Inhaltsverzeichnis
I. Modernisierung - Individualisierung - Solidarität:
Versuch einer Annäherung
1. Zum Begriff der Modernisierung
1.1 Einführung und provisorische Begriffbestimmung 5
1.2 Klassische Modernisierungsbegriff 6
1.2.1 Ferdinand Tönnies 7
1.2.2 Émile Durkheim 8
1.2.3 Georg Simmel 8
1.2.4 Max Weber 9
1.2.5 Karl Marx 9
1.3. Modernisierung in der sogenannten Postmoderne’ 10
1.4. Charakteristika einer modernen Gesellschaft 13
2. Individualisierung
2.1 Begriffsbestimmung 14
2.2 Dimensionen der Individualisierung 15
2.3 Entwicklungslinien der Individualisierung 16
2.4 Ambivalenz der Individualisierung 17
3. Solidarität
3.1 Was bedeutet Solidarität? 18
3.2 Bedeutungsdimensionen 20
3.3 Ist Solidarität ein christlicher Grundbegriff? 20
3.4 Zugänge zum Solidaritätsbegriff in Christentum und Theologie 21
3.5 Solidarität unter den Bedingungen fortschreitender 23
Individualisierung - ein Auslaufmodell?
3.6 Entgrenzung der Solidarität 24
3.7 Neue Bedingungen von Solidarität 25
4. Religiosität im Wandel der Postmoderne
4.1 Individualisierung des Religiösen - eine Säkularisierung der 27
Religionen ?
II. Die Spezifische Lage der Jugend in der (Post-)Moderne
1. Jugend und Individualisierung
1.1 Einleitung 30
1.2 Der Begriff der Jugend heute 30
2. Instanzen der Sozialisation
2.1 Die Familie 32
2.2 Die Peer-Group 33
2.3 Schule und Beruf 34
2.4 Konsequenzen für die Jugendlichen 35
1
3. Veränderung jugendlicher Solidarität und Religiosität 3.1 Jugend, Religion und die Rolle der Kirche . . . . . . . . . 38 3.2 Der Wandel der jugendlichen Solidarität . . . . . . . . . 40 3.3 Jugendliche Religiositätsstil . . . . . . . . . . . . . 41
3.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
III. Konsequenzen für Schule und Unterricht
1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
2. Erziehung zur Solidarität - Ein Beitrag der Schule . . . . . . . 57
3. Die Aufgabe des Religionsunterrichts . . . . . . . . . . . 59
. . . . . . . . . . . . . . 62 IV. Auswertung und Ergebnisse
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
2
Einleitung
Nach der Rückgabe einer Klassenarbeit bittet die Lehrerin einige Kinder, einem schwächeren Mitschüler nachmittags bei der Korrektur zu helfen. Aus der Klasse kommt keine Resonanz. Die Lehrerin fragt nach einer Erklärung. Mehr oder weniger gemurmelt heißt es von Seiten der Schüler: „Das ist uns doch egal, was mit dem ist.“ - So oder ähnlich könnte es sich heute in vielen Klassenräumen ereignen. Der Gedanke einander zu helfen, scheint vielfach nicht mehr sehr ausgeprägt. Viele Ältere sind der Auffassung, dass im Laufe der vergangenen Jahrzehnte Egoismus und Gleichgültigkeit zugenommen hätten - früher sei alles besser gewesen, meinen sie: Man habe sich gegenseitig unterstützt und dafür gesorgt, dass niemand auf der Strecke bliebe. Egoismus und Ellenbogenmentalität habe es damals in diesem Ausmaß nicht gegeben. Mit den modernen Zeiten habe sich alles zum Schlechteren verändert.
Liegen die Dinge wirklich so einfach? Kann man -zugegebenermaßen verkürzendsagen, die Moderne sei schuld an einer Entwicklung, die zur Individualisierung führt? Und stimmt es, dass Individualisierung automatisch Entsolidarisierung nach sich zieht?
