Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Hans Thiersch 4
2.1. Biografie 4
2.2. Wissenschaftsverständnis 4
3. Theorie der Sozialen Arbeit 5
3.1. Theorieverständnis 5
3.2. Zentrale Dimensionen sozialpädagogischer Theoriebildung 5
4. Konzept der Lebensweltorientierung 6
4.1. Historischer Kontext 6
4.2. Traditionslinien 7
4.3. Alltag bzw. Lebenswelt 7
5. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit 9
5.1. Ziel 9
5.2. Dimensionen 10
5.3. Struktur- und Handlungsmaxime 11
5.4. Aufgaben 12
5.4.1. Diagnose 13
5.4.2. Planung und Einmischung 13
5.4.3. Hilfen 13
5.4.4. Demokratisierung 14
5.4.5. Professionelles Handeln 14
6. Schlussbetrachtung 16
Literaturverzeichnis 18
2
1. Einleitung
Können Menschen in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Individualisierung, Pluralisierung und der ungerechten Verteilung von Ressourcen, ihren Alltag noch selbständig meistern? Oder sollten nicht professionell-institutionelle Einrichtungen ihnen alle notwendigen Entscheidungen abnehmen?
Theorien der Sozialarbeit/Sozialpädagogik befassen sich mit der gesellschaftlichen Funktion von Sozialer Arbeit. Ein mögliches Konzept ist das der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit von Hans Thiersch, auf welches diese Hausarbeit eingeht. Ausgehend von den provokanten Eingangsfragen beschäftige ich mich mit folgendem Thema: Welche Stellung hat Soziale Arbeit als praktische Disziplin in der Alltagsbewältigung auf Basis des wissenschaftlichen Konzeptes zur Lebensweltorientierung? Zu Beginn wird ein kurzer Überblick über ein allgemeines Wissenschafts- sowie Theorieverständnis gegeben und die Entstehung des Konzeptes auf dem Hintergrund der historischen Entwicklung beleuchtet. Es folgt, aufbauend auf drei Wissenschaftskonzepten, eine Beschreibung von Alltag als Grundlage der Sozialen Arbeit. Im Abschnitt über die lebensweltorientierte Soziale Arbeit wird zunächst ihr Ziel dargestellt. Die Konkretisierung ihrer Aufgaben und damit auch die Erläuterung ihrer Stellung erfolgt anhand einer Strukturierung der Lebenswelt in Dimensionen und der Abbildung von Struktur- und Handlungsmaximen mit weiterer Spezifizierung.
Als Quellen dienen überwiegend Texte von Thiersch in eigenen Veröffentlichungen oder als Aufsätze in anderen Bänden. Eine Überschneidung und Wiederholung der Themen, insbesondere bezüglich der Aufgaben der Sozialen Arbeit, in den einzelnen Kapiteln lassen sich nicht vermeiden, da Thiersch auf diese Weise sein Konzept verständlich machen will. Auf eine kritische Würdigung des Konzeptes wird im Rahmen dieser Arbeit verzichtet, zumal es nur selten öffentliche Kritik gibt (vgl. Engelke 2009, S. 442). Den früher gebräuchlichen Begriff ‚Sozialpädagogik‘ ersetzt Thiersch durch ‚Soziale Arbeit‘, ‚Lebenswelt‘ und ‚Alltag‘ werden synonym verwendet (vgl. Engelke, S. 433). Jugendhilfe als eigenes Gebiet zielt auf die gleichen Aufgaben wie die allgemeine Soziale Arbeit, daher wird auch in dieser Arbeit ‚Jugendhilfe‘ durch ‚Soziale Arbeit‘ ersetzt. Mit ‚Adressat‘ ist der Klient bzw. Hilfesuchende gemeint.
