Copyright 2010 Heinrich Hüning
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Der Parzivalroman Wolframs von Eschenbach
ein Schicksalsrätsel
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort 1
2. Der Parzivalprolog 3
2.1 Rückblick. 3
2.2 Eine „Neue Lektüre des Parzivalprologs“? 4
2.3 Ein neues Forschungsprofil? 7
2.4 „zwîvel“-Metapher versus „bast“-Konzept - Erinnerung an einen
alten Streit um literarische Konzepte 14
2.5 Warum entzieht sich der Parzivalprolog dem „Zugriff“ der
traditionellen Forschung? 15
2.6 Unreflektierte Prämissen in der heutigen Literaturwissenschaft des
Mittelalters. 18
2.7 Gründe des Scheiterns 20
2.8 Der „Hasenvergleich“ im Verhältnis zum „vliegenden bîspel“ 30
2.9 Die „Kunst des Jagens“ und Dichtens 33
2.10 Die Pointe des Hasenvergleichs 34
2.11 Folgerungen. 39
2.12 Vom Eingang zum Höhepunkt des Romangeschehens 41
2.13 Die Probe auf´s Exempel und Deutung einiger Hauptmotive des
Textes auf diesem Hintergrund 46
2.14 Interpretation des vliegenden bîspels aus lebensweltlicher Sicht 49
2.15 Deutung des „zwîvel“ aus vorreformatorischer Perspektive 51
3. Das Menschenbild des Parzivalromans 54
3.1 Das dichterische Bild einer schweren Schuld 54
3.2 Parzival und seine Brüder 58
3.3 Das fiktive Konzept einer „dreifältigen“ Existenz in seiner
naturgeschichtlichen , geschichtlichen und heilsgeschichtlichen
Dimension durch die Gestalten Feirefiz - Gawan - Parzival. 60
3.4 Dreiteiligkeit und Dreieinigkeit 63
4. Das Bild der Frau im „Parzival“ 71
4.1 Orgeluse als Romangestalt - Eleonore von Aquitanien - historisches
Vorbild für eine literarische Figur? 71
4.2 Die Frau im Romankonzept nach biblischem Muster 73
5. Das Bild des Mannes. Die drei Namen Parzivals. 85
5.1 Feirefiz 87
5.1.1 Die Gestalt des Feirefiz in der bisherigen Forschungsgeschichte. 87
5.1.2 Feirefiz, der Bruder Parzivals Heide - Anschevin - Mahdi 88
5.1.3 Feirefiz, der „Messias“ 97
5.2 Gawan. 102
5.2.1 Gawan als Komplementärfigur - das „alter ego“ Parzivals 102
5.2.2 Der Epilog von Buch VI - eine Szene vor dem Spiegel 108
5.2.3 Die Kämpfe Gawans 113
5.2.4 Gawan und das Schicksal der Menschen auf Schastel marveille
oder die gesellschaftliche Perspektive der Schuld Parzivals. 118
5.2.5 Gawan und Orgeluse, die Frau seines Lebens 130
5.2.6 Gawan und Parzival, Wiedervereinigung beider Figuren und
Abgesang für Gawan 131
5.3 Parzival 138
5.3.1 Das dichterische Bild des Gralsgeschlechtes vor seinem
konzeptionellen Hintergrund 138
5.3.2 Das Gralsgeschlecht und die Lehre der Väter 144
5.3.3 Deutungsversuch der Gralsfrage auf dem Hintergrund der
Väterlehre: Die Erneuerung des Urstandes durch die Taufe. 149
5.3.4 Die „Positivierung des Sündenfalles“ 151
5.3.5 Die Erneuerung des Urstandes durch die Taufe und die Teilhabe
am Corpus Christi Mysticum 155
5.3.6 Natur und Übernatur bei Feirefiz und Parzival 156
6. Dichterische Bilder - literarische Metamorphosen 158
6.1 Die Entstehung des Geschlechternamens der „Anschevin“ mit den
literarischen Mitteln der Satire, Parodie und Travestie. 158
6.2 Parzival - Feirefiz - Amfortas - und die Erlösungsfrage. 161
6.3 Eine alternative Deutung der zweiten Gralsszene 163
6.4 Der Gral - ein sonderbares „dinc“ 167
6.5 „gemach“ - ein Schlüsselwort der zweiten Gralsszene 172
6.6 Das „dinc“ und andere orientalischer Motive. 176
6.7 Der Fischerkönig im Komplex der Gralsmotive 178
6.8 Gralsmotive im „Durchgang durch ein orientalisches Medium“: Der
Gestaltwandel biblischer und koranischer Motive auf der fiktiven
„heilsgeschichtlichen“ Ebene des Romans 182
7. Die Lüge Trevricents als Wendepunkt des Romans und als
Problem der Wolframforschung: 192
8. Poetologische Aussagen, die das Bild des Grals bei seinem
ersten Erscheinen umrahmen. 203
8.1 Die Kehrseite dichterischer Bilder 206
8.2 Die mögliche Herkunft und Deutung wichtiger Motive und ihr
Gestaltwandel im Hinblick auf den ganzheitlichen Bildhintergrund
des Parzivalromans. 208
8.3 Das Abendmahlsmotiv im Koran und im „Parzival“ Glaubensmotiv -
M ärchenmotiv - Gralsmotiv 208
8.4 Das Messiasmotiv in seiner Doppeldeutigkeit im „Parzival“ 213
8.5 Das „zwîvel-Motiv“ in den programmatischen Anfängen des
„Parzival“, des Koran und des Johannesevangeliums 215
8.6 Die Herkunft wichtiger Bildmotive der Gralsszene 219
9. Vom „Parzival“ zum „Willehalm“ 222
10. Der Prolog des „Willehalm“ 227
11. Literaturangaben. 229
12. Index 235
Vorbemerkung:
Es ist kein Geheimnis, dass trotz jahrzehntelanger Forschung und einer schier unübersichtlich gewordenen Forschungsliteratur zentrale Fragen der Parizivalforschung bisher nicht gelöst werden konnten. Der vorliegende Versuch erhebt nicht den Anspruch, darauf eine befriedigende Antwort geben zu können oder alle Probleme dieser mittelalterlichen Dichtung lösen zu wollen.
Ausgangspunkt meiner ersten Studie über den Parzivalprolog war meine scheinbar „zufällige“ Entdeckung und die empirische, wissenschaftliche Analyse der Funktionsweise archaischer Würfelformen. Sie hatten bereits als „bickel“ im Literaturstreit zwischen Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach eine Rolle gespielt. In den anschließenden Überlegungen soll punktuell aufgezeigt werden die: Beachtung und Kenntnis der von Natur aus noch immer gleichen Realien und ihre zeichenhafte Bedeutung für das Selbstverstehen der Menschen; Kenntnis des für den Dichter vorgegebenen gesellschaftlichen und geistigen Umfeldes mit seinen Folgen für das Verständnis der Dichtung; Zeichenhaftigkeit von lebensweltlichen statt scheinbar stringent rationalen Argumenten bei der Deutung des Textes.
Die Entschlüsselung von „bickelwort-Metaphern“, mit denen Wolfram gezielt die sich wandelnde Bedeutung von Wörtern als literarische Mittel und Motive einsetzt, ermöglicht einen rational nachvollziehbaren Zugang zum bisher fast vollständig verschlossenen Verständnis von Grundlagen und -anliegen des Dichters. Der ge-fundene Schlüssel kann z. B.
die Mehrschichtigkeit des Menschenbildes im Roman erhellen; das Verhältnis und die Stellung der größten mittelalterlichen Dichter zueinander im Literaturstreit erklären;
helfen, die wirklichkeitsentsprechende Darstellung eines Menschenbildes zu verstehen, die nicht nur dem 12. Jahrhundert verpflichtet ist; die Voraussetzungen und Folgen für die Auseinandersetzungen von Christentum und Islam auf höchstem geistigen und philosophischen Niveau in der Einkleidung eines Romans zu erkennen, die auch für die heutige Zeit noch bedeutsam sind. Mit diesen Gedanken möchte ich meine Studien zu einem relativen Abschluss bringen in der Hoffnung, dass sie bei der weiteren Erforschung dieses epochalen Werkes hilfreich sein könnten.
Heinrich Hüning
Kerpen, den 11.09.2010
Parzivalprolog als Schicksalsrätsel
1. Vorwort
Die Rätselhaftigkeit des Parzivalprologs war der explizite Gegenstand meiner früheren Studie mit dem Titel: „Würfelwörter und Rätselbilder im Parzivalprolog Wolframs von Eschenbach“. Sie wurde im Frühjahr 1999 der Philosophischen Fakultät der Universität Köln als Dissertation vorgelegt und nach der Prüfung und einem Revisionsverfahren im November 2000 veröffentlicht. Das Ergebnis anschließender Untersuchungen an diesem Text führte zu der Erkenntnis, dass es sich bei diesem außergewöhnlichen Prolog der Form nach um ein Schicksalsrätsel handelt. Diese These möchte ich anhand des Textes belegen und mich dabei auf die Deutung des ersten Teil des Parzivalprologs, das „vliegende bîspel“ (1,1-1,14) und den „Hasenvergleich“ (1,14-1,19) beschränken. Weil dabei auf die Ergebnisse der zuvor genannten Arbeit Bezug genommen wird, ist deren Kenntnis für das Verstehen der folgenden Ausführungen wünschenswert, jedoch nicht Bedingung.
Die genannte Studie beginnt mit dem Satz: „Der Zufall führte Regie bei der Wiederentdeckung einer altertümlichen Form von Würfeln, die im Literaturstreit des 12. Jahrhunderts ... eine große Rolle spielten.“ - Das Wort „Zufall“ bezog sich dabei primär auf die von mir wieder entdeckten archaischen Bickelwürfel, die in früheren Jahrhunderten beim Glücksspiel benutzt wurden und für die Beteiligten oft schicksalhafte Bedeutung hatten. Ihre Wiederentdeckung war für mich bei der Deutung und Erforschung des Parzivalprologs auch ein „Glücksfall“; im wörtlichen und übertragenen Sinn ein Schlüssel zum Text.
In Form der „bickelwort“-Metapher erlangten diese Würfel - im historischen Literaturstreit zwischen Gottfried von Strassburg und Wolfram von Eschenbach um literarische Konzepte - eine schicksalhafte Bedeutung. Durch eine exakte wissenschaftliche Analyse von Formen und Funktionen dieser historischen Würfel bei mehr als einigen hundert statistisch ausgewerteten Glücksspielversuchen konnte Einblick in die Verrätselungstechnik Wolframs bei der Konzeption des Parzivalprologs gewonnen werden. So ließ sich beispielsweise erklären, was mit der Verwendung von „bickelwörtern“, dem Vorwurf Gottfrieds von Strassburg an die Adresse Wolframs, gemeint war, nämlich: die Verwendung von Wörtern mit sich wandelnder Bedeutung (Äquivokationen), die Wolfram bewusst als literarisches Mittel benutzt hatte, um den Text des Parzivalprologs als Zugangsrätsel zum Roman zu konzipieren. Um von vornherein Missverständnisse zu vermeiden, soll ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die sich wandelnden Bedeutungen der „Würfelwörter“ im Text des Parzivalprologs stets sinnvoll miteinander korrespondieren, also keineswegs willkürlich oder zufällig verwendet werden, wie Gottfried es seinem Dichterkollegen unterstellen möchte: Einerseits als Mittel des verstehenden Umgangs mit Spracheetwa zum Zweck der Verrätselung des Prologtextes - andererseits zugleich als litera-
1
rische Ur- oder Kleinstmotive, die den Text wegen ihrer „Zweideutigkeit“ konzeptionell bestimmen, d. h. ihm eine bestimmte poetische Struktur, Sinnrichtung und künstlerische Gestalt geben. Sie wirken in ihrer Unscheinbarkeit wie „Flügelschläge eines Schmetterlings“ 1 (Chaostheorie, siehe Grein Gamra, 1999), die im Grenzfall beim Publikum eine „orkanartige Verwirrung“ auslösen können: Dann nämlich, wenn man nicht weiß, woher der Wind weht!
Zu den Leitwörtern dieser Art, die als „kleinste literarische Motive“ eine Mehrschichtigkeit des Textes verursachen, gehören unter anderen „zwîvel, nâchgebûr, parrieret, unstaete, geselle, stiure, chanzen, versitzet, verget, zagel, der dritte biz, bremmen“ etc. Die ersten sechs dieser Wörter finden sich allein im „vliegenden bîspel“ (1,1-1,14), dem Schicksalsrätsel des Parzivalprologs im engeren Sinne. Das Wort „stiure“ heißt beispielsweise „Gang der maere in eine bestimmte Richtung“, zugleich aber auch „subjektiv zu leistender Beitrag (des einzelnen Zuhörers) zum Verständnis des Textes“. Die Sinnrichtung bestimmter Verse oder Textpassagen lässt sich dadurch nicht mehr nur in einer Richtung fixieren. Eine daraus resultierende Mehrschichtigkeit bzw. Rätselhaftigkeit des Textes ist bewusst kalkuliert und gehört zum Konzept der Dichtung. Das gilt für den Prolog, aber auch für den gesamten Roman als die rätselhafte Biographie einer höfischen christlichen Existenz mit dem Namen „Parzival“.
1 Grein-Gamra, 1999 S. 19
2
2. Der Parzivalprolog
2.1 Rückblick
Nicht nur im Prolog gibt es eine Vielzahl von „Bickel-Wörtern“ oder Äquivokationen, sondern auch im Roman selbst. Mit Recht kann man z. B. die programmatischen Namen der drei Hauptfiguren des Romans Parzival - Gawan - Feirefiz dazu rechnen. Im großen und ganzen wird der Roman durch sie gegliedert. Der Name ‚Parzival’ bedeutet „rehte enmiten durch“, sagt Sigune. In einer Spaltung spiegeln sich auch die Bedeutung und das Programm der Namen „Gawan“ („kurzer Wahn“) und ‚Feirefiz“ (der ‚gemachte Sohn’). Den Sinn des Epilogs von Buch VI, der zugleich Prolog für Buch VII ist, kann man beispielsweise nur dann verstehen, wenn man sich vorstellt, so verlangen es die „stiure“ und der Text, dass der Erzähler, hoch zu Ross und als Reiter, vor einen Spiegel tritt und samt seinem Haupthelden in den gegenüber liegenden virtuellen Raum des Spiegels bzw. der maere hinüber wechselt, wie ich am Ende der Arbeit zeigen werde.
Die Kenntnis der konzeptionellen Zusammengehörigkeit der Figuren mit ihren virtuellen „Gegenteilen“ als „Spiegelung“ ist unerlässlich für das Verständnis des Romanganzen, insbesondere des Parzivalprologs. Von Beliebigkeit bei der Verwendung von Äquivokationen, den so genannten „bickelwörtern“ - so der Vorwurf Gottfrieds von Strassburg - kann also keine Rede sein. Sein „Bickelwort“-Vorwurf entbehrt jeder Grundlage! Aus der Schärfe seiner Polemik gegen Wolfram kann man schließen, dass er die Gefährlichkeit des Parzivalprologs für sein eigenes literarisches Konzept (z. B. im „Tristan“) durchaus erkannt hatte: Grund genug für den Versuch, das Konzept seines Rivalen im Literaturexkurs des „Tristan“ in Form einer Polemik zu neutralisieren!
Die von mir früher vorgelegte Deutung der Eingangsverse des Parzivalprologs und anderer Textstellen (Erec-Satire und Enite-Kritik) erschienen mir selbst während meiner Arbeit am Text hinsichtlich des methodischen Vorgehens, entgegen der Meinung anderer Forscher und Interpreten, keineswegs als ausgefallen, komplett andersartig oder methodisch abweichend. Erst bei der Besprechung und Beurteilung der Arbeit und der späteren Reaktion in Fachkreisen bemerkte ich, dass ich „Neu-land“ beschritten hatte, ohne es beabsichtigt zu haben. Die Ergebnisse lösten Zustimmung, aber auch Bedenken aus. Sie gipfelten gar in dem absurden Vorwurf, ich werde auf dem eingeschlagenen Weg „die Germanistik als Fach ruinieren“. Es gibt in der Tat Anlass, sich wegen der Zukunft der Germanistik Sorgen zu machen. Joachim Bumke stellte in der FAZ die skeptische Frage, ob die „Deutsche Philologie - ein Fach mit Zukunft“? 2 sei oder nicht. Der Titel ist nicht ohne Grund mit einem großen Fragezeichen versehen, denn: „Stellt man ( .. ) die Frage, ob die Deutsche Philologie das Ziel, das die Gründer ihr gesetzt haben, nämlich die alten Texte in der
2 Bumke, Joachim, Deutsche Philologie - ein Fach mit Zukunft? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dezember 2009.