Es müsste gefragt werden, wodurch sich moderne Gesellschaften eigentlich auszeichnen und was genau der Begriff der ‚Modernität’ meint? Vordergründig scheint die Modernisierung eine Kennzeichnung der heutigen Zeit zu sein, die überwiegend positiv bewertet wird, wenn man sich beispielsweise technische oder wirtschaftliche Errungenschaften vor Augen führt.
Weil die fortschreitende Modernisierung des 20. und 21. Jahrhunderts in nahezu allen Bereichen der menschlichen Wirklichkeit zu grundlegenden Veränderungen führte, hat sie auch erhebliche gesellschaftliche Umbrüche erzeugt. Wer also die Situation unserer Kinder und Jugendlichen verstehen will, muss sich zunächst gründlich mit den Fragen der Modernisierung und ihren gesellschaftlichen Folgen beschäftigen. Betrachtet man die Schule als ein Spiegelbild der Gesellschaft, müssten deren Strömungen und Akzentverschiebungen auch im Lehrbetrieb ankommen und dort berücksichtigt werden. Stellt man in der Gesellschaft beispielsweise verstärkt aufkommende Individualisierungstendenzen fest, dürfte auch in der Schule ein Rückgang des Zusammengehörigkeitsgefühls und des Sozialengagements zu verzeichnen sein. Ist die festzustellende Entsolidarisierung also eine Folge gesellschaftlicher Individualisierung?
3
Die vorliegende Arbeit hat es sich zum Ziel gesetzt, die Frage der Solidarität und Individualisierung insbesondere bei Jugendlichen in der sogenannten postmodernen Gesellschaft zu untersuchen. Gerade bei der jungen Generation scheint die einmal selbstverständlich geforderte Solidarität ein durchaus knappes Gut zu werden. Darüber hinaus wäre zu fragen, welche Konsequenzen die derzeitige gesellschaftliche Situation bezüglich der religiösen Einstellungen junger Menschen hat. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Modernisierung auch hier nicht spurlos vorbeigezogen ist. Inwieweit also verändern sich Religiosität und Solidaritätspotentiale infolge der Modernisierung und welche Rolle spielt dabei die Individualisierung? Bildet sich eine Generation von Individualisten unter den Jugendlichen aus, in der Solidarität und Religion immer weniger Platz finden?
Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, müssen neben theoretischen Überlegungen sicherlich auch aktuelle soziologische Forschungsergebnisse herangezogen werden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen müssten anschließend in den Schulkontext eingebunden werden. Welche Folgerungen ergeben sich für die Schule, wenn sie sich auf die ‚heutige Jugend’ einstellen will?
Um dies zu klären, muss man sich zunächst klarmachen, was unter den Begriffen Modernisierung, Individualisierung und Solidarität verstanden werden soll. Das gesamte erste Kapitel (I.) der vorliegenden Arbeit wird sich also damit zu beschäftigen haben, diese Schlüsselbegriffe zu klären. Weil im Mittelpunkt der Untersuchung jedoch die spezifische Situation der Jugend stehen soll, analysiert Kapitel II deren Lebenslage unter den Bedingungen der sogenannten ‚Postmoderne’. In Kapitel (III.) wird darauf aufbauend gezielt nach den Konsequenzen gefragt, die sich aus den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen für Schule und Unterricht ergeben. Am Ende der Arbeit (IV.) werden die dargestellten Ergebnisse zusammengefasst und kritisch bewertet.
4
I. Modernisierung - Individualisierung - Solidarität:
Versuch einer Annäherung
1. Zum Begriff der Modernisierung
1.1 Einführung und provisorische Begriffbestimmung
Der Begriff der ‚Modernisierung’ bezeichnet ein ganzes Bündel von sehr unterschiedlichen Umwandlungsprozessen und Transformationen innerhalb der menschlichen Lebenswirklichkeit. Exemplarisch beschreiben van der Loo und van Reijen die Modernisierung als einen „Komplex miteinander zusammenhängender struktureller, kultureller, psychischer und physischer Veränderungen, der sich in den vergangenen Jahrhunderten herauskristallisiert und damit die Welt, in der wir augenblicklich leben, geformt hat und noch immer in eine Richtung lenkt“. 1 „Modernisierung“ lässt sich deshalb keinesfalls auf einen kleinen Rahmen oder nur wenige Teilbereiche der menschlichen Lebenswirklichkeit einengen - sie umfasst alles und erfasst jeden.
Doch wie konnte es zu dieser enormen gesellschaftlichen Veränderung kommen? Man ist sich weitgehend darüber einig, dass der Modernisierungsprozess seinen Ursprung im parallelen Auftreten des städtischen Bürgertums, der sich entwickelnden Marktwirtschaft und der um sich greifenden Demokratisierungsbewegung hat. Die philosophische Aufklärung in Mitteleuropa bildete angesichts dieser Lage sozusagen den Prozessbeschleuniger (‚Katalysator’) der gesamten Dynamik. Im kulturellen Bereich gehen die Anfänge der Modernisierung teilweise bis in die Renaissance zurück. Bereits in jener frühen Epoche begann man damit, die Individualität und Autonomie des Menschen in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken. Auch auf wissenschaftlichem und technischem Gebiet machte man enorme Fortschritte, so dass sich schon in dieser Phase teilweise utopische Vorstellungen von einer ‚Neuen Welt’ entwickelten.
Der Mensch wurde sich seines Verstandes zusehends mehr bewusst und lernte, ihn zu gebrauchen. Selbstbewusstsein und technische Fähigkeiten stiegen im gleichen Maße, Wissen wurde zur Macht. Dabei war der Beginn der Modernisierung durchaus religiös inspiriert und motiviert: Grundsätzlich, so meinte man, seien die von Gott gegebenen Fähigkeiten des Menschen dazu da, die Prozesse der Natur zu begreifen und zu ent-
1 vander Loo, H. , van Reijen, W. (1992) S. 11.
5
schlüsseln. Mit dem gewonnen Wissen und den technischen Mitteln sei der Mensch in der Lage (und von Gott dazu beauftragt), nicht nur die Natur zu beherrschen, sondern auch die menschliche Welt zu verbessern. Modernisierung beinhaltet also immer den Glauben an den von Menschen gemachten Fortschritt. 2
Neben dem philosophisch-theologisch-technischen, gibt es auch einen soziologischen Begriff von ‚Modernisierung’: Dieser beschreibt universale Veränderungsprozesse, die sich sowohl auf die Gesellschaft insgesamt als auch auf ihre Teilsysteme auswirken können. 3 Insofern jeder Mensch Mitglied einer Gesellschaft ist, wirken sich soziale Modernisierungsprozesse unmittelbar auf ihn und seine Lebensgestaltung aus.
Weil die Modernisierung zu fundamentalen Umwälzungen geführt hat, deren Konsequenzen in alle Bereiche der Gegenwart hineinreichen, wird sie heute äußerst kontrovers diskutiert und bewertet. Manch einer sieht in ihr den Beginn der eigentlichen Menschwerdung, andere interpretieren sie als Verhängnis oder Abstieg. Letztendlich muss man festhalten, dass die Beurteilung der Modernisierung erheblich vom jeweiligen Standpunkt abhängt. Wer sich mit der Modernisierung beschäftigt, stößt somit auf eine Vielzahl von Konzepten, Modellen und Theorien, die sehr unterschiedlich ausfallen können. Keinesfalls wird man jedoch behaupten können, dass es eine einheitliche und allgemein anerkannte Modernisierungstheorie gäbe, mit der man das epochemachende Phänomen hinreichend und umfassend erklären könnte. 4 Aus diesem Grunde scheint es angebracht, den Begriff der Modernisierung nun wesentlich genauer zu betrachten. Um im späteren Verlauf dieser Arbeit die Folgen der Modernisierung für die Gesellschaft beschreiben zu können, muss man die unterschiedlichen Modernisierungs-Interpretationen kennenlernen. Selbstverständlich kann dies nur kursorisch erfolgen. Auf der einen Seite werden nun einige klassische und auf der anderen Seite einige aktuelle Modernisierungs-Theorien erläutert.
1.2 Klassische Modernisierungsbegriffe
Bereits im 19. Jahrhundert gab es bedeutende Versuche, das Phänomen der Modernisierung in philosophischen, sozialwissenschaftlichen und politischen Kategorien zu beschreiben. Einflussreiche Denker machten sich daran, die unvergleichlichen und
2 vgl. van der Loo, H. , van Reijen, W. (1997) S. 88.
3 vgl. Gabriel, K. (1997) S. 15.
4 Vgl. Loo, H. van der, Reijen W. van (1992) S. 13.
6
erdrutschartigen Umwälzungen ‚auf den Begriff’ zu bekommen. Diese Denkweisen haben den Modernisierungsbegriff bis in unsere Tage geprägt und sind auch in der heutigen Diskussion von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Im Folgenden werden einige klassische Betrachtungen sehr knapp erläutert. Den Anfang des Modernisierungsdenkens findet man in den Werken der großen Soziologen des 19. Jahrhunderts. Es waren vor allem deutsche, französische und englische Denker, die den Wandel von der traditionellen zu ‚modernen’ Gesellschaft beschrieben haben.
1.2.1 Ferdinand Tönnies 5
Ferdinand Tönnies (1855-1936) interpretiert die Modernisierung als einen Übergang von einem ‚Gemeinschaftstyp’, der auf traditionellen gemeinwesengestützten Beziehungen gründet, hin zu einer Sozialform, die er mit dem Begriff ‚Gesellschaft’ umschreibt. Während sich die althergebrachten Gemeinschaften durch zwischenmenschliche und familiäre Beziehungen auszeichnen und dabei eine emotionale Grundlage besitzen, steht bei einer modernen ‚Gesellschaft’ das zweckrationale Denken im Vor-dergrund. Wo in den früheren Gemeinschaften die Tradition eine herausragende Rolle spielte, überwiegt in der neuen Gesellschaft das Zukunftsdenken. Im Gegensatz zur alten Gemeinschaft, in die man hineingeboren wurde und durch deren Vorgaben man Status, Rechte und Pflichten erhielt, muss man der modernen Gesellschaft beitreten bzw. sich an ihr beteiligen.
Für Tönnies stellt Modernisierung somit den Übergang von der traditionellen Gemeinschaft zur neuzeitlichen Gesellschaft dar. Der Verlust von Tradition, Glaube und Gemeinschaftssinn sind Begleiterscheinungen dieses Prozesses. An deren Stelle rücken Selbstbestimmung, Verwissenschaftlichung und Kommerzialisierung in den Fokus. 6
5 vgl. Loo, H. van der, Reijen, W. van (1992) S.14f.
6 vgl. ebd. S. 15.
7
1.2.2 Émile Durkheim 7
Die Ansichten Ferdinand Tönnies waren grundlegend für andere klassische Moderni-sierungstheorien. Émile Durkheim (1858-1917) beispielsweise verdeutlichte den Modernisierungsprozess am Übergang von „mechanischer“ zur „organischen Solidarität“. „Mechanische Solidarität“ beruhe dabei auf der Gleichheit der Kompetenzen der Mitglieder, „organische Solidarität“ hingegen auf ihrer Unterschiedlichkeit. Durch die „mechanische Solidarität“ werde die Unterscheidung nach außen deutlicher, während bei der „organischen Solidarität“ die wechselseitige Ergänzung in modernisierten Gemeinschaften (z.B. in der Arbeitsteilung) zu einer ‚Einheit in Verschiedenheit’ in den Vordergrund trete. In diesen Gesellschaften wachse damit die Abhängigkeit der Menschen voneinander, da jeder auf das Ergebnis des anderen angewiesen sei. Bei der „mechanischen Solidarität“, die sich durch gleiche Interessen, gemeinsame Traditionen und zwischenmenschliche Verbundenheit auszeichne, gründe die Solidarität auf Unterschieden, die funktional bestimmt seien. 8
1.2.3 Georg Simmel 9
Georg Simmel (1858-1918) kann als Begründer der „formalen Soziologie“ 10 angesehen werden, da er sich besonders mit den Gesetzmäßigkeiten und Inhalten sozialer Wechselwirkungen befasst hat. Seine Theorie der Modernisierung beruht auf der ‚Kreuzung’ sozialer Kreise. In diesen Kreisen (z.B. Sippen, Familien, Berufsgruppen oder Staaten) finden unterschiedliche Kommunikationen und Wechselwirkungen statt. Zwar unterscheiden sich die Kreise inhaltlich, jedoch handelt es sich in formaler Hinsicht um das gleiche Phänomen, nämlich um die Integration von Menschen unter spezifisch gemeinschaftlichen Aspekten. Soziale Kreise können dabei ganz unterschiedliche Größen besitzen, sie können konzentrisch sein oder spezifische Schnittmengen aufweisen, d. h. sich überschneiden (‚kreuzen’) oder sich wechselseitig ausschließen. In diesen Kategorien versucht Simmel sowohl den Prozess der Modernisierung zu erfassen als auch die Moderne als Ganze zu charakterisieren. Der Modernisierungsprozess verläuft seiner Ansicht nach von sich gegenseitig ausschließenden Kreisen über konzentrische Kreise hin zu sich kreuzenden Kreisen. Folglich ist für den Menschen,
7 vgl. Lahusen, C., Stark C. (2000) S. 185-225.
8 vgl. van der Loo, H., van Reijen, W. (1992) S. 15
9 vgl. Lahusen, C., Stark C. (2000) S. 261-317.
10 vgl. ebd. S. 261.
8
der in diesen Kreisen steht oder sich in sie hineinbegibt, mit der formalen Modernisierung eine steigende Individualisierung verbunden. 11 Diese lässt sich an dem Prozess der ‚strukturellen Differenzierung’ bzw. an dem Sich-Verselbständigen erkennen. Diese Bewegung führt zwar auf der einen Seite zu einer Schwächung der traditionellen Bindungen, auf der anderen Seite jedoch zu einer Steigerung der persönlichen Freiheiten. Da das moderne Individuum immer stärker im Schnittpunkt verschiedener Gruppen steht es sich also selbstbestimmt entscheiden kann, wozu es gehören möchte, beginnt es, sich als autonomes Wesen zu begreifen, das zu seinem traditionellen Umfeld und den vorgefundenen gesellschaftlichen Strukturen keine ausschließliche Bindung aufrechterhalten muss.
1.2.4 Max Weber 12
Bei Max Weber (1864-1920) rückt das Phänomen der abendländischen Rationalisierung in den Blickpunkt. Im Zentrum seiner Modernisierungstheorie steht die Frage, wie sich die unterschiedlichen Entwicklungen, denen verschiedene Kulturkreise geschichtlich unterworfen waren, erklären lassen und was die Besonderheit der westeuropäisch-amerikanischen Entwicklung zur Moderne ausmacht. 13 Laut Weber hatte die Rationalisierung auf der einen Seite die „Entzauberung der Welt“ zur Folge, womit Mythos und Magie gegenüber der Rationalität an Bedeutung verloren. Auf der anderen Seite handelt es sich bei der Rationalisierung auch um eine praktische Beherrschung der Wirklichkeit durch eine bessere Abstimmung der Mittel auf ihre Zwecke. 14 Weber konnte zur Beantwortung seiner Fragen bereits auf die The-orien Karl Marx’ zurückgreifen, auch wenn er diesem nur teilweise zugestand, die Sonderstellung der westlichen Moderne hinreichend zu erklären.
1.2.5 Karl Marx 15
Im Zentrum der Überlegungen von Karl Marx (1818-1883) steht der Begriff des Fortschritts. Diesen betrachtet er als „radikale Neugestaltung der sozialen Verhältnisse“ 16 .
11 vgl. Lahusen, C., Stark C. (2000) S. 262f.
12 vgl. Weber, M. (1972)
13 vgl. ebd. S. 231.
14 vgl. van der Loo, H. , van Reijen, W. (1992) S. 17.
15 vgl. Marx, K., Engels, F. (1983)
9
Marx kritisiert insbesondere die moderne kapitalistische Gesellschaft bzw. die kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Letztere führten zu einer Entfremdung des Menschen von sich selbst und voneinander; die bürgerliche Klassengesellschaft sei das Resultat der Trennung von Arbeit und Kapital. So stünden auf der einen Seite die Kapitalisten, die die Produktionsmittel besitzen, und auf der anderen Seite die Arbeiter, die lediglich ihre Arbeitkraft zur Verfügung stellen können. Marx sieht an dieser Stelle den Grund für das Ende einer einheitlichen Gesellschaft: „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat“. 17 Das Besondere an der Modernisierungstheorie Marx’ ist, dass er den sozialen Wandel in einem materialistischen Weltbild betrachtet. In seinen Augen gibt es die eine und einheitliche Gesellschaft nicht mehr; die Trennlinie innerhalb der Gesellschaft verläuft zwischen den Kapitalbesitzenden und den Nichtbesitzenden. Weil ihre jeweiligen Welten kaum mehr zu vermitteln sind, betrachtet er die Revolution für unausweichlich.
Sicher lassen sich die hier genannten Modernisierungstheorien noch um verschiedene weitere Vorschläge ergänzen. Es sollte jedoch zunächst einmal gezeigt werden, auf wie unterschiedliche Weise der Modernisierungsbegriff in der Vergangenheit beschrieben wurde. Bei den gewonnenen Erkenntnissen handelt es sich jedoch keineswegs um angestaubtes Wissen; die vorgestellten Denker formulierten Aspekte der Modernisierung, die auch für eine gegenwärtige Diagnose von Bedeutung sein können. So betont beispielsweise Tönnies die Zweckrationalität, Dürkheim richtet sein Augenmerk auf die Solidarität, während Simmel die strukturelle Differenzierung starkmacht und Marx den Entfremdungsgedanken in den Vordergrund rückt. In einem weiteren Schritt wird nun der heutige Modernisierungsbegriff erläutert und von den traditionellen Theorien unterschieden. Selbstverständlich kann dies nicht in der gebotenen Tiefe und nur in aller Kürze geschehen.
1.3. Der Modernisierungs-Begriff in der sogenannten ‚Postmoderne’
Offenbar wurde und wird unter dem Begriff ‚Modernisierung’ sehr Unterschiedliches verstanden. Wie also interpretiert man die Modernisierung in der Gegenwart, und wel-
16 vander Loo, H., van Reijen, W. (1992) S. 17.
17 Marx, K., Engels, F. (1983) S. 463.
10
cher Ansatz scheint mehrheitsfähig? Es ist grundsätzlich zu beachten, dass die aktuelle Phase der Modernisierung sich deutlich von früheren unterscheidet: Seit Mitte des letzten Jahrhunderts hat nämlich eine neue, deutlich intensivierte Form eingesetzt. Bei dem Versuch, die momentane gesellschaftliche Situation zu beschreiben, begegnet man häufig Schlagwörtern wie „Postmoderne“, „Zweite Moderne“, „entfaltete Moderne“, „radikalisierte Moderne“ oder auch „reflexive Modernität“. Die Fülle der Beschreibungsmöglichkeiten zeigt nicht nur eine gewisse Hilflosigkeit an, sondern macht es zugleich schwer, die gesellschaftliche Gegenwartssituation genau zu begreifen. 18 So wird beispielsweise nach Franz-Xaver Kaufmann der Begriff der Modernisierung seit den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts zur Beschreibung der neuzeitlichen Entwicklung Europas verwendet; er bringt die sozialen Veränderungen der Neuzeit in einem „umfassenden synthetisierenden und universalisierenden Sinne“ 19 zum Ausdruck. Im Folgenden soll nun jedoch mit Hilfe der Ansätze von Karl Gabriel und Ulrich Beck exemplarisch ein Verständnis der gegenwärtigen Moderne vorgelegt werden.
Karl Gabriel verwendet den Begriff der „entfalteten Moderne“ 20 und will damit verdeutlichen, dass diese, anstatt vormoderne Traditionen zu integrieren, in immer stärkerem Maße auf sich selbst trifft. Die „entfaltete Moderne“ ist auf der einen Seite zwar von Elementen der klassischen Modernisierung bestimmt, doch auf der anderen Seite steht sie allein sich selbst gegenüber.
Häufig verwende man, so Gabriel, auch den Begriff der ‚Postmoderne’, um die gegenwärtige Situation zu beschreiben. Auch wenn dieser Begriff von renommierten Autoren genutzt werde, sei er nicht unproblematisch; deshalb wird der Begriff der Postmoderne bei Gabriel spezifiziert. Seiner Meinung nach überschreite die Moderne die Grenzen ihrer bisherigen Logik und nehme dort Züge des „Post“-Modernen an, wo sie „in dem Sinne ‚reflexiv’ werde, dass sie sich selbst zum Gegenstand machein ihren Folgeproblemen, in ihren Einseitigkeiten, ihren Beschränkungen, Risiken und fundamentalen Gefährdungen des menschlichen Lebens“. 21
Gabriels Theorie der ‚entfalteten Moderne’ knüpft an die Arbeiten von Ulrich Beck an. Dieser verwendet den Begriff der ‚reflexiven Moderne’. Beck unterscheidet zwischen der ‚einfachen’ und der ‚reflexiven Moderne’. ‚Reflexive Modernisierung’ bedeutet dabei die ‚Modernisierung der Moderne’: „Einfache Modernisierung meint Ra-
18 vgl.Feeser-Lichterfeld, U. (2005) S. 150.
19 Kaufmann, F. X. (1989) S. 1, 35.
20 Gabriel, K. (1997) S. 16.
21 Gabriel, K. (1993) S. 17.
11
tionalisierung der Tradition, reflexive Modernisierung meint Rationalisierung der Rationalisierung. Modernisierung wurde bisher immer in Abgrenzung gedacht zur Welt der Überlieferungen und Religionen, als Befreiung aus den Zwängen der unbändigen Natur. Was geschieht, wenn die Industriegesellschaft sich selbst zur Tradition wird? Wenn ihre eigenen Notwenigkeiten, Funktionsprinzipien, Grundbegriffe mit derselben Rücksichtslosigkeit und Eigendynamik zersetzt, aufgelöst, entzaubert werden?“ 22 Innerhalb der Moderne vollziehe sich mit dem Übergang zur reflexiven Moderne nach Beck ein signifikanter Bruch, weil diese sich aus den Konturen der klassischen Industriegesellschaft herauslöse. Sie werde sich selbst zur Gefahr; in diesem Zusammenhang spricht Beck von der „Risikogesellschaft“. 23
In der heutigen Zeit erstrecke sich die Modernisierung somit nicht mehr auf ihr Gegenteil, d.h. die traditionelle Welt, sondern habe ihr Gegenteil längst verloren - heute treffe sie nur noch auf sich selbst.
Beck will mit seiner Charakterisierung der Gegenwart als „reflexiver Moderne“ die Probleme des diffusen Begriffs der ‚Postmoderne’ umgehen. Der Begriff der Postmoderne ist für ihn mit einer gewissen Ratlosigkeit verbunden und wirft seiner Meinung nach nur neue Fragen auf. Deshalb versucht er durch die Unterscheidung zwischen einfacher und reflexiver Moderne das Wörtchen „post“ zu umgehen. 24
Wo im Unterschied zu Ulrich Beck der Begriff der Postmoderne verwendet wird, gebraucht man ihn vor allem analytisch, und er dient weniger zur Beschreibung jener Epoche, die sich der Moderne anschließt. Genauer gesagt bedeutet ‚Postmoderne’ nicht das Ende oder die Überwindung der Moderne, sondern bezeichnet eine radikalisierte Form dieser Moderne. Diese drückt sich in der unmittelbaren Erfahrung ökologischer, gesellschaftlicher und politischen Probleme und Krisen der vergangenen Jahrzehnte sowie in den persönlich erlebbaren Ambivalenzen von fortschreitender Individualisierung und Pluralisierung aus. 25
Gabriel sieht in diesen grundlegenden Veränderungen das Ende der ‚halbierten Moderne’ und somit den „Umbruch zur entfalteten Moderne“. 26
Letztendlich lässt sich festhalten, dass man die gegenwärtige Lage der Modernisierung grundsätzlich vom traditionellen Modernisierungsdenken unterscheiden muss.
22 Beck, U. (1991) S. 40.
23 Beck, U. (1986) S. 13.
24 vgl. Beck, U. (1986) S. 11.
25 vgl. Feeser-Lichterfeld, U. (2005) S. 152.
26 Gabriel, K. (1993) S. 121-139.
12
Der heutige Modernisierungsprozess ist deutlich intensiver und radikaler, er unterliegt einer erhöhten Beschleunigung und stellt die Menschen vor völlig neue Probleme. Es muss allerdings ergänzt werden, dass man bereits beim klassischen Modernisierungsdenken mit dem Fortschreiten der Moderne nicht nur positive Elemente verbunden hat. So erkannte man die negativen Seiten wie Armut, Ausbeutung und Entwurzelung schnell als Begleiterscheinung der neuen Zeit. 27
1.4. Charakteristika einer modernen Gesellschaft
Um die Kennzeichen einer modernen Gesellschaft besser erkennen zu können, bietet sich ein Vergleich zur traditionellen Gesellschaft an.
Während sich vormoderne bzw. traditionelle Gesellschaften durch einheitliche Handlungsabläufe in den ökonomischen, religiösen und verwandtschaftlichen Bereichen auszeichneten, verdichten sich in modernen Gesellschaften wirtschaftliche sowie herrschafts-, religions- und familienbezogene Handlungen zu jeweils eigenen Bereichen zusammengehöriger Institutionen. Wirtschaft, Herrschaft und auch Familie sind somit institutionell spezialisiert. 28
Im Bereich von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Religion begegnet uns die Modernisierung in Form von Ausdifferenzierung, Rationalisierung und formaler Organisation. Als Folge lassen sich eine Leistungssteigerung der Funktionssysteme, aber auch eine erhöhte Komplexität des gesellschaftlichen Lebens feststellen. Im kulturellen Bereich werden traditionelle und weitgehend einheitliche Kulturmuster durch eine Fülle von Deutungsperspektiven ersetzt, was auch als ‚kulturelle Pluralisierung’ bezeichnet wird. Als Folge bedeutet das für jeden Einzelnen einen erheblichen Zuwachs von Freiheiten. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings der Verlust von traditionellen z.B. verwandtschaftlichen Sicherheiten.
Funktionale Differenzierung, Pluralisierung und Individualisierung stellen somit die wesentlichen Elemente einer modernen Gesellschaft dar. Das Phänomen der Individualisierung wird im Folgenden genauer betrachtet.
27 vgl. van der Loo, H., van Reijen, W. (1992) S. 15f.
28 vgl. Gabriel, K. (1996) S. 24.
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