which, in addition to
the primary dialects of the language (which may include a standard or regional
standards), there is a divergent, highly codified (often grammatically more complex)
supposed variety, the vehicle of a large and respected body of written literature, either of
an earlier period or in another speech community, which is learned largely by formal
education and is used for most written and formal spoken purposes but is not used by
any sector of the community for ordinary conversation in CHARLES FERGUSON, 1959,
Diglossia. Word (Journal of the International Linguistic Assosciasion), Heft 15. New York
1959, S. 325-340.
10 GEORG KREMNITZ: Sprachen im Konflikt. Tübingen 1979, S. 55ff.
Arbeit zitieren:
Thomas Sebastian Jensen, 2010, Diglossie - Definitionen im Laufe der Zeit und die Abgrenzung zum Bilinguismus, München, GRIN Verlag GmbH
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