3
Gegenwart lebendig zu machen, erreicht hat, so muss die Antwort lauten: Nein“. Ob dieser Befund nicht Grund genug ist, auf nicht traditionellen Wegen einen neuen Zugang zu alten Texten zu versuchen? Wie kann denn die Germanistik z. B. den Text, um den es hier geht - den Parzivalprolog - „lebendig machen“, wenn sie ihn in der bisherigen Forschungsgeschichte nicht einmal selbst verstanden hat? Das bekannte Problem der Nichtübersetzbarkeit des Parzivalprologs begleitet die Forschung seit der Wiederentdeckung dieses Textes durch Lachmann bis heute. Um dem zu entgehen, hatte ich in meiner ersten Studie den Vorschlag gemacht, man möge den Prolog nicht nur begrifflich, sondern bildhaft deuten. Mit Hilfe der sich wandelnden Bedeutung von sog. Bickelwörtern als kleinste literarische Motive erwies sich das als eine alternative Möglichkeit. Das war neu!
Ein merkwürdiger „Zufall“ fügte es nun, dass Walter Haug vier Monate nach Veröffentlichung meiner Arbeit (im November 2000), also zeitnah und am gleichen Ort, nämlich im Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Köln, seine „Neue Lektüre des ‚Parzival’-Prologs“ 3 vorstellte. Bei dem groß und plakativ angekündigten Vortrag persönlich anwesend, war ich gespannt, ob der Referent in irgendeiner Weise auf meine, bereits seit dem Frühjahr 1999 im Institut ausliegende und schon begutachtete Dissertation Bezug nehmen würde. Wegen eines aufwendigen Revisionsverfahrens konnte meine Arbeit erst im November 2000 veröffentlicht werden. Außer dem indirekten Hinweis, „dass schon das wörtliche Verständnis an entscheidenden Stellen Schwierigkeiten macht“ (S. 211), ließ der Referent sich nichts anmerken.
2.2 Eine „Neue Lektüre des Parzivalprologs“?
Auf die „Neue Lektüre des Parzivalprologs“ von W. Haug möchte ich insofern eingehen, als man diesen Untertitel (zur eigentlichen Überschrift: „Das literaturtheoretische Konzept Wolframs von Eschenbach“) nicht kritiklos akzeptieren kann. Diese Formulierung entspricht keineswegs dem angedeuteten Sachverhalt. Grundlegend neu an der „neuen Lesart“ ist nur, dass Haug seine älteren, radikalen, um nicht zu sagen „exordialen“ Positionen bei der Deutung des Parzivalprologs komplett liquidiert hat. 4 - Dazu gehört u.a. seine frühere, unverständliche Interpretation der Eingangsverse des Parzivalprolog aus der Perspektive des „Gregorius“ Hartmanns von Aue.
3 Der Gastvortrag von Prof. Dr. Walter Haug (Tübingen) fand am Freitag den 2. Februar 2001 um 10 Uhr c.t. im Vortragssaal der Institutsbibliothek der Universität Köln statt. Das Thema lautete: „Das literaturtheoretische Konzept Wolframs von Eschenbach - eine Neue Lektüre des Parzivalprologs“. Unter demselben Titel wurde das Referat in „Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur“ Bd. 123, 2001, S. 211 bis 229 veröffentlicht. - Seine beiden Hauptthesen, die ich seinerzeit notierte, lauteten: 1. Der Parzivalprolog hat mit dem Namen und dem Helden des Romans nichts zu tun. 2. Prolog und Roman sind zwei völlig voneinander unabhängige Teile.
4 Haug 1971, S. 700, stellt er fest: „Am indirekten Bezug aber ist entschieden festzuhalten; und deshalb ist es so gut wie ausgeschlossen, dass die beiden ersten Verse des ‚Parzival’-Prologes: Ist zwîvel herzen nâgebûr, daz muoz der sêle werden sûr, unmittelbar das Thema des Werkes ansprechen. Wenn diese Worte also nicht auf Parzival zu beziehen sind, dann kann man... die Verse in ihrer härtesten Bedeutung stehen lassen: Wer sich der völligen Verzweiflung hingibt, dessen Seele wird in die Hölle fahren. Man darf dies als typische Exordialsentenz auffassen.“ In der Fußnote zu
4
„Ist zwîvel herzen nâchgebûr, daz muoz der sêle werden sûr“ (Pz. 1,1-1,2)
Diese Eingangsverse übersetzt Haug, die Implikation („Gregorius“) herausstellend, so: „Wer dem radikalen Zweifel an der göttlichen Gnade in seinem Herzen Raum gibt, der liefert seine Seele der Hölle aus.“ Als angebliche „Exordialsentenz“ war sie noch schärfer formuliert worden: „Wer sich der völligen Verzweiflung hingibt, dessen Seele wird in die Hölle fahren“. Die komplette Liquidierung dieser Deutung kommentiert er in der „Neuen Lektüre des Parzivalprologs“ so: „Die Deutung der ersten beiden Verse in diesem Bezugshorizont erschien mir bislang als die plausibelste Lösung“. (S. 214) Weiter heißt es: „Wenn man sich für die radikale Interpretation der Eingangsverse entscheidet, hat dies zur Folge, dass es zwischen ihr und den Darlegungen zu den drei Menschentypen zu einem gewissen Bruch kommt“. Es folgt dann kein neuer Übersetzungsvorschlag, auch keine neue eigene Interpretation. Überraschend „neuartig“ kommentiert Haug 5 auch seine früheren Deutungsversuche des folgenden Hasenvergleichs: „diz vliegende bîspel ist tumben liuten gar ze snel; sine mugens niht erdenken wand ez kann vor in wenken rehte alsam ein shellec hase.“ (Pz. 1,15-25)
Seine traditionelle Übersetzung lautet: „Dieses fliegende Gleichnis ist für unbedarfte Leute viel zu schnell. Sie vermögen es mit ihrem Verstand nicht einzuholen, denn es kann ihnen ausweichen, wie ein schneller Hase.“ Im Zusammenhang mit den letzten Zeilen des vorangehenden „vliegenden bîspels“ interpretiert er den Text so: „Wolfram hat in Vers 6 das Nebeneinander von Gut und Böse beim gemischten Menschentypus über den Vergleich mit dem schwarz-weißen Gefieder der Elster ins Bild gebracht. Was man nun erwarten würde, wäre ein Hinweis darauf, unter welchen Bedingungen dieser schwarz-weiße Mensch doch glücklich und gerettet werden kann, man erwartet, ein Wort zur Wende, zur Möglichkeit einer Umkehr über Krise, Einsicht, Reue, Buße, Wiedergutmachung. Statt dessen greift Wolfram das Elsterbild auf, um es in eigentümlicher Weise zu problematisieren, indem er behauptet, „es entfliege den tumben liuten so schnell, dass sie es nicht fassen können“. 6 Wolfram hatte allerdings gesagt: „ez“ (das vliegende bîspel!) kann vor in (ihnen) wenken rehte alsam ein shellec hase“ (1,18f). Sein „wenken“ hat mit „fliegen“ oder „entfliegen“ nichts zu tun; abgesehen davon, dass er auch nicht fliegen kann. Als „Neue Lektüre des Parzivalprologs“ endet die Deutung des Hasenvergleichs mit Haugs eigenen Worten in einer literaturtheoretischen Sackgasse: „Es scheint somit,
dieser Passage hieß es: „Damit bestätigen sich einerseits die Interpretationen H. Schneiders ... während andererseits den Ansätzen Wapnewskis und H. Rupps ... die Grundlage entzogen ist.“
5 Haug 2001, S. 211 ff î
6 Haug 2001, S. 220 ff.
5
dass die eigentliche Pointe dieser Passage bislang verborgen geblieben ist und dass Wolfram auch die Interpreten, ohne dass sie es gemerkt hätten, zu tumben liuten gemacht hat. Worin liegt die Pointe?“ (Haug 2001, S. 221). Diese salopp formulierte Aussage kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man den Sinn des Hasenvergleichs immer noch nicht verstanden und den Versuch, ihn zu verstehen, aufgegeben hat! Kann man das etwa als eine „Neue Lektüre des Parzivalprologs“ bezeichnen?
Dasselbe gilt für den wichtigen Eingangsvers (1,1-2) des Prologs, den man „bislang“, nach Haug, auch nicht verstanden hatte. Die „Neue Lektüre des Parzivalprologs“ erweckt vielmehr den Eindruck, man möchte sich unauffällig und unbeschadet dessen, was man früher einmal behauptet - und für stringent rational ausgegeben hattewieder auf die Seite der Allgemeinheit schlagen, nach dem Motto: Wenn alle das „vliegende bîspel“ und den „Hasenvergleich“ nicht verstehen, ist „alles nur halb so schlimm“! Mit der Frage nach der unverstandenen „Pointe“ des Hasenvergleichs wird klar, dass neben der Deutung der Eingangsverse (1,1-1,14) auch die Interpretation des anschließenden Hasenvergleichs fehlgeschlagen ist. Die Frage nach dem bedeutungsvollen Anfang und Sinn des Parzivalprologs ist damit - sozusagen ex cathedra - neu gestellt, getarnt als „Neue Lektüre des Parzivalprologs“. Die ernüchternde Bilanz schließt - was die o. a. wichtigsten Metaphern der Parzivalprologs angeht - mit der Erkenntnis ihrer „Nichtübersetzbarkeit“ und Unverständlichkeit. Das hatte bereits Lachmann vor über 170 Jahren genau so formuliert. Der rätselhafte Text hat also „bislang“ sein Geheimnis nicht preisgegeben. Angesichts nicht enden wollender vergeblicher Bemühungen um diesen Text bringt es auch nichts, sozusagen ex cathedra, „mit der Faust auf den Tisch zu hauen“. Bernd Schirok tut dies, indem er hemdsärmelig behauptet: „Der Prolog hat - allen anders lautenden Einwänden zum Trotz - einen klaren Gedankengang“. Basta! Unglaublich auch seine „Feststellung“: „Glasperle bleibt Glasperle auch in der kostbaren Goldfassung, und umgekehrt: Rubin bleibt Rubin auch in der billigen Messingfassung.“ 7 Es ist höchst fragwürdig, die poetische Dichte eines literarischen Textes auf solche banausische Weise aus der Welt schaffen zu wollen. (Siehe hierzu Fußnote mit Kommentar aus dem Grimmschen Wörterbuch zu dieser Textstelle!) Für die Fortsetzung der Arbeit am Text des Parzivalprologs wäre es hilfreich gewesen, wenn Haug wenigstens einige Gründe für seinen Sinneswandel hinsichtlich der Deutung des „vliegenden bîspels“ und des „Hasenvergleichs“ angegeben hätte, statt sie einfach nur zu annullieren. Schließlich geht es nicht um die Interpretation irgendeines Textes. Allzu lange hatte man für solche Deutungsversuche den Status von
7 Schirok 2002, beide Zitate S. 78. Vgl. zum vorliegenden Problem: Hüning, 2000 S. 190: „Simrock bezeichnet den edlen Rubin in Messingfassung als „Missgriff“. Mit Bezug auf das Wort „safer“ und die sog. „Frauenlehre“ (3,14) heißt es im Grimmschen Wörterbuch (Bd. 14 Sp. 1635) weiter: „Safflor“ oder saffer ist „ein aus kobalt gewonnenes mineralisches produkt, schon früh zum blaufärben des glases benutzt; ...mhd. safer, n“.: „unedler sinn bei leiblicher schönheit scheint Wolfram wie ein schnöder glasflusz in goldener fassung“. Das „safer“ (3, 14) ist mitnichten eine „Perle“: mhd. berle, stf. perle, (Lexer).
6
„Prüfungsvorbereitungsliteratur“ beansprucht und auch rechthaberisch vertreten (Haug selbst in seinem Urteil über Wapnewski und Rupp). Mir selbst wurde wegen Nichtbeachtung dieser speziellen Sorte von Fachliteratur schwarz auf weiß eine offizielle Rüge 8 erteilt: Hatte ich doch die Kühnheit besessen, in der Literaturliste meiner Dissertation den Namen Walter Haug gar nicht zu erwähnen. Man hielt dies für einen unverzeihlichen Fehler! Im Vorwort zu meiner Dissertation wird im letzten Abschnitt kurz darauf angespielt.
In diesem Zusammenhang darf ich noch darauf aufmerksam machen, dass meine Studie „Würfelwörter und Rätselbilder im Parzivalprolog“ aus dem Jahre 2000 keineswegs der Versuch ist, den Parzivaltext „queer“ 9 zu lesen, um etwa gezielt „anderen einen Strich durch die Rechnung zu machen“. Nach wie vor bin ich primär am Text und nicht an nachrangiger Sekundärliteratur interessiert. Neue Deutungsversuche stehen immer in einem kritischen Verhältnis zu vorhergehenden. Sie im Einzelfall aus durchsichtigen Motiven als „queer“, ungewöhnlich, sonderbar, eigenartig, verdächtig, schwul oder „versaut“ zu „qualifizieren“, entspricht nicht den „sincerly rules“ eines vernünftigen und wissenschaftlich begründeten Umgangs miteinander.
2.3 Ein neues Forschungsprofil?
Außer den oben genannten gibt es noch andere Gründe, die eigenen Vorstellungen über den Parzivalprolog - exemplarisch - in der Auseinandersetzung mit Walter Haug zu präzisieren. 10 Er spricht nicht nur für sich selbst, sondern ist Repräsentant einer bestimmten Forschungsrichtung. Im Nachruf zu seinem Tode im Vorwort der „Wolfram-Studien“ Bd. XX, S. 7 aus dem Jahre 2008 heißt es: „Er hat die ‚Veröffentlichungen der Wolfram von Eschenbach-Gesellschaft’ von 1972 bis 1984 ... herausgege-
8 ImZweitgutachten zu meiner Arbeit heißt es: „Und auch dann, wenn man nicht unbedingt der Auffassung ist, es müsse die gesamte Forschungsliteratur verarbeitet und verzeichnet werden, ist es schon ein wenig verwunderlich, in einer Arbeit über den ‚Parzival’-Prolog keinen einzigen Titel von Walter Haug zu finden“. Am Tage nach Aushändigung des Zweitgutachtens - „mit dieser Rüge“ - ging ich also mit einem halben Dutzend Textkopien von Arbeiten Walter Haugs ins Seminar und legte sievom wiederholten Durcharbeiten mit verschiedenen Textmarkern waren sie recht bunt gewordendem Zweitgutachter mit der lapidaren Bemerkung vor: „Damit konnte ich nichts anfangen“! „Das hätten Sie aber dann doch sagen müssen“, war die spontane Gegenreaktion. Wunschgemäß habe ich damals die Literaturliste mit dem fehlenden Namen ergänzt. Der Vorwurf der Anmaßung wäre mir sicher nicht erspart geblieben, wenn ich seinerzeit geschrieben hätte, was ich angeblich „hätte sagen müssen“. Das möchte ich hiermit nachholen, ohne das es mein besonderes Anliegen wäre, damit jemandem „auf die Füße zu treten“. Ich kenne W. Haug nicht persönlich, sondern kritisiere ihn nur als Repräsentanten einer bestimmten Forschungsrichtung, die ich für fragwürdig halte, quod erat demonstrandum.
9 Im „Kommentierten Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 2006/2007“ der Universität Köln wird die Vorlesung „Höfische Dichtung im Spiegel der Forschungsgeschichte“ nicht nur kommentiert. In einem Zuge werden „neuere Arbeiten", zu denen meine Studie aus dem Jahre 2000 zählt, als „neueste Versuche einer queer orientierten Lektüre“ vorgestellt! Im Wörterbuch Englisch (Verlag Lingen) liest man: „queer I. (Adjektiv,) 1. ungewöhnlich, sonderbar, eigenartig, verdächtig. 2. abw.: schwul. II. (Nomen) salopp: abw.: Schwule (r). III. (Verb) salopp: versauen, vermasseln, vermiesen; - queer some one’s pitsch, jemandem einen Strich durch die Rechnung machen“ (siehe: engl. Wörterbuch Lingenverlag). Solche Äußerungen könnten darauf abzielen, die Glaubwürdigkeit bestimmter Autoren zu diskreditieren.
