SE G.W. Leibniz. Eckhard Eva
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Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG 3
2 JOHN LOCKE. KRITIK AM INNATISMUS. 4
3 GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ 6
4 KRITISCHE ANALYSE 9
5 RESUMÉ. 15
6 QUELLENVERZEICHNIS. 17
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1 Einleitung
In dieser Arbeit wird es vor allem darum gehen, woher unsere Erkenntnisse stammen, und ob der Innatismus eine adäquate Antwort auf diese Frage ist. Auch welche Rolle das Bewusstsein bei der Beantwortung dieser Frage spielt, wird ein wichtiger Punkt sein. Dabei werden zwei Philosophen besondere Beachtung erhalten. Gottfried Wilhelm Leibniz wird dabei die Hauptfigur sein, wobei auch John Locke eine große Rolle spielen wird, da Leibniz sein gesamtes Werk „Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand“ 1 an Lockes Werk „Essay concerning human understanding“ 2 anlehnt. Um zu verstehen, worauf sich Leibniz gerade bezieht, muss man also auch Lockes Thesen kennen. Auch Locke geht es in seinem Buch hauptsächlich um die Ursprungsfrage der Ideen. Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass Locke die Erfahrung als die wichtigste Quelle des Erkenntnismaterials betrachtet und er den Innatismus ablehnt. Locke gilt somit als Vertreter des Empirismus, der grob gesagt behauptet, dass es keine apriorische sondern nur erfahrungsabhängige, aposteriorische Erkenntnis gibt. Leibniz zählt zu den Vertretern des Rationalismus. Rationalisten behaupten, dass die Vernunft des Menschen in der Lage ist, Teile der Realität zu erkennen, ohne dabei der Erfahrung zu bedürfen. Leibniz meint, dass unsere Sinne zwar notwendig aber nicht hinreichend für unsere Erkenntnisse sind. Diese unterschiedlichen Anschauungen werden natürlich auch in der Bearbeitung der Frage nach dem Erkenntnisgewinn eine große Rolle spielen. Was ist nun der Innatismus. Der Innatismus wird auch als Lehre von den eingeborenen Erkenntnissen bezeichnet. Diese kann zwei Formen annehmen. Die eine Form nennt man naive oder auch extreme These. Sie besagt, dass bestimmte Ideen und Prinzipien schon bei der Geburt von Gott eingeprägt werden. Die zweite, oder auch gemäßigte These behauptet, dass ein implizites Wissen von den Ideen oder Prinzipien eingeboren ist, aber wir müssen diese erst selbst entdecken. Es handelt sich dabei also um Dispositionen oder Fähigkeiten. Wie wir sehen werden, bringen beide Versionen einige Probleme mit sich. Wichtig ist, dass Leibniz versuchen wird, einen Mittelweg zwischen beiden zu finden, um so Lockes Kritik am Innatismus unschädlich zu machen. 3
1 Vgl. LEIBNIZ, G.W., 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, Meiner, Hamburg.
2 Vgl. LOCKE, J., 2008, An Essay concerning human understanding, Oxford University Press, Oxford.
3 Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 4 ff.
