Abstract
Die Früherkennung einer Sprachentwicklungsstörung ist für die weitere Entwicklung betroffener Kinder von großer Bedeutung. Seit 2008 gibt es einen Beobachtungsbogen zur Erfassung der Sprachkompetenz vier- bis fünfjähriger Kinder (BESK 4-5). Diese Beobachtungen werden von Kindergartenpädagoginnen durchgeführt. Die vorliegende Arbeit beschreibt zunächst die kindliche Sprachentwicklung und stellt den Beobachtungsbogen, BESK 4-5, sowie ein Instrument zur logopädischen Diagnostik, die Patholinguistische Diagnostik bei Sprachentwicklungsstörungen (PDSS), vor. Für die folgend dargestellte Studie wurden 40 Kinder in fünf verschiedenen Grazer Kindergärten mittels PDSS getestet. Die Ergebnisse aus dieser Untersuchung wurden mit den Ergebnissen der Sprachstandserhebungen (BESK 4-5) verglichen, um Auskunft über die Validität Letzterer zu erhalten.
Die anschließende Auswertung und Interpretation der Studienergebnisse zeigte, dass der BESK 4-5 nicht aussagekräftig genug ist, um vier- bis fünfjährige Kinder, die Förder-oder sogar Therapiebedarf ihrer Sprachentwicklung aufweisen, herauszufiltern. Vor allem in den Bereichen „Phonologie“, „Lexikon/Semantik“ und „Sprachverständnis“ konnte der BESK 4-5 auffällige Kinder nicht erfassen obwohl diese große Bedeutung für die kindliche Entwicklung - auch hinsichtlich schulischer Fertigkeiten - haben.
Vorwort
Wir möchten uns an dieser Stelle bei all jenen bedanken, die durch ihre fachliche und persönliche Unterstützung zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen haben.
Wir danken unserer fachlichen Betreuerin, Nina Fuisz-Szammer, MSc, für ihre Bereitschaft, diese Arbeit zu betreuen. Sie unterstützte uns in vielerlei Hinsicht und ermöglichte uns durch ihren tatkräftigen Einsatz die Verwirklichung dieser Arbeit. Ihre wertvollen Hinweise und Ratschläge, sowie ihre fachliche Kompetenz trugen wesentlich zur Entstehung dieser Arbeit bei.
Auch unserem wissenschaftlichen Betreuer, Herrn Mag. Harald Lothaller, gebührt Dank für seine kompetente Unterstützung und sein Bemühen beim Erheben und Auswerten der Daten.
Dank gilt auch Stadtrat Detlev Eisel-Eiselsberg, sowie dem städtischen Amt für Jugend und Familie, insbesondere der Leitung des ärztlichen Dienstes, Frau Dr. in Veronika Zobel und der Leiterin des Referats für Kinderbildung und -betreuung, Frau Dr. in Vasiliki Argyropoulos. Nur durch ihren Einsatz konnte diese Arbeit verwirklicht werden. Auch den Kindergärten, die uns durch die Bereitstellung der Räumlichkeiten und ihrer Zeit unterstützt haben, danken wir herzlich. Darüber hinaus möchten wir uns bei den Eltern für ihre Einverständniserklärung zur Untersuchung ihrer Kinder bedanken und natürlich auch bei den Kindern selbst.
Weiters möchten wir uns bei unseren Freunden und Familien bedanken, die uns, über dieses Studium hinaus, immer mit viel Liebe und Kraft unterstützt haben.
