1. Einleitung: Soziale Verantwortung im Wohlfahrtsstaat
Wieso steht das Konzept der Corporate Social Responsibility (CSR) in Ländern wie Frankreich und Deutschland, die beide durch ein ausgeprägtes System staatlicher Wohlfahrt charakterisiert sind, so hoch im Kurs, dass sich die Regierungen beider Länder damit befassen, diverse Organisationen und Vereinigungen gegründet wurden, um CSR in die Tat umzusetzen? 1 Diese Frage ist nicht trivial, denn beide Wohlfahrtsstaaten nehmen für sich in Anspruch, u.a. sozial gerecht zu sein bzw. nach sozialer Gerechtigkeit zu streben und entsprechende Absichten in gesetzlichen Regelungen zum Ausdruck gebracht zu haben. Wenn dem so ist, wozu bedarf es dann der Corporate Social Responsibility? Diese Frage soll im Verlauf der vorliegenden Arbeit u.a. vor dem Hintergrund des institutionellen Arrangements wie es in Deutschland und Frankreich zu finden ist, beantwortet werden. Neben dem institutionellen Arrangement, so lautet eine weitere Hypothese dieser Arbeit, ist das Auftauchen von CSR in beiden Ländern ein Ergebnis internationaler Isomorphie, die man in Anlehnung an DiMaggio und Powell 2 als „normative isomorphism“ bezeichnen kann und die durch so unterschiedliche Organisationen wie die UN und deren Millennium-Ziele 3 oder die EU-Kommission und das von ihr verabschiedete Grünbuch zu „Corporate Social Responsibility“ ausgeübt wird. 4 Entsprechend vollzögen nationale Regierungen nach, was ihnen international vorgegeben wird. Vorgaben, denen man sich als Regierung nicht entziehen kann, nicht zu entziehen zu können glaubt oder nicht entziehen will, bringen darüber hinaus die Möglichkeit mit sich, eigene Interesse in Konzepte wie CSR zu integrieren und quasi unter einem
1 Diese Frage stellt u.a. Kinderman, wenngleich in einer etwas abgewandelten Form; Kinderman, Daniel Phillip, 2006: On the Emergence and Transformation of Corporate Responsibility in Britain, Germany, and Beyond, 1980-2005. Ithaca: Cornell University, Government Department,
2 DiMaggio, Paul J. & Powell, Walter W., 1983: Iron Cage Revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields. American Sociological Review 48 (2): 147-160.
3 http://www.un.org/millennium/declaration/ares552e.pdf
4 Kommission der Europaeischen Gemeinschaften, 2001: Grünbuch. Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung der Unternehmen. Brüssel: Europäische Kommission, KOM(2001) 366.
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neuen „Label“ zu vertreiben. Diese Praxis, so wird im Verlauf dieser Arbeit argumentiert werden, zeigt sich daran, dass CSR in Deutschland und Frankreich als Variante staatlicher Arbeits- und Sozialpolitik konzipiert ist, die Unternehmen Verpflichtungen aufbürdet, die eigentlich vom Wohlfahrtsstaat erfüllt werden sollen. Diese Argumentation führt zur Definition von CSR und zur Praxis von CSR und beide weichen in der kontinentaleuropäischen Variante erheblich vom Original ab, wie es in den USA und im Vereinigten Koenigreich zu finden ist. Entsprechend wird in Kapitel 2 zunächst der Versuch unternommen, CSR zu definieren und auf der Grundlage dieser Definition Unterschiede in der Ausformung darzustellen, wie sie zwischen Kontinentaleuropa und den angelsächsischen Ländern bestehen (Kapitel 2). Vor diesem Hintergrund wird in Kapitel 3 die Entwicklung von CSR in Frankreich und Deutschland nachgezeichnet, und es werden Beispiele für Maßnahmen, die im Namen von CSR getroffen werden, vorgestellt. In Kapitel 4 wird die entsprechende Entwicklung in den Kontext internationaler Entwicklungen, wie dem „green paper“ der EU-Kommission eingeordnet, um die These der Isomorphie zu prüfen. Kapitel 5 schließt die vorliegende Arbeit mit einem Fazit und der Antwort auf die eingangs gestellte Frage.
2. Die Vielfalt von CSR: Regionale Unterschiede in der Definition von CSR
Einigkeit im Bereich der Forschung zum Thema CSR besteht eigentlich nur darüber, dass keine Einigkeit besteht 5 : Weder gibt es eine allgemein verbindliche Definition dessen, was unter Corporate Social Responsibility verstanden werden soll, noch sind die diversen Umsetzungen von CSR bzw. die verschiedenen Methoden der Messung von CSR einheitlich oder mit einander vergleichbar. 6 Obwohl Milton Friedman noch 1996 dafür geworben hat, das Konzept der CSR auf die Müllkippe der Geschichte zu
5 So schreibt z.B. David Vogel: “there is no consensus on what constitutes virtuous corporate behavior”; Vogel, David, 2005: The Market for Virtue. Washington: Brookings Institution, 4.
6 Fairbass, Jenny, O’Riordan, Linda & Mirza, Hafiz, 2006: Corporate Social Responsibility: Differing Definitions and Practice? University of Bradford, School of Management, Working Paper No. 06/05, 6.
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werfen 7 , hat Lantos keine 5 Jahres später beobachtet, dass „not only are firms expected to be virtuous, but also they are being called to practice ‚social responsibility’ 8 , und 6 Jahres später haben Maignan und Raiston CSR als Konzept beschrieben, das unter Managern eine hohe Popularität besitzt. 9 Diese rasante Entwicklung des Konzept erfordert zumindest die Formulierung einer rudimentären Idee davon, was sich hinter dem Konzept verbirgt.
Die meisten Lesarten des Begriffs „Corporate Social Responsibility“ gehen auf einen Aufsazt von Archie Carroll zurück, in dem er CSR wie folgt umschreibt: „The social responsibility of business encompasses the economic, legal, ethical, and discretional expectations that society has of organizations at a given point of time“. 10 Diese Definition bringt einige Schwierigkeiten mit sich, die sich z.B. mit der Frage verbinden, wie die „Erwartungen der Gesellschaft“ bestimmt werden und wie mit Minderheiten-Erwartungen umgegangen werden soll. Entsprechend hat Frederick eine mehr zielgerichtete Definition von CSR vorgelegt: „the fundamental idea of ‚corporate social responsibility’ is that business corporations have an obligation to work for social betterment“. 11 Diese Definition ist jedoch nur marginal besser, denn nunmehr besteht das Problem darin zu bestimmen, was unter einer sozialen Verbesserung verstanden werden soll, wer bestimmen soll, was unter einer sozialen Verbesserung verstanden werden soll und zu welchem Zeitpunkt entschieden
7 Friedman schreibt: “In a free economy … there is one and only one social responsibility of business - to use its resources and to engage in activities designed to increase its profits so long as it stays within the rules of the game, which is to say, engages in open and free competition without deception or fraud”; Friedman, Milton, 1996: The Social Responsibility of Business is to Increase Profits. In: Rae, Scott B. & Wong, Kenman L. (eds.): Beyond Integrity. A Judean-Christian Approach. Grand Rapis: Zondervan Publishing House, 245.
8 Lantos, Geoffrey, P., 2001: The Boundaries of Strategic Social Responsibility. Journal of Consumer Marketing 18 (7): 595.
9 Maignan, Isabelle & Raiston, David, 2002: Corporate Social Responsibility in Europe and the US: Insights From Business’ Self-Representation. Journal of International Business Studies 33 (3): 497.
10 Carroll, Archie, 1979: A Three-Dimensional Conceptual Model of Corporate Performance. Academy of Management Review 4 (4): 499.