10 Walter Haug ist am 11. Januar 2008 im 81. Lebensjahr verstorben. Dem Gedächtnis dieses Forschers wurde der zwanzigste Band der Wolfram-Studien gewidmet.
7
ben und das Forschungsprofil der Wolfram-Gesellschaft geprägt. ... Sein Eröffnungs-vortrag auf dem Blaubeuroner Kolloquium dokumentiert dies auf eindrucksvolle Weise“. Sein Titel lautete: „Die mittelalterliche Literatur im kulturhistorischen Rationalisierungsprozess. Einige grundsätzliche Erwägungen“. Das Tagungsthema des erwähnten Blaubeuroner Kolloquiums hieß: „Reflexion und Inszenierung von Rationalität in der mittelalterlichen Literatur“.
Bereits mein erster Beitrag zur Deutung des Parzivalprologs steht, um es spitz zu formulieren, der Sinnrichtung nach „quer“ zu den Forschungsergebnissen Haugs. Das gilt in Teilen - für die Deutung des „vliegenden bîspels“ und für den „Hasenvergleich“ - aber auch im Ganzen. In der vorliegenden Arbeit gilt mein besonderes Interesse zunächst den genannten „Teilen“, gemäß der besonderen Beziehung von „Teil und Ganzem“.
Auffallend ist, mit welcher Vehemenz Walter Haug in diesem Vortrag gegenüber anderen Autoritäten die „reine Vernunft“ einseitig für sich und seine Disziplin in Anspruch nimmt; das, obwohl seine eigene radikale Rücknahme früherer Deutungsversuche des Parzivalprologs erst wenige Jahre zurückliegt. Sie hatten jahrzehntelang als „Prüfungsvorbereitungsliteratur“ zu Unrecht den Status „stringenter Rationalität“ für sich in Anspruch genommen. Es besteht daher überhaupt keine Veranlassung, wenn es um Rationalität, besonders um die Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben geht, gegenüber einer Autorität, wie Papst Benedikt XVI., so „auf den Putz zu hauen“, wie Haug es in seinem Eröffnungsvortrag tat.
Unter den gegebenen Umständen könnte dieser letzte „Forschungsbeitrag“ Walter Haugs - im Jahre 2008 veröffentlicht - gewollt oder ungewollt die Form eines Vermächtnisses annehmen und damit eine höhere Verbindlichkeit beanspruchen. Haug hat selbst dazu beigetragen, diesen Eindruck zu vermitteln. Es sind nicht nur „Einige grundsätzliche Erwägungen“ (so der Untertitel), die nach „letztwilliger Verfügung“ klingen. Es gibt Indizien dafür, dass es u. a. darum geht, für weitere 150 Jahre einen kulturprotestantischen Anspruch auf Deutungshoheit für die Literatur des Mittelalters allgemein und im besonderen für die Wolframdichtung „gegenüber Katholiken und allem Ultramontanen“ zu behaupten. Aus dieser Richtung sieht sich Haug offensichtlich bedroht! Um dem zu begegnen, eröffnet er die Blaubeuroner Tagung „Reflexion und Inszenierung von Rationalität“ mit einem direkten Angriff auf „den Obersten aller Katholiken“, nämlich den deutschen Papst Benedikt XVI. Die beiden ersten Sätze lauten: „Das Thema unserer Tagung hat durch die Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. eine überraschende Aktualität gewonnen. Da wird von einem theologisch hoch gebildeten Papst der Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben das Wort geredet ...“ etc.
Die Absicht ist klar: In Wirklichkeit sollen auf „aktuelle, geradezu sensationelle Weise“ alte kulturprotestantische Vorbehalte gegenüber dem Papst und allem was katholisch ist, wieder belebt werden. Um die kulturkrampfartige Sinnrichtung der beiden ersten Sätze erkennbar zu machen, wird hier in Klammern und in Kursivschrift ergänzt, worum es Haug „durch die Blume gesagt“ wirklich geht: „Das Thema unserer Tagung
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hat durch die Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. eine überraschende Aktualität gewonnen.“ (sensationell - nicht wahr! 11 ).“ Da wird (doch tatsächlich: es ist nicht zu fassen!) von einem theologisch hoch gebildeten Papst der Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben das Wort geredet.“ Soll heißen: Der Papst als Repräsentant aller Katholiken macht sich zum „Befürworter“ einer Sache, die überhaupt nicht zu vertreten ist: Der Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben! 12 Nach Haugs Meinung ist die Ratio ureigene Domäne der Wissenschaft. Etwas zu glauben, ist immer „unvernünftig“. Der Papst, als die Verkörperung der katholischen Kirche, möge sich also gefälligst heraushalten, wenn es um die Ratio, die „reine Vernunft“ geht. Wie kann dieser es wagen, sich zur Vereinbarkeit von Vernunft und Glaube zu äußern, wo sich doch die Ratio seit der Aufklärung einzig und allein der Philosophie als Wissenschaft anvertraut hat. Um seine Ansichten zu untermauern, würzt Haug seine anschließenden Überlegungen mit apokryphen Andeutungen zu „Port Royal“ und der „Einführung der regelmäßigen Beichte durch das 4. Laterankonzil 1215“ (W. Std. XX, S. 25).
Im zweiten Absatz seines Referats behauptet Haug, man könne „in der Tat einen philosophie-geschichtlichen Fixpunkt benennen, an dem die Wende zur Vernunft als alleinigem Erkenntnisvermögen augenfällig geworden ist“. Er bekennt sich gleich zu Beginn seines Vortrages zum antiken, um nicht zu sagen antiquierten, „cogito ergo sum“ Descartes’ als der Basis der „reinen Vernunft“ (W. Std. XX, S. 20). Dass es sich dabei nur um eine Idee, um bloße Spekulation handelt, scheint Haug nicht weiter zu stören. 13 Ironisch könnte man einwenden, der Satz „cogito ergo sum“ 14 gebe nur in recht unvollkommener Weise wieder, wie der damit verbundene Sachverhalt inhaltlich vorgestellt werde; die „unmittelbar einleuchtende Gewissheit“ nämlich, dass man selbst mit dem Denken etwas zu tun hat, insofern man erst dadurch „einer“ werden
11 Ich habe mir erlaubt, das von Walter Haug „durch die Blume gesagte“, also eigentlich Gemeinte, in Kursivschrift und klärend zu ergänzen. Da hatte sich doch tatsächlich jemand erdreistet, eine Sache zu „befürworten“, wovon er als Katholik, dazu noch als Papst, überhaupt nichts verstehen kann, nämlich: Über die Vereinbarkeit von Vernunft und Glauben zu sprechen.
12 In diesem Zusammenhang ist eine andere Meldung interessant: „Das Seminar für allgemeine Rhe-torik der Universität Tübingen erklärte die Vorlesung von Benedikt XVI. zur „Rede des Jahres 2006“. Unter anderem heißt es in der Begründung: „Die Rede sei ‚gezielt missverstanden’ worden“. (www.hath.net)
13 „Als Stichdatum pflegt man jenes radikale Umdenken anzugeben, zu dem Descartes sich 1619 im Winterlager zu Neuburg an der Donau gedrängt sah und das dann 1636 seinen Niederschlag im Discours de la methode’ gefunden hat. Die 1. Regel im 2. Abschnitt des ‚Discours’ besagt, dass man keine Sache für wahr halten solle, von der man nicht genaue Kenntnis habe, d. h. nichts als die Wahrheit akzeptieren dürfe, was nicht klar und deutlich erkannt worden sei, so dass kein Anlass bestehe, es in Zweifel zu ziehen. Und dieser Bedingung genügt, wie er zeigt, allein dieser Denkvorgang selbst, also das cogito, aus dem er dann jedoch nicht nur das eigene Sein begründet, sondern im nächsten Denkschritt auch das Sein Gottes zurückholt... Die Religion wird also nicht verabschiedet, sondern von der Vernunft her neu entworfen.“ (In: Haug 2006, S. 20).
14 Dtv-Lexikon: cogito, ergo sum (lat. ‚ich denke, also bin ich’), Grundsatz in der Philosophie R. Descartes’, der als einziger in seiner unmittelbar einleuchtenden Gewissheit dem methodischen Zweifel des Denkens standhält und deshalb als Wahrheitskriterium und Fundament der rationalen Erkenntnis gilt.“ - Diesem, in einem unerbittlich abstrahierenden, sozusagen bis auf die Knochen reichenden Abstraktionsprozess „aus der Welt geschafften Ich“ sollte man als ein „Skelett“ nicht das Wort „cogito, ergo sum“ nachträglich zwischen die nicht mehr vorhandenen Lippen schieben.
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soll, bzw. „mit sich selbst eins ist“: Ein theoretisches „Individuum“, unabhängig von eigenen existentiellen Voraussetzungen, wie die raum- und zeitlich bedingte Leibhaftigkeit gedacht? Das ist „reine Spekulation“, nicht „reine Vernunft“! Theoretisch wären zu einer solchen „unvermittelt einleuchtenden Erkenntnis“ nur „reine Geister“ (Engel) fähig. Als reine Geistwesen sind sie nicht durch eine lästige Bindung an Raum und Zeit „geistig behindert“. Nur sie könnten als „reine Vernunftwesen“ die „reine Wahrheit“ ertragen. Für Menschen ist „reine Vernunft“ ein Ding der Unmöglichkeit, eine unerträgliche Vorstellung. Wissenschaftlich belegt ist, dass auch der „reinste Erkenntnisakt“ und die daran gebundene „Rationalität“ ohne komplizierteste hirnphysiologísche Prozesse und die durch Leibhaftigkeit erst ermöglichte Sprachfähigkeit des Menschen überhaupt nicht gedacht werden kann. Der Mensch ist vielmehr sich selbst und der Welt gegenüber grundsätzlich an Selbst-und Weltvermittlungsprozesse gebunden. Damit dies möglich ist, wurde er vom Schöpfer auf höchst wunderbare Weise mit einer kreativen, nicht nur reaktiven Sinnlichkeit, ausgestattet, durch die er - „auf mittlerer Ebene“ - mit sich selbst, den Mitmenschen und der Welt der Dinge „kommunizieren“, d. h. „eins sein“, bzw. „einer werden“ kann. Jeder vordergründig passiv-reaktiv erscheinende Sinnes- und Erfahrungsprozess, wie z. B. das Hören, korrespondiert direkt mit seinem Gegenpol, dem produktiven Sprechakt. In dieser Form bestätigt der Mensch zuerst sich selbst. Er „macht“ die Erfahrung, dass er „tatsächlich einer ist“, der im Medium der Sprache aus sich heraus- und sich selbst gegenüber treten kann. Dieses kreative Verhältnis zwischen Reaktion und Produktion ist für alle Sinne und jede Erfahrung kennzeichnend. Eine von aller Sinnlichkeit abgelöste Erfahrung von Raum und Zeit, wie Kant sie - angeblich - postulierte, gibt es nicht wirklich. Dass Kant in hohem Alter und mit letzter Kraft sein Idealismuskonzept radikal zu korrigieren versuchte - siehe opus postumum - wird in der Philosophiegeschichte gern verschwiegen. Im Zusammenhang mit den vorhergehenden Anmerkungen zum idealistischen philosophiegeschichtlichen Ansatz Haugs, den er offensichtlich als verbindlich für die Deutung literarischer Texte betrachtet, möchte ich daran erinnern, dass ich im Blick auf dasselbe „cogito ergo sum“ des Philosophen Descartes auf eine völlig andere, „verrückte“, aber „lebensnotwendige Perspektive“ von „relativer Vernünftigkeit“ hingewiesen habe, auf die „Kunst als Lüge, die uns hilft, die Wahrheit zu verstehen“, wie einst August Everding 15 es formulierte. Ihr geht es immer und zuerst ums Leben und Überleben. Die „reine Vernunft“ hat damit nichts oder nur am Rande zu tun. Der Tod ist für sie lediglich, wie Kant lakonisch kommentiert, „das Ende aller Erfahrung“. Dieses seltsame „Wissen ohne eigene Erfahrung“ über das „Ende aller Erfahrung“ hat demnach jeder!
Es geht in der Kunst - auch in ihrer sprachlichen Form als Dichtung - nie nur um „reine Vernunft“, sondern um das Leben selbst. In meiner ersten Studie habe ich ausdrücklich darauf hingewiesen. Es kann nicht bestritten werden, dass der
15 Hüning, 2000, S. 34
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„Parzival“, mit seiner Fülle von poetischen Bildern höchster Dichte, etwas mit Kunst und dem Leben zu tun hat; ein Sachverhalt, der in Literaturtheorien zum Parzivalroman offensichtlich nicht immer oder nur ungern zur Kenntnis genommen wird.
Die „augenfällig gewordene Wende zur Vernunft als alleinigem Erkenntnisprinzip“, wie Haug sie im Rückgriff auf Descartes nachzuvollziehen versucht, ist „Cartesianismus“. Mit Blick auf die Deutung mittelalterlicher literarischer Texte kann man derartige philosophische Statements getrost vergessen. Eine pseudotheoretische „Wende rückwärts“ ist für die Deutung mittelalterlicher Dichtung nicht nur kontraproduktiv; sie schadet jedem literarischen Text und lässt ihn - im Grenzfall - demoliert zurück: quod erat demonstrandum. Wie deplaziert ein solcher Rückgriff auf einen „philosophischen Fixpunkt“ im Zusammenhang mit der Deutung von Mittelalterliteratur - z. B. den „Parzival-Prolog - sein kann, wird deutlich, wenn man vergleicht, wie Haug das „cogito sum“ Descartes’ im Blick auf ein „mögliches“ bzw. sein eigenes Gottesbild interpretiert: ... „allein dieser Denkvorgang selbst, also das cogito, aus dem er (Descartes) dann jedoch nicht nur das eigene Sein begründet, sondern im nächsten Denkschritt auch das Sein Gottes zurückholt, ... Die Religion wird also nicht verabschiedet, sondern von der Vernunft her neu entworfen.“ Es grenzt - um es vorsichtig zu formulieren - an Unverschämtheit im Namen der Rationalität seine Mitmenschen mit astreinen atheistischen Plattitüden und theologisch/philosophischen Purzelbäumen zu traktieren, wie dem Diktum, dass Descartes „im „nächsten Denkschritt auch das Sein Gottes zurückholt“. In diesem Angebot geht es um ein selbst gezimmertes Gottesbild. Ob man diese Deutungsabsicht Descartes unterstellen kann oder nicht, ist nicht die Frage. Entscheidend ist, wie Haug dessen „cogito sum“ interpretiert, um für die Gegenwart zu einer rationalen Basis für die Deutung von mittelalterlichen Texten zu kommen. 16
Wenn man dieses „verholzte Gottesbild“ eines neuzeitlichen Literaturwissenschaftlers mit dem Gottesbild im literarischen Werk Wolframs vergleicht, sind die mangelnde Kompatibilität und ihre katastrophalen Folgen nicht zu übersehen. Tragisch ist, dass mancher Interpret diesen Widerspruch auf dem Hintergrund der eigenen Ungläubigkeit und Ahnungslosigkeit gar nicht bemerken kann. Als solcher oder als „Nichteingeweihter“ kann er sich nicht in die Rolle eines gläubigen Dichters aus dem 12. Jahrhundert hineinversetzen.
Schon seit dem 12. Jahrhundert werden an die Philologie Forderungen gestellt, die heute noch selbstverständlich sind, z. B.: „dass der Kontext zu berücksichtigen sei, Entstehungsort und Entstehungszeit, die Gattung, Person und nähere Umstände des Autors, alles mit dem ausdrücklichen Ziel, den vom Autor intendierten Sinn zu ver-
16 Haugzieht mit Seitenblick auf Benedikt XVI. eine Verbindungslinie bis in die Gegenwart: „Aber es fragt sich, ob ( ... ) damals nicht vielmehr ein Rationalisierungsprozess zu seinem Ziel gekommen ist, der mehr oder weniger kontinuierlich das abendländische Denken und Weltverhalten von seinen Anfängen an bis zur mündigen Autonomie der Vernunft bestimmt hat“.