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2. Hans Thiersch
2.1. Biografie
Prof. Dr. phil. Hans Thiersch (geb. 1935) studierte Germanistik, Philosophie, Theologie und Pädagogik. Nach einer Assistententätigkeit bei Heinrich Roth und einer dreijährigen Professur an der PH Kiel war er bis zu seiner Emeritierung 2002 als Direktor des Institutes für Erziehungswissenschaften an der Uni Tübingen angestellt. Daneben war Thiersch Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Mitglied der Studienreformkommission, der Sachverständigenkommission (8. Jugendbericht) sowie des Wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Jugendinstitutes. 1978 erschien seine erste Veröffentlichung „Alltagshandeln und Sozialpädagogik“ in der
Zeitschrift „neue praxis“ (vgl. Engelke 2009, S. 429ff.). 1
2.2. Wissenschaftsverständnis
„Verstehen als Verständigung ist die Basis menschlicher Kultur.“ (Thiersch 2006, S. 213)
Thiersch möchte Menschen verstehen, um ihnen helfen zu können (Thiersch 2006, S. 211). Dabei bezieht er sich konkret auf das ‚wissenschaftliche‘ Verstehen, welches hermeneutisch orientiert ist (siehe dazu Kap. 4.2.).
Wissenschaft gliedert und spezifiziert den Alltag, verdeutlicht die Eigenart des Gegenstandsbereiches, definiert das Thema, klärt die Verbindung von Voraussetzungen und Folgen, zeigt Methoden auf und bestimmt die Reichweite von Aussagen. Nach Thiersch (2006, S. 219) macht Wissenschaft verantwortbare Aussagen, prüfbar und öffentlich reflexiv, kann jedoch auch nicht alles. Aufgrund dieser Grenzen ist es wichtig, auf Allzuständigkeiten zu verzichten und sich auf einzelne, gleichgewichtige Ansätze festzulegen, um so Handlungsstrategien zu entwickeln. Dazu ist eine enge Kooperation zwischen den Konzepten, Professionellen, Laien und Institutionen zwingend erforderlich (vgl. ebd., S. 226f.). Reflexivität, als Teil der praktischen Vernunft, bedeutet, dass nach einer Angemessenheit von Aufgaben und Situationen gefragt wird. Insgesamt ist also ein Verstehen nur durch eine offene Kommunikation möglich (vgl. ebd., S. 228).
1 Anmerkung: Selbstbiografie im Interview unter:
URL: http://www.hans-thiersch.de/Hans-Thiersch.de/Willkommen.html [07.04.2010]
4
3. Theorie der Sozialen Arbeit
3.1. Theorieverständnis
Nach Thiersch bezeichnet eine ‚theoretische Diskussion‘ die „vielfältigen Diskurse innerhalb der Gegenstandsbereiche der Sozialen Arbeit“, wohingegen eine ‚Theorie der Sozialen Arbeit‘ auf die „Klärung des Status der Sozialen Arbeit, ihres Aufgabenbereichs und ihrer Funktion(en), ihrer geschichtlichen Selbstvergewisserung und ihrer Positionie- rungim Kontext der Disziplinen und in den Anforderungen der Praxis“ zielt (Thiersch/ Füssenhäuser 2005, S. 1876f.). Eine Theorie befasst sich also nur mit einem Teil sowie dem Zusammenhang des Ganzen (vgl. ebd., S. 1877).
Soziale Arbeit handelt stets im Konflikt von Praxis und Theorie. Als Profession richtet sie
sich nach den Lebensbewältigungsaufgaben ihrer Adressaten 2 , unterstützt und berät sie und inszeniert neue Gegebenheiten. Als Disziplin beobachtet sie distanziert die Praxis, klärt Voraussetzungen, Strukturen, Aussagen und empirische Belege, wägt Folgen ab, analysiert und erstellt neue Optionen (vgl. ebd.).