Zur Erleichterung der Lesbarkeit der vorliegenden Arbeit wurde das generische Femininum verwendet. In dieser Schreibweise sind allerdings sowohl männliche als auch weibliche Personen eingeschlossen. Inhaltsbezogene Überlegungen spielen dabei keine Rolle, alleine die Praktikabilität und Lesbarkeit sind dafür ausschlaggebend.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 1
2 DIE SPRACHENTWICKLUNG 3
2.1 Die Semiotik. 3
2.1.1 Systemlinguistik 4
2.1.2 Handlungsbezogene Linguistik 4
2.2 Der Spracherwerb. 5
2.2.1 Sprachverständnis. 5
2.2.2 Sprachproduktion 7
2.3 Systemlinguistische Ebenen im Spracherwerb 8
2.3.1 Phonetik/Phonologie 8
2.3.2 Lexikon/Semantik 11
2.3.3 Morphologie/Syntax. 15
2.4 Die handlungsbezogene Ebene im Spracherwerb 19
2.4.1 Pragmatik 19
3 DER BESK 4-5 21
3.1 Sprachwissenschaftliche Grundlagen. 21
3.2 Zielgruppe des BESK 4-5 23
3.3 Ziel des BESK 4-5 23
3.4 Entwicklung des BESK 4-5 24
3.5 Material. 26
3.6 Beobachtung/ Bewertung. 26
3.7 Dokumentation der Beobachtung/Bewertung: 27
3.7.1 Aufbau des Beobachtungsbogens 27
3.8 Organisatorische und methodische Überlegungen. 28
3.9 Durchführung des BESK 4-5. 29
3.9.1 A - Bilderbuch (Opa Henri sucht das Glück) 29
3.9.2 B - Bildkarten (Sprachschatzpiraten) 31
3.9.3 C - Bewegungsraum 32
3.9.4 D - Gespräche 32
3.10 Auswertung. 34
3.11 Vorausblick. 34
3.11.1 Beobachtung als Grundlage für Eltern- und Fachgespräche. 34
4 DIE PATHOLINGUISTISCHE DIAGNOSTIK BEI
SPRACHENTWICKLUNGSST ÖRUNGEN (PDSS) 36
4.1 Die patholinguistische Sichtweise auf spezifische Sprachentwicklungsstörungen. 36
4.1.1 Auswirkungsebenen der SSES aus patholinguistischer Sicht. 37
4.2 Konzeption der PDSS 37
4.3 Standardisierung der PDSS. 40
4.3.1 Ermittlung der Testergebnisse 40
4.3.2 Die Normierungsstichprobe. 40
4.3.3 Evaluation der Testgütekriterien 41
4.4 Durchführung und Auswertung der PDSS 43
4.4.1 Diagnostikband Phonologie. 44
4.4.2 Diagnostikband Lexikon/Semantik 46
4.4.3 Diagnostikband Grammatik. 50
5 METHODIK 55
5.1 Stichprobe 55
5.2 Vorgehensweise 55
5.2.1 Material 56
5.2.2 Durchführung 56
5.2.3 Beurteilungskriterien 58
5.2.4 Ergebnisanalysen 61
6 ERGEBNISSE. 64
6.1 Vergleich der Subtests der PDSS mit den Beobachtungskriterien des BESK 4-5. 64
6.2 Vergleich der Ergebnisse der linguistischen Ebenen von PDSS und BESK 4-5 68
6.3 Vergleich der Gesamtergebnisse. 69
6.4 Beziehung zwischen logopädischen Subtests und dem Gesamtergebnis des BESK 4-5 70
6.5 Beschreibung einzelner Fallbeispiele. 71
7 INTERPRETATION UND DISKUSSION. 74
7.1 Interpretation und Diskussion der Ergebnisse des Itemvergleichs. 74
7.2 Interpretation und Diskussion des Vergleichs der Ergebnisse der linguistischen Ebenen 79
7.3 Interpretation und Diskussion des Vergleichs der Gesamtergebnisse. 80
7.4 Interpretation und Diskussion des Zusammenhangs logopädischer Subtests mit dem
Gesamtergebnis des BESK 4-5 82
7.5 Interpretation und Diskussion der Falldarstellungen. 83
7.5.1 Einfluss der Lautproduktion auf die weitere Entwicklung 86
7.5.2 Einfluss des Sprachverständnisses auf die weitere Entwicklung. 87
7.6 Allgemeine Diskussionspunkte zum BESK 4-5. 89
7.7 Diskussionspunkte zur PDSS 90
8 CONCLUSIO. 93
9 LITERATURVERZEICHNIS. 98
10 ANHANG I
Anna Frieda Steiner & Beatrice Tanner Einleitung
1 Einleitung
Sprachliche Probleme fallen oft erst mit Schuleintritt auf. Um diese schon möglichst früh zu erkennen und Fördermaßnahmen bereits vor Schulbeginn einzuleiten, wurde zur Erfassung der Sprachkompetenz vier- bis fünfjähriger Kinder der BESK 4-5 konzipiert. Seit 2007 wird dieser Beobachtungsbogen von Kindergartenpädagoginnen einmal jährlich mit der oben genannten Zielgruppe durchgeführt. Durch diese Untersuchung werden die Bereiche Phonologie, Semantik, Lexikon, Morphologie, Syntax und Pragmatik überprüft. Treten in diesen Bereichen Auffälligkeiten auf, können Kindergartenpädagoginnen bereits 15 Monate vor Schulbeginn Sprachfördermaßnahmen vornehmen oder anregen.
Bei einem Betrachten des BESK 4-5 ist bereits auf den ersten Blick auffallend, dass der Bereich „Sprachverständnis“ im BESK 4-5 nicht überprüft wird. Der Erwerb des Sprachverständnisses ist jedoch die Basis für „inhaltsvolle“ Kommunikation und vor allem für den Aufbau von Weltwissen. Insbesondere Schulwissen wird häufig in komplexer Erzählform vermittelt, was gutes Sprachverständnis voraussetzt. Kinder mit rezeptiver Sprachstörung werden im Schulunterricht häufig als unkonzentriert, unruhig oder angespannt beschrieben. 1
Weiters fällt auf, dass die verschiedenen sprachlichen Ebenen im BESK 4-5 sehr unterschiedlich gewichtet sind. Dies könnte Probleme in weniger stark gewichteten Ebenen wie Phonetik/ Phonologie verschleiern. Auch Kindergartenpädagoginnen haben dieses Problem erkannt. Phonologische Schwierigkeiten können im BESK 4-5 nicht vermerkt werden und deshalb auch nicht in den Sprachstandserhebungen nicht erfasst.