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stehen: sententiam litteralem scripturae ab auctore principaliter intentam.“ 17 Nicht ohne Grund muss immer wieder an diese Bedingungen der Textinterpretation erinnert werden. Die oben zitierte Aussage Haugs, dass Descartes aus einem „Denkvorgang“ (cogito) nicht nur das eigene Sein begründet, sondern im nächsten Denkschritt auch das Sein Gottes zurückholt“, ist im Denken Wolframs Blasphemie und eine aufs Schärfste zu bekämpfende Irrlehre. Damit fehlt die Basis einer darauf aufbauenden Textinterpretation.
Wolfram war strenggläubiger Christ. Das bedarf keines Beweises, wenn man seine Texte kennt und versteht. Seine christliche Glaubensüberzeugung und Frömmigkeit sind die Kennzeichen für „Person und nähere Umstände des Autors“ mit Namen Wolfram von Eschenbach. Man lese als Beleg hierfür einmal den Prolog zum „Willehalm“. Dieser Anfang hat die Form eines Gebetes und ist als Lobeshymne an den dreifaltigen Gott gerichtet. Da der Parzivalprolog - wie allgemein in der Forschung anerkannt wird - erst nach Vollendung der Arbeiten am Parzivaltext entstand, darf man davon ausgehen, dass beide Prologe - für den ‚Parzival’ als auch den ‚Willehalm’ - zeitnah, d. h. auf demselben geistigen bzw. religiösen Hintergrund entstanden sind. Der Parzivalprolog hat, ebenso wie der Prolog des „Willehalm“, einen tragenden religiösen Hintergrund. Das wurde bisher nicht immer beachtet. Damit soll nicht behauptet werden, dass jeder Interpret des Parzivalromans Christ sein oder denselben Glauben haben muss, wie der Dichter dieses Textes. Um dessen Sinn zu erkennen, muss er jedoch über den religiösen Hintergrund des Autors genau informiert sein. Ohne dieses Wissen kann er die im Text wiederkehrenden Zeichen seiner Glaubensüberzeugung als solche weder identifizieren, noch in ihrer Bedeutung, was die poetische Qualität betrifft, richtig einschätzen. Auch für einen atheistischen Interpreten gehört ein „religiöser Sachverstand“, der dieses Wissen einschließt, zu den notwendigen Bedingung (sine qua non), um einen literarischen Text im Sinne eines christlichen Dichters zu deuten.
Neben der völlig irrationalen Aussage, dass Descartes aus dem „cogito ergo sum“ „nicht nur das eigene Sein begründet, sondern im nächsten Denkschritt auch das Sein Gottes zurückholt,“ 18 - folgen weitere dubiose Behauptungen wie: „Die Religion wird von der Vernunft her ... neu entworfen;“ oder „die Ratio ... scheitert an der Unversöhnbarkeit von Natur und Gnade“ (Haug 2006, S. 31). Im Gegensatz dazu gilt in der katholischen Kirche der Fundamentalsatz von der Vereinbarkeit von Natur und Gnade als unerlässliche Bedingung: „gratia supponit naturam“, m. a. W. :Gnade setzt die Natur voraus!
17 Ohly 1966, S. 3
18 In diesem Zusammenhang erinnere ich daran, dass ich in meiner Studie („Würfelwörter und Rätselbilder im Parzivalprolog“) im Kapitel „Sprachlogik und Logik der dichterischen Bilder - ihr unterschiedliches Verhältnis zur Zeit“ (S. 33-37) mich ausdrücklich auf das philosophische „cogito, ergo sum“ Descartes’ bezogen habe. „Unerbittlich abstrahierend“, kommt man logisch zum gegenteiligen Schluss: cogito, ergo non sum, ich denke, also bin ich nicht! Im „Prinzip“, von Geburt an ein Sterbender, verliere ich mit jeder Sekunde einen Teil meiner Lebenszeit, ohne irgendetwas dagegen tun zu können. Völlig machtlos bin ich dem Tod ausgeliefert. In dieser Situation hilft uns die „Kunst als lebensnotwendige Lüge, die Wahrheit zu verstehen“, wie Intendant August Everding es sagte.
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Verdächtig sind auch Formen von arbeitsteilig ausgerichteter „Vernünftigkeit“. Sie entwickeln sich unter der Hand gleichsam zu einem Sortiment verschiedener, „operationalisierter“ Rationalitäten. Bei Haug gibt es z. B. eine Sonderform der Ratio als „Ordnung, die nach Chaos schreit“ (Haug 2006, S. 32). Ist diese Aussage nicht eher ein kognitiver Verkehrsunfall, als dass sie mit Wissen und Erkennen etwas zu tun hätte? Sie sollen angeblich aufeinander prallen, um einer „Erstarrung zu entgehen“. Welche Erstarrung? - Eine andere Sonderform wird ebenfalls im Namen der Rationalität verkündet: „Die höchste Form der Sinnlosigkeit ist - inhaltlich gesehen - die alphabetische Ordnung, und ihr wird die Zukunft gehören“! 19 Das klingt bedeutend und bedrohlich, ist im Grunde nur eine „exordial“ sinnlose Phrase. Im Rationalitäts-Sortiment Haugs gibt es noch eine spezielle „Exempel-Ratio“. Für den Fall nämlich, dass Wahrheiten oder Lehren an Beispielen erklärt werden. Besonders interessant deshalb, weil Wolfram seinen „Parzival“ mit einem Beispiel, dem „vliegenden bîspel“, beginnt. Haug behauptet: „Jedes Exempel hat seine eigene Ratio, und damit geraten sie in Widerspruch zueinander. Es lässt sich im Prinzip für jede ‚Wahrheit’ ein Beispielfall konstruieren, also auch für das jeweilige Gegenteil: man kann genauso treffend beispielhaft belegen, dass sich Großmut lohnt, wie dass sie (sic!) ins Verderben führt.“ 20 (Haug 2006, S. 32) - Handelt es sich bei diesen zweideutigen Aussagen Haugs zur Exempel-Ratio etwa um den Reflex auf eine traumatische Erfahrung im Umgang mit dem „vliegenden bîspel“ aus dem Parzivalprolog? -Werden deshalb Beispiele allgemein der „Unmoral“ bezichtigt, weil sich das „vliegende bîspel“ als Eingangsrätsel des Parzivalprologs dem „Zugriff“ eines Interpreten verweigert hatte? Hätte nicht Haug zugeben müssen, dass ihm trotz größter Anstrengungen „die eigentliche Pointe dieser Passage bislang verborgen geblieben ist und dass Wolfram auch die Interpreten, ohne dass sie es gemerkt hätten, zu tumben liuten gemacht hat. Worin liegt die Pointe?“ (Haug 2001, S. 221). Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die o. a. Beispiele für „kulturhistorische Rationalisierungsprozesse“ sich eher zu kleinlichen „Operationalisierungsschritten“ mausern, als dass sie noch etwas mit Philosophie, Erkenntnis und „Vernunft“ zu tun hätten. Durch „Technik“ im altgriechischen Sinne, als verstehender Umgang mit dem Text, dessen „Kategorien“ nach Dilthey Erleben, Ausdruck und Verstehen sind, ergibt sich die alternative Möglichkeit zu fragen und zu forschen, wie das, was wir erfahren und dadurch „erkennen“ als Beispielserfahrung in unser Bewusstsein gelangt, und dort als Selbst - und Weltverstehen zur Verfügung steht, gerade auch in der Begegnung mit Literatur und Dichtung. Was vernünftigerweise nur als „abstrakter Begriff“ in der Erkenntnis sein kann, sollte im Umgang mit einem literarischen, d. h. künstlerischen Text daher weniger interessieren.
19 Haug 2006, S. 32 und S. 33
20 In den drei Sätzen dieses Zitats sind mir die grammatischen und logischen Beziehungen nicht klar geworden, kaum zu verstehen. Der Manipulation von „Wahrheiten“ wird mit solchen Operationalisierungen Vorschub geleistet. Um auf das o. a. „Exempel“ zurückzukommen: Das „Gegenteil“ von „Wahrheit“ ist die Lüge. Die logische Folgerung kann nur lauten: „Man kann genauso treffend belegen, dass sich Großmut lohnt, wie es eine Lüge ist - dass er ins Verderben führt.“
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2.4 „zwîvel“-Metapher versus „bast“-Konzept -Erinnerung an einen alten Streit um literarische Konzepte
Die beiden ersten Verse des Parzivalprologs werden nicht ohne Grund als „Eingang“ bezeichnet. In dieser Funktion sind sie das „Burgtor“ zum Roman, das mit seiner janusköpfigen „zwîvel“-Metapher den Romankomplex vor ungebetenen Gästen und Geistern schützt. Wer glaubt, sich gewaltsam Zutritt verschaffen zu können, holt sich eine blutige Nase, wie der Hasenvergleich zeigt. Der „zwîvel“ hat ein mythisch anmutendes Doppelgesicht: Mit strengem Blick nach außen ist seine Kehrseite mit einladender Geste nach innen gerichtet. - Bevor ich mich dem „zwîvel“ in seiner positiven Bedeutung für das Romankonzept zuwende, soll kurz die abwehrende Haltung und Richtung der „zwîvel“-Metapher gegenüber zeitgenössischen literarischen Konzepten erörtert werden.
Janus ist der „altrömische Gott des Torbogens und besonders der öffentlichen Durchgänge... Der Gott des Eingangs wurde später der Gott des Anfangs... Als Gott der Tür wurde Janus nach außen und innen schauend mit einem Doppelantlitz und den Attributen Schlüssel und Pförtnerstab dargestellt.“ (dtv-Lexikon) In dieser Funktion dient die „zwîvel“-Metapher des Eingangs auf zweierlei Weise. Nach außen wendet sie sich polemisch gegen die literarischen Konzepte der Dichterkollegen Hartmann von Aue und Gottfried von Straßburg. Wenn man die wörtliche, etwas „biestig“ klingende Bedeutung von „zweierlei Fellen“ zulässt, wie ich sie in meiner ersten Studie identifiziert hatte 21 , kann es sich damit sowohl um eine ironische Anspielung auf die hypertrophierte Darstellung der „Verzweiflung“ in Hartmanns von Aue „Gregorius“ handeln, als auch um eine Satire in Kurzform auf das „Fellabziehen“ im „Tristan“ Gottfrieds von Straßburg.
Gottfried von Straßburg war auf die etwas ausgefallene Idee gekommen, im Kapitel „Die Jagd“(V. 2759-3378) und der „Der junge Künstler“ (V. 3379-3756) dem höfischen Publikum das literarische Konzept seines „Tristan“ als einen „Abstraktionsprozess“ (lat. abstrahere, abziehen) bildhaft zu beschreiben. Zu diesem Zweck erfand er das literarische Bild des „bast“. Im Medium dieser Metapher versuchte er die schicksalhaften Ereignisse im Leben und der Liebe seines Helden „Tristan“ als einen „Enthüllungsvorgang“ zu erklären. Vordergründig handelt es sich beim „bast“ um das „Fellabziehen“ und Zerlegen eines Hirsches. Gottfried glaubte, die Aufgabe seiner Kunst sei es - im übertragenen Sinne natürlich - zu analysieren, zu erkennen und vor allem darzustellen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, und das, obwohl die Geschichte seines Helden, realistisch betrachtet, eher Hochverrat ist und im Selbst-mord (Liebestod) endet: All das wird auf höchstem literarischen Niveau 22 erzählt. Diesem eher „wissenschaftlichen“ als literarischen Ansatz seiner Textanalyse - in einem für heutige Verhältnisse eher prosaischen Bild - widmet Gottfried fast zwei
21 Hüning, 2000, sinngemäß: „Zweierlei Hüllen, die das Herz umschließen wie ein Käfig, sind für die Seele ein Gräuel“
22 Sozusagen mit „Goldumrahmung“, wie Wolfram im Parzivalprolog polemisch bemerkt: „die lobe ich als i(ch) solde, das safer ime golde“ 3,13-14).
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Kapitel seines Romans. Das war sicher revolutionär, aber auch riskant, worüber Gottfried sich im klaren sein musste.
Dass Wolfram darauf reagierte, war selbstverständlich. Er tat dies nicht erst mit der bekannten Isoldekritik (3,12-18) 23 , sondern gleich mit dem ersten und bedeutendsten Wort seines Prologs, dem „zwîvel“. Von den „zweierlei Hüllen“, die das menschliche Herz „Tristans“ umschließen, ist die höfische Lebensform eine erste, relativ starre äußere „Hülle“. Eine zweite, innere Hülle, ist die geistige Umnachtung des Liebespaares durch einen Zaubertrunk, durch den die erste Lebensform von innen her zerstört wird. Gottfried und spätere Interpreten haben das anders gesehen. Die vermutete Form dieser Kritik Wolframs und das hiermit angedeutete Verhältnis beider Dichtungen und Dichter aus der Perspektive der „zwîvel“-Metapher mag gewagt erscheinen. Als mögliche Form einer Kritik ist sie nicht von der Hand zu weisen. Wolfram erwartet jedenfalls von seinen Publikum etwas ganz anderes als „Fellabziehen“ oder Abstrahieren. Er verlangt die „subjektive Mitwirkung“ seiner „Zu-Hörer“ bei der Wahrnehmung seiner Dichtung, die er „stiure“ (eine Beisteuer) nennt. Wolfram hat ein völlig anderes Konzept.
Erstaunlich ist allerdings, mit welcher Präzision Gottfried von Straßburg bereits im 12. Jahrhundert mit Hilfe seiner „dinglich-aufdringlichen“ bast-Metapher bereits die Methodik einer möglichen, zukünftigen Wissenschaft (als Naturwissenschaft) geahnt und beschrieben hat. - Erst Jahrhunderte später konnten ihre Bedingungen von Kant als Quantifizierung, Mathematisierung und Abstraktion der Erscheinungen in Raum und Zeit artikuliert werden. Gottfried versuchte im Vorgriff darauf für einen literarischen „Abstraktionsprozess“ eine ähnliche Methode im Bild der „bast“-Metapher zu erfinden. Dass diese Art der Rationalisierung einem literarischen Text bzw. Konzept nicht kompatibel ist und nicht gerecht werden kann, liegt - aus nachträglicher Sichtauf der Hand. Deswegen wird er von Wolfram mit der zwîvel-Metapher attackiert, was Gottfrieds heftige Reaktionen auslöste. Über die Kritik an Hartmann von Aue ist im Zusammenhang mit den folgenden Überlegungen noch kurz die Rede.
2.5 Warum entzieht sich der Parzivalprolog dem „Zugriff“ der
traditionellen Forschung?
Nicht nur wegen des Eröffnungsvortrages auf der Blaubeuroner Tagung der Wolframgesellschaft aus dem Jahre 2006, den Haug mit vielen zweifelhaften, irrationalen Aussagen garnierte, sondern auch wegen bestimmter Aussagen in seiner „Neue Lektüre des Parzivalprologs“ aus dem Jahre 2001, fühlte ich mich herausgefordert, dem Parzivalroman, besonders seinem Prolog noch einmal meine Aufmerksamkeit zu widmen. In Verbindung damit erinnerte ich mich auch des oben bereits erwähnten merkwürdigen „Zufalls“ 24 im Zusammenhang mit meiner eigenen Studie über den Parzivalprolog. Haug stellte seine „Neue Lektüre des
23 Hüning, 2000, S. 188ff.
24. Das erste Wort meiner eigenen Studie über den Parzivalprolog lautet: „Der Zufall“. Er führte Regie bei der Entdeckung einer altertümlichen Form von Würfeln.
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Parzivalprologs“ in einem mündlichen Vortrag in Köln vor, als ich nach meiner Doktorprüfung im Juni 1999 - noch mit der Revision dieser Arbeit - ebenfalls mit einem komplett neuen Denkansatz - beschäftigt war. Neben dem ungewohnt empirischen Vorgehen, was die Deutung der „Bickelwortmetapher“ betrifft, kommt in meiner Studie eine ungewohnte vorreformatorische, sozusagen katholische Sichtweise auf diesen Text zur Geltung. Das hatte offensichtlich Irritationen ausgelöst.
