Vorerfahrungen
In meiner schulischen Praxis sind mir viele Fälle von im Fachbereich Physik/Chemie talentierter Mädchen begegnet, die trotz offensichtlichem Interesse am Unterricht und zum Teil exzellenter Leistungen nicht auf die Idee gekommen sind, eine Weiterbildung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich anzustreben. Die tatsächliche Entscheidung über die Art des weiteren Schulbesuchs war oftmals vom traditionellen Rollenbild vorgegeben und nicht selten durch die Meinung bzw. Entscheidung der Mitschülerinnen (peer-group) mitbestimmt. Verschärfend wirkt sich dabei die Problematik der Koedukation aus. Hypothesen
1. Mädchen sind in Physik genau so gut wie Buben.
2. Im Gegensatz zu den Buben trauen sich die Mädchen in Physik weniger zu. Das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist gerade im Bereich Physik gering ausgeprägt.
3. Durch zumindest zeitweilige Aufhebung der Koedukation kann man in einem auf Begabtenförderung zielenden Unterrichtsprojekt Fähigkeiten und Einsichten vermitteln, die jene der Buben weit übersteigen und so das fachspezifische Selbstvertrauen stärken. Realisierung
Das Physik-Projekt EINSTEIN FÜR GRRRLS! beabsichtigte eine Stärkung des
Selbstbewusstseins von Mädchen im naturwissenschaftlichen Unterricht. Während einer kurzzeitigen Aufhebung der Koedukation und des normalen Regelunterrichts wurde den Teilnehmerinnen Wissen über Albert Einsteins spezielle Relativitätstheorie vermittelt, das über den normalen Lehrplan der Hauptschule hinausging. In flankierenden Untersuchungen wurden dabei Einstellungen zum Physik/Chemie-Unterricht erfragt.
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INHALT
Seite
1. Hoch Begabte an Hauptschulen? 6
2. Chancengleichheit als Utopie? 9
2.1. Theoretisch gleichberechtigt, praktisch keine Chance 10
2.2. Job-Ghettos 11
2.3. Die Utopie: Frauen forschen 12
3. Mädchenfeindliche Physik 13
3.1. Traditionelle Bildungswege 13
3.2. Der Einfluss der peer group 13
3.3. Ist Physik wirklich „nichts für Mädchen“? 14
3.4. Die Schülerinnen und Schüler meiner Klassen 16
3.5. Faktoren, die es den Mädchen schwerer machen 17
3.6 Die Mitschuld der LehrerInnen 19
3.7 Der Teufelskreis: Wenn aus Mädchen Lehrerinnen werden 20
4. Begabtenförderung als Werkzeug der Chancengleichheit 23
4.1. Die Verlogenheit der Elite-Debatte 23
4.2. Kritik der praktischen Vernunft oder: von der Fragwürdigkeit der Modelle 25
4.3. Vom kleinen Unterschied mit großen Folgen 29
4.4. Hoch begabte Mädchen 31
4.5. Wie begeistert „man“ Frau für Physik/Chemie? 31
4.6. „Better dead than coed “ 32
4.7. “Get them all 33
4.8. Das Projekt “EINSTEIN FÜR GRRRLS 34
5. Die spezielle Relativitätstheorie im Unterricht 36
5.1. Die Bedeutung der beiden Relativitätstheorien 36
5.2. Mythos Albert Einstein 37
5.3. Symbol Albert Einstein 38
5.4. Voraussetzungen und Chancen in der Sekundarstufe I 39
5.5. Relativitätstheorie an der Hauptschule? 41
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6. Ergebnisse der allgemeinen Befragung 43
6.1. Interesse an Schulfächern 43
6.2. Selbstbewusstsein bei schulischem Erfolg 45
6.3. Zusammenhang zwischen Schulfach und Berufswahl 46
6.4. Einstellungen und Geschlechterstereotypen 46
6.5. Entscheidung für das Wahlpflichtfach ab der vierten Klasse 47
6.6. Wer ist besser in Physik/Chemie und Mathematik? 48
6.7. Warum gibt es so wenige Frauen in der Technik? 49
6.8. Zusammenfassung der Ergebnisse 50
7. Projektablauf 51
7.1. Rahmenbedingungen 51
7.2. Zeitlicher Ablauf 52
7.3. Begleitende Maßnahmen: Girls’ Day 54
8. Projektinhalt 56
8.1. Durch Raum und Zeit mit Onkel Albert 56
8.2. Die wundersame Entdeckung des Ole Rømer 56
8.3. Folgerungen aus der Tatsache der Lichtgeschwindigkeit 59
8.4. Die Zeitdilatation 61
8.5. Die vierdimensionale Raumzeit 64
8.6. The last frontier 65
8.7. Das Märchen von der Gleichzeitigkeit 67
8.8. Alles ist relativ: Krise und Lösung 69
9. Abschlussbefragung 73
9.1. Erwartungen vorher 73
9.2. Erfüllte Erwartungen und Überraschungen 74
9.3. Was war besonders gut? 75
9.4. Was war nicht so gut? 76
9.5. Selbstvertrauen und Physik 77
9.6. Mehr Interesse am Fach Physik/Chemie 78
9.7. Physik ist nichts für Mädchen 79
9.8. Keine Frauen in den Naturwissenschaften 80
5
9.9. Wie steht es mit dir? 81
9.10. Zukünftige Begabungsförderungen für Mädchen 82
10. Physik - eine Leidenschaft, die Leiden schafft 84
Anmerkungen 88
Literaturnachweis 96
Anhang 100
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1. Hoch Begabte an Hauptschulen?
Gibt es überhaupt hoch begabte Kinder an Hauptschulen? Ungeachtet der Schwierigkeiten bei der Definition, was Hochbegabung sei (nach veralteten eindimensionalen Ansätzen wird zum Beispiel Hochbegabung etwas willkürlich ab einem Intelligenzquotienten von 130 angenommen, was einem Anteil von 2 bis 3 % hoch Begabter an der Gesamtpopulation der schulpflichtigen Kinder entspräche (1) ), handelt es sich dabei auf jeden Fall um ein seltenes Phänomen. Die Wahrscheinlichkeit, einem solchen Kind ausgerechnet in der Hauptschule zu begegnen, muss also als sehr gering eingeschätzt werden, da in Österreich nach Absolvierung der Volksschule eine Wahlmöglichkeit zwischen Hauptschule und Gymnasium (AHS-Unterstufe) besteht. Ohne die grundsätzliche Qualität der Ausbildungen in diesen beiden Schultypen in Frage stellen zu wollen, darf doch vermutet werden, dass viele Eltern allein schon des höheren sozialen Prestiges wegen eher geneigt sind, ihr Kind an ein Gymnasium zu schicken, wenn es die Volksschule mit gutem oder sehr gutem Erfolg abgeschlossen hat. Die veröffentlichten Zahlen hierzu sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache. Hauptschulen im städtischen Bereich sind längst zu so genannten „Rest“schulen verkommen, womit ausgedrückt wird, dass kaum noch Kinder, denen von den VolkschullehrerInnen die AHS-Reife bescheinigt wird, trotzdem die Hauptschule besuchen. Im ländlichen Bereich ist diese Entwicklung hin zur AHS bei weitem nicht so stark ausgeprägt, weshalb wohl auch in einer Hauptschule mit dem einen oder anderen hoch begabten Kind zu rechnen ist. Die Schule, an der ich unterrichte und in der ich mein Projekt zur Begabtenförderung durchgeführt habe, ist im Grenzbereich zwischen Stadt und Land angesiedelt. Gunskirchen ist die Nachbargemeinde der Stadt Wels, aber zum Schulsprengel gehören ausgesprochen ländliche Gebiete wie die Gemeinden Offenhausen und Pennewang. Die Hauptschule Gunskirchen ist daher keineswegs zur „Rest“schule herabgesunken und zeichnet sich durch ein noch immer erfreulich hohes Bildungsniveau aus, was derzeit laufende Untersuchungen über den Schulerfolg unserer AbsolventInnen an berufsbildenden höheren Schulen in Wels bestätigen.
Unausgesprochen herrscht die Meinung vor, eine allgemein bildende höhere Schule sei die bessere Lösung für das hoch begabte Kind. Umgekehrt reagieren manche Eltern, insbesondere wenn sie selbst akademisch gebildet sind, geradezu verzweifelt, wenn ihr Kind als nicht für eine AHS befähigt eingestuft wird.
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Im Zuge meiner ECHA-Ausbildung lernte ich auch nähere Einzelheiten über die Problematik der Underachiever (= begabte Versager; bekannt geworden als Leistungsblockierung oder Leistungsverweigerung als Folge einer gehäuften schulischen Unterforderung) kennen. (2) Zwar ist dies nicht Thema meiner Untersuchung, doch kann es vorkommen, dass solche Kinder in Volksschulen von nicht oder wenig sensibilisierten LehrerInnen als nicht für die AHS geeignet eingestuft werden und an einer Hauptschule landen. Dort wiederum besteht für das Kind auf Grund der neuen Situation, nicht wesentlich von einem/einer Lehrer/in, sondern von einem Dutzend verschiedener Personen unterrichtet zu werden, rein statistisch eher die Chance, Anerkennung und eine entsprechende Förderung zu erfahren. Ich kann in diesem Zusammenhang von einem Schüler berichten, der ursprünglich als extrem verhaltensauffällig eingestuft wurde (in der ersten Klasse versuchte er zusammen mit zwei Mitläufern während des Religionsunterrichts auf dem Dachboden der Schule Feuer zu legen. Die mangelnde Entflammbarkeit der dort verwendeten Materialen zur Wärmedämmung verhinderte den Erfolg der Aktion und damit die Möglichkeit, unsere Schule als Topmeldung in den Abendnachrichten zu bewundern. Auch später noch ließ sich der Schüler allerhand Überraschendes einfallen, da er zudem als Mitglied einer vom LehrerInnenkollegium als extrem schwierig empfundenen Klasse dementsprechenden Nährboden fand). Im Laufe seiner Hauptschulzeit fand er zunehmend Gefallen am Physikunterricht, beruhigte sich ganz allgemein und wurde in den nach Leistungsgruppen differenzierten Fächern (Deutsch, Englisch, Mathematik) in die ersten Leistungsgruppen eingestuft. Im Schuljahr 2000/2001 entschied er sich für das Wahlpflichtfach Physik/Chemie, wo er sich bald durch außergewöhnliche Leistungen hervortat.
Als Grundlage für die Leistungsbeurteilung im Wahlpflichtfach verlange ich im ersten Semester von den SchülerInnen für gewöhnlich eine Art Vertiefungsgebiet, wobei die SchülerInnen die Aufgabe haben, neben dem laufenden Unterricht, der vor allem dem praktischen Experimentieren gewidmet ist, sich selbstständig im gewählten Bereich innerhalb zweier Monate Wissen anzueignen und dieses dann als eine Art Referat dem Plenum zu präsentieren. Die Form der Präsentation ist ebenso frei wählbar wie der Inhalt, sofern es sich auf Physik, Chemie oder Technik bezieht.
Dieser Schüler wählte nun die spezielle Relativitätstheorie von Albert Einstein, was ich anfangs mit großer Skepsis aufnahm, da mir das Gebiet doch sehr komplex vorkam. Die Präsentation des Schülers begeisterte mich aber dann derart, dass ich ihn unterbrach, um den Direktor zu holen, damit auch er an dieser Sternstunde des Physikunterrichts teilhaben konnte. Nicht nur, dass der Schüler die Zusammenhänge vollinhaltlich verstanden hatte, er hatte es
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sich auch zur Aufgabe gemacht, die jeweiligen Formeln abzuleiten und sie seinen MitschülerInnen so zu erklären, dass diese dem Vortrag tatsächlich zu folgen vermochten. Ich hatte von ihm gelernt, dass es möglich war, HauptschülerInnen etwas von der physikalischen Faszination der Relativitätstheorie zu vermitteln. Der Erfolg dieses Schülers wurde zum Kristallisationspunkt meiner Arbeit.
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2. Chancengleichheit als Utopie?
Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der es selbstverständlich ist, dass Mädchen die Schule besuchen und die Universität absolvieren, während ihre Brüder die Feldarbeit verrichten, damit das Einkommen der Familien gesichert ist. Mädchen studieren weit weg vom Elternhaus, sie reisen allein, sie wechseln vor der Ehe die Freunde, und nach einer Trennung kehrt der Mann in das Haus seiner Mutter zurück. In diesem Land gibt es keine ausgeprägten hierarchischen Strukturen, denn die Herrschaft wird als „Nichtherrschaft von Frauen bei ihrer gleichzeitigen völligen ökonomischen und sakralen Macht“ definiert. Politische Entscheidungen werden von traditionellen Ratsversammlungen getroffen, zu denen die Familien zwar männliche Mitglieder entsenden, so genannte Onkels, diese sind aber der jeweiligen Sippenmutter verantwortlich. Die faktische Macht liegt also in Händen der Frauen, was ein zusätzlicher Frauenrat, der bei wichtigen Entscheidungen zusammentritt und seine Meinung kundtut, sicherstellt. Die Frauen entscheiden selbst, welchen Mann sie heiraten und ob und wann sie sich wieder scheiden lassen. Ein uneheliches Kind zu haben ist hier keine bedauerliche und das alltägliche Leben belastende Ausnahme, sondern für diese Menschen eine Selbstverständlichkeit, sodass der Begriff einer alleinerziehenden Mutter in dieser Gesellschaft überhaupt nicht existiert, zumal nicht selten jedes Kind einer Frau einen anderen Vater hat. Stellen wir uns des Weiteren vor, in diesem Land bildet sich allmählich eine kleine Gruppe von Männern, die lautstark gegen die Benachteiligung von Männern kämpft und sich gleichzeitig bemüht, männlichen Kindern einen breiteren Zugang zur Bildung zu ermöglichen.
Was sich wie eine verknappte Inhaltsangabe des feministischen Bestsellers „Die Töchter Egalias“ von Gerd Brantenberg anhört, ist tatsächlich die Beschreibung einer real existierenden Gesellschaft. Das Volk der Khasi bewohnt den indischen Bundesstaat Meghalaya, gelegen zwischen Bangladesh und Assam im äußersten Nordosten des Subkontinents, umfasst mehr als eine Million Menschen und ist ein Beispiel für das, was EthnologInnen gern unter dem Begriff „Matriarchat“ zusammenfassen. (1) Was hat das alles nun mit dem Physikunterricht an österreichischen Hauptschulen im Allgemeinen und einer Begabtenförderung im Speziellen zu tun? Zunächst einmal, scheint es, nicht sehr viel, denn Chancengleichheit für beide Geschlechter bietet auch dieses Gesellschaftsmodell nicht, sonst hätte sich dort nicht eine Männerrechtsbewegung formiert. Aber das Beispiel der Khasi soll eingangs daran erinnern, dass die Gesellschaftsordnung, in
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der wir leben, keineswegs das einzig Mögliche darstellt und Alternativen zum Bestehenden durchaus denkbar sind.
Theoretisch gleichberechtigt, praktisch keine Chance
Ursula Scheu schreibt in ihrem Buch „Wir werden nicht als Mädchen geboren - wir werden dazu gemacht“: „Die Existenz matriarchalischer Staaten - mit einer absoluten Umkehrung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und somit der geschlechtsspezifischen Unterschiededeutet darauf hin, dass die heute vorfindbare Arbeitsteilung weder physiologische, noch biologische, also keine natürlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern hat, sondern die heute vorfindbaren Unterschiede das Resultat der spezifischen Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen sind.“ (2) Und sie stellt fest: „Die totale Aufhebung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ist eine der Hauptvoraussetzungen für die Befreiung der Frauen“ (3) , wobei sie dies vor allem auf die Doppelbelastung der Frauen durch Beruf und Kindererziehung bezieht.
So neu ist diese Idee nicht, denn schon Friedrich Engels schrieb: „Die Befreiung der Frau wird erst möglich, sobald diese auf großem gesellschaftlichen Maßstab an der Produktion sich beteiligen kann, und sie häusliche Arbeit nur noch in unbedeutendem Maß in Anspruch nimmt. Und dies ist erst möglich geworden durch die moderne Großindustrie, die nicht nur Frauenarbeit auf großer Stufenleiter zulässt, sondern förmlich nach ihr verlangt, und die auch die private Hausarbeit mehr und mehr in eine öffentliche Industrie aufzulösen strebt.“ (4) Freilich weist Scheu darauf hin, dass die Beteiligung der Frauen am gesellschaftlichen Produktionsprozess keineswegs zur erhofften Aufhebung ihrer minderwertigen Stellung geführt hat. Das Ergebnis sei lediglich die Doppelbelastung durch Beruf und Haushalt. Die Lösung, die der real existierende Sozialismus für diese Problematik anzubieten hatte, bestand lediglich in einer teilweisen Vergesellschaftung der Haushaltsfunktionen. Gerade bei der Kindererziehung folgte bestenfalls eine Verlagerung vom privaten in den kollektiven Bereich, was der Anteil von Frauen in pädagogischen Berufen unzweifelhaft unterstreicht. Und gerade hier lässt sich die fortwährende Benachteiligung der Frauen sehr leicht nachweisen. So betrug der Anteil von Volksschullehrerinnen in Österreich bereits 1986 nahezu 100 %, bei Universitätslehrern dagegen ist der Frauenanteil stabil - bei weniger als 20 % (5) .
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Job-Ghettos
Die Berufsfelder, in denen Frauen tätig werden, sind wesentlich eingeschränkter als die der Männer. Diese Situation lässt sich in allen Stufen nachweisen, begonnen beim „Trio infernal“ der Lehrberufe in Österreich, die von Mädchen gewählt werden (mehr als 2/3 aller Mädchen entscheiden sich für die Berufe Einzelhandelskauffrau, Friseurin oder Bürokauffrau - und das bei immerhin über 270 verschiedenen Lehrberufen!) und zieht sich hin bis in die universitäre Ausbildung. Nicht zu unrecht sprechen Seager und Olson von so genannten „Job-Ghettos“, also Tätigkeiten, die fast ausschließlich von Frauen ausgeübt werden und die Männer für gewöhnlich als unter ihrer Würde betrachten. Sie fassen zusammen: „Trotz einiger Ausnahmen gilt im Allgemeinen, dass Tätigkeiten, die als Frauenarbeit definiert werden, schlecht bezahlt sind, einen niedrigen Status haben und wenig Sicherheit bieten: daher kann man von `Job-Ghettos´ sprechen.“ (6)
Nicht viel besser stellt sich die Situation ganz allgemein beim Studium dar: So waren zum Beispiel in den Niederlanden 1995 die Hälfte aller StudienanfängerInnen weiblich. Bis zur Promotion sank der Frauenanteil aber auf ca. 31 % und bei den ordentlichen Professuren sackte die Frauenquote gänzlich ab auf 3,6 %. Gerade der letztere Umstand, qualitativ auf alle Staaten der europäischen Union übertragbar, ist insofern interessant, als der Anteil der Frauen an allen SchülerInnen in Österreich, die die Schullaufbahn mit Matura abschließen, bereits über 50 % liegt, und jener, die studieren, beständig ansteigt (7) . Doch bei der Wahl der Studienrichtungen wird das ganze Dilemma der Frauen offenbar: Insbesondere bei den so genannten technischen Studienrichtungen und den Naturwissenschaften wie Physik, Geowissenschaften, Chemie und Mathematik lag der Anteil von Frauen unter den Erstsemestrigen zwar noch zwischen 10 und 40 %, bei den Promotionen aber nur mehr bei 5 bis 20 %. Die Studienrichtung Biologie, inzwischen mehrheitlich von Frauen belegt, bildet hier nur insofern eine Ausnahme, als der Anteil der Frauen erst mit der Habilitation auf ca. 10 % absinkt. Natalie Angier macht für diese, wie sie meint, „unnatürliche Selektion unter den Frauen“ in den Naturwissenschaften das von Männern dominierte Berufungssystem bei Professuren verantwortlich (8) . Weitere negative Faktoren, etwa „verlorene Jahre“ durch eigene Kinder und die damit häufig verbundene quantitativ geringere Zahl von Publikationen, erschweren Frauen zusätzlich eine wissenschaftliche Karriere.
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Die Utopie: Frauen forschen
Die Naturwissenschaften gelten zwar als der Inbegriff der Objektivität, aber selbst sie werden von Geschlechterstereotypen zumindest beeinflusst. Ohne die leidige Problematik der Professorenberufung hier zu thematisieren, muss es doch an Hand der seltenen Beispiele weiblicher Forschungstätigkeit einleuchten, wie viel die Wissenschaft zu gewinnen hat. In der Primatenforschung wurde spätestens durch die Arbeiten von Dian Fossey, Jane Goodall und Biruté Galdikas und dem damit verbundenen explosiven Erkenntniszuwachs deutlich, wie wichtig es wäre, auch weibliche Sichtweisen in den Fragestellungen der Grundlagenforschung zuzulassen. (9)
Die Utopie, die sich bei der Betrachtung der Fakten aufdrängt, ließe sich nun wie folgt formulieren: Sowohl die Frauen könnten ihren gesellschaftlichen Status allgemein verbessern, wenn sie vermehrt technische und wissenschaftliche Berufe anstrebten, als auch Wissenschaft und Technik würden von weiblichen Sichtweisen ganz direkt profitieren. Wie aber soll das funktionieren? An Bildungsmöglichkeiten mangelt es in Österreich nicht, dennoch scheinen sich die Frauen für wissenschaftlich-technische Berufe nicht zu interessieren. Diese Lebenswelten sind Männer-dominiert und eine Vielzahl weiterer Faktoren wirkt abschreckend. Doch die Wurzeln dieses Ungleichgewichts liegen tiefer! Eine dieser Wurzeln berührt offenbar sogar meine Tätigkeit als Physik/Chemie-Lehrer in der Hauptschule. Wie der „Erstkontakt“ mit Physik in der Schule auf Mädchen wirkt, welche Einflüsse Geschlechterstereotypen haben und was dabei die Begabtenförderung für eine Rolle spielen kann, darauf will ich im Folgenden genauer eingehen.
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3. Mädchenfeindliche Physik
Vor sechs Jahren eröffnete ich einer Mutter bei einem Elternsprechtag, ihre Tochter sei begabt in Physik/Chemie. Die Dame, von Beruf Bäuerin, erblasste und stammelte entsetzt: „Des hot´s ja no nia net gebn in unsara Famülie!“ Worauf ich der Frau, leicht verärgert über ihre Reaktion, erwiderte: „Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, das ist nicht ansteckend.“
3.1. Traditionelle Bildungswege für Mädchen
Dass Mädchen in der Sekundarstufe I oftmals die besseren schulischen Leistungen erbringen als Buben, ist ein Gemeinplatz. Auch das Fach Physik/Chemie bildet hier keine Ausnahme. Aber diese Erfolge haben keinerlei Auswirkungen auf die Wahl des weiteren Bildungsweges. So kommt es zwar alle paar Jahre vor, dass sich ein Mädchen am Ende der Pflichtschulzeit für eine Höhere Technische Lehranstalt (HTL) entscheidet, aber diese Entscheidung ist oft etwas, was man als „schwere Geburt“ bezeichnen kann. Viele Einzelgespräche sowohl mit der Schülerin als auch mit den betroffenen Eltern sind nötig, um das Gefühl zu vermitteln, dass es möglich ist, eine technische Schule zu besuchen. Und nicht selten folgt dann im letzten Moment ein Meinungsumschwung, sodass sich das Kind doch für eine „traditionellere“ Bildungsanstalt entscheidet - bei uns also meist eine Handelsakademie (Berufsbild Sekretärin), eine Höhere Bildungsanstalt für wirtschaftliche Berufe (HBLA, früher: Höhere Bildungsanstalt für wirtschaftliche Frauenberufe - dieser Schultyp wird in Wels zu 99 % von Mädchen besucht) oder vergleichbare Schultypen.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit feststellen, dass es nicht darum geht, Mädchen einen bestimmten Schultyp einzureden. Jedes Kind soll sich seinen Fähigkeiten gemäß entwickeln können. Und das ist gut so. Das Beispiel mit der HTL dient hier nur zur Verdeutlichung, wie sich die prinzipielle Problematik, die ich im vorangegangenen Kapitel besprochen habe, in der schulischen Praxis zeigt.
3.2. Der Einfluss der peer group
In genau dieser schulischen Praxis ist mir ein weiteres Phänomen aufgefallen, das ich hier zwar nicht empirisch belegen kann, aber das LehrerInnen an anderen Schulen gewiss
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bestätigen können: Bei Mädchen kommt es immer wieder zu jahrgangskonformen „Trends“, was die Entscheidung für den weiteren Bildungsweg betrifft. So kann es vorkommen, dass sich von einem Jahrgang (bei drei Abschlussklassen im Schnitt zwischen 20 und 40 Mädchen) bis zu 10 Mädchen für den gleichen Schultyp entscheiden, ja sogar für die gleiche weiterführende Schule. Ich habe beobachtet, dass in einem Jahr ein ganzes Rudel Mädchen auf die KindergärtnerInnenschule strebte, ein Jahr darauf war die Handelsakademie gefragt, und wiederum ein Jahr darauf war es plötzlich die bereits erwähnte HBLA. Zufall? Wohl kaum, vielmehr liegt der Verdacht nahe, dass die opinion leader unter den Mädchen Meinungen vorgeben, die von vielen Unentschlossenen aufgenommen werden. Auffällig ist dabei der Vergleich mit den Buben: Dort konnte ich vergleichbare Entwicklungen nicht beobachten. Möglicherweise machen Jungs ihre Vorentscheidung für den späteren Berufnichts anderes ist diese Entscheidung über den weiteren Bildungsweg! - in einem sehr viel geringeren Ausmaß von der Meinung anderer Mitschüler abhängig als Mädchen. Es wäre gewiss lohnenswert, diese Vermutung empirisch zu untersuchen, doch ist dies nicht Gegenstand meiner Betrachtung.
3.3. Ist Physik wirklich „nichts für Mädchen“?
Unter den männlichen Studenten der Technischen Universität Wien gibt es einen Witz: Die schnellste Methode, eine junge Frau beim Kennenlernen zu vergraulen, bestehe demnach darin, auf ihre Frage „.... und was studierst du?“, zu antworten: „Maschinenbau.“ Für die Antwort „Physik“ vermute ich eine ähnlich hohe „Erfolgsquote“. Es gibt offenbar ein prinzipielles Problem für Mädchen, sich technischen Berufen oder zumindest vergleichbaren Ausbildungszweigen zu nähern, und dieses dürfte mit dem Fach Physik unmittelbar zusammenhängen. Ist Physik wirklich nichts für Mädchen? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Physik den Mädchen als „typisch männlich“ erscheint? Und falls das zutrifft, wo liegen die Ursachen dafür?
Hoffmann, Häußler und Peters-Haft haben in ihrem Buch „An den Interessen von Mädchen und Jungen orientierter Physikunterricht“ eine Menge empirischer Befunde zusammengefasst, die uns einer Beantwortung der Frage nach der Mädchenfeindlichkeit des Physikunterrichts näher bringen. Diese Daten wurden in der Bundesrepublik Deutschland erhoben, dürften sich aber weitgehend mit der Situation in Österreich decken.
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Bereits in der fünften Klasse, also vor Beginn des Physikunterrichts, zeigt sich ein geringeres Interesse der Mädchen an Themen und Fragestellungen der Physik. Besonders deutlich ist der Rückgang des Interesses in der 7. Schulstufe, das entspricht der dritten Klasse Hauptschule in Österreich. Der Interessens-„Knick“ wurde von verschiedenen Untersuchungen eindrucksvoll bestätigt. Gefragt wurde nach dem Interesse an Schulfächern. Nicht zufällig kann in diesem Zusammenhang das Einsetzen der Pubertät sein. Der Interessensverlust betrifft viele Schulfächer, davon ausgenommen sind bei Mädchen lediglich Fremdsprachen, Biologie und Sport. Bei Buben lässt sich eine Polarisierung in diesem Ausmaß nicht nachweisen, auch sind bei ihnen Physik und Chemie nicht so stark vom Interessensverfall betroffen. Bei meinen eigenen SchülerInnen konnte ich diese Polarisierung noch nicht feststellen (vgl. Kap. 6.1. Interesse an Schulfächern), im Gegenteil, das Fach Physik/Chemie wurde nach dem ersten Semester der 3. Klasse häufig noch als interessant oder sehr interessant beurteilt. Diese Ausnahme könnte mit meinem persönlichen Unterrichtsstil zusammenhängen, könnte aber genau so gut reiner Zufall sein, da die Zahl der befragten Kinder klein war. Wie Häußler und Hoffmann nachwiesen, zeigen Mädchen ein relativ hohes Interesse an Naturphänomenen sowie Phänomenen, die mit der sinnlichen Wahrnehmung zu tun haben. Wenig Gegenliebe fanden die Kontexte „die Beschreibung und Erklärung von physikalischen Versuchen“ sowie „Naturgesetze, die es erlauben, bestimmte physikalische Größen exakt zu berechnen“. Während „Versuche selber durchführen“ und „Versuche beobachten“ hoch im Kurs standen, wurden „sich ausdenken, wie man eine bestimmte Vermutung durch einen Versuch prüfen kann“ und „etwas berechnen, den Ausgang eines Versuches exakt vorhersagen, Aufgaben lösen“ eher als uninteressant betrachtet (1) . Der Verdacht liegt nahe, dass sich der herkömmliche Physik-Unterricht stark auf die theoretisch-konstruktive Ebene und auf das formal-abstrakte Denken ausrichtet. Bedeutet das, dass die kognitiven Fähigkeiten noch nicht oder nicht ausreichend ausgeprägt sind? Neuere Untersuchungen weisen dabei keine geschlechterspezifischen Unterschiede auf, sieht man von der einzigen signifikant nachweisbaren Teilfähigkeit „räumliches Vorstellungsvermögen“ ab, welches bei Buben tatsächlich ausgeprägter zu sein scheint. Franziska Stalmann bemerkt dazu, dass der relativ geringe Unterschied im visuell-räumlichen Denken zwischen Mädchen und Buben, wie ihn langjährige amerikanische Untersuchungen zutage gefördert haben, das einzige unzweifelhaft belegte Faktum ist, das zu finden war. Hingegen ergaben sich im gesamten restlichen Bereich bei gleicher Bildung keinerlei Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Kleine Differenzen im räumlichen Vorstellungsvermögen dürften laut Stalmann eine weit geringere Rolle bei der Berufswahl spielen als die von den Mädchen
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angenommene Bedeutung des Faches für das künftige Studium, die Einschätzung der Mathematik als Männerdomäne, die fehlende Ermutigung durch LehrerInnen und Eltern (Mädchen erhielten nachweislich häufiger negatives Feedback als Buben) und nicht zuletzt die gesellschaftliche Gesamtsituation (man denke nur an die Rollenbilder, die ständig durch die Werbung auf uns einrieseln), deren ständige Wiederholung von Geschlechterstereotypen ihren Teil dazu beiträgt, das alles so bleibt, wie es ist (2) .
3.4. Die Schülerinnen und Schüler meiner dritten Klassen
Im Schuljahr 2001/2002 unterrichte ich in allen drei dritten Klassen der Hauptschule Gunskirchen Physik/Chemie. Da die anderen Klassen, die ich in Physik unterrichte, aus Gründen, die ich nicht beeinflussen kann, nicht in Frage kommen (in der zweiten Klasse sind zwei Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf und ein Kind mit Borderline-Syndrom; in der vierten Klasse gibt es massive Probleme innerhalb der Klassengemeinschaft, die das Lernklima negativ beeinflussen; im Wahlpflichtfach „physikalisch-chemische Versuche“ nehmen heuer nur sehr wenige SchülerInnen teil, weil das neu eingeführte Wahlpflichtfach Informatik derzeit für hoch Begabte attraktiver ist), habe ich beschlossen, meine Untersuchungen auf die dritten Klassen zu konzentrieren.
44 Buben und 24 Mädchen besuchen heuer den dritten Jahrgang unserer Schule. Sieht man vom deutlichen Überhang der Buben ab, handelt es sich um vollkommen durchschnittliche Klassen. Die Überzahl der Buben dürfte jedoch die Ursache für eine beobachtbare Zurückhaltung der Mädchen beim Physik/Chemie-Unterricht sein. Deutlich ist mir jedenfalls der vermehrte Zeitaufwand für die Schaffung einer ruhigen und konzentrierten Lernatmosphäre aufgefallen.
Schulnoten sind natürlich keine besonders aussagekräftigen Indikatoren. Gerade hoch begabte Kinder haben oftmals schlechte Zensuren, nämlich dann, wenn sie sich vom Unterrichtsgeschehen unterfordert fühlen. Auch ist allgemein akzeptiert, dass es „die gerechte Note“ gar nicht geben kann; zu viele Faktoren beeinflussen die Beurteilung und kein/e LehrerIn ist vor Fehleinschätzungen und Bevorzugungen einzelner Kinder gefeit. Wenn ich hier trotzdem auf die Noten meiner Schützlinge eingehe, dann einzig und allein unter dem Aspekt, ob es von dieser Seite her irgendeinen Anhaltspunkt gibt, dass Mädchen weniger erfolgreich in Physik/Chemie sind.
Die Physik/Chemie-Noten nach Abschluss des 1. Semesters gliedern sich wie folgt auf:
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Dass nach dieser Statistik die Mädchen zumindest in der Beurteilung keinesfalls schlechter als die Buben sind, liegt auf der Hand. Die Verteilung der Noten ist nahezu geschlechtsneutral. Zwar scheint sogar das Gegenteil der Fall zu sein, nämlich dass die Mädchen eine Spur besser sind, aber für diesen Unterschied darf man getrost die kleine Zahl der Schülerinnen und Schüler verantwortlich machen, wodurch sich statistische Schwankungen nicht vermeiden lassen.
Ich möchte noch einmal betonen, dass die Notengebung keinerlei Beweis darstellt. Aber sie dürfte als Indiz gelten, dass Mädchen nicht a priori schlechter im Fach Physik/Chemie sind.
3.5. Faktoren, die es den Mädchen schwerer machen
Hoffmann, Häußler und Peters-Haft zählen folgende Faktoren auf, die nach bisherigem Stand der Forschung für eine grundsätzliche Benachteiligung der Mädchen im mathematischtechnisch-naturwissenschaftlichen Bereich verantwortlich sein können: (3)
3.6. Die Mitschuld der LehrerInnen
Wir können als Lehrerinnen und Lehrer nicht gegen die Wirklichkeit der Welt anrennen. Aber es muss uns bewusst werden, dass wir im alltäglichen Unterricht durch unser Verhalten genau jenes Rollenbild zu festigen helfen, das wir doch eigentlich vermeiden oder herabmildern möchten. Wir sind es, die die Buben als intelligenter, interessierter und kreativer einstufen, wir sind es, die die Mädchen als sauber, ordentlich, gewissenhaft und fleißig beurteilen. Entspricht ein Mädchen nicht unseren Rollenerwartungen, tadeln wir es viel schneller als einen Buben („Sei doch nicht so schlampig!“). Entspricht ein Mädchen nicht unseren Leistungserwartungen, entschuldigen wir es („Du hast dich bemüht, aber es hat nicht gereicht.“), während wir bei Buben nur mangelnden Willen unterstellen („Du könntest, wenn du wolltest.“). Zu recht sprechen daher Dweck et al von „gelernter Hilflosigkeit“. (5) Peter Labudde bringt es auf den Punkt: „Bei gleichen Leistungen werden Schüler häufiger gelobt als Schülerinnen. Umgekehrt werden Mädchen mehr als Jungen für soziales Wohlverhalten gelobt. Damit beginnt sich eine gefährliche Spirale zu drehen: Das Selbstwertgefühl von Jungen und Mädchen erfährt je nach Bereich - Fähigkeiten in Physik hier, im sozialen Bereich dort - geschlechtsspezifische Prägungen. Diese bestimmen nicht nur die weitere Schullaufbahn mit, sondern zementieren über Berufs- und Studienwahl hinaus
auch Geschlechterstereotype in unserer Kultur.“ (6)
Labudde hat in einem Seminar gerade das fehlende Problembewusstsein der Lehrpersonen eindrucksvoll darstellen können. Eine kleine Umfrage unter Lehrerinnen und Lehrern an einer
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Schule in Bern ergab ein ihn erschreckendes Bild mangelnder Sensibilisierung. Gefragt wurde nach der Einschätzung der Wichtigkeit von Schulfächern für den weiteren Bildungsweg von Buben bzw. von Mädchen. Labudde betonte dabei, dass sich bei den Befragten die Geschlechter die Waage hielten. Und das Ergebnis sieht für die hier relevanten Unterrichtsfächer so aus:
Solche Aussagen werden nun keineswegs nur von männlichen Lehrern getroffen, sondern -und gerade das stimmt traurig! - auch von Lehrerinnen. Entgegen landläufiger Meinungen sind viele Lehrerinnen nicht gerade Vorreiterinnen der Emanzipationsbewegung. Jedenfalls darf mangelndes Problembewusstsein auch Frauen unterstellt werden. In der feministischen Literatur wird häufig davon gesprochen, dass Frauen für Mädchen Identifikationsfiguren darstellen und es daher grundsätzlich besser wäre, wenn die Fächer, in denen Mädchen offenbar benachteiligt sind, von Frauen unterrichtet würden. Dem widerspricht Labudde nicht, doch hält er fest: „Wenn die Lehrperson für die Problematik sensibilisiert ist, dann ist es eher nebensächlich, ob es ein Lehrer oder eine Lehrerin ist.“ (7)
3.7. Der Teufelskreis: Wenn aus Mädchen Lehrerinnen werden ...
In einer umfangreichen Studie untersuchte Renate Seebauer die reformbedürftige Situation des Sachunterrichts an österreichischen Volksschulen und die daraus erwachsende mangelnde Kontinuität zur Sekundarstufe 1. Sie ortet als eine der Ursachen für das geringe Interesse der Kinder an sachunterrichtlichen Inhalten eine unzeitgemäße Ausbildung und mangelnde fachliche Kompetenz der GrundschullehrerInnen. Grob vereinfacht, könnte man sagen, LehrerInnen der Volksschule übertragen ihre eigenen Schulerfahrungen als Kinder später auf
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ihre berufliche Tätigkeit. Seebauer spricht von einem affektiven Filter, den sie wie folgt darstellt: (8)
Es würde zu weit führen, alle Ergebnisse der Studie auch nur anreißen zu wollen, zumal sie sich in erster Linie auf die Volksschule beziehen, doch zeigt sich ein fataler Zusammenhang zwischen dem geringen Interesse an naturwissenschaftlichen Inhalten vor allem bei Mädchen und der zunehmenden Feminisierung des Lehrberufs. Der Teufelskreis schließt sich, wenn aus dem Mädchen, das sich „nie für Physik/Chemie interessiert hat“, eine Lehrerin wird. Um den Kreislauf zu durchbrechen, schlägt Seebauer (neben vielen anderen) folgende Konsequenzen für die LehrerInnenausbildung vor: (9)
• Abbau von Berührungsängsten der StudentInnen gegenüber naturwissenschaftlichtechnischen Phänomenen
• Errichtung einer (permanent zugänglichen) „naturwissenschaftlich-technischen Werkstatt“, um Primärerfahrungen aufzubauen und die Freude am eigenen Experimentieren zu fördern
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• Revision des „akademieeigenen Formulars“ zur schriftlichen Planung von Unterrichtseinheiten
• Vierwöchiges Industriepraktikum während des Studiums (verpflichtend)
• Sensibilisierung für die Problematik „Mädchen und Naturwissenschaften“, „Mädchen und Technik“
• Sensibilisierung für Rollenstereotype und die Projektion eigener Unzulänglichkeiten in die SchülerInnen
• Befähigung der angehenden LehrerInnen zu kompetentem Elementarisieren komplexer Sachverhalte
Seebauers Vorschläge mögen unbequem erscheinen, verdienen aber bei einer offenen Diskussion über die Steigerung der Chancengleichheit im Bildungsweg von Mädchen dringend mehr Beachtung. Alle nachfolgenden Überlegungen und Anstrengungen in den Sekundarstufen I und II bleiben Stückwerk, wenn sich im Bereich der Volksschule nichts ändert.
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4. Begabtenförderung als Werkzeug der Chancengleichheit
Ein Astronom, ein Physiker und ein Mathematiker fahren im gleichen Abteil mit der Eisenbahn zum ersten Mal nach Schottland. Da fällt ihr Blick aus dem Zugfenster auf ein schwarzes Schaf auf einer Weide. „Oh,“ ruft der Astronom begeistert aus, „alle Schafe in Schottland sind schwarz!“ Der Physiker widerspricht sofort: „So kann man das nicht sagen, Herr Kollege, aber es gibt in Schottland gewiss einige schwarze Schafe.“ Darauf atmet der Mathematiker scharf ein. Die Augen der beiden Mitreisenden richten sich auf ihn. Schließlich, nach scheinbar endlosen Momenten angestrengten Nachdenkens, verkündet der Mathematiker im Brustton der Überzeugung: „Es gibt in Schottland zumindest ein Schaf, dass zumindest auf einer Seite schwarz ist.“
Ich bin froh und dankbar, dass in dem Witz über die Bildung von Theorien kein Pädagoge vorkommt. Vermutlich wäre das Gespräch im Zug dann nicht so friedlich abgelaufen.
4.1. Die Verlogenheit der Elite-Debatte
Der Begriff der Elite ist ein altes Streitthema, denn er berührt die Frage nach der Berechtigung einer Begabtenförderung. Das grundsätzliche Problem liegt in dem Widerspruch, den eine Förderung besonders Begabter gegenüber den Forderungen nach einer egalitären Gesellschaft darstellt. Darf man Menschen, die ohnehin schon von Natur aus reicher beschenkt wurden, weil sie intelligenter, begabter, fähiger sind, noch zusätzlich fördern? Führt dies nicht automatisch zu einer Herausbildung einer Herrscherkaste, eben einer Elite? Sind alle Menschen gleich, wie es bereits in den allgemeinen Menschrechten, ein Erbe der französischen Revolution, formuliert wurde? Oder gibt es eben doch einige, die, wie George Orwell zynisch, aber treffend meinte, gleicher als gleich sind? Der Vater der Forschung zur Hochbegabung, Lewis Terman, führte die Meritokratie als Lösung des gesellschaftlichen Widerspruchs ins Treffen. Er verstand darunter eine an Verdiensten und Leistungen orientierte Gesellschaft, die zwar Chancengleichheit garantiere, aber den Begabteren letztlich höhere Positionen ermögliche. Konkret hat Meritokratie also zwei entgegengesetzte Seiten, die einer demokratischen Gesellschaft gleichzeitig entsprechen und widersprechen:
Arbeit zitieren:
Sven Daubenmerkl, 2002, Begabtenförderung als Werkzeug zur Steigerung der Chancengleichheit im Bildungsweg von Mädchen, München, GRIN Verlag GmbH
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