Bisher gibt es keine Studien, die die Ergebnisse des BESK 4-5 und die Ergebnisse einer standardisierten logopädischen Diagnostik vergleichen. Daher ist die Aussagekraft des BESK 4-5 nicht wissenschaftlich überprüft und die Validität der Ergebnisse ist nicht belegt.
1 Vgl. Schlepütz, A., Sprachverständnis, 2007, S. 15
1
Anna Frieda Steiner & Beatrice Tanner Einleitung
Die vorliegende Arbeit versucht daher die folgenden Fragen zu beantworten: Ist der BESK 4-5 genügend aussagekräftig, um vier- bis fünfjährige Kinder, die Förder-oder sogar Therapiebedarf in ihrer Sprachentwicklung aufweisen, herauszufiltern? Sollte die Studie dem BESK 4-5 eine unzureichende Aussagekraft attestieren, stellt sich außerdem die Frage, in welchen Bereichen der BESK 4-5 zu verbessern ist. Ziel ist es, eventuell unerkannte Störungsbereiche aufzuzeigen, um mittelfristig eine Optimierung der Früherfassung von Spracherwerbsstörungen zu sichern. Es wird von der Annahme ausgegangen, dass die unausgewogene Gewichtung der verschiedenen sprachlichen Ebenen zu einer Verschleierung einer tatsächlichen Sprachentwicklungsverzögerung/-störung in bestimmten Bereichen führt. Weiters ist anzunehmen, dass der BESK 4-5 vor allem in den Bereichen Phonetik/Phonologie und Sprachverständnis unzureichend testet.
In der vorliegenden Arbeit werden zunächst die wichtigen Schritte der Sprachentwicklung kurz dargestellt. Dabei wird auch auf die einzelnen sprachsystematischen Ebenen, die von einer solchen Störung betroffen sein können, eingegangen und es werden relevante Begriffe definiert und erläutert. Die Kapitel 3 und 4 stellen einen Überblick über die beiden Verfahren dar, die zur Datenerhebung und zum Vergleich benutzt wurden: Einerseits wird in Kapitel 3 das Instrument zur Sprachstandserhebung, der BESK 4-5 dargestellt, andererseits wird in Kapitel 4 die standardisierte Vergleichsdiagnostik, die unter anderem für die Studie verwendet wurde näher erläutert. Es handelt sich dabei um die Patholinguistische Diagnostik bei Sprachentwicklungsstörungen (kurz: PDSS) von Kauschke/Siegmüller (2010). Es werden die patholinguistische Sichtweise auf Sprachentwicklungsstörungen (kurz: SES), die Konzeption der PDSS, die Standardisierung sowie die Durchführung und Auswertung der einzelnen Subtests der PDSS näher betrachtet.
In Kapitel 5 wird die genaue Methodik der Datenerhebung und -auswertung beschrieben. Das darauf folgende Kapitel befasst sich mit den Ergebnissen der Datenauswertung. Häufigkeitsanalysen und Ergebnisvergleiche werden ausführlich dargelegt. Die in Kapitel 6 dargestellten Ergebnisse werden anschließend in Kapitel 7 interpretiert und stellen eine wesentliche Diskussionsgrundlage dar. Die Conclusio (Kapitel 8) erläutert Schlussfolgerungen der Studie und stellt einen Ausblick dar.
2
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
2 Die Sprachentwicklung
„Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache.“ 2
Dieses Sprichwort von Theodor Fontane gibt preis, dass die Sprache eine unserer höchsten Funktionen darstellt. Dementsprechend komplex ist das Thema Sprache, sowohl im Erlernen der Sprache als auch im Verstehen von Sprachstruktur.
Die Sprache ist im Wesentlichen ein Zeichensystem, das der Mensch benutzt. Die Zeichen, d.h. die Wörter, die verwendet werden, ermöglichen, dass die Ergebnisse des Denkens mitteilbar werden. Die Wissenschaft dieser Zeichen ist die Semiotik.
2.1 Die Semiotik
Sie beschäftigt sich damit, was ein Zeichen zu einem Zeichen macht, und sie beschreibt die verschiedenen Arten von Zeichen und ihre Systeme. Die Lehre der Semiotik befasst sich aber auch mit dem Gebrauch der Zeichen durch ihre Benutzerin. Es werden also die Beziehungen, die zwischen Zeichen bestehen, untersucht; die Relationen zwischen Zeichen und ihren Bedeutungen näher betrachtet und die Beziehungen zwischen den Zeichen und der Wirklichkeit analysiert. 3
Anhand der Semiotik kann man die Sprache nach zwei Gesichtspunkten untersuchen: einerseits mittels der systemlinguistischen Betrachtungsweise, mit den einzelnen Sprachebenen Phonetik, Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik. Andererseits an-hand der handlungsbezogenen Betrachtungsweise der Sprache, die die Pragmatik er-forscht.
Im Folgenden werden die wesentlichen Begriffe der Systemlinguistik und der handlungsbezogenen Linguistik definiert.
2 Fontane, T. (n.d.), zitiert nach Sprüche (Fontane, n.d.)
3 Vgl. Gadler, H., Linguistik, 2006, S. 161
3
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
2.1.1 Systemlinguistik
Phonetik: Die Phonetik ist die Lehre von der Lautbildung und deren Analyse. Die artikulatorische Phonetik beschäftigt sich mit der Untersuchung und Beschreibung der Vorgänge der Bildung von Lauten durch die Sprechwerkzeuge. 4 Phonologie: Die Phonologie ist die Lehre vom Phonem 5 , seiner Verbindungsmöglichkeit, seinem Vorkommen und seiner Funktion im Sprachsystem, z.B. Lautdauer usw. Die Untersuchung erfolgt durch Minimalpaar- und Distributionsanalysen. 6 Morphologie: Die Morphologie ist die Lehre von der äußeren Gestalt der Organismen. Sie ist ein Teilbereich der Grammatik und umfasst die Lehre von der Funktion der kleinsten sprachlichen Zeichen unter dem Aspekt ihres Vorkommens und ihrer Kombination bei der Wortbildung, sowie ihrer Stellung im Sprachsystem. 7 Syntax: Die Syntax ist ein Teil der Grammatik, der sich mit dem Bau und Gliederung des Satzes, z.B. Haupt- und Nebensatz beschäftigt. 8
Semantik: Die Lehre von den Bedeutungen und Inhalten von Wörtern und Zeichen. 9 Lexikon: Mit Lexikon wird der Wortschatz bezeichnet oder eine bedeutungstragende sprachliche Einheit. 10
2.1.2 Handlungsbezogene Linguistik
Pragmatik: Die Pragmatik umfasst eine Reihe von soziolinguistischen Regeln, die sich auf den Gebrauch der Sprache in kommunikativen Kontexten beziehen. 11
4 Vgl. Franke, U., Handlexikon, 2004, S. 167
5 Ein Phonem ist die segmental kleinste bedeutungsunterscheidende lautliche Einheit. (Vgl. Franke, U.,
Handlexikon, 2004, S. 167)
6 Vgl. Franke, U., Handlexikon, 2004, S. 167
7 Vgl. Franke, U., Handlexikon, 2004, S. 147
8 Vgl. Franke, U., Handlexikon, 2004, S. 220
9 Vgl. Franke, U., Handlexikon, 2004, S. 195
10 Vgl. Franke, U., Handlexikon, 2004, S. 135
11 Vgl. Franke, U., Handlexikon, 2004, S. 173
4
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
2.2 Der Spracherwerb
Trotz der Komplexität der Sprache fällt es Kindern zumeist leicht, die Sprache zu erlernen. Dies zeigt sich schon im Wort „Spracherwerb“, das im Gegensatz zum „Sprache Lernen“ ein stets natürlicher, unterbewusst vonstattengehender Prozess ist, der innerhalb einer sozialen Gruppe abläuft. 12
Falls dieser Prozess des Spracherwerbs in welcher Art und Weise auch gestört ist, spricht man von einer sprachlichen Entwicklungsstörung. Bei Kindern mit einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung liegt eine Beeinträchtigung des Spracherwerbs ohne primär organische, mentale oder emotionale Schädigung vor. 13 Störungen der Sprachentwicklung können durch unterschiedliche Symptome gekennzeichnet sein, wie z.B. phonologische, lexikalische, morpho-syntaktische Störungen in Verständnis und Produktion. Ob die Pragmatik als eigenständiger Bereich gestört sein kann oder ob sie sich nicht von anderen sprachlichen Ebenen abkoppeln lässt, ist nicht eindeutig geklärt. 14
Hingegen ist die Unterscheidung zwischen rezeptiver und produktiver Störung wichtig, um die Diagnose „Sprachentwicklungsstörung“ zu präzisieren. Kinder mit zerebralen Bewegungsstörungen können z.B. ein einwandfreies Sprachverständnis besitzen, obwohl die Sprachproduktion aufgrund motorischer Probleme eingeschränkt ist. Bis zum dritten Lebensjahr geht das Sprachverständnis der Sprachproduktion voraus, danach können Kinder schon viele syntaktische Konstruktionen bilden, bevor sie diese richtig verstehen können. 15
2.2.1 Sprachverständnis
Mit dem Sprachverständnis im engeren Sinn ist die Fähigkeit, einem linguistischen Input (Wörter, Sätze, Texte) Bedeutung zu entnehmen, gemeint. Es handelt sich hierbei um ein rein linguistisches Dekodieren.
12 Vgl. Kranz, I., Spracherwerb, 1999
13 Vgl. Kauschke, C. & Siegmüller, J., Patholinguistische Therapie, 2006, S. 3
14 Vgl. Schrey-Dern, D., Sprachentwicklungsstörungen, 2006, S. 15
15 Vgl. Schrey-Dern, D., Sprachentwicklungsstörungen, 2006, S. 16
5
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
Das Sprachverständnis im weiteren Sinne ist das Zusammenwirken aller Fähigkeiten, die dazu beitragen, sprachliche Äußerungen in natürlichen Kommunikationssituationen Bedeutung zu entnehmen. 16 „Das Sprachverständnis baut auf Erfahrungen des Kindes mit der Personen- und Gegenstandswelt auf, integriert diese und bildet so die Brücke zwischen der vorsprachlichen und sprachlichen Kommunikation. Es spielt deshalb auch in der Entstehungsgeschichte von Entwicklungsstörungen eine wichtige Rolle.“ 17 „Versteht das Kleinkind Sprache nur ungenügend, kann es diese auch nicht dafür einsetzen, um etwas mitzuteilen. […] Sprachverständnisstörungen stehen immer in Verbindung mit der Schwierigkeit, Vorstellungen aufzubauen.“ 18
Kinder mit Sprachverständnisproblemen lernen die Sprache vorwiegend über die direkte Imitation; dadurch unterscheidet sich die rein imitierte Produktion auch von der aktiv konstruierten Sprache. Die Sätze bestehen größtenteils aus Phrasen, d.h. aus starren, unflexiblen Wortkombinationen. 19
2.2.1.1 Semantisches Entschlüsseln
Das semantische Entschlüsseln beinhaltet das Sprachverständnis auf Wortebene. Dabei geht es darum,
• wie viele Wörter ein Kind versteht (Quantität) und
• ob die Wörter dem Kind in all ihren Bedeutungen und morphologisch veränderten Formen genau zur Verfügung stehen (Qualität). 20
2.2.1.2 Syntaktisches Entschlüsseln
Mit dem syntaktischen Entschlüsseln ist das Sprachverständnis auf Satzebene gemeint. Hierbei kann es vorkommen, dass ein Kind die Sätze nicht versteht, obwohl die enthaltenen Wörter bekannt sind.
16 Vgl. Schrey-Dern, D., Sprachentwicklungsstörungen, 2006, S. 15 - 16
17 Zollinger, B., Entdeckung, 2002, S. 58
18 Zollinger, B., Kinder, 2008, S. 45 - 49
19 Vgl. Zollinger, B. Entdeckung, 2002, S. 62
20 Vgl. Amorosa, H. & Noterdaeme, M., Sprachstörungen, 2003, S. 23
6
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
Für das Entschlüsseln eines Satzes entstehen im Wesentlichen drei Anforderungsebenen:
• Die Menge der relevanten Informationen, die verarbeitet werden muss.
• Die Komplexität der grammatischen Strukturen (siehe Kapitel 2.3.3).
• Die Beachtung der morphologischen Elemente, da im Deutschen eine unterschiedliche Reihung der Satzglieder möglich ist. 21
2.2.1.3 Absurde Aufforderungen
Das Sprachverständnis kann z.B. durch so genannte „Absurde Aufforderungen“ überprüft werden. Dabei werden Kinder aufgefordert, Dinge zu tun, die nicht üblich oder möglich sind. Die Reaktion des Kindes, die von einer Ausführung der Handlung bis zu einem Zurückweisen mit Begründung und Alternativangebot reichen kann, gibt Auskunft über den Entwicklungsstand des Kindes. 22 Eine solche „Absurde Aufforderung“ könnte sein: „Hol mir bitte ein Glas Wasser zum Tür aufsperren.“ Wenn das Kind die Handlungen ohne zu zögern ausführt, ist es einem Entwicklungsstand von 2 1 / 2 Jahren zuzuordnen. Wird die Handlung mit „Nein“ zurückgewiesen, so entspricht dies einem Entwicklungsalter von 3 1 / 2 Jahren. Mit 4 Jahren kann ein Kind die Handlung bereits zurückweisen und begründen. Im Alter von 5 Jahren ist ein Kind in der Lage zusätzlich Alternativen anzubieten. 23
2.2.2 Sprachproduktion
Unter Sprachproduktion werden alle sprachlichen Äußerungen verstanden, die das Kind entweder in einer freien, oder gelenkten Spontansprache oder nach Aufforderung eines Interaktionspartners äußert, also das Benennen und Nachsprechen von Lauten, Silben, Wörtern, Sätzen oder Texten. 24
Um eine sprachliche Entwicklungsstörung gut diagnostizieren zu können, ist es wichtig, über die einzelnen Entwicklungsschritte und Meilensteine in der sprachlichen Entwicklung Bescheid zu wissen. Aus diesem Grund werden die einzelnen Bereiche des
21 Vgl. Amorosa, H. & Noterdaeme, M., Sprachstörungen, 2003, S. 28
22 Vgl. Zollinger, B., Kinder, 2008, S. 52 - 53
23 Vgl. Zollinger, B., Vorschulalter, 1998, S. 89 u. 91
24 Vgl. Schrey-Dern, D., Sprachentwicklungsstörungen, 2006, S. 18
7
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
Spracherwerbs im Folgenden kurz erläutert und die chronologische Reihenfolge des Erwerbs wird dargestellt.
2.3 Systemlinguistische Ebenen im Spracherwerb
2.3.1 Phonetik/Phonologie
Die Phonetik beschreibt die Art und Weise, in der Laute und Lautverbindungen von Sprecherinnen motorisch hervorgebracht werden und wie diese klingen. Damit ist die Sprechmotorik oder die Artikulation selbst gemeint.
Die Phonologie beschreibt hingegen die Funktion der Laute in der jeweiligen Sprache und die Regeln, nach denen die Laute verwendet werden, also den Erwerb des Lautsystems und den mentalen Erwerb der Laute als bedeutungsunterscheidende, sprachliche Elemente und die Gesetze ihrer Kombination. 25
Die Entwicklung der Lautsprache unter dem Aspekt der Aussprache schließt sowohl die phonetische als auch die phonologische Entwicklung ein. Beide Betrachtungsweisen zusammengefasst spricht man von der phonetisch-phonologischen Entwicklung. 26
Ein abgeschlossener Spracherwerb erfordert von Kindern unter anderem auch die Beherrschung ihres muttersprachlichen phonologischen Systems. In kleinen Schritten erweitern sie ihr Phoneminventar und lernen, wie man Laute (Phone) produziert und wie man diese einsetzen kann, damit sie entsprechend den phonologischen Regeln der Muttersprache angewendet werden.
Im Deutschen gibt es 23 Konsonanten, 13 Vokale und 3 Diphtonge, die mit phonetischen Zeichen transkribiert werden. 27
25 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 32
26 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 48
27 Vgl. Fox, A., Aussprachestörungen, 2005, S. 23 - 24
8
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
Die Konsonanten können wie folgt eingeteilt werden:
• Artikulationsort: Die Stelle im Artikulationstrakt, an der ein Laut produziert wird, z.B.: bilabial (zwischen den Lippen, wie /b/)
• Artikulationsart: Die Art des gebildeten Verschlusses, der einen Laut zustande kommen lässt, z.B.: Frikative (Reibung, wie bei /sch/)
• Stimmbeteiligung: Die Unterscheidung zwischen stimmlos und stimmhaft wie (z.B. zwischen /t/ und /d/)
Auch zur Beschreibung der Vokale werden üblicherweise drei Parameter verwendet:
• Öffnungsgrad
• Zungenhöhe
• Lippenstellung
Weiters unterscheidet man zwischen Monophtongen (bestehen aus einem Element, z.B. [a]) und Diphtongen (stellen eine Gleitbewegung von einem Ausgangsvokal zu einem Zielvokal dar, z.B. [au]). 28
Schon vor dem eigentlichen Spracherwerb setzen Kinder ihre Sprechwerkzeuge zur motorischen und sensorischen Betätigung ein und produzieren Geräusche. 29 „Als Voraussetzung für die Lautproduktion, muss sich zunächst die Lautwahrnehmung entwickeln. Diese spielt schon im ersten Lebensjahr eine Rolle. Die Entwicklung der phonologischen Bewusstheit 30 ermöglicht dem Kind zunehmend einen bewussten Zugriff auf die Lautstruktur der Sprache.“ 31 Sobald das Kind bemerkt, dass es selbst Urheber dieser Geräusche ist, die es zunehmend besser differenzieren kann, kommt es zu willentlicher Wiederholung von Geräuschen. Dieses Lallen entwickelt sich zu einem vorsprachlichen Lautieren und nach und nach zur Lautsprache. Der Erwerb sprachlicher Laute beginnt mit ca. einem Jahr. 32
28 Vgl. Fox, A., Aussprachestörungen, 2003, S. 27 - 29
29 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 48
30 Die phonologische Bewusstheit ist eine Komponente des Konstrukts Sprachbewußtheit/meta-
sprachliche Kompetenz. Sie gilt als die am besten untersuchte individuelle Voraussetzung des alphabe-
tischen Schriftspracherwerbs. (Vgl. Franke, U., Handlexikon, 2004, S. 167)
31 Weinrich, M. & Zehner, H., phonologische Störungen, 2008, S. 16
32 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 48 - 49
9
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
Im Folgenden wird anhand der Tabellen nach Fox der regelrechte Phon-, Phonem- und Konsonantenverbindungserwerb erklärt. 33
Wie in Tab. 1 abzulesen ist, kann der Phonemerwerb im Alter von 4;11 Jahren als abgeschlossen bezeichnet werden, da zu diesem Zeitpunkt auch die Konsonantenverbindungen erworben sind, siehe Tab. 2. Als Besonderheit ist der Erwerb der Laute /s/, /z/ und /ts/ zu verzeichnen, wobei aus phonologischer Sicht die Substitution dieser Laute durch etwaige Fehlbildungen, welche keinem deutschen Phon entsprechen, als korrekt gewertet werden können. 36 „Es stellt sich die Frage, inwieweit und ob der bis hierhin nicht erfolgte Erwerb dieser Phone als Störung anzusehen ist und ob sie zu einem späteren Zeitpunkt noch erworben werden. Weitere Untersuchungen sind nötig.“ 37
33 Fox, A., Aussprachestörungen, 2003, S. 63 - 68
34 Fox, A., Aussprachestörungen, 2003, S. 64
35 Fox, A., Aussprachestörungen, 2003, S. 66
36 Vgl. Fox, A., Aussprachestörungen, 2003, S. 76
37 Fox, A., Aussprachestörungen, 2003, S. 76
10
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
2.3.2 Lexikon/Semantik
Die Semantik ist die Lehre von den Inhalten und Bedeutungen der Wörter und Sätze. Der Inhalt von Wörtern und Sätzen ist nicht in der gleichen Art und Weise beobachtbar, wie es etwa die lautliche Realisierung von Wörtern und deren Kombination zu Sätzen ist. 38
Wörter sind die sprachlichen Träger von Inhalten und damit die elementaren Bedeutungseinheiten, die eine Sinnherstellung mittels Sprache ermöglichen. Die Wortschatzerweiterung ist somit untrennbar mit der semantischen Entwicklung eines Kindes ver-bunden. Die semantische Entwicklung beginnt jedoch schon früh, beispielsweise bei der zielgerichteten Verwendung sozialer Ausdrucksformen, wie „Winken“. 39 „In der Sprachentwicklung zeigt sich die semantische Entwicklung zuerst beim beginnenden Sprachverstehen und im gezielter werdenden kommunikativen Einsatz von lautlichen und stimmlichen Äußerungen.“ 40
Die Wortschatzentwicklung wird auch lexikalische Entwicklung genannt, weil sie den Aufbau des mentalen Lexikons betrifft. Im Lexikon werden einerseits die phonologische Wortform, prosodische Merkmale und die morphologische Zusammensetzung gespeichert, andererseits ist das Lexikon die Instanz der neuronalen Wortverarbeitung. Dabei leistet es Zugriff auf die passenden Einträge im Laufe der aktuellen Sprachverarbeitung und verknüpft eine auditiv oder visuell wahrgenommene Wortform mit der entsprechenden semantischen Repräsentation.
Aktuelle Modelle des Wortgedächtnisses beschreiben das mentale Lexikon als Netzwerk, in dem Wortformen und Wortsemantik getrennt, aber funktional verbunden sind und in dem die Einträge verschiedener Wörter nach diversen Kriterien oder Speichermerkmalen, miteinander verbunden sind. 41
38 Vgl. Gadler, H., Linguistik, 2006, S. 167
39 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 217
40 Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 217 - 218
41 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 218
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Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
Störungen in der Semantik, sind Störungen in der Bedeutungsentwicklung und Störungen in der semantischen Struktur. Sie geben keine Auskunft über ein quantitatives Wortschatzdefizit, sondern über die qualitative Vernetzung innerhalb des taxonomischen Systems. 42
Man spricht deshalb von semantisch-lexikalischer Entwicklung, um beide Seiten des Wortschatzerwerbs zu berücksichtigen: Einerseits wird damit die wachsende semantische Fähigkeit, um das Wissen von Bedeutung und somit die Aneignung des begrifflichen und referentiellen Gehalts der einzelnen Wörter, d.h. der Wortbedeutungen, beschreiben. Andererseits ist auch die Entstehung eines mentalen Lexikons, d.h. eines Wortgedächtnisses, inkludiert. 43
Die semantische Entwicklung
Für die eigentliche semantische Entwicklung muss das Kind folgende drei Voraussetzungen erfüllen:
• Ich-Entwicklung: Das Kind erlebt die Unabhängigkeit der Objekte von ihm selbst, die Getrenntheit seiner Person von anderen Personen und sich selbst als Subjekt mit Absichten. Es lernt zu differenzieren, wobei „ja“ und „nein“ immer wichtiger werden.
• Handlungsentwicklung: Das Kind entdeckt die Sprache als Mittel des Handelns und die Wirkmacht von bedeutungstragender Sprache.
• Symbolisches Denken: Das Kind entwickelt in seinem Denken eine geistige Abbildungsfunktion. 44
42 Vgl. Siegmüller, J. Leitfaden, 2009, S. 86
43 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 218
44 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 218 - 219
12
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
Im Rahmen der eigentlichen semantischen Entwicklung kann das Kind über unterschiedliche Merkmale Hinweise sammeln, um auf die Wortbedeutung zu schließen:
• Durch ein direktes Sprachlehrverhalten von Bezugspersonen.
• Mittels perzeptueller Merkmale kann die Form mit semantischen Merkmalen verbunden werden.
• Durch funktionale Merkmale, die den Gebrauch definieren, können Bedeutungen erlangt werden.
• Einem, durch Erfahrung bereits erworbenem Konzept, kann ein Begriff zugeordnet werden.
• Aus dem kommunikativen Gebrauch kann die Bedeutung erschlossen werden.
• Mittels des verbalen Kontexts kann fremden Wörtern eine Bedeutung gegeben werden. 45
Der Lexikonerwerb
Der Aufbau eines Lexikons ist undenkbar ohne die grundsätzliche semantische Fähigkeit, Wörter als Bedeutungsträger und somit Sprache als sinnerzeugendes Medium, zu erkennen. Der Lexikonerwerb erfordert aber mehr. Mit der Voraussetzung der phonologischen Bewusstheit besteht der Lexikonerwerb:
• im Wortschatzwachstum,
• im Ausbau einzelner Worteinträge,
• in der Vernetzung der verschiedenen Worteinträge und
• in der Herstellung von Ordnungen. 46
45 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 219 - 223
46 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 223
13
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
In der folgenden Tabelle werden die Meilensteine der Wortschatzentwicklung dargestellt.
47 „schnelle Abbildung“, steht für die schnelle Aufnahme neuer Wörter aus dem Input in den aktiven
Wortschatz (Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 226)
48 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 225 - 227
14
Anna Frieda Steiner Die Sprachentwicklung
2.3.3 Morphologie/Syntax
Die Morphologie beschäftigt sich mit der Struktur und dem Bau der Wörter. 49 In der Morphologie (=Wortgrammatik) werden die Wörter einzeln beschrieben, wie z.B. zu welcher Wortart es gehört, wie es gebeugt wird oder aus welchen Bauteilen es sich zusammensetzt. 50
Die Syntax befasst sich hingegen mit der Kombination der Wörter zu Sätzen. Sie beinhaltet die Regularitäten, die solchen Kombinationen bzw. Abfolgen von Wörtern zu-grunde liegen. 51 Die Syntax (=Satzgrammatik) beschäftigt sich damit, welche Funktionen Wörter und Wortgruppen im Satz übernehmen, beispielsweise aus welchen Satzgliedern ein Satz besteht, wie die Stellung der Satzglieder ist oder welche Satzart vorliegt. 52 „Die klare Unterscheidung zwischen Wort- und Satzgrammatik darf nicht über ihre Zusammengehörigkeit hinwegtäuschen. Die Wortgrammatik ist nämlich abhängig von der Satzgrammatik.“ 53 Beide Begriffe werden unter dem Deckmantel „Grammatik“ zusammengefasst.
„Die wichtigste Funktion für die Betrachtung der Grammatikentwicklung ist die folgende: Durch die Sprache ist es dem Menschen als einzigem Lebewesen möglich, sich von der unmittelbaren Umgebung zu distanzieren. Er kann sich auf Ereignisse beziehen, die zu einem anderen Zeitpunkt stattfanden oder in einer anderen Umgebung.“ 54
Die Grammatik im Spracherwerb
Die Grammatikentwicklung wird oft als quantitative Entwicklung dargestellt: Die Äußerungslänge wächst, d.h. das Kind reiht immer mehr Wörter aneinander und die Entwicklungsstufen werden entsprechend mit der mittleren Äußerungslänge (den Einwortäußerungen, Zweiwortäußerungen, Drei- und Mehrwortäußerungen) beschrieben. Obwohl die Grammatik eine formale Seite der Sprache ist, dient sie inhaltlichen Zwecken: Durch sie werden den Inhaltswörtern ihre thematischen Rollen zugeteilt. Es werden
49 Vgl. Gadler, H., Linguistik, 2006, S 105
50 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 130
51 Vgl. Gadler, H., Linguistik, 2006, S 125
52 Vgl. Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 130
53 Kannengieser, S., Sprachentwicklungsstörungen, 2009, S. 131
54 Kruse, S., Grammatikerwerb, 2007, S. 5
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Arbeit zitieren:
Anna Frieda Steiner, Beatrice Tanner, 2010, Evaluation der Sprachstandserhebungen in Grazer Kindergärten, München, GRIN Verlag GmbH
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