Nach diesen Vorbemerkungen zu bisherigen Interpretationsversuchen und der problematischen Situation der germanistischen Philologie erlaube ich mir die Frage, ob es nicht unreflektierte Prämissen in der Forschung selbst gewesen sein könnten, die ihr den Zugang zu mittelalterlicher Literatur versperrt haben. So könnte man nach unterschwelligen Implikationen fragen, die der objektiven Wahrnehmung eines literarischen Textes vielleicht im Wege stehen. Für die weitere Forschung am Text des Parzivalprologs wäre es auch sinnvoll gewesen, wenn W. Haug einige Angaben dazu gemacht hätte, weshalb er 2001 völlig überraschend und radikal seine frühere Deutung des „vliegenden bîspels“ und des „Hasenvergleichs“ zurückzog. Die Suche nach solchen Gründen berührt auch die jüngst in der FAZ gestellte Frage Joachim Bumkes nach der Zukunft der Deutschen Philologie. In der Realität wird sie bereits so beantwortet: „An der Harvard University wird der Lehrstuhl für Deutsche Philologie nicht wieder besetzt ... Auch in Deutschland sind zahlreiche Professuren für ältere deutsche Sprache und Literatur den Kürzungen zum Opfer gefallen ... Und Mittelhochdeutsch? ... Jetzt sagt man: Es geht auch ohne! Ist das das Ende der Deutschen Philologie?“ Bumke spricht auch von Fehleinschätzungen, z. B. dass „Der Altphilologe Lachmann der Erste war, der 1827 einen altdeutschen Text nach den Prinzipien der klassischen Philologie herausgegeben hat“, dass dieser „philologischkritische Umgang mit Texten aber keine Erfindung der Romantik“, sondern „damals bereits 2000 Jahre alt“ war. Man glaubte auch, „die Menschen im Mittelalter seien noch einfach, treu und gläubig gewesen wie Kinder“, was sich als großartiger Irrtum herausgestellt: In Wirklichkeit sind jedoch wir diese „tumben liute“, wie auch Haug resigniert zugeben musste.
Die Frage, ob es gelungen sei, „die alten Texte in der Gegenwart lebendig zu machen“, muss Joachim Bumke ganz klar mit „Nein“ beantworten. Eine Mehrzahl von Forschern sei mehr mit „theoretischen Prämissen und den theoretischen Implikationen der Texte und ihres kulturellen Umfeldes beschäftigt“, als mit philologischer Arbeit. Bei all dem bestätigt er jedoch: „Heute steht es außer Zweifel, dass die Entscheidung für die Wissenschaft richtig war.“ - Dieser Entscheidung Lachmanns im 19. Jahrhundert möchte ich im Ganzen nicht widersprechen. Andererseits ist ein Totalitätsanspruch auf „stringente Rationalität“ im Umgang mit literarischen bzw. künstlerischen Texten nicht gerechtfertigt. In zahlreichen „stringent rational“ etikettierten Deutungsversuchen ist es nicht gelungen, das Rätsel des Parzivalprologs zu deuten. Immer wieder mussten Rückzieher gemacht werden. - Im übrigen wurde dieser Text -
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gerade auch als Rätsel - gar nicht für Wissenschaftler, sondern für die Menschen aus der höfischen Lebenswelt konzipiert, die mit Rätseln umgehen konnten. Es gibt zwar Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens; im Umgang mit literarischen Texten Wolframs wurden sie gelegentlich in eklatanter Weise verletzt. So gehört es zum kleinen Einmaleins der Textauslegung, dass dieser nur aus der Perspektive seiner Zeit, d. h. der Entstehungszeit interpretiert werden kann. Diese Forderungen finden sich bereits im 12. Jahrhundert bei Vertretern der Schule von St. Victor in Paris. Friedrich Ohly zitiert sie und kommentiert:
„dass der Kontext zu berücksichtigen sei, Entstehungsort und Entstehungszeit, die Gattung, Person und nähere Umstände des Autors, alles mit dem ausdrücklichen Ziel, den vom Autor intendierten Sinn zu verstehen: sententiam litteralem scripturae ab auctore principaliter intentam.“ 25 „dass die Deutsche Dichtung, ... für Jahrhunderte, von etwa 770 bis 1150 fast ausschließlich und weiterhin mit einem starken Anteil Bibeldichtung“ 26 ist. Dass wir Philologen „uns in der Regel nicht bewusst (sind) - wie Dilthey in seiner‚ Entstehung der Hermeneutik’ es war - in welchem Maße, unsere Kunst der Interpretation der Bibelexegese schon der Väterzeit und des Mittelalters verpflichtet ist“. 27
„Während alle profane Literatur nur einen historischen oder Buchstabensinn des Wortes einschließt, enthält das Wort der Heiligen Schrift neben dem historischen oder Buchstabensinn, den es mit der heidnischen Literatur gemein hat, einen höheren, einen geistigen Sinn, einen sensus spiritualis. Im Neuen Testament angelegt, durch …. die in der Exegese der Kirchenväter gestiftete Tradition sanktioniert und gültig, bis Luther sich von der spirituellen Interpretation der Bibel lossagte und damit auch die Tradition verwerfen musste, hat die Lehre vom sensus spiritualis“ des Bibel-wortes das Mittelalter beherrscht.“
Lachmann war sich - obwohl er sich für die Wissenschaftlichkeit im Umgang mit dem ‚Parzival’ entschieden hatte - darüber völlig im klaren, dass die Zeitgenossen Wolframs andere Möglichkeiten hatten, den Text zu verstehen, als nur auf wissenschaftliche Weise. Sie konnten es z. B. auf dem Hintergrund zeitgenössischer anderer Literatur. Es gab jedoch noch eine andere Möglichkeit auf dem Hintergrund zeitgenössischer Literatur: Die Hl. Schrift. Warum kam Haug nicht auf die Idee, einen solchen Ansatz zu versuchen? Hat das etwas mit dem gravierenden Ereignis der Reformation zu tun?
25 Ohly 1966, S. 3
26 Ohly 1966, S. 11
27 Ohly 1966, S. 2
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2.6 Unreflektierte Prämissen in der heutigen Literaturwissenschaft des Mittelalters.
Die Anregung zu den folgenden Überlegungen erhielt ich durch die Lektüre eines Essays im Feuilleton-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. Juni 2009. Es handelt sich um einen zeitlich und sachlich aktuellen Beitrag von Patrick Bahners zum Thema „Lektüre“ von Texten mit dem mehrteiligen Titel: „Kurz sei unser Lesen“. „Säkularisierung und Selbstdarstellung: Prägnante Beiträge zur Quellenkunde der deutschen Literatur“.
Im Mittelpunkt der Betrachtung steht der Germanist Heinz Schlaffer. Auslöser für das Erscheinen des Beitrags über ihn - als „Personalie der Woche“ - war der „Heidelberger Appell für Publikationsfreiheit und die Wahrung der Urheberrechte“, den 2569 Schriftsteller und Literaturwissenschaftler gemeinsam unterzeichnet hatten; Heinz Schlaffer jedoch „ausdrücklich“ nicht. Der Autor des Beitrags, Patrick Bahners, forscht daher nach Gründen für das „beredte Schweigen“ des bekannten Germanisten in dieser Angelegenheit. Im vorliegenden Zusammenhang interessiert nicht so sehr das Schweigen selbst oder die Frage, ob die Germanistik („Professoren und Schriftsteller in innigster Mischung“) „die Politiker dazu bewegen könnte, gegen Google in den Weltkrieg um die Dichterrechte zu ziehen.“ - Vorzüglich geht es um einige Randbemerkungen dieses Essays über H. Schlaffer, die von grundlegender Bedeutung für das Verhältnis von Dichtung und Literaturwissenschaft sind. Das gilt allgemein - auch - für die Mittelalterliteratur, insbesondere jedoch für die Deutung des Parzivalromans und seines Prologs, wenn auch „nicht auf den ersten Blick“. Heinz Schlaffer hatte in einem Artikel zum Germanistentag 1994 „die Germanistik als ein Fach charakterisiert, das aus Gewohnheit betrieben und aus Irrtum studiert wird“. Die Liebe zur Literatur werde „im Studium regelmäßig enttäuscht, weil weder die traditionellen Techniken, noch die neuen Moden der Philologie zur Erschließung der Literatur des Tages beitragen.“ Dass Mediävistik aus Gewohnheit betrieben wird, kann man nicht sagen. Vielmehr ist das Studium mittelalterlicher Literatur - durch Prüfungsordnung festgelegt - sozusagen eine Pflichtveranstaltung für jeden Germanistikstudenten. Traditionelle Methoden haben auch hier nicht immer zur Erschließung alter Texte beigetragen. - Weiter heißt es im o. a. Artikel die „plötzliche Blüte der deutschen Literatur um 1800 führt Heinz Schlaffer auf eine außerliterarische Energiezufuhr zurück: Die Dichter eigneten sich die Sprache eines Christentums an, an das sie nicht mehr glaubten. Dieses kulturprotestantische Wunder wiederholte sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bei Autoren katholischer und jüdischer Herkunft.“ 28 Sie benutzten das Christentum als Steinbruch, in dem sie das Rohmaterial für Umsetzung eigener Ideen fanden.
Meines Wissens gab es, zeitlich versetzt, im Anschluss an die „plötzliche Blüte der deutschen Literatur“ ein weiteres „kulturprotestantisches Wunder“: die erstaunliche
28 Bahners Patrick in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Juni 2009, S. 32, Titel: „Kurz sei unser Lesen“, Unter: Die Personalien der Woche, hier Heinz Schlaffer.
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Entwicklung der Geisteswissenschaften im preußisch geprägten 19. Jahrhundert. Unbestritten ist deren kulturprotestantische Führerschaft mit zahlreichen herausragenden Gestalten der Zeitgeschichte. Unter ihnen Dilthey als Begründer der Geisteswissenschaft und Lachmann als Protagonist der Germanistik. Der Anteil katholischer Wissenschaftler im Verhältnis zum Bevölkerungsanteil an dieser Entwicklung war minimal. Für die Geisteswissenschaft, einschließlich der Literaturwissenschaft, ergab sich eine vergleichbare Situation, was die Begegnung mit dem Christentum betrifft. Wie die Dichtergeneration vor ihnen fortschrittlich, kritisch, romantisch, vor allem aber eindeutig kulturprotestantisch geprägt, wurde sie auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung durch die Entdeckungen Lachmanns mit der Literatur des 12. Jahrhunderts konfrontiert. In ihr spiegelte sich eine Zeit und eine Welt, in der man noch völlig anders fühlte, dachte und dichtete. Auch eine liebevolle romantische Hinwendung konnte letztendlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass vieles grundlegend anders war und unverständlich blieb.
Im Gegensatz zur Orientierung der Geisteswissenschaftler im 19. Jahrhundert waren die Dichter des Mittelalters - allen voran Wolfram - überzeugte katholische Christen im vorreformatorischen Sinne. Das ist ein unbestreitbares, nicht zu leugnendes Faktum. Man hat das vor lauter Begeisterung erst gar nicht wahrgenommen oder später nicht mehr wahrhaben wollen. Anders als ihre Interpreten fühlte sich Wolfram der katholischen Kirche, ihrer Glaubenslehre und Tradition, ihrer Gottesdienstliturgie und ihren verbindlichen Riten bei der Spendung von Sakramenten eng verbunden. Nicht zuletzt deshalb gestaltet Wolfram die Biographie seines Helden Parzival aus derselben Perspektive als fiktive literarische Heilsgeschichte. Sie kann deshalb - auch nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten - nur aus dieser Perspektive gedeutet werden. Wenn ein Atheist sich mit Wolframs Werk beschäftigt, muss er sich nicht zuvor taufen lassen, um seine Texte zu verstehen. Freilich muss er als Wissenschaftler den Wis-sensstand des katholischen Dichters haben, um seine subjektive „stiure“ - seinen „Beitrag“ - entrichten zu können, wie Wolfram sagt, um diese Dichtung zu verstehen. Weil Lachmann und seine kulturprotestantischen Erben das nicht konnten, nicht wollten oder sich nicht genug darum bemühten, sind sie, was die Frage nach dem Konzept des Parzivalromans betrifft, methodisch „halbwegs“ gescheitert. Insbesondere konnte das Geheimnis seines Prologs, der als Eingangsrätsel konzipiert wurde, in einer 170 Jahre dauernden Forschungsgeschichte nicht entschlüsselt werden. In der jüngst erschienen Studie von Michael Dallapiazza 29 über den Parzivalroman heißt es abermals: „Der Prolog ... gehört zu den am meisten diskutierten Textstellen der mittelhochdeutschen Literatur. Die Deutungen sind so divergierend, dass ein Konsens sicherlich nie mehr zu erwarten ist.“ Weil ich der Meinung bin, dass es sich bei diesem Text um ein Schicksalsrätsel handelt, habe ich zuerst einmal versucht, eine Lösung für dieses Rätsel zu finden, um wenigstens einen „Konsens“ mit dem Text selbst herzustellen. Ob ein solcher Versuch allgemein konsensfähig ist, kann man nicht wissen. Er ist sicherlich nicht strafbar. Oder?
29 Dallapiazza, 2009, S. 32
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2.7 Gründe des Scheiterns
Analog zum Alten und Neuen Testament (dem Johannesevangelium) steht am Anfang des Prologs das „geheimnisvolle Wort“ zwîvel. Im Original klingt der „Eingang“ so: „Ist zwîvel herzen nachgebur, daz muoz der sele werden sûr“ (1,1-2). In seiner Bedeutungsfülle und literarischen Funktion gleicht „zwîvel“ dem griechischen Wort „Logos“ aus dem Johannesevangelium. Im historischen, wörtlichen und profanen, „zwei-fell-haft“ (Zweierlei -Fell-Haft) bedeutend, kann man den Anfang so übersetzen: „Zweierlei Felle (Hüllen), die das Herz umschließen wie ein Gefängnis (gebûr, Käfig), sind für die Seele eine bittere Sache“. Das ist die wörtliche oder buchstäbliche Bedeutung der Eingangsverse des Parzivalprologs. Walter Haug setzte sich darüber hinweg und deutete den „Eingang“ des Prologs von vornherein im heilsgeschichtlichen Sinn so: „Wer sich der völligen Verzweiflung hingibt, dessen Seele wird in die Hölle fahren.“ Damit stellte er den erst noch zu „übertragenden Sinn“ eines Textes als „sensus spiritualis“ an den Anfang und machte damit den zweiten Schritt vor dem ersten.
Die Deutung des Parzivalprologs wurde auch deshalb problematisch, als man ihmaus „kulturprotestantischer Perspektive“ - nicht ansehen konnte, aus welcher Geisteshaltung er konzipiert worden war. Insofern konnte man die oben angedeutete Zeichenhaftigkeit auch nicht bemerken oder wollte es nicht, was auf gewisse Defizite schließen lässt. Nicht zuletzt verweigerte sich dieser Text deshalb, weil man versuchte, ihn heilsgeschichtlich aus dezidiert nachreformatorischer Sicht zu deuten. Das führte zu seiner folgenschweren Fehlentscheidung, der Behauptung nämlich: „Am indirekten Bezug ... ist entschieden festzuhalten, und deshalb ist es so gut wie ausgeschlossen, dass die ersten beiden Verse des ‚Parzival-Prologs´ das Thema des Werkes ansprechen.“ Haug hatte sich voreilig einer Sentenz aus dem „Gregorius“ des Dichterkollegen Hartmann von Aue bedient und damit den „zwîvel“ - im Terminus Verzweiflung als Begriff fixiert - zur Deutung der wichtigsten Verse des Parzivalromans benutzt; mit der Begründung, das desperatio-Thema habe „in der Luft gelegen“.
Im Gegensatz dazu bin ich überzeugt, dass es sich beim Wort „zwîvel“ um den umgangssprachlichen Ausdruck für ein reales Ding, um eine Sache handelt, die im Lebens- und Bedeutungszusammenhang der höfischen Gesellschaft von höchster praktischer und symbolischer Bedeutung ist. Der Ausdruck „vel“ („zwîvel“ als ´zweierlei Fell’) hat buchstäblich, im ersten und literalen Textsinn des Wortes, die Bedeutung von „Fell“, „Haut“ oder „Hülle“. Damit gemeint ist der flexible Kettenpanzer, wie er im 12. Jahrhundert als anschmiegsames, flexibles Panzerhemd getragen wurde. Bei dem bekannten Bild einer fest vernieteten und verriegelten Ritterrüstung, wie Karl V. sie Jahrhunderte später als „letzter Ritter“ zu Pferde nach der Schlacht von Mühlberg auf dem von Tizian 1548 gemalten Bild (jetzt im Prado) trägt, stellt sich die Assoziation einer Rüstung als „zweiter Haut“ natürlich nicht ein! Wolfram bestätigt aber selbst die Beziehung von Rüstung und „vel“. Bei der Begegnung mit Rittern, die Parzival
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erstmals in seinem Leben sieht, heißt es im Text: „Hätten die Hirsche so ein Fell, so könnte sie mein Jagdspeer nicht verwunden“ „ob die hirze trüegen sus ir vel, so verwunt ir niht mîn gabilôt“. „aber sprach der knappe snel ob die hirze trüegen sus ir vel, so verwunt ir niht mîn gabylôt. der vellet manger vor mir tôt.“ (Pz. 124, 12-13)
Wegen ihres „velles“, d. h. ihrer Rüstung, erschienen ihm die ersten vier Ritter wie Götter. Parzival berichtet davon seiner Mutter: „muoter, ich sach vier man noch liehter danne got getân“ (126, 9-10). Wegen des „göttlichen Ansehens“ dieser „velle“ tötete er sogar seinen ritterlichen Verwandten Ither von Gaheviez. Anschließend versuchte er, ihm seine Rüstung wie ein Fell vom Leib „abzuziehen“ („her ab gezwicken“ 155, 25-26). Er wollte darin selbst ein „Gott“, ein „Rittergott“ sein: Eines „velles“, einer Rüstung wegen, begeht Parzival einen Brudermord! Damit beginnt sein Leben als Ritter in der höfischen Welt.