11 Frederick, William, 1986: Theories of Corporate Social Performance. University of Pittsburgh: Working Paper, 4.
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werden soll, ob eine soziale Verbesserung eingetreten ist. Diese Probleme haben Wood vermutlich dazu veranlasst, eine relationale Definition von CSR vorzulegen, in der er „the basic idea of social responsibility“ beschreibt als „that business and society are interwoven rather than distinct entities; therefore, society has certain expectations for appropriate business behavior and outcomes“. 12 Auch diese Definition lässt viele Fragen offen, so dass es nicht verwundert, wenn Apostolakou und Jackson beklagen, dass die vorhandenen Definitionen von CSR den Managern von Unternehmen, die sie in konkrete Handlungen umsetzen sollen, wenig zu bieten hat. 13 Auch ein Blick in die Praxis hilft wenig weiter, denn diverse Untersuchungen, die sich mit Umsetzungen von CSR durch Unternehmen befasst haben, konnten lediglich zeigen, dass CSR in verschiedenen Ländern unterschiedlich gefüllt wird, 14 wobei sich eine Zweitteilung ergeben hat, mit „liberal market economies“ auf der einen Seite und „coordinated market economies“ auf der anderen Seite: „The former [are] characterized by equity financing, dispersed ownership, active markets for corporate control and flexible labour markets, whereas the latter by long-term debt finance, ownership by large block-holders, weak markets for corporate control and rather rigid labour markets“. 15 Wie die Ausführungen von Apostolakou und Jackson zeigen, scheint ein Zusammenhang zwischen der jeweiligen Ausformung, die CSR in einem Land annimmt, und den institutionellen Gegebenheiten in diesem Land zu bestehen. Dieser Zusammenhang hat Matten und Moon 16 veranlasst, ihre Konzept des expliziten und impliziten CSR vorzulegen, wobei explizite CSR in angelsächsischen Ländern vorherrscht, in denen Unternehmen über entsprechende CSR-Politiken freiwillig Verantwortung für die Interesse der Gesellschaft übernehmen (bzw. für das, was sie für die Interessen der Gesellschaft halten). Implizite CSR liegt dann vor, wenn Unternehmen in ihren Politiken durch die formellen und informellen
12 Wood, Donna J., 1991: Corporate Social Responsibility Revisited. Academy of Management Review 16 (4): 692.
13 Apostolakou, Androniki & Jackson, Gregory, 2009: Corporate Social Responsibility in Western Europe: An Institutional Mirror or Substitute? University of Bath, School of Management, Working Paper 2009.01, 6.
14 Matten, Dirk & Moon, Jeremy, 2008: ‘Implicit’ and ‘Explicit’ CSR: A Conceptual Framework for Understanding CSR in Europe. Academy of Management Review 33 (2): 404.
15 Apostolakou & Jackson, 2009: a.a.O., 9.
16 Matten & Moon, 2008: a.a.O., 408-409.
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Institutionen eines Landes (Gesetze, Normen und Werte) zur Berücksichtigung bestimmter gesellschaftlicher Interessen „gezwungen“ werden. Implizite CSR ist vor allem in den Ländern Kontinentaleuropas zu finden, wobei gilt dass, „the higher the intensity of the institutional framework of an economy, the higher also the extent of implicit CSR“. 17
Damit ist die vorliegende Arbeit zwar bei keiner Definition von CSR angekommen, was „given the dramatic institutional differences in national business systems and the resulting differences in the contexts and roles for various stakeholders and hence CSR practices“ 18 auch nicht zu erwarten war, aber es ist nunmehr die Grundlage gelegt, um zu untersuchen, in welcher Weise zwischen Deutschland und Frankreich unterschiedliche institutionelle Strukturen die jeweilige Ausprägung dessen beeinflussen, was als CSR angesehen wird. Dabei sollen auch die von Fairbass, O’Riordan und Mirza betonte kulturellen Unterschiede zumindest ansatzweise berücksichtigt werden. 19
3. CSR in Deutschland und Frankreich: Der Effekt institutioneller Arrangements
Wie im letzten Kapitel dargestellt, ist die Frage, welche Unterschiede sich in der jeweiligen (nationalen) Ausgestaltung von CSR finden lassen, eine Frage der Relation, deren Ergebnis davon abhängt, wer mit wem verglichen wird. So kommen Studien, die die USA oder das Vereinigte Koenigreich mit Ländern Kontinentaleuropas vergleichen regelmäßig zu unterschiedlichen Befunden im Hinblick auf die Ausprägung von CSR in beiden Ländergruppen 20 , während Studien,
17 Ebenda, 409.
18 Apostolakou & Jackson, 2009: a.a.O., 6.
19 Fairbass, O’Riordan & Mirza, 2006: a.a.O., 5.
20 Kinderman, 2006: a.a.O., Maignan, Isabelle & Ferrell, O. C., 2000: Measuring Corporate Citizenship in Two Countries: The Case of the United States and France. Journal of Business Ethics 23 (3): 283-297.
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Arbeit zitieren:
Clemens Rasch, 2009, "Corporate Social Responsibility" in Deutschland und Frankreich, München, GRIN Verlag GmbH
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