Inhalt
1. Einleitung 2
2. Aldo Moro 4
2.1. Die „Öffnung nach links“ und der „Historische Kompromiss“ 5
3. Brigate rosse 7
4. Die Entführung 10
4.1. Der Hinterhalt 10
4.2. Das tödliche Kommando 12
5. Die Gefangenschaft und die Ermittlungen 15
5.1. Aldo Moro als „politischer Gefangener“ der Brigate rosse 16
5.2. Die ersten Briefe aus dem Volksgefängnis 17
5.3. Via Gradoli 96, der Duchessa-See und das gefälschte Kommuniqué 18
5.4. In Italien wird die Todesstrafe wieder eingeführt 21
5.5. Moro wird aufgegeben 22
6. Der Mord 24
7. Ermittlungen und neue Erkenntnisse nach dem Tod Moros 27
7.1. Verhaftungen 27
7.2. Warum Moro? 28
7.3. Vorzeichen 29
7.4. Ermittlungspannen oder gewollte Irreführungen? 30
7.4.1. Die Geheimdienste 30
7.4.2. Das organisierte Verbrechen 31
7.4.3. Das UCIGOS und das Volksgefängnis, das nicht gefunden werden sollte
32
7.4.4. Das rote Renault 4 33
7.4.5. Mailand, Via Monte Nevoso und das Memoriale von Moro 33
7.4.6. Propaganda 2 und Gladio 36
8. Epilog 39
9. Literaturverzeichnis 43
9. 43
1
Der Mord an Aldo Moro
1. Einleitung
Als am 16. März 1978 um viertel vor zehn, ca. eine halbe Stunde nachdem die Tat vollzogen wurde, Bruno Vespa 1 in einer Sonderausgabe vom TG1 2 von der Entführung von Aldo Moro durch die Brigate rosse berichtete und die ersten Bilder der in der Via Fani 3 in Rom getöteten Männer von Moros Leibwache im Fernsehen ausgestrahlt wurden, wurde Italien in einen Zustand der Machtlosigkeit versetzt. Dass die Brigate rosse eine inzwischen ernst zu nehmende terroristische Organisation war, war der Nation bekannt. Die politische Gewalt in Italien war in den siebziger Jahren ständig präsent: Im Bewusstsein der Menschen und auf den Straßen, wo immer wieder blutige Anschläge im Namen des Volkes ausgeübt wurden. 4 Und spätestens nach der im Jahr 1974 gelungenen Entführung vom Genueser Staatsanwalt Mario Sossi 5 fühlte man sich auch in den Kreisen von Politik und Justiz nicht mehr sicher. Doch niemand hätte sich jemals vorstellen können, dass genau diese Organisation in der Lage gewesen wäre, ein wichtiger politischer Vertreter in Italien und zeitgleich Präsident der regierenden Partei, die Democrazia Cristiana 6 ,zu entführen und fast zwei Monate lang, trotz der vollen Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit, nicht nur in Italien sondern auf der ganzen Welt, erfolgreich zu verstecken. Bis heute, nach über 30 Jahren, ist der „Fall Moro“ weiterhin eines der dunkelsten historischen und politischen Geheimnisse des Nachkriegsitalien; Ein Anschlag auf den Staat, der zwar viele Narben, aber genau so viele offene Wunden, zum Teil geklärte, aber auch einige ungeklärte Fragen hinterlassen hat. Lange Zeit war die Realität, mit der die Öffentlichkeit gefüttert wurde, nur eine Fassade, hinter der man nur, falls man versuchte etwas tiefer zu graben, auf großes Schweigen gestoßen ist 7 . Die Brigate rosse und ihre Ideologie waren in den Köpfen der Bevölkerung lange Zeit die einzigen Schuldigen. Die roten Terroristen, die Antwort auf die deutsche Rote Armee Fraktion, die den Sturz des kapitalistischen Staates als Ziel hatten, wurden zum perfekten Werkzeug begabter Hände, die versuchten, die Wahrheit zu
1 Bruno Vespa: italienischer Journalist, geb. am 27. Mai 1944, war 1978 Nachrichtensprecher des TG1 auf dem Kanal RAI 1, der erste Sender des italienischen öffentlich‐rechtlichen Rundfunks
2 TG1: Telegiornale 1, Nachrichten‐Sendung von RAI 1
3 Via Fani: übers. “Fani‐Straße”
4 Vgl. Kellmann,K. Der Staat lässt morden. S. 8‐9
5 Vgl. Curcio.R, A viso aperto. S. 89‐93
6 Democrazia cristiana, christdemokratische Partei, gegr. 1942 - aufgelöst 1994
7 Vgl. Accame,F. Moro si poteva salvare. S. 8 2
vertuschen. 8 Zum Teil bis heute. Doch der Druck der Öffentlichkeit und die Aussagen einiger Schlüsselfiguren bildeten eine immense Last und die ungelösten Fragen wirkten in den Jahren wie ein Tropfen Wasser der immer wieder auf einen Stein fällt. Langsam, wirklich sehr langsam, höhlten die Fragen diese Wand des Schweigens wie das Wasser das Gestein und arbeiteten sich mit Beharrlichkeit und Zuversicht, dass die Wahrheit eines Tages in vollem Umfang ans Licht kommen würde, immer und immer weiter. Mit einigen dieser Fragen wird sich diese Arbeit auseinandersetzen um dem Leser einen Einblick hinter die vorhin erwähnte Fassade zu ermöglichen: Hätte man irgendwie die Entführung Moros verhindern können? Gab es irgendwelche Warnsignale, dass etwas passieren würde, die hätten ernster genommen werden müssen? Tat der italienische Staat alles Notwendige, um den sich ereigneten Epilog zu verhindern? Und eine der wichtigsten Fragen die man sich stellen muss, ist natürlich: Warum Aldo Moro? „Er schien derjenige zu sein, der in den schrecklichen Ereignissen, die seit ’69 vorgefallen sind, am wenigsten involviert war“ 9 schrieb der italienische Schriftsteller Leonardo Sciascia bereits im Herbst 1978. Zusätzlich kann durchaus behauptet werden, dass zum Zeitpunkt der Entführung andere politische Persönlichkeiten sicher einflussreicher waren als Moro: Man denke da nur beispielsweise an Ministerpräsident Giulio Andreotti, Innenminister Francesco Cossiga oder die Vorsitzenden von Senat und Abgeordnetenkammer Amintore Fanfani und Pietro Ingrao, um beispielsweise einige zu nennen. Und doch entschieden sich die Terroristen für den Anschlag an dem ehemaligen Ministerpräsidenten und Professor an der Universität „La Sapienza“ in Rom 10 , Moro. Vielleicht war aber der engagierte Christdemokrat doch wichtig, vielleicht für Manche gefährlich und entsprechend handelten auch einige seiner „Parteifreunde“ während seiner Entführung. 11 Es wird notwendig sein, um diesen Fall zu verstehen, die Entstehung und die Rolle der Brigate rosse im Italien der 70er Jahre zu schildern, sowie die Person Aldo Moro vor seiner Entführung vorzustellen, um damit die geeignete Brücke zu diesem Vormittag des 16. März 1978 zu bauen, als das Land um viertel vor zehn aufmerksam die Stimme von Bruno Vespa und die ersten Bilder aus der Via Fani in Rom auf sich einwirken ließ. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Quellenlage und die zum Teil sehr widersprüchlichen Aussagen der verwickelten Personen äußerst kompliziert sind, wodurch sich nur sehr schwer feststellen lässt, was die „Wahrheit“ zu diesem Fall im Endeffekt ist. Der Fall Moro darf nicht als gradliniger
8 Vgl. Kellmann,F. Der Staat lässt morden. S. 9
9 Vgl. Sciascia,L. L’affaire Moro. S. 14 wo der Schriftsteller einen Satz von seinem Kollegen Pier Paolo Pasolini aus einem Artikel aus einem Artikel aus dem „Corriere della Sera“ vom 01.02.1975 zitiert.
10 Seit 1963 Inhaber des Lehrstuhls “Strafrechtsprozedur und Rechtsinstitutionen” in Rom, davor war er Professor für Strafrecht an der Universität Bari.
11 Vgl. Kellmann,K. Der Staat lässt morden. S. 10 3
Ablauf von Geschehnissen verstanden werden, sondern eher wie ein Puzzle, das Stück für Stück, mit viel Geduld zusammengesetzt werden muss.
2. Aldo Moro
Aldo Moro wurde am 23. September 1916 in Maglie di Lecce, Apulien, als Sohn des Grundschullehrers Renato Moro und seiner Frau Fida Stinchi geboren. Moro wuchs in der schwierigen Zeit des faschistischen Italien auf. Seine Familie war zwar nicht faschistischer Überzeugung, nahm aber auch nicht an der antifaschistischen Bewegung teil. 12 Die Schule besuchte Aldo Moro erst in Maglie di Lecce, danach in Taranto, wo er sein Abitur schaffte. An der Universität in Bari studierte er dann Jura, wo er dann bereits im jungen Alter von 22 Jahren das Studium abschloss. 1935 trat Moro dem katholischen Studentenverband FUCI 13 bei, dessen er dann 1939 Vorsitzender wurde und bis 1942 blieb. Hier begegnete er auch erstmalig Giulio Andreotti, sein Nachfolger im FUCI sowie zukünftiger Kollege in der Democrazia Cristiana. Ab 1941 wurde Moro Dozent in Bari, 1944 trat er der Democrazia Cristiana bei, der jungen, zunächst illegalen Partei von Alcide De Gasperi 14 , die erst 1942 aus dem aufgelösten Partito Popolare Italiano (PPI) 15 entstanden war. 16 Mit zwanzig hatte der damalige Student die Grundschullehrerin Eleonora Chiaverelli kennengelernt, die er 1945 zu seiner Frau machte. Das Paar bekam vier Kinder: Maria Fida 1946, Anna Maria 1949, Maria Agnese 1952 und Giovanni 1958. Von seinem Privatleben gab Moro während seiner gesamten politischen Karriere sehr wenig preis. Seine Familie und Privatsphäre versuchte er stets zu schützen.
1946 wurde Moro zum stellvertretenden Vorsitzenden der Democrazia Cristiana gewählt und nahm als erst 29-jähriger an der Assemblea Costituente della Repubblica Italiana, das 75-Mann-Gremium das die Verfassung der neugeborenen italienischen Republik ausarbeitete, teil. Moro durchlief dann in den Folgejahren mehrere Positionen innerhalb der Partei und der Regierungen, in denen die Democrazia Cristiana konstant als stärkste Kraft vertreten war. Dann, 1959, kam der große Sprung: Moro wurde mit gerade mal 43 Jahren Parteivorsitzender und ab 1963 Ministerpräsident. Insgesamt führte Moro fünf Regierungen in zwei Abschnitten, drei Regierungen zwischen 1963 und 1968 und dann weitere zwei zwischen 1974 und 1976. Die Politk Moros war eine Politik des Kompromisses, der
12 Vgl. Guerzoni, C. Aldo Moro S. 26‐27
13 Federazione Universitaria Cattolica Italiana
14 Ital. Staatsmann und Politiker, Gründer der Democrazia Cristiana, geb. am 3. April 1881 in Pieve Tesino bei Trient, damals Österreich‐Ungarn; gest. am 19. August 1954 in Sella‐ Borgo Valsugana, Italien
15 Partito Popolare Italiano: Italienische Volkspartei
16 Vgl. Agasso R. Il piombo e il silenzio S. 102 4
Koalitionen und der Überlebensfähigkeit. Er war Demokrat durch und durch und wollte politische Stabilität und Sicherheit für sein Land schaffen. 17
2.1. Die „Öffnung nach links“ und der „Historische Kompromiss“
Einer der wichtigsten Aspekte von Moros Politik war die sogenannte Öffnung nach links. In jungen Jahren war Moro gegenüber dem Kommunismus und dem Partito Comunista Italiano (PCI) 18 sehr kritisch eingestellt. Allerdings wandelte sich mit der Arbeit in der Politik und mit den daraus entstandenen Erfahrungen dieser erste Eindruck in eine Form von Respekt vor einem starken politischen Gegner, der in der Lage war, massenweise Zustimmung beim Volk zu haben. Außerdem war sich Moro mehr als bewusst, dass die wirklichen Gefahren für die Stellung der Democrazia Cristiana nicht links sondern viel mehr rechts lauerten. 19 Als Anfang der 70er Jahre Italien durch die starke politische Terrorismuswelle angefallen wurde und sogar die Gefahr eines rechtsextremistischen Militärputsches bestand, hielt es Moro für notwendig, eine „Öffnung nach links“ anzuzielen. 20 Er war nicht der Erste, der diese Ansicht vertrat. Allerdings galt die bisherige Öffnung nur den Sozialisten. 21 Die Kommunisten wurden wegen ihren ideologischen Überzeugungen immer als inkompatible Koalitionspartner gesehen. Allerdings lag die Tatsache vor Augen, dass man nicht viel länger die PCI aus dem Regierungskabinett hätte halten können, vor allem nicht nach den Wahlen von 1976, als die Kommunisten um ein Haar nicht die Democrazia Cristiana überholten. So sahen sich die Christdemokraten gezwungen, eine Lösung zu finden. Daher Moros Bemühungen um eine Annäherung der zwei Parteien; er suchte den sogenannten „Historischen Kompromiss“. 22 In einer Rede aus dem Jahr 1975 sagte Moro, dass Christdemokraten und Kommunisten ihre Kräfte wieder vereinen sollten, nachdem die frühere Zusammenarbeit „auf dem langen Weg zur Demokratie“ nach dem Sturz des Faschismus so erfolgreich gewesen war. 23
Auf der internationalen Bühne gab es allerdings einen aufmerksamen Beobachter, der die Entwicklungen der „Öffnung nach links“ genau verfolgte: die USA. In Westeuropa gab es nach dem Ende des zweiten Weltkriegs zwei Länder, in denen sich die jeweilige kommunistische Partei sehr stark entwickelt hatte: Italien und Frankreich. Die USA konnten und wollten keinesfalls riskieren, dass einer dieser beiden einflussreichen
17 Vgl. Kellmann,K. Der Staat lässt morden. S. 35
18 Kommunistische Partei Italien
19 Vgl. Guerzoni, C. Aldo Moro S. 166
20 Kellmann,K. Der Staat lässt morden. S. 39‐40
21 Mit “Sozialisten” ist der Partito Socialista Italiano (PSI) gemeint
22 Vgl. Guerzoni, C. Aldo Moro S. 168‐169
23 Vgl. Atlante de La Repubblica, I giorni di Moro S. 65 5
europäischen Staaten kommunistisch werden konnte. So wurde Anfang der 1950er Jahre die Geheimoperation „Demagnetize“ gestartet. Anliegen dieser Operation war es, durch eine enge Zusammenarbeit der CIA mit den Geheimdiensten der jeweiligen Länder 24 , die Gefahr einer Machtübernahme durch den Kommunisten mit allen Mitteln zu verhindern, wie wir noch im Laufe dieser Arbeit erfahren werden. Italien und Frankreich sollten somit vom Kommunismus „entmagnetisiert“ werden, ohne die jeweiligen Regierungen davon in Kenntnis zu setzen. 25 Aber auch auf offizieller Ebene versuchten die Amerikaner Druck auszuüben, um gegen den Kommunismus in Italien vorzugehen. So teilte der damalige amerikanische Botschafter in Rom, Hugh Gardner, in einem persönlichen Gespräch Moro mit, dass Amerika eine Politik der „non-interference“ und der „non-indifference“ betreiben würde. Mit „non-interference“ war ein nicht-Eingreifen in die inneren Angelegenheiten eines Landes gemeint, während die „non-indifference“ ein nicht genauer definiertes Prinzip des Nichtwegschauens war, das viel Spielraum für mögliche Reaktionen auf bestimmte Ereignisse vermuten ließ und somit als geeignetes Druckmittel eingesetzt wurde. 26 Doch obwohl die Amerikaner die Öffnung nach links gar nicht befürworteten, arbeitete Moro weiterhin an dem, was er für richtig hielt. Und seine Arbeit zahlte sich aus: Andreotti wurde nach der Wahl von 1976 Ministerpräsident, Moro besetzte keinen Ministerposten, blieb aber Parteivorsitzender. 27
Die Kommunisten kamen zwar, obwohl zweitstärkste Partei, nicht in die Regierung, brachten diese aber auch nicht zu Fall, wie es in der italienischen Politik dieser Jahre Gang und Gäbe war. Als Gegenleistung durften sie am Regierungsprogramm aktiv teilnehmen. Am Morgen des 16. März 1978 fuhr Moro zum Parlament. Dort sollte an dem Tag der Regierung von Andreotti das Vertrauen ausgesprochen werden. Die Democrazia Cristiana hatte bereits die inoffizielle Zusage von den größten im Parlament vertretenen Parteien erhalten, angefangen bei den Kommunisten, die wie erwähnt, keine Ministerien inne hatten. 28 Die Gespräche, die zu einer positiven Antwort auf die Vertrauensfrage führen sollten, waren der letzte politische Akt von Aldo Moro. Denn zu diesem wichtigen Termin erschien Moro nie.
24 In Italien arbeitete die CIA mit dem Militärgeheimdienst SIFAR (Servizio Informazioni Forze Armate). Kontaktmann und Leiter der Operationen auf italienischem Boden war der General der Carabinieri Giovanni De Lorenzo. Die Logistik der Operation wurde in der amerikanischen Botschaft in Rom organisiert.
25 Vgl. Accame, F. Moro si poteva salvare S. 19‐26
26 Vgl. Guerzoni, C. Aldo Moro S. 169‐170
27 Vgl. Kellmann, K. Der Staat läßt morden S. 46
28 Vgl. Atlante de La Repubblica, I giorni di Moro, S. 67 6
3. Brigate rosse
Die Brigate rosse wurden im September 1970 in Mailand geboren. Bereits seit einiger Zeit hatten zwei größere, aus dem linken Spektrum stammende Gruppen junger Arbeiter und Studenten, angefangen sich zu treffen, um über ideologische und politische Fragen, sowie die Notwendigkeit eines bewaffneten Kampfes, zu diskutieren. 29 Die erste Gruppe, das Collettivo Politico Metropolitano 30 (Abgek. CPM), stammte aus Mailand und wurde von Renato Curcio 31 und seiner Frau Margherita Cagol 32 ins Leben gerufen. Die zweite Gruppe, das Collettivo Politico Operai Studenti 33 (Abgek. CPOS), bildete sich in Reggio Emilia um den Anführer Alberto Franceschini 34 . Ein wichtiger Anstoß für einen Zusammenschluss der zwei Gruppierungen kam nachdem am 12. Dezember 1969 bis heute unbekannte Terroristen der rechten Szene eine Bombe in der Piazza Fontana in Mailand, im Gebäude der Nationalen Agrarbank 35 , explodieren ließen. Bei der Explosion kamen siebzehn Personen ums Leben und 88 weitere Menschen wurden verletzt. Die späteren Gründer der Brigate rosse fühlten sich dadurch in ihren Ansichten und in der Richtigkeit ihres Vorhabens bestätigt und legitimiert. 36 Danach ging alles relativ schnell: Alberto Franceschini zog nach Mailand und tauchte erstmal unter, primär um sich dem Wehrdienst zu entziehen. 37 Dort gründete er dann im September 1970 mit den Anführern vom vorhin erwähnten CPM, Renato Curcio und Mara Cagol die „Brigata rossa“ 38 . Als Beispiel nahmen sie die Taten der uruguayanischen Guerrillabewegung dieser Jahre, das “Movimiento de Liberaciòn Nacional - Tupamaros“ 39 , die sich auch aus Gewerkschafts-und Arbeiterkreisen bildete. Auch bei der Wahl des Symbols, das die Bewegung repräsentieren sollte, der im Inneren eines Kreises asymmetrische fünfzackige Stern, richtete man sich nach den Tupamaros, sowie nach den Flaggen der Sowjetunion und der Vietkongs. 40 Der Kern der Gruppe war am Anfang von insgesamt ca. 15 Personen gebildet, hauptsächlich Arbeiter der Pirelli und Sit-Siemens Fabriken in Mailand, und hatte noch
29 Vgl. Franceschini,A. Che cosa sono le BR. S. 56
30 Übers. “Politisches Metropolenkollektiv”, wurde im September 1969 in Mailand gegründet
31 Renato Curcio, geb. In Monterotondo am 23.09.1941
32 Margherita “Mara” Cagol, geb. in Trient am 08.04.1945
33 Übers. “Politisches Arbeiter‐ und Studentenkollektiv“, gegr. 1969 in Reggio Emilia
34 Alberto Franceschini, geb. in Reggio Emilia am 26.10.1947
35 Ital. Banca Nazionale dell’Agricoltura
36 Vgl. Curcio, R. A viso aperto S. 3 und Franceschini, A. Che cosa sono le BR S. 55, 56. In den zwei Werken bestätigen zwei der Gründer der Brigate rosse, Renato Curcio und Alberto Franceschini wie sie nach der Bombe in Piazza Fontana besorgt und zeitgleich davon überzeugt waren, dass eine bewaffneter Kampf gegen Staat und „Faschisten“ sich nicht mehr vermeiden ließ
37 Vgl. Franceschini A. Che cosa sono le BR S. 59, 60
38 Vgl. Curcio,R. A viso aperto S. 5. “Brigata rossa” ist die Singularform von Brigate rosse. Erst ab dem März 1971 stieg man auf die Pluralform um.
39 Übers. „Nationale Befreiungsbewegung - Tupamaros“, auch nur „Tupamaros“ genannt
40 Vgl. Franceschini, A. Che cosa sono le BR S. 78 7
nicht wirklich ein politisches Ziel angepeilt. 41 Es ging der neugeborenen Organisation primär darum, durch kleine Anschläge 42 (z.B. die Verbrennung von Autos) oder die Verteilung von Flugblättern und sogenannte „Comunicati“ (schriftliche Verkündungen), die Aufmerksamkeit von Presse und Öffentlichkeit zu erlangen. 43 Bald reichten aber diese Aktionen nicht mehr. Die Zeit war gekommen, einen weiteren Schritt zu wagen. Am 3. März 1972 erfolgte dann die erste Personenentführung: der Sit-Siemens-Ingenieur Idalgo Macchiarini wurden vor dem Firmengebäude gekidnappt. Wenige Stunden später wurde er zwar wieder freigelassen, nachdem er mit zwei Pistolen an dem Kopf fotografiert wurde und einige Betriebsgeheimnisse verraten musste 44 , allerdings war für die Terroristen ab dem Zeitpunkt eine wichtige Grenze überschritten worden. Der bewaffnete Kampf der Brigaden war offiziell eröffnet. Die ersten Jahren verliefen aber dennoch relativ harmlos und unblutig: Fabriken wurden besetzt, Streiks organisiert und Personen wurden entführt und in den sogenannten „prigioni del popolo“, die „Volksgefängnisse“, festgehalten, aber dann gegen Bezahlung wieder freigelassen. 45 Die Aktionen, die die Gruppe bis dahin unternahm, hatten inzwischen ein bestimmtes Ziel anvisiert: Die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse und die Durchsetzung der Interessen der einfachen Fabrikarbeiter. Doch mit der Zeit merkten die „capi storici“ 46 , Curcio, Franceschini und Cagol, dass man mit Flugblättern und Entführungen von Industriellen im Norden Italiens 47 nicht wirklich eine Veränderung der Machtverhältnisse herbeiführen konnte. Die wichtigen Entscheidungen wurden woanders getroffen: Das Zentrum der Macht, gegen das die Gruppe ankämpfen wollte, saß in Rom. Es war der Staat und seine christdemokratische Regierung, die seit circa 30 Jahren die Macht im Nachkriegsitalien inne hatte. 48 Der erste Staatsvertreter, auf dem sich die Brigaden konzentrierten, war der Staatsanwalt Sossi. Wie Renato Curcio selbst sagte, „war Sossi nicht irgendein Magistrat: Er war Christdemokrat und hatte [in den linken Kreisen] einen sehr schlechten Ruf“ 49 . Sossi wurde am 18. April 1974 entführt. Für seine Freilassung verlangten die roten Brigaden die Aushändigung von acht inhaftierten „Genossen“, die sich nach Erlangung der Freiheit auf Cuba abgesetzt hätten. Doch nachdem die Gespräche zum Austausch der Gefangenen in den Sand verlaufen waren und die Brigaden vermuteten, dass die Polizei das „Volksgefängnis“ in
41 Vgl. Curcio,R. A viso aperto S. 7‐12
42 Vgl. Curcio,R. A viso aperto S. 9
43 Vgl. Kellman, K. Der Staat lässt morden S. 22
44 Vgl. Curcio,R. A viso aperto S. 70 ‐ 73
45 Vgl. Kellman, K. Der Staat lässt morden S. 22
46 Übers.: die historischen Führer, die Gründer der Brigate rosse
47 Die Brigate rosse hatten bis dahin nur in Mailand und Turin agiert
48 Vgl. Curcio,R. A viso aperto S. 84
49 Vgl. Curcio,R. A viso aperto S.89 8
Arbeit zitieren:
Andrea Riva, 2010, Der Mord an Aldo Moro, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg: Der Mord an Aldo Moro ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg: neuer Titel erschienen: Der Mord an Aldo Moro
Andrea Riva hat einen neuen Text hochgeladen
Darwin - Kalter Krieg - Weltwirtschaftskrieg
Das Aussterben des amerikanisc...
Heiner Mühlmann
Der Drahtzieher. Vernon Walters - ein Geheimdienstgeneral des Kalten K...
Klaus Eichner, Ernst Langrock
0 Kommentare