Andererseits kann man sich durchaus vorstellen, dass im ritterlichen Alltag beim Anlegen und Ablegen eines Panzerhemdes nicht das französische Wort „harnasch“, sondern eher das banale „vel“ für die Rüstung im Gebrauch war. Dass mit diesem „Fell“, die Bedeutung von Heil und Unheil, Leben und Tod verbunden war, ist selbstverständlich und bedarf in der höfischen Gesellschaft keiner Begründung. Da eine Sache - jenseits vieler Worte - symbolisch für sich selbst spricht, kann „vel“ auch zum Synonym für „Ritterrüstung“ werden, die von einer Person auf ihrem ersten „vel“, der menschlichen Haut, getragen wird. Wenn von „zwie-vel“ die Rede ist, wird auf die existentielle und schicksalhafte Einheit von Harnisch und Haut angespielt, die allerdings im Ernst- bzw. Extremfall mit einem Schwertstreich aufgehoben werden kann. Feirefiz bestätigt seinem Bruder diesen Sachverhalt mit leiser Ironie im entscheidenden Kampf. Parzival hatte den Umstand, selbst kein Schwert mehr zu haben, weil es zerbrochen war, „völlig vergessen“, seelisch „verdrängt“, was ihn fast Leib und Leben gekostet hätte. 30 Damit wird der literarische und buchstäbliche Sinn von „zwîvel“ als „zweierlei Fell“ (lat. velum, Hülle) als „îser unde vel“ bestätigt: „ê du begundest ringen, mîn swert liez ich klingen beidiu durch îser unde vel.“ (Pz. 747, 9-11)
30 Mann, Thomas, Der Erwählte, 28. Aufl. 2008, S. 126f. In einer urkomischen Szene spielt Thomas Mann auf Feirefiz und diese Textstelle an, wenn er über die Heldentaten des Gregorius berichtet: „Ich schwör Euch, einen anderen schlug er quer durch sogar. Der ward vor schneller Schärfe der Spaltung nicht gewahr. Erst da er sich bücken wollte nach seinem Schwert hinab, das seiner Hand entglitten, da fiel er oben ab“. Im nächsten Abschnitt entschuldigt der Erzähler sein Flunkern so: „Dass er einen quer spaltete, so dass der’s nicht merkte, und erst später zur Hälfte abfiel, das hab ich hinzugesungen, es hat sich in Wahrheit nicht zugetragen.“ Feirefiz erscheint auch persönlich (S. 122): „denkt ihn Euch oben dick und sehr dünn in den Beinen, in lichte Seide gekleidet und mit zweigeteiltem Blondbärtchen, wie Seide ebenfalls.“
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Durch das Wort „beidiu“ werden die „zweierlei Felle“ schicksalhaft zusammengeschmiedet und auf einen „Nenner“ gebracht. „Man unterscheidet also eine zweifache Bedeutung, einmal vom Wortklang zum Ding, von der vox zur res, und eine höhere, an das Ding gebundene, die vom Ding wieder auf ein Höheres verweist“, sagt Friedrich Ohly in seinem Vortrag „vom Geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter“. 31 Demnach ist in dieser Textstelle also tatsächlich die Rede von „zweierlei Fellen“, die existentiell aufeinander bezogen sind: Die erste, „eigene Haut“ des Helden, die ihn als Individuum und als Subjekt ausweist und seine zweite „gesellschaftliche Haut“, die Rüstung, die ihn in ihrer höheren Bedeutung und Funktion als soziales Wesen, als Mitglied der höfischen Gesellschaft ausweist und ihm darin eine höhere Geltung verschafft.
Ich hatte bereits gesagt, dass es unverständlich sei, wenn der „Anfang des „Parzival“ aus der Perspektive des „Gregorius“ - einer völlig anderen Dichtung und eines anderen Autors - gedeutet und verstanden werden soll. Das gilt selbst für den Fall, dass, wie Haug behauptet „das desperatio-Thema in der Luft lag.“ 32 Den Anknüpfungspunkt für die Interpretation des Parzivalprologs glaubte er, wie auch andere, in der Gregoriuslegende Hartmanns von Aue gefunden zu haben. Wolfram hat jedoch mit einiger Sicherheit bei der Konzeption seines Prologs nicht an solche Sensationen und Tabubrüche als Einleitung zu seinem „Parzival“ gedacht. Er war auch noch nicht vom Problem der Rechtfertigungslehre Luthers affiziert. Seine Zielvorstellungen waren, wie aus dem Text hervorgeht, völlig andere, worüber noch zu reden sein wird. Darüber hinaus ist zu fragen: Warum sollte Wolfram überhaupt im wichtigsten Teil seines Werkes, dem Parzivalprolog, seinem Dichterkollegen Hartmann von Aue, auch noch ein Denkmal setzen, wenn dessen gestelzte Inzest-Problematik im „Gre-gorius“, inklusive einer völlig verfehlten Theologie und Moral zum Problem des „verligens“ im „Erec“, ihm geradezu verhasst waren? Bei größter menschlicher Hochachtung vor dem Kollegen und seiner dichterischen Potenz ging es nach damals geltendem Prinzip darum, „den Irrenden zu lieben, die Irrlehre zu vernichten“, d. h. mit allen literarischen Mitteln zu bekämpfen. Die Rede vom „Dichterkrieg“ ist mehr als nur eine literarische Metapher. Die von mir im Parzivalprolog identifizierte „Erec“-Satire 33 ist in
31 Ohly 1958, S. 4
32 Haug 2001, S. 220 - Das Inzest-Thema lag schon seit Sophokles - um 497/96 vor Christus - „in der Luft“. Der Mythos vom „König Ödipus“ (Sophokles) wurde als „Stoff“ durch Hartman von Aue in die höfische Szene übertragen und vor dem Hintergrund des Christentums zur Heiligenlegende: zum „Gregorius, der gute Sünder“.
33 Ich stehe nach wie vor zur Deutung dieser Textstelle (2,15-24) als Erec-Satire. Bei ihr handelt es sich um einen „vernichtenden Scherz“ (nach Goethe), mit dem Wolfram Erecs sexuelles Verhalten in der höfischen Gesellschaft einer abgrundtiefen Lächerlichkeit preisgeben wollte. Wenn man mich deswegen einer „gewissen Freizügigkeit“ bezichtigen möchte, ist das ebenso lächerlich. - Andere Interpreten haben zum Zwecke der Deutung derselben Textstelle zwei vom Rinderwahnsinn (BSE) befallene Kühe aufs Glatteis getrieben. Es handelt sich um zwei Rindviecher aus der Fabel des Nigellius mit Namen Bicornis und Brunetta: Man solle sich im Glauben (an die unendliche Barmherzigkeit Gottes!) nicht so ungeduldig verhalten, wie die - schließlich - „schwanzlose“ Kuh Bicornis, sondern „beharrlich“, wie Brunetta, damit man in den Himmel komme. Wäre Wolfram nicht schon vor acht-hundert Jahren gestorben; er würde sich heute noch „totlachen“, weil man ihm diese Deutung als den „sensus spiritualis“ seines Textes unterstellt.
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ihrer Schärfe dafür ein Beleg. Sie ist kein Plädoyer für „sexuelle Freizügigkeit“, sondern ein „vernichtender Scherz“: Erecs Verhalten „ist zen hellefiure guot“ (2,18), sagt Wolfram. Martin Schuhmann 34 glaubt dagegen, meiner Deutung und mir einen „nicht ausreichend reflektierten Hang zu sehr freizügigen und tendenziösen Thesenbildungen und Textinterpretationen“ unterstellen zu müssen.
Meines Erachtens handelt es sich um „Versagen“ einer früheren Deutung, weil ein dezidiert kulturprotestantischer Ansatz bei der Deutung des Parzivalprologs nicht zum Ziel geführt hat. Der Parzivalprolog wurde gänzlich aus der Perspektive der Rechtfertigungslehre Luthers gedeutet. Luthers Hauptanliegen war die Frage, wie finde ich einen gnädigen Gott. Seine Erkenntnis: Nicht durch eigene Verdienste oder gute Werke, sondern allein durch Glaube ist der Mensch gerechtfertigt. Diese Rechtfertigungslehre ist heute zwischen Protestanten und Katholiken nicht mehr umstritten. Sie war jedoch kein Problem, das Wolframs berührte! Von der Motivlage her (Wie finde ich als Sünder einen gnädigen Gott?) gab es aus nachträglicher Perspektive eine signifikante Affinität zwischen dem Anliegen Luthers und dem „Gregorius“ Hartmanns von Aue. Mord und Totschlag waren in der höfischen Gesellschaft sozusagen an der Tagesordnung. Das Inzest-Tabu war dagegen das in allen menschlichen Gesellschaften geltende schwerer wiegende Verbot. Hartmann von Aue erörtert dieses Problem im Zusammenhang mit der Rechtfertigung des Sünders durch seinen Glauben. Die Beharrlichkeit im Glauben an die unendliche Barmherzigkeit Gottes, die auch die größte Schuld verzeiht, ist sein Thema. Am Rande bemerkt: Sophokles lässt grüßen: „Gregorius“ entspricht „König Ödipus“, der Hauptfigur der gleichnamigen altgriechischen Tragödie des Sophokles. Hartmann überträgt das sagenhafte Problem auf die Ebene der höfischen Gesellschaft und verhandelt es auf christlichem Hintergrund.
Das „desperatio-Thema“ hatte also schon viel länger „in der Luft“ gelegen, als Haug behauptete; eigentlich schon seit 500 Jahren vor Christi Geburt! 35 Hartmann von Aue hatte das Problem seines „besonderen Interesses“ wegen als antiken Stoff lediglich für das 12. Jahrhundert „aktualisiert“. Auch die Behauptung, das Publikum habe beim Hören des Wortes „zwîvel“ von sich aus den Bezug zum‚ Gregorius’ hergestellt, ist unglaubwürdig. 36 Wie Haug dieses „luftige Argument“ benutzte, um dem wichtigsten Teil des Parzivalromans aus der Perspektive des „Gregorius“ eine völlig fremde Sinnrichtung zu geben, war erstaunlich genug. Dass es zu dieser Fehldeutung kam, hat natürlich einen weltanschaulichen Hintergrund, für den man den Text nicht verant-wortlich machen kann.
Es ist gut vorstellbar, dass man sich als nachreformatorisch geprägter Wissenschaftler des 19./20. Jahrhunderts nur schwer in die Denk- und Ausdrucksweise eines
34 Schuhmann, Martin: „Kritisches Referat zu Heinrich Hüning: Würfelwörter und Rätselbilder im Parzivalprolog Wolframs von Eschenbach, Frankfurt 2000“ in: Germanistik, 43/2002, Heft 3/4, S. 764f. Bemerkenswert: Der Autor und Rezensent promovierte tatsächlich im Jahre 2006!
35 Sophokles, griech. Tragiker aus Athen, um 497/96 v. Chr. gest. Athen 407/06
36 Haug 2001, S. 214
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Dichters versetzen konnte, der in einer noch katholischen Glaubenswelt lebte und von seiner Glaubensüberzeugung keinen Hehl machte. Wenn Walter Haug, wie bereits erläutert, den Eingang des Parzivalprologs interpretiert, spürt man ein erhebliches Wissensdefizit und mangelndes Einfühlungsvermögen in katholische Glaubenstraditionen, aus denen heraus Wolframs Texte im 12./13. Jahrhundert entstanden sind. Seine Art der Deutung des Prologtextes ist eine literaturprotestantische Projektion, nämlich der Versuch, ihn aus der nachreformatorischen Perspektive der Rechtfertigungslehre Luthers zu verstehen.
Aus der Perspektive der traditionellen Wolframforschung, die entscheidend von Haug geprägt wurde, möchte ich gezielt nach Gründen fragen, weshalb der Parzivalroman, insbesondere sein Prolog, sich bisher generell dem wissenschaftlichen „Zugriff“ als Ganzheit verweigert hat, obwohl jahrzehntelang die größten Anstrengungen zu seiner Deutung gemacht wurden. Für diese Interpretationsversuche seit 1835 wurde von der Geistes- und Literaturwissenschaft im Prinzip „stringente Rationalität“ behauptet, zumindest gefordert. Zur Erinnerung möchte ich mich in diesem Zusammenhang auf die allgemein bekannte Maxime Diltheys berufen, die für alle Geisteswissenschaften noch immer gilt: „So wie sich der Mensch in der Welt fühlt, so versteht und verhält er sich“. Die zugehörigen geisteswissenschaftlichen „Kategorien“, in Analogie zu denen der Naturwissenschaften, sind „Erleben - Ausdruck - Verstehen“. Warum ist es der neueren Forschung mit Hilfe dieser „Kategorien“ nicht gelungen, die überall spürbare Distanz zum Text zu überbrücken und sich ihm etwa „anzuschmiegen“, wie Lachmann (s. S. 32) sagt. Diese andere Art Verstehens hatte er zwar für das zeitgenössische Publikum im 12. Jahrhundert reklamiert, ohne es jedoch etwa auch für seine Zeit in Erwägung zu ziehen. Dem lag auch die Erkenntnis zugrunde, dass Wolfram seinen „Parzival“ für eine höfische Gesellschaft und nicht für eine Vorlesung im Hörsaal konzipiert hatte. Wenn er sich schließlich für den streng wissenschaftlichen Umgang mit den Texten Wolframs entschied, ließ er doch grundsätzlich die Möglichkeit gelten, sich den Sinn dieses poetischen Textes auch auf eine andere als „unerbittlich wissenschaftliche Weise“ zu erschließen. In diesem Sinne ist die vorliegende Arbeit z. B. der Versuch eines alternativen Zugangs zum Parzivalroman auf einem Weg, den Dilthey abgesteckt hatte.
Lachmanns Andeutungen zielen auf ein zeitgenössisches lebensweltliches Wissen des mittelalterlichen Publikums. Es geht dabei um ein „Vorverständnis“ aus Alltagserfahrungen in der höfischen Welt. Sie fehlen uns heute und sind ohne besondere Anstrengungen nicht mehr zugänglich: Wer spielt z. B. heute noch mit Würfeln aus dem Fußgelenk eines Schweins, den sog. „Bickeln“? Wer setzt dabei sein Glück aufs Spiel, so dass er die „Bickelwort“-Metapher Gottfrieds ohne weiteres verstünde? -Wer steigt - wenn auch nur in seiner Phantasie - heute noch in eine Ritterrüstung, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie man sich in dieser zweiten, eisernen Haut im Verhältnis zur eigenen, ersten fühlt?
Aus der „Innenperspektive“ von Harnisch und Helm klingt meine Deutung des „zwîvels“ als „zweierlei Haut“ - wie man die „zwîvel“-Metapher im Eingangsvers auch
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übersetzen kann - „beileibe“ nicht mehr „extravagant“. Wer kennt sich heute noch mit Pferden und ihrem Verhalten so aus, dass er die Anspielung auf deren Paarungsverhalten im Text des Parzivalprologs erkennen und im übertragenen Sinne als „Erec-Satire“ verstehen könnte? - Welcher Wissenschaftler versteht überhaupt etwas von der „ars venandi cum avibus“, der Beizjagd mit Vögeln oder der Raffinesse eines „alten Hasen“, die für einen „Greif“ (als Beizvogel) zu einer tödlichen Bedrohung werden kann? Das alles hat mit dem Text etwas zu tun, wie ich es belegen konnte. Wer vom Verhalten eines Habichts (als Beizvogel) oder eines Hasen (als Beutetier) nichts weiß, für den bleibt der Hasenvergleich ein Buch mit sieben Siegeln. Wegen fehlenden „Vorverständnisses“ (Erfahrungen) bleibt ihm die poetische Kraft dieses Textteiles grundsätzlich vorenthalten! Er hat keine Chance, ihn zu verstehen! Weil der Hasenvergleich sich direkt auf das vorhergehende „vliegende bîspel“ bezieht, wird auch dieser Text sein Geheimnis nicht preisgeben. Er bleibt ein unlösbares Rätsel: ein Schicksalsrätsel auch für die Wolframforschung!
Mit stringenter Rationalität und „unerbittlichem Abstrahieren“ hat das „Vorwissen“ und der notwendige „Sachverstand“ über „Bickel“, Rüstungen, Pferdeverhalten, Beizjagd, „zweierlei Felle“ etc. nicht direkt etwas zu tun. Die genannten Dinge haben jedoch über ihre bloße Sachlichkeit hinaus einen hohen symbolischen Stellenwert. Wolfram erwartet selbstverständlich, dass auch seine Zuhörer dieses Sachwissen haben und als „Vorverständnis“ mit einbringen. Es wird als subjektiver Beitrag - Wolfram nennt es eine „stiure“ (Steuer) - und als Basis für die Wahrnehmung der poetischen Dichte seines Textes (der künstlerischen Form!) ausdrücklich eingefordert. Wer diese Bedingung nicht erfüllt, kann - schlicht und einfach gesagt - nicht verstehen, worauf es im Text ankommt! Ohne erforderliches Sachwissen und den Bezug zu Realität macht bloß behauptete „Rationalität“ die lächerliche Figur der „tumben liute“. Um dieses „Vorwissen“ kann sich jeder Interpret auch im „Nachhinein“ bemühen. Man muss also nicht Zeitgenosse sein, um Wolframs Text zu verstehen.“ Wer es vorzieht auf eher „banal scheinende“ Sachinformationen „hinter dem Text“, verzichten zu können, macht methodisch gesehen den zweiten Schritt vor dem ersten. Abkürzungen dieser Art, die man gelegentlich mit „Abstraktionen“ verwechselte, sind auf wissenschaftlichen Wegen und bei „tumben liuten“ immer schon beliebt gewesen: „si ne mugens niht erdenken“, sagt Wolfram.
Wissenschaftlichkeit fängt im Grunde also nicht erst da an, wo man durch etymologische Analyse des Wortes etwas belegen kann oder muss. Dennoch kann sie sehr nützlich sein. Ein Beispiel dafür ist das Wort „wenken“. Aufgrund einer etymologischen Analyse dieses Wortes kann man zum Beispiel belegen, dass der Hase im Hasenvergleich gar nicht von einem Fuchs oder Hund verfolgt wird - so das landläufige Verständnis dieser wichtigen Textstelle - sondern von einem anderen Jäger angegriffen wird. Die genaue Analyse erfolgt an anderer Stelle dieses Kapitels. Entgegen seiner früheren Auffassung, der Eingang sei nicht nur eine Sentenz, sondern eine „Exordialsentenz“, spricht Haug nunmehr von einer „dezidierte(n) Absage
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an alles Lehr- und Beispielhafte“ und auch von der „Absage an die bisherige Erzählliteratur, insoweit sie ein didaktisches Verständnis insinuiert.“ 37 Diese Frage ist insofern besonders relevant, als Walter Haug die Deutung des „zwîvels“ - in seiner radikalsten Form als Exordialsentenz aus der Perspektive Hartmanns gedeutet hatte: „Ist zwîvel herzen nâchgebûr daz muoz der sele werden sûr“ (Pz. 1,1-1,2)
„Wer dem radikalen Zweifel an der göttlichen Gnade in seinem Herzen Raum gibt, der liefert seine Seele der Hölle aus“.
Diese Deutung hatte Haug mit seiner Lehre von drei Menschentypen verbunden. Nach Rücknahme dieser „Exordialsentenz“ bleibt er dennoch bei der Lehre von den drei Menschentypen. Überflüssigerweise hängt er sich damit ein unlösbares Problem an den Hals. Von drei „Menschentypen“ ist aber nirgendwo im Prologtext die Rede. Es geht hier um die Deutung der Verse 1,3-1,14. Die ersten vier Verse lauten: „gesmaehet unde gezieret ist swa sich parrieret unverzaget mannes muot, als agelstern varwe tuot. der mac dennoch wesen geil.“ (Pz. 1,3-1,7)
Haug übersetzt: „Schmachvoll und köstlich ist es, wo immer männliche Festigkeit mit der Gegenfarbe durchsetzt ist wie bei einer Elster.“ 38
Wenn es sich beim „vliegenden bîspel“ (1,1-1,14) tatsächlich um ein Schicksalsrätsel handelt, auf den der Hasenvergleich vorbereitet, indem er Bedingungen für die Lösung stellt, so hatte ihre Nichtbeachtung entscheidende Konsequenzen. Vom Sphinxrätsel her weiß man, dass es beim riskanten Umgang mit einem Schicksalsrätsel immer um Leben und Tod, im übertragenen Sinn um Verstehen oder radikales Nichtverstehen geht. Ein Rätsel nicht zu lösen, ist ein „Versagen“ im wahrsten Sinne des Wortes. Von diesem Risiko im Umgang mit dem „vliegenden bîspel“ ist im Hasenvergleich die Rede. Von daher hat mein - nur relativ subjektiver - Lösungsversuch nichts mit „Bescheidwisserei“ oder „Schulmeisterei“ zu tun. Ein Rätsel zu lösen ist die Aufgabe jedes Einzelnen. Lösungsergebnisse kann man entweder akzeptieren oder ignorieren, Lösungsbedingungen aber nicht. Über die Bedingungen des verstehenden Umgangs mit dem Parzivaltext als Kunst-form, über das Problem von Praxis und Theorie, Nähe und Distanz zum Text macht Lachmann in seiner Akademieabhandlung von 1835 „Über den Eingang des Parzival“ eine interessante Bemerkung, die darauf hinausläuft, dass „der Dichter wohl (hat) ein folgsames Anschmiegen der Aufmerksamkeit verlangen können“. Weiter heißt es bei ihm: „Zwar ist es mir immer vorgekommen, als ob die feinen und scheinbar fern liegenden Beziehungen, welche der Dichter zu nehmen liebte, fast durchaus
37 Haug 2001, S. 222f.
38 Haug 2001, S. 214f.
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bequem aus den gangbaren Ansichten, Bildern und Redeweisen der Zeit hervorgingen, so dass sich ihre Veranlassung meistens sehr in der Nähe findet. Ich muss daher glauben, dass ein Zuhörer, der in denselben Lebensverhältnissen und ähnlichen Gedanken stand, auch dem rascheren Gedankengang des gewandten und vielseitigen Dichtergeistes hat folgen können.“ 39
Lachmann spricht von höfischen „Lebensverhältnissen“ und den damit verbundenen „Lebenswelterfahrungen“, durch die der Dichter seinem Publikum verbunden war. Als heutiger Leser verfügt man in der Regel nicht, besonders nicht nach über 800 Jahren, „selbstverständlich“ über solche Erfahrungen. Zu den bevorzugten Tätigkeiten und besonderen Erfahrungen der höfischen „Lebenswelt“ gehörte beispielsweise die Jagd. Ob man sich unbedingt erst auf die Hirschjagd begeben muss, um den „Tristan“ zu verstehen ist die Frage. Wer allerdings nicht die geringste Ahnung von der Beizjagd hat oder dem Verhalten von Falken und Hasen nichts weiß, hat mit dem Parzivalprolog große Schwierigkeiten.
Unter diesen Umständen darf man fragen, ob es tatsächlich möglich ist - allein durch „folgsames Anschmiegen der Aufmerksamkeit“ an einen Text, in dem z. B. der Hasenvergleich eine entscheidende Rolle spielt, - seinen Sinn zu verstehen; oder ob nicht doch ein gerüttelt Maß an Wissen und eigener Erfahrung über Hasenjagd mit Beizvögeln nötig ist, um sie erstens auszuüben und danach ihrem literarischen Sinn auf die Spur zu kommen; dann wenn sie in einem Text als Metapher auftaucht. Man muss zu diesem Zweck nicht selbst auf die Beizjagd gehen; bekommt aber schon einen spezifischen „Eindruck“ vom Umgang mit einem „Greif“, wenn man selbst einmal einen Habicht auf der Faust hatte und intensive Gepräche mit verschiedenen Falknern geführt hat; nicht zuletzt im Hinblick auf die Deutung des Parzivaltextes. Wenn Wolfram nun eine Metapher aus dem Bereich der Beizjagd (Hasenvergleich) wählte und im literarischen Text das „vliegendes bîspel“ mit dem raffinierten Verhalten eines Hasen verglich, muss man sich heute - wohl oder übel - zunächst den „tumben liuten“ zurechnen lassen, weil man selbst nicht mehr viel von der Jagd versteht. So viel ist klar: Es geht im Parzivalprolog auch um Alltagserfahrungen der Menschen im 12. Jahrhundert, die uns heute fehlen und daran hindern, einen Mittelaltertext wissenschaftlich zu analysieren.
In der von ihm begründeten Phänomenologie hat Edmund Husserl sich im 20. Jahr-hundert diesem Problem gewidmet. 40 Professor Dieter Lohmar, der Leiter des Kölner Husserl-Archivs erklärte im Jahre 2009: „In Husserls ‚Lebensweltlehre’ wird die Einsicht ausgearbeitet, dass alltägliche Erkenntnisse auch für höchste wissenschaftliche Erkenntnisse fundamental wichtig sind.“ - Im Sinne Lachmanns will ich im folgenden versuchen, „auf gangbare Ansichten und Redeweisen, sowie zeitgenössische „Lebensverhältnisse“ einzugehen, in denen Fakten des höfischen Lebens eine entschei- 39 Brall1983, S. 49
40 Dietmar Carl, Suche nach dem geheimen Vokal, Kölner Stadtanzeiger vom 25. Sept. 2009, S. 31; In seiner „Neuen Serie“ mit dem Untertitel „Kölner Stadtanzeiger berichtet über Orte jenseits aller Hektik. Im Husserl-Archiv entschlüsseln Wissenschaftler schwierige Manuskripte“.
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dende Rolle spielten. Gemeint sind solche Realien, die - unverändert - auch heute noch dieselbe Rolle spielen bei der ästhetischen Wahrnehmung - und bei der Jagd. Als „Nebensächlichkeiten“ im Hintergrund des altehrwürdigen Textes verborgen, wurden sie auch von neuzeitlichen Interpreten gar nicht wahrgenommen oder übersehen. Es geht also nicht nur um „ein folgsames Anschmiegen der Aufmerksamkeit“, das der Dichter hat verlangen können 41 , sondern um die Kenntnisnahme einfacher und überzeitlich gültiger Sachverhalte und Realien aus der höfischen Lebenswelt, die jeder etymologischen Textanalyse vorausgehen müssen, damit „stringente Rationalität“, d. h. Wissenschaftlichkeit nicht nur behauptet, sondern auch belegt werden kann.
Weil es sich beim „Parzival“ um eine Art Nationalliteratur 42 handelt, muss sich jeder Student der Germanistik sozusagen „zwangsweise“ damit beschäftigen. Zur obliga-torischen Sekundär- bzw. Prüfungsvorbereitungsliteratur gehörte selbstverständlich immer die „Literaturtheorie des Mittelalters“ - von Walter Haug. Mir selbst wurde bei Beurteilung einer Examensarbeit- schwarz auf weiß - der Vorwurf gemacht, man müsse zwar nicht die gesamte Sekundärliteratur zum Parzivalprolog gelesen haben und zitieren, aber Walter Haug dürfe als Autor in keinem Literaturverzeichnis fehlen. Seine Arbeiten gehören seit ca. 30 Jahren zum Kanon der Sekundärliteratur des Parzivalromans! Mit dieser, als „Propädeutik getarnten Prüfungsvorbereitungsliteratur“ 43 hatte und habe ich auch heute noch große Schwierigkeiten. Durch das Nichtberücksichtigen der Realien und die Fehleinschätzung ihrer Wirkungen im Hintergrund wird u. U. ein uralter künstlerischer Text in seiner poetischen Qualität eher demoliert als erkannt mit dem Erfolg, dass sich bei Forschern, z. B. bei Knapp 44 in jüngster Zeit sogar dezidiert „die Frage nach der Validität von Wolframs gelehrtem Wissen“ stellt. Sie wird von ihm mit einer gewissen Dreistigkeit auch umgehend so beantwortet: „Wenn man es zu überblicken versucht, so stellt man fürs erste fest, dass es keineswegs enzyklopädisch ist, sondern äußerst selektiv und in der Regel eher randständig ist“.
„Nur bei der Heilkunde“ wird Wolfram - „fürs zweite“ - vom selben Autor eine „gewisse Vertrautheit mit der Materie“ attestiert. Wie nicht anders zu erwarten, springt im anschließenden Kommentar die „Katze aus dem Sack“: „Doch handelt es sich hier eher um praktisches denn um theoretisches, akademisches Wissen, so dass der Verweis auf lateinische Lehrbücher keine sehr große Plausibilität beanspruchen kann.“ Zu wissen, wie Hase oder Greifvogel sich verhalten, zählt für Knapp offenbar zu „ver-
41 Werwagte es heute noch, sich derart „unwissenschaftlich“ engagiert zu artikulieren? Wer wagt es andererseits, Lachmann zu widersprechen?
42 Als Artusroman gehört er selbstverständlich auch zur französischen und englischen „Nationalliteratur“; m. a. W. zum abendländischen Kulturgut.
43 Bahners; Patrick in: Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ, 5. Juni 2009, Aufsatz über Heinz Schlaffer mit dem Titel: „Kurz sei unser Lesen“, Untertitel: „Säkularisierung und Selbstdarstellung: Prägnante Beiträge zur Quellenkunde der deutschen Literatur“.
44 Knapp 2009, S. 173f. Mit seinem Verweis auf die „latinischen buochen“ hat Wolfram einen verschlüsselten Hinweis auf die erste Koranübersetzung (in lateinischer Sprache!) als „orientalische Quelle“ geben wollen (vgl. hierzu: Hüning 2000, S. 101).
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nachlässigendem praktischen Wissen“, das „keine Plausibilität beanspruchen kann“! Liegt es nicht in der „Natur des Sache“, dass man gerade mit solchem „praktischem Wissen“ den sogenannten „streng rationalen“, wissenschaftlichen Interpretationen von literarischen Texten in die „Quere kommen“ muss? Als Lebenserfahrung hat „praktisches Wissen“ logischerweise Vorrang 45 vor jeder Art von Theorie! Die indirekte Aussage Walter Haugs, dass auch traditionelle, nur „vorübergehend wissenschaftliche Interpretationen“ aus einer langen Forschungstradition von „tumben liuten“ stammen könnten, korrigiert ehrenwerterweise auch diese vorlauten Aussagen über Wolframs angeblich „gelehrtes Nichtwissen“.
Wenn nun die Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts eine rationale Umorientierung mitgemacht hat, „etwa als logische Durchdringung dessen, was die erzählte Handlung uns vorführt“ 46 , wie Haug feststellt, hätte jeder Interpret die erste Pflicht, sich an den Realien der Lebenswelt zu orientieren, in der sich diese Geschichte abspielt und die der Text reflektiert. Das ist eine Selbstverständlichkeit, die man in der Parzival-forschung nicht immer bedacht hat! Mit der hier vorgelegten Interpretation des Hasenvergleichs - auf dem Hintergrund „lebensweltlicher“ Erfahrungen soll diese Bedingung erfüllt werden. Durch Orientierung an der Realität lässt sich nämlich auf verblüffend „einfache“ Weise die konzeptionelle Zuordnung von Hasenvergleich und „vliegendem bîspel“ als Schicksalsrätsel erklären. Diese Bemerkung zielt konkret auf festgelegte Verhaltensweisen von Tieren und Menschen, die gleich sind und bleiben, ob sie nun im zwölften oder einundzwanzigsten Jahrhundert gelebt oder erlebt wurden: Ein Hase etwa hat sich mit Sicherheit vor 800 Jahren einem Angreifer gegenüber genau so verhalten, wie im 21. Jahrhundert. Der Zeitabstand spielt dabei keine Rolle! Wer ist heute beispielsweise nicht davon überzeugt, dass jeder Hase ein „Angsthase“ ist? Man glaubt sogar zu wissen, dass er immer davonläuft, dass er immer nur die Flucht ergreift. Ob dieses „landläufige Wissen“ etwas mit der Realität zu tun hatte, die der Text widerspiegelt, wurde nicht geprüft, interessierte in der Forschungsgeschichte auch niemanden!
Genau deshalb konnte die Frage nach der Bedeutung des Hasenvergleichs in seinem besonderen Verhältnis zum „vliegenden bîspel“ (1,1-1,14) bis heute nicht beant-wortet werden. Sie ist zu einer „Schicksalsfrage“ geworden, nicht nur für den „Parzival“ und seinen Prolog, sondern auch für die Forschung. Mit der Deutung des Prologs im Verhältnis zum Roman steht und fällt die Interpretation des ganzen Romans. Der Hasenvergleich gibt dem „vliegenden bîspel“ (Vers 1,1-14) als Romananfang den Rang eines Schicksalsrätsels. Dessen Lösung ist an bestimmte Bedingungen geknüpft, die im Hasenvergleich genannt werden. In diesem Vergleich (1,15- 1,19) werden sie selbst in einer Form artikuliert, die wiederum Rätsel aufgibt. Insofern handelt es sich um eine Kombination von zwei Rätseln, durch die der Zugang für „Unbefugte“ nochmals erschwert wird: Die Lösung des Schicksalsrätsels soll eine
45 Wer das nicht akzeptieren kann, setzt sich dem „dröhnenden Gelächter der thrakischen Magd“ aus: Sie musste sich seinerzeit fast „totlachen“ über den Philosophen, der mit himmelwärts gerichteter Nase kopfüber in eine Grube stürzte.
46 Haug 2006, S. 27
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Ebenbürtigkeitsprüfung sein. Durch die richtige Lösung erwirkt man sich den Zugang zum Geheimnis des Romans, seinem literarischen Konzept. Wer den geheimen Code errät, kennt damit die Parole, die ihm das Tor zum Roman öffnet. Die Erfüllung oder Nichterfüllung von Bedingungen hat schwerwiegende Folgen. Wer die Lösung nicht findet, darf den „Eingang“ nicht passieren, um ins Innere des Romans zu gelangen. Das Tor bleibt für ihn verschlossen.
2.8 Der „Hasenvergleich“ im Verhältnis zum „vliegenden bîspel“
In traditionellen Deutungen und Übersetzungen wird die Rolle eines Verfolgers des Hasen in der Regel einem Hund „zugedacht“. Im Text selbst ist davon nicht die Rede. Gelegentlich „entfliegt“ sogar das „vliegende bîspel“ dem Interpreten wie eine Elster, obwohl der Dichter selbst es nur mit einem Hasen vergleicht. Besonders bemerkenswert ist, dass der Hase von einem Jäger verfolgt wird, der absichtlich nicht genannt wird! Dadurch fordert Wolfram seine Zuhörer zur Mitwirkung heraus. Für ihren „Eintritt“ in das Romangeschehen und ihre Anteilnahme verlangt er eine „Beisteuer“, die sog. „stiure“ (2,7). Sie besteht in der Aufgabe, das Eingangsrätsels zu lösen. Jeder, der es versucht, geht ein hohes Risiko ein. Was man dabei riskiert, beschreibt der Hasenvergleich (1,15-19).
Um so wichtiger ist es zu fragen bzw. zu erfahren, wer der Verfolger des Hasen - und damit der „Angreifer“ des „vliegenden bîspels“ wirklich ist. Der landläufige Gedanke an einen Hund als Verfolger drängt sich zwar auf, erscheint jedoch als naheliegendste Erklärung verdächtig einfach und ist mit negativen Folgen für die Deutung des Textes belastet: Wegen einer gewissen Harmlosigkeit „verläuft“ sich nämlich das „Gespann“ von Hase und Hund, alias „vliegendem bîspel“ und „tumben liuten“ auf der „witweide“ mit Sicherheit „im Sande“.
Als ein Beispiel für einen vergeblichen Deutungsversuch des Hasenvergleichs im Blick auf den vorhergehenden Text (vliegendes bîspel) wird hier die Übersetzung von Dieter Kühn herangezogen. „diz vliegende bîspel ist tumben liuten gar ze snel, sine mugens niht erdenken: wand ez kann vor in wenken rehte alsam ein shellec hase.“ (Pz. 1,15-1,19). „Der Vergleich hier, so geflügelt, ist zu schnell für Ignorantenihr Denken kommt hier nicht mehr mit, denn es schlägt vor ihnen Haken wie ein Hase auf der Flucht.“ 47
47 Kühn 1991, S. 226
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„Der Hase auf der Flucht, der Hase, der loswetzt - also der Hase, der von Fuchs oder Jagdhund aufgespürt wird“, ergänzt D. Kühn seine o. a. Übersetzung. Wenn man von einem hakenschlagenden Hasen spricht, verbindet sich diese Vorstellung in der Regel assoziativ mit einem Hund, der ihn verfolgt. Es gibt Worte, die als Bilder reflexartig Assoziationen im Sinne von „Ergänzungen“ auslösen z. B. Himmel - Hölle, jung - alt, Katze - Maus oder auch Hase und Hund. Wenn dann auch noch vom „wenken“ bzw. „Hakenschlagen“ die Rede ist, entsteht die Assoziationskette: Hase -Hakenschlagen - Hund. Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Erzähler damit seinem Publikum die Möglichkeit „auf den Hund zu kommen“ geradezu anbietet: um den Text zu verschlüsseln. Dementsprechend ist in überlieferten Deutungen dieser Textstelle der Hase stets „auf der Flucht“, immer verhält er sich „fluchtartig“! Nach „theoretisch-allegorischem“ Vorurteil ist ein Hase immer ein „Angsthase“! Ist er das tatsächlich?
Irritiert durch den plötzlichen „Seitensprung“ des Textes mit Vers 1,15, aus der Perspektive des „vliegenden bîspels“ (1,1-1,14) in eine völlig andere Richtung, glaubt man, den Anfang des Prologs nicht richtig verstanden zu haben. Die ersten beiden rabiat klingenden Verse des sich anschließenden „Hasenvergleichs“ (1,15-1,16) entsprechen „formal“, d. h. im Verhältnis zum vorhergehenden „vliegenden bîspel“ (1,1-14) - nach Sinnrichtung, Inhalt und Form ziemlich genau der erzählten Handlung, d. h. exakt dem realen Geschehen: Dem „Satz“ eines Hasen quer zur „Flugrichtung“ eines möglichen Verfolgers: eines „grif“. Von einem Greifvogel als Verfolger war in bisherigen Interpretationen noch nie die Rede. - Zuerst einmal „auf den Hund gekommen“ liest man den Text noch einmal und immer wieder, ehe man darauf kommt, dass er eine völlig andere Situation schildert als man sie bisher beschrieben und gedeutet hatte; und dass ein ganz anderer „Angreifer“ im Spiel ist. Die bekannte typische Fluchtbewegung eines Hasen ist das plötzliche Aufspringen und Davonlaufen aus nächster Nähe. Man erlebt es, wenn man als Wanderer das Gelände durchstreift. Zum Hakenschlagen wird die Flucht erst, wenn ein Hund im Spiel ist. Auf solche Spaziergängererfahrungen verließ man sich bei traditionellen Deutungen des Hasenvergleichs. Etymologisch stützte man sich dabei auf das Wort „wenken“, das fälschlicherweise als Flucht im Zick-Zack-Kurs verstanden wurde. Damit wird das Bild einer nicht enden wollenden Verfolgungsjagd provoziert: Der hakenschlagende Hase und verfolgende Hund entfernen sich mit zunehmender Geschwindigkeit - bildlich und gedanklich - aus dem Blickfeld des Publikums und verschwinden schließlich am „literaturtheoretischen Horizont“ auf „Nimmerwiedersehen“: Damit ist nicht nur der Hase „entkommen“, sondern auch der „Hasenvergleich“ als wichtiges literarisches Bild. Es hat für den Text nur noch den Rang der Binsenwahrheit, dass ein Hund einen alten Hasen überhaupt nicht fangen kann: Der Verfolger ist immer der „Dumme“; der Hase und damit das „vliegende bîspel“ stets der Gewinner! Nach dieser Deutung kann das „vliegende bîspel“ als Rätsel weder von „tumben liuten“ noch von den „wîsen“ „begriffen“ werden. Damit „verflüchtigt“ sich nicht nur der Hasenvergleich als unsinnige Metapher, sondern auch das „vliegende bîspel“ als ein nicht zu lösendes Rätsel. Der Text macht sich auf diese Weise selbst überflüssig. Die
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Pointe des Romananfangs ist damit endgültig dahin, entwischt: „rehte alsam ein shellec Hase“.
In eine ähnliche Richtung verläuft die Deutung des Hasenvergleichs durch Walter Haug. In der Übersetzung der Textstelle spricht er - wie alle anderen Interpretenvon einem „Haken schlagenden Hasen.“ 48 Obwohl im Text ausdrücklich (expressis verbis!) zu lesen ist: „ diz vliegende bîspel ... kann vor in wenken rehte alsam ein schellec hase“, kommentiert Walter Haug den Hasenvergleich in seiner „Neuen Lektüre“ so: „Statt dessen greift Wolfram das Elsternbild auf, um es in eigentümlicher Weise zu problematisieren, indem er behauptet, es entfliege tumben liuten so schnell, dass sie es nicht fassen könnten“. Unter der Hand mutiert so das Subjekt des Hasenvergleichs zur Elster! - Im ersten Fall (Kühn) flieht das „vliegende bîspel“ wie ein Hase vor dem Hund. Im zweiten Fall wird die hakenschlagende Fluchtbewegung des Hasen „statt dessen“ zur gleitenden Flugbewegung der Elster uminterpretiert. Sie „entfliegt“ damit nicht nur den „tumben liuten“, sondern allen Zuhörern und Lesern. Wenn Haug das „vliegende bîspel“ wie eine Elster „entfliegen“ lässt, obwohl Wolfram ausdrücklich sagt, dass es sich wirklich („rehte“!) wie ein Hase verhält, ist das ein „Fehlgriff“, vor dem der Erzähler mit dem Hasenvergleich warnen wollte. Damit wird zugegeben, dass eigentlich niemand den Text verstehen kann („außer mir“ 49 ). Das kann doch nicht wahr sein!
Angesichts dieses Befundes muss man sich fragen, ob es der Sinn eines literarischen Textes oder „Motivs“ sein kann, „sinnlos“ zu erscheinen oder sich selbst überflüssig zu machen und damit auch noch das vorhergehende „vliegende bîspels“ (1,1-1,14) endgültig für unverständlich zu erklären: „si ne mugens nie erdenken“. Ob man solch „logischen Unfug“ einem Dichter, wie Wolfram von Eschenbach unterstellen darf, ist eine Gewissensfrage. Man sollte sie an sich selbst richten! - Wer von Skrupeln nicht geplagt wird oder sich selbst „a priori“ den „tumben liuten“ nicht zurechnet, liest weiter und überhört „großzügig“ - wenn auch ein wenig irritiert - die „Unhöflichkeit“ des Dichters.
„Das hört sich seltsam an“, kommentiert Haug 50 enttäuscht, nachdem er erklärt hatte, wie er selbst sich den Fortgang der Geschichte eigentlich vorgestellt hätte: „Was man nun erwarten würde, wäre ein Hinweis darauf, unter welchen Bedingungen dieser schwarz-weiße Mensch doch glücklich und gerettet werden kann, man erwartet ein Wort zur Wende, zur Möglichkeit einer Umkehr über Krise, Einsicht, Reue, Buße ..., Denn wieso sollten nicht auch tumbe, wenig ‚kenntnisreiche’, ‚unerfahrene’, ‚unwissende’ - Leute einzusehen vermögen, dass es nicht nur radikal gute und radikal schlechte Menschen gibt, sondern auch den gemischten Typus.“ 50 Mit all dem hat weder das „vliegende bîspel“ noch der Hasenvergleich etwas zu tun!
48 Haug, Walter 2001 S. 220
49 Den zu erwartenden spöttischen Kommentar („außer mir“) habe ich vorsorglich bereits hinzugefügt.
50 Haug 2001, S. 211ff.
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2.9 Die „Kunst des Jagens“ und Dichtens
Wenn ein mittelalterlicher Dichter mit einer bedeutungsvollen Metapher auf die „Jagd“ anspielte, hatte das ein viel größeres Gewicht, als wenn man sich heute zum selben Thema äußert. Nicht zuletzt gehörte die Jagd im Mittelalter - über die Notwendigkeit der Fleischversorgung hinaus - zu den bevorzugten Lieblingsbeschäftigungen der höfischen Gesellschaft. Die Beizjagd mit Falke und Habicht war die besonders angesehene „Kunst“ des Jagens, mit der sich sogar Kaiser und Könige hingebungsvoll praktisch und theoretisch beschäftigten, z. B. Friedrich II. mit seinem Werk „Ars venandi cum avibus“.
Das besondere Thema Gottfrieds von Strassburg im „Tristan“ war die Hirschjagd. Mit seiner speziellen Metapher aus diesem Bereich, dem „bast“, versuchte er, dem Publikum das literarische Konzept seines „Tristan“ am Vorgang des „Fellabziehens“ als einen „Abstraktionsprozess“, im übertragenen Sinne als einen Rationalisierungs- und Erkenntnisprozess zu vermitteln.
Nicht ohne Grund spielt auch Wolfram in seinem Prolog auf die Jagd an und zielt u. a. damit auf seinen Dichterkollegen. Seinen Hasenvergleich kann man - im Kontext mit dem Eingangsrätsel des Parzivalprologs (1,1-1,14) durchaus als ironische Replik auf Gottfrieds Jagdmetapher, den „bast“, verstehen. Die „zwîvel“ des Eingangs (zweierlei Felle oder Hüllen) haben sicherlich etwas mit dem „Fellabziehen“ Gottfrieds zu tun, jedoch ebenso mit dem eigenen, ganz anderen Konzept, das Gottfried nicht verstehen konnte oder wollte! Wolfram wählt sein literarisches Bild aus einem Bereich der höher angesehenen höfischen Jagdkunst, nämlich dem der Beizjagd auf Niederwild. Die Hasenjagd gehört dazu. Das geschieht im dezidierten Gegensatz zur Hirschjagd und dem „bast-Konzept“ Gottfrieds im „Tristan“. Ich möchte diese These noch unterstreichen. Sie lautet: Nicht nur die „zwîvel“ -Metapher des Parzivaleingangs, sondern auch der „Hasenvergleich“ korrespondieren direkt mit der „bast“-Metapher. In dieser direkten Konfrontation geht es um zwei diametral entgegen gesetzte literarische Konzepte: Gottfried „abstrahiert“. Er „zieht ab“ im weitesten Sinne des Wortes. Wolfram verlangt das Gegenteil: die „stiure“ oder „Beisteuer“.
Gottfried seinerseits reagiert auf den Angriff Wolframs ebenfalls mit einem „Hasenvergleich“: Damit ist erstens sichergestellt, das jeder weiß, welcher Dichterkollege gemeint ist. Zweitens hat seine Erwiderung die Form einer scharfen Polemik. Sie soll die negativen Wirkungen des Angriffs auf sein literaturtheoretisches Konzept durch Wolfram neutralisieren. Zum Verhältnis und Verständnis beider Hasenvergleiche sind einige Anmerkungen notwendig: Im Kampf der „Rammler“, der männlichen Hasen, um die Gunst Häsinnen auf der „witweide“, werden regelrechte Boxkämpfe ausgetragen. In diese Richtung möchte Gottfried die Pointe des Hasenvergleichs ab- bzw. umlenken! Die Hasen als Konkurrenten schlagen sich nach allen Regeln der Kunst ihre krallenbewehrten Vorderpfoten „rechts und links um die Ohren“, so dass diese blutig geschlagen, oft auch regelrecht „geschlitzt“ werden.
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Arbeit zitieren:
Dr. Heinrich Hüning, 2010, Der Parzivalroman Wolframs von Eschenbach - Ein Schicksalsrätsel, München, GRIN Verlag GmbH
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