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2 John Locke. Kritik am Innatismus
Ich möchte mit einer Darstellung von Lockes Sichtweise beginnen, weil ich der Meinung bin, dass dies nötig ist, um später die Theorien von Leibniz besser verstehen zu können. Locke möchte in dem ersten Buch seines Werkes klarmachen, dass wenn man die These vertritt, dass es angeborene Ideen gibt, man auch so weit gehen muss zu sagen, dass ein Kind bereits bei seiner Geburt das Identitätsprinzip kennt. Aber Locke geht es in seinem ersten Buch nicht nur um die Erkenntnisfrage. Das wird vor allem bei der Betrachtung seiner Argumente klar. Einen Teil seiner Argumente nehmen politische Argumente ein. Damit kann man das erste Buch nicht nur als eine Abhandlung über die Erkenntnislehre, sondern auch als ein Manifest eines Aufklärers sehen. Er möchte die Menschen dazu anregen selbst nachzudenken. Er sieht den Innatismus als eine Gefahr für das Selbst-Denken. Politiker und andere Autoritäten können den Innatismus ausnützen, um Macht über Menschen auszuüben. 4 Es ist wichtig auch diese Komponente in Lockes Kritik am Innatismus wahrzunehmen. Im ersten Kapitel des zweiten Buchs von Locke geht es dann hauptsächlich um die Frage, ob die Seele des Menschen immer denkt oder nicht. Locke geht davon aus, dass keine Ideen in unserem Geist sind, die nicht aktuell von uns perzipiert werden. Ideen bestehen nicht länger als der Erkenntnisakt selbst und sie hören auf etwas zu sein, sobald sie nicht mehr wahrgenommen werden. Damit sind die Ideen an den Denkakt gebunden. Diese Überzeugung gleicht der Ockham´schen Ideenlehre, welche behauptet, dass während eines Erkenntnisaktes keine Abbilder entstehen können, welche zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorgeholt werden können. Damit ist für Ockham auch der Denkinhalt vorüber, sobald der Denkakt vorüber ist. Locke hingegen meint, dass Ideen nicht verschieden von unserem Denkakt sind und sie ihn daher nicht überdauern, aber wir können Ideen mittels unserer Fähigkeit uns zu Erinnern „wiederholen“. 5
Locke vertritt die Vorstellung des Geistes als „tabula rasa“. Das bedeutet, dass der Geist zu Beginn gleichsam ein unbeschriebenes Blatt ist, welches erst durch die verschiedenen Erfahrungen (sensation and reflection) „beschrieben“ und damit gestaltet wird. Die einfachen Ideen stammen aus der inneren (reflection) und der äußeren Erfahrung (sensation). Diese einfachen Ideen werden aus der Erfahrung abgeleitet, dazu muss aber keine Aktivität des Verstandes vorherrschen. Das bedeutet, dass der Geist beim „Empfang“ der sinnlichen Erfahrungen nur eine passive Rolle spielt. Damit sind, wie schon in der Einleitung erwähnt,
4 Vgl. SPECHT, R., 2008, „Über Angeborene Ideen bei Locke“, In: THIEL, U.,(Hrsg), 2008, Essay über den
menschlichen Verstand. Klassiker auslegen, Akademie, S. 41 ff.
5 Vgl. SPECHT, 2008, „Über Angeborene Ideen bei Locke“, S. 44 ff.
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die Sinne die Quelle der meisten unserer Ideen. Es ist wichtig, dass man Lockes Anschauung des Menschen als „tabula rasa“ nicht missinterpretiert. Locke behauptet nicht, dass nichts angeboren ist. Bestimmte Tendenzen und Fähigkeiten können dem Menschen eingeboren sein. Solche Tendenzen wären etwa, dass Menschen Schmerz vermeiden wollen, aber Glück suchen. Locke unterscheidet zwischen Ideen und Prinzipien. Prinzipien bestehen aus Verknüpfungen von Ideen, doch weder die Ideen noch die Prinzipien können laut Locke eingeboren sein. „Was den Ursprung der Ideen betrifft, so glaube ich […], daß es ebensowenig eingeborene Ideen als eingeborene Grundsätze gibt.“ 6
Locke kritisiert sowohl die naive als auch die gemäßigte Version des Innatismus. Er bringt im Wesentlichen zwei Kritikpunkte vor, um zu zeigen, dass die beiden Versionen des Innatismus nicht wahr sein können. Als erstes kritisiert er die Vorstellung, dass es über bestimmte Prinzipien „universal consent“ oder zu Deutsch „allgemeine Übereinstimmung“ gibt. Nach dieser Vorstellung sind bestimmte Prinzipien von Gott eingeboren, da alle Menschen sie akzeptieren. Locke meint, dass die allgemