Konturen einer Theologie
der Familie
Referent: Cornelius Keppeler
Hauptseminar: Ehe, Familie und neue Lebensformen - WS 98/99
Abgabetermin: Februar 1999
Cornelius Keppeler - Konturen einer Theologie der Familie
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Familie in der katholischen Lehre 4
2.1 Familie in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils 4
2.2 Familie in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils 6
3 Das Verhältnis Ehe - Familie 9
3.1 Geschichtliche Veränderungen innerhalb von Ehe und Familie 10
3.1.1 Die Bedeutung der Liebe in Ehe und Familie 10
3.1.2 Neue Funktionen von Ehe und Familie 11
3.1.3 Grundlegende Werte der christlichen Familie 12
4 Das Verhältnis Kirche - Familie 13
4.1 Familie als Kirche im Kleinen 14
4.2 Der Ort der Familie in der Gemeinde 15
4.3 Die Abhängigkeit der Kirche von der Familie 16
4.4 Familienspiritualität 17
5 Mögliche Konturen für eine Theologie der Familie 18
6 Abschließende Bemerkungen 19
Literaturverzeichnis
2
Cornelius Keppeler - Konturen einer Theologie der Familie
1 Einleitung
Innerhalb des Seminars “Ehe, Familie und neue Lebensformen” beschäftigt sich diese Arbeit und das ihr zugrundeliegende Referat mit den “Konturen einer Theologie der Familie”. Die Familie hat trotz aller politischen und wirtschaftlichen, wie auch kulturellen Veränderungen und Entwicklungen in der Einschätzung der Menschen “nichts von ihrem hohen gesellschaftlichen und individuellen Stellenwert verloren.” 1 In der nun mehr theologischen Ausei-nandersetzung wird zunächst auf kirchliche Texte, in denen die Familie und ihr Sinn und Zweck behandelt werden, eingegangen. Die darin erkennbaren Entwicklungen in der Argumentationsweise und die damit verbundenen Konsequenzen werden kurz aufgezeigt. Im Anschluß wird das Verhältnis von Ehe und Familie in Blick genommen. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt dazu:
“Aus diesem Ehebund nämlich geht die Familie hervor, in der die neuen Bürger der menschlichen Gesellschaft geboren werden, die durch die Gnade des Heiligen Geistes in der Taufe zu Söhnen Gottes gemacht werden, um dem Volk Gottes im Fluß der Zeiten Dauer zu verleihen. In solch einer Art Hauskirche sollen die Eltern durch Wort und Beispiel für ihre Kinder die ersten Glaubensboten sein und die einem jeden eigene Berufung fördern, die geistliche aber mit besonderer Sorgfalt.” 2
Das Verhältnis zwischen Kirche 3 und Familie wird unter dem vierten Punkt behandelt. Es wird durch Probleme in der Rollenzuteilung und die kirchliche Abhängigkeit von der Familie als Ort der Primärsozialisation geprägt. Im letzten Teil soll versucht werden, Konturen einer Theologie der Familie zu zeichnen - oder besser gesagt - die ekklesiale Bedeutung der Familie zusammenzufassen. Deren Bedeutung drückt JOHANNES PAUL II. wie folgt aus: “Die christliche Familie ist eine spezifische Darstellung und Verwirklichung der kirchlichen Gemeinschaft. Sie kann und muß deshalb auch “Hauskirche” genannt werden.” 4
1 GRUBER, H.-G., Familie und christliche Ethik, 9.
2 LG 11.
3 Im Folgenden ist unter dem Begriff »Kirche« insbesondere die römisch-katholische Kirche gemeint.
4 FC 21.
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Cornelius Keppeler - Konturen einer Theologie der Familie
2 »Familie« in der katholischen Lehre
Die Familie wurde in den kirchlichen Schreiben seit dem Ende des letzten Jahrhunderts häufig thematisiert. Doch bezogen sich die Enzykliken entweder auf gesellschaftliche 5 und soziale 6 Problemfelder - wie Rerum novarum (1891) und in neuerer Zeit Centesimus annus (1991) -, 7 oder auf moralische Einzelfragen. So wurde
“im Zusammenhang mit der Enzyklika Humanae vitae (1968) und in ihrem Gefolge das Thema Familie mehr oder weniger auf die Frage der sog. Familienplanung enggeführt.” 8
Ähnliches gilt für die bischöflichen Hirtenworte, in denen es für die Familien “allenfalls moralische Mahnungen” 9 gab, ihre ekklesiologische Dimension aber in keiner Weise berührt war. Die Institution der Familie war aus der Perspektive der Kirche ein solch selbstverständlicher gesellschaftlicher, wie auch kirchlicher Funktionsträger, daß sie in ihrer Rolle scheinbar “nicht eigens theologisch begründet oder vertieft werden mußte.” 10
2.1 »Familie« in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils
Die Wahrnehmung der Familie ändert sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das sie neu und explizit in den Blick nimmt, was sich auch in seinen Texten niederschlägt. Dort erscheint die Familie in einem ganz anderen Licht. Die Konzilsväter wenden sich von den alten Zugängen zu ihr ab und anerkennen ihren gesamtgesellschaftlichen und kirchlichen Wert. “Das Wohl der Person sowie der menschlichen und christlichen Gesellschaft ist zuinnerst mit einem Wohlergehen der Ehe- und Familiengemeinschaft verbunden.” 11
Sie beschäftigen sich u.a. in zwei Konstitutionen, einer Erklärungen und einem Dekret näher mit der Rolle und der Funktion, der Aufgabe und dem Wesen der Familie. 12 In diesen Texten wird deutlich, daß die Begriffe der Ehe und Familie eng miteinander verbunden sind, daß sie aber nicht auf konkrete Erscheinungsformen festgelegt, sondern diese Lebensformen überhaupt als “Grundbedingung humanen Menschseins” 13 verstanden werden.
5 Vgl. Divini illius magistri (1929) DH 3685-3690.
6 Vgl. Quadragesimo anno (1931) DH 3735.
7 Vgl. SÜßMUTH, R., Familie - Menschwerdung - Gesellschaft, 114.
8 METTE, N., Die Familie in der kirchenamtlichen Verkündigung, 342; vgl. DH 4470-4479.
9 EID, V., Elemente einer theologisch-ethischen Lehre über die Familie, 179.
10 METTE, N., Die Familie als Kirche im Kleinen, 265.
11 GS 47; vgl. GE 3.
12 Vgl. LG 6; 11; 32; 35; GS 52; GE 3; AA 11.
13 RIEDEL-SPANGENBERGER, I., Familie als »Schule reich entfalteter Humanität«, 131.
4
Cornelius Keppeler - Konturen einer Theologie der Familie
Im Verhältnis zwischen den Institutionen Ehe und Familie setzt das II. Vatikanum neue Akzente und tritt mit der Bezeichnung der Familie als “einer Art Hauskirche” 14 einer Überbetonung der Ehe als Vertrag, wie sie seit dem Trienter Konzil verbreitet war, entgegen. Damit schärft es das Bewußtsein, “daß das christliche Ehepaar und seine Kinder an einer dauerhaften sakramentalen Realität teilhaben.” 15 Das Konzil löst sich zudem von der “Fixierung auf den institutionellen Charakter der Familie” 16 und vollzieht
“eine Aufwertung der ekklesiologischen Bedeutung der Familie, wenn sie zum »häuslichen Heiligtum der Kirche« (Apostolicam actuositem 11), zu »einer Art Hauskirche« (Lumen gentium 11) erklärt wird.” 17
Die Familie gehört so
“als wesentliches Element zur kirchlichen Verfassung, weil sie der einzige Ort ist, in dem sich die Kirche als spezifisches Ergebnis der ehelichen Liebe Christi zur ganzen Menschheit mit der dem Sakrament eigenen Wirksamkeit verwirklicht.” 18
In diesem ekklesiologischen Sinn von Familie kann das Konzil auch in Bezug auf die ganze Kirche von der »Familie Gottes« 19 reden.
Exkurs: Deduktive oder induktive Argumentation?
Die Entwicklungen in den Perspektiven und Aussagen des Konzils zur Familie im Vergleich zu vorherigen Verlautbarungen basieren auf einer Veränderung der Argumentationslinie. Mit der Abkehr von einer bloß deduktiven Herleitung, mit der die kirchliche Sittenlehre “in hohem Maße dem Bestreben, Wesensaussagen zu machen und von diesen sittlich bedeutsame Schlußfolgerungen abzuleiten” 20 , folgte, wird nun der Weg zu einer Auseinandersetzung geöffnet, in der sich die tatsächlich gelebte Ehe- und Familienrealität erst wiederfinden kann. Denn das bisherige deduktive Denken hatte
“dazu geführt, daß bei der Wahrnehmung familiärer Lebenswirklichkeit immer stärker abstrakte, idealisierte und synthetische Leitbilder in den Mittelpunkt rückten, während gleichzeitig die Wirklichkeit gelebter, leidvoll erlittener und auch gescheiterter Familien- und Ehewirklichkeit aus dem Blick geriet.” 21
14 LG 11.
15 FAHEY, M. A., Die christliche Familie als Hauskirche im Zweiten Vatikanischen Konzil, 350.
16 METTE, N., Die Familie in der kirchenamtlichen Verkündigung, 342.
17 Ebd.
18 CORRECO, E. Das Sakrament der Ehe, Eckstein der Kirchenverfassung, AfkKR 148, 1979, S.374 - zitiert nach RIEDEL-SPANGENBERGER, I., a.a.O., 137.
19 Vgl. LG 28; 32; GS 42.
20 EID, V., a.a.O. 182.
21 SCHMÄLZLE, U., Kirche und Familie, 13f.
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Cornelius Keppeler, 1999, Konturen einer Theologie der Familie, München, GRIN Verlag GmbH
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