3.2. Zentrale Dimensionen sozialpädagogischer Theoriebildung
Um im Rahmen einer Theoriediskussion der Sozialen Arbeit die vielfältigen Theorien miteinander zu vergleichen, müssen diese „in ihrer Verbindung von wissenschaftstheoretischen und inhaltlichen Zugängen und in ihrer Leitthematik“ untersucht werden (Füssen- häuser/Thiersch2005, S. 1881). Dazu werden theoretisch relevante Fragen topographisch aufgestellt (vgl. ebd.). Thiersch nennt hierzu zwei mögliche Beispiele: 1) Fragen nach dem Wissenschaftscharakter, der Lebenswelt der Adressaten, der gesellschaftlichen Funktion, den Institutionen und dem professionellen Handeln (vgl. ebd.). 2) Kristallisationspunkte von disziplinärer und professionsgebundener Theoriebestimmung sind (vgl. ebd., S. 1882f.): ein Theorie-Praxis-Verhältnis als übergeordnetes Thema jeder Theorie, der Gegenstandsbereich der wissenschaftlichen Sozialen Arbeit, gesellschaftliche und soziale Voraussetzungen, der Adressat als Mittelpunkt, Institutionen, Handeln, Werte und Normen.
2 Aus Gründen einer besseren Lesbarkeit habe ich in dieser Arbeit nur die männliche Form verwendet. Diese
beinhaltet die weibliche Form und ist in keiner Weise diskriminierend gemeint
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4. Konzept der Lebensweltorientierung
4.1. Historischer Kontext
Das Konzept der Lebensweltorientierung entstand „als Antwort auf gesellschaftliche und sozialpolitische Herausforderungen“ (Thiersch u.a. 2005, S. 165). Ende der 60er Jahre protestierten insbesondere Studenten in den westlichen Industrienationen gegen „Konsum- orientierung,imperialistische Kriege und Ausbeutung der sog. Dritten Welt“ sowie „innenpolitische Ungerechtigkeiten“ (Kuhlmann 2008, S. 113). Kapitalismus wurde als Ursache für soziale Probleme gesehen, da Menschen infolge gesellschaftlicher Ausgrenzung an den sozialen Rand gedrängt wurden (vgl. ebd., S. 115).
Soziale Arbeit entwickelte sich zu einem institutionalisierten und professionalisierten Hilfssystem (vgl. Thiersch 2006, S. 16), spezialisierte sich und stand im Umbruch hin zu einer Expertenherrschaft (vgl. Thiersch u.a. 2005, S. 165). So wurden 1970 in der BRD erstmals Studiengänge für Sozialarbeit, Sozialpädagogik/Sozialwesen und Pädagogik/ Erziehungswissenschaft angeboten (vgl. Engelke 2009, S. 427). Gleichzeitig traten Fragen nach ihrer konkreten Umsetzung in den Hintergrund (vgl. Thiersch u.a. 2005, S. 165). Diese Entwicklung brachte einige Kritik mit sich und es entstand eine Diskussion über die Funktion von Sozialer Arbeit (vgl. ebd.). Die Forderung nach Partizipation und Selbstbestimmung wurde laut (vgl. Thiersch 2006, S. 16).
Und genau hier sollte Lebensweltorientierung als handlungsorientiertes Konzept ansetzen (vgl. Füssenhäuser/Thiersch 2005, S. 1879). Sie entwickelte neue Arbeitsformen und verfolgte die Ziele von gerechteren Lebensverhältnissen, Demokratisierung, Emanzipation, differenzierten Hilfsangeboten und „den Chancen rechtlich gesicherter, fachlich verant- wortbarerArbeit“ (Thiersch u.a. 2005, S. 165). Die 1978 von Thiersch erschienene Ver- öffentlichung„Alltagshandeln und Sozialpädagogik“, eine erste Beschreibung seiner Theorie zur lebensweltorientierten Sozialen Arbeit (1986 unter dem Titel „Perspektiven einer alltagsorientierten Sozialpädagogik“), gilt als „Datum für den Beginn eines neuen sozialpädagogischen Diskurses“ (Engelke 2009, S. 429).
Mit zunehmender Etablierung der Sozialen Arbeit, dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) sowie dem 8. Jugendbericht (beide 1990) gewann das Konzept der Lebenswelt-orientierung immer mehr an Einfluss (vgl. Thiersch u.a. 2005, S. 165).
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Arbeit zitieren:
Sandra Mette, 2010, Lebensweltorientierte Soziale Arbeit , München, GRIN Verlag GmbH
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