Gliederung:
1. Einleitung 03
2. Epistemologische Grundsatzfragen 04
3. Der politische und mediale Kontext 06
3.1. Die umstrittenen Wahlen 06
3.2. Berichterstattung in der ARD Tagesschau 06
3.3. Online-Informationen 07
4. Zur Selektion von Online-Videos 08
5. Aspekte der Sensationalität von Aufnahmen minderer Qualität 10
5.1. Unschärfe 10
5.2. Die Amateur-Komponente 11
6. Wechselwirkungen von Nachrichtenbildern in TV und Internet 12
6.1. Die Kategorie Wahrheit 12
6.2. Reflexivität im Medienwandel 13
7. Fazit 15
Literatur 16
Onlinequellen 16
2
1. Einleitung
„Bilder der sterbenden jungen Frau waren im Internet um die Welt gegangen. Sie wurde am Rande einer Kundgebung erschossen und gilt nun als das Gesicht des Wider-stands.“ 1
Mit diesen Worten kommentierte der Journalist Günter Scharff von der ARD ein Amateurvideo, das während der Proteste gegen die umstrittene Präsidentschaftswahl im Iran entstanden war und sich über das Internet und schließlich im Fernsehen verbreitet hatte. Es zeigt eine offenbar blutende junge Frau, über die sich einige Männer beugen und versuchen, ihr zu helfen.
Vom handwerklichen Standpunkt aus betrachtet, lässt die Qualität des Videos Einiges zu wünschen übrig: Möglicherweise wurde das Video mit einem Handy aufgenommen. Das Szenario ist schlecht ausgeleuchtet, das Bild wackelt und die Auflösung ist sehr gering. Die mediale Wirkung der Aufnahme hingegen war durchschlagend. Westliche Fernsehmedien griffen in vielen Fällen darauf zurück, wenn sie über die Proteste berichteten, und auch Zeitungen druckten einzelne Standbilder ab.
Für die vielfältige Verwendung sprechen zunächst zwei Aspekte: Erstens ist das Abfilmen von Protestmärschen im Iran für Journalisten keine leichte Aufgabe, weshalb aktuelles Videomaterial für die TV-Nachrichten zur Mangelware wird. Zweitens bietet das Video eine inhaltliche Brisanz, mit der die Zuspitzung politischer Ereignisse auf den Punkt gebracht scheint.
Aus journalistischer Sicht bietet die Verwendung von Amateurvideos jedoch ein entscheidendes Problem. Denn wie glaubwürdig kann eine Aufnahme sein, die als eine von Millionen Videodateien im Internet aufgetaucht ist und deren Urheber man nicht kennt? Und warum sollte der TV-Zuschauer ausgerechnet jenen grafischen Stil für vertrauenswürdig halten, wenn er doch scharfe, zumeist sorgfältig komponierte Bilder eigens dafür ausgebildeter Kameraleute gewohnt ist?
Über die Möglichkeit, einen unverfälschten Bericht über fernes Geschehen zu erhalten, schrieb schon vor über 400 Jahren der Essayist Michel de Montaigne, der ideale Reporter sei
„ein einfacher, ungeschliffener Mensch [...] der entweder äußerst wahrheitsliebend oder so schlichten Gemütes ist, dass er sich Fiktionen gar nicht auszudenken und als
1 Transkript eines Berichts aus der Tagesschau vom 29.06.2009.
3
glaubwürdig hinzustellen vermag; auch sollte er sich keinerlei vorgefaßten Meinung verschrieben haben.“ 2
Montaignes aus heutiger Sicht arrogante und wohl kaum einlösbare Forderung nach einem Reporter, der durch seinen Mangel an Expertise nicht in die Verlegenheit käme, Gesehenes durch Deutung und Kommentar zu verfälschen, bietet möglicherweise schon eine Antwort auf die Frage, warum das Gesicht der toten Neda durch ein Amateurvideo zum Gesicht des Protestes werden konnte. Denn neben den praktischen Problemen der Journalisten vor Ort und dem im eigentlichen Wortsinne sensationellen Inhalt ist es gerade jene handwerklich unzureichende Optik, die dem Gezeigten eine Unmittelbarkeit und Glaubwürdigkeit verleihen, die den Kontext des politischen Geschehens unterstreichen.
Amateuraufnahmen weisen somit zwei scheinbar widersprüchliche Seiten auf: Während sie einerseits Authentizität zu vermitteln scheinen, fehlt ihnen die mediale Transparenz, die man von professionell erstelltem Material kennt. Sie bilden also nicht nur das reale Geschehen ab, sondern verweisen durch ihre technisch und handwerklich bedingte Fehlerhaftigkeit stets auf ihren Videocharakter. Kurz gesagt: Man sieht dem Handyvideo stets an, dass es nur ein Handyvideo ist und wird auch ständig daran erinnert.
Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, ob es die sichtbare Unzulänglichkeit der Aufnahmen ist, die ihnen einen Glaubwürdigkeitsbonus verschafft - oder ob andere Gründe für deren Verwendung überwiegen. Dazu soll analysiert werden, wie sich die Aufnahmen im Internet verbreiten und wie sie von anderen Medien bewertet werden. Um den Untersu-chungsgegenstand sinnvoll einzugrenzen, wird sich der Text dabei auf die Berichterstattung über die bereits erwähnten Proteste im Iran im Jahr 2009 und auf die Aufbereitung durch die ARD Tagesschau beschränken. Abschließend wird ein Kommentar darüber gewagt, ob von einem qualitativen Wandel der Videoberichterstattung durch Wechselbeziehungen zwischen TV und Internet ausgegangen werden kann.
2. Epistemologische Grundsatzfragen
Die Einsicht, dass wir unser Weltbild zu einem wesentlichen Teil den Massenmedien verdanken, ist nicht neu. 3 Sie gilt jedoch insbesondere für jene Gegenstandsbereiche, die sich einer Überprüfung durch verschiedene Quellen und persönliche Vergewisserung entziehen. Und selbst wenn wir die Möglichkeit hätten, Geschehnissen, über die uns berichtet wird, selbst
2 Montaigne, Michel de: Über die Menschenfresser. In: ders.: Essais. Frankfurt/M: Eichborn 1998, S. 109-115; hier: S. 110.
3 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995, S. 5.
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beizuwohnen (zum Beispiel, indem wir den Schauplatz bereisten) - woher nehmen wir die Gewissheit, dass wir uns durch persönliches Schauen ein Bild zueigen machen, das schärfer oder plausibler ist als das, was uns die Massenmedien zeigen? Es kann ebenso behauptet werden, dass es gerade die Distanz zum Geschehen ist, die uns einen nüchternen und differenzierten Zugang zu ihm ermöglicht.
Die Erörterung, die den Charakter von Berichterstattung selbst zum Thema hat, steht nun vor einem besonderen Problem: Schließlich müsste man über ein objektives Bild dessen verfügen, worüber berichtet wird, um die Filterprozesse der Berichterstattung zu verstehen. Im vorliegenden Fall würde dies bedeuten, über verlässliche Informationen zur politischen Situation im Iran zu verfügen, die aber nicht nur der besprochenen Berichterstattung entnommen sind. Dies ist ein nahezu unmögliches Unterfangen. Es gibt zwar im deutschen und englischsprachigen Raum zahlreiche Publikationen zur politischen Entwicklung des Iran; 4 da jedoch sowohl die Wahlproteste als auch die Art der Berichterstattung - zumindest oberflächlich besehen - Entwicklungen allerjüngster Vergangenheit sind, ist der Bestand einschlägiger Quellen noch dünn und die Analyse läuft Gefahr, Halbwahrheiten unhinterfragt zu übernehmen. Um anhand einer zumindest einigermaßen plausiblen Vorstellung vom berichteten Ge-genstand arbeiten zu können, sollen Informationen nach kohärentistischer Auffassung beurteilt werden. Dies bedeutet: Sofern Informationen nicht im Widerspruch zu weiteren Annahmen stehen, sondern diese sinnvoll ergänzen, können sie in die Erörterung mit einfließen. Die Frage nach der Erkenntnis durch Berichterstattung begegnet uns allerdings nicht nur in der Methodik, sondern auch im Gegenstand der Erörterung. Die Annahme eines „Vertrau-ensvorschusses“ der professionellen Berichterstattung ist in der Medienwissenschaft an prominenter Stelle formuliert worden. 5 Mit Blick auf die Zunahme der Bedeutung elektronischdigitaler Medien ist zu vermuten, dass Online-Formate vom Wahrheitskredit klassischer Nachrichtenmedien profitieren. Wir haben es also neben einem instrumentellen mit einem inhaltlich-sachlichen Problem zu tun, das in folgender Fragestellung umrissen sein soll: Ist die Qualität von Berichten durch Verschmelzung verschiedener Verbreitungswege eine andere, gar eine bessere?
4 In dieser Arbeit finden unter anderem eine 2007 erschienene Studie zum Journalismus im Iran sowie eine allgemeine Betrachtung der iranischen Zivilgesellschaft aus dem gleichen Jahr Anwendung. In beiden Publikationen ist das Phänomen Protestkultur erfasst worden, obwohl auf die letzten Präsidentschaftswahlen logischerweise nicht eingegangen werden kann.
Aktuelles Material stellt die Heinrich-Böll-Stiftung in Form des monatlich erscheinenden Iran-Reports zur Verfügung. Dieser Report weist allerdings seine Quellen nicht aus. Es ist anzunehmen, dass ein Großteil der Informationen der Tagespresse entnommen wurde.
5 Vgl. Luhmann, S. 25.
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Arbeit zitieren:
Ludwig Andert, 2010, „Quelle: YouTube“ - Der Einsatz von Internetvideos im Fernsehen und das Authentizitätsversprechen sichtbarer Medialität, München, GRIN Verlag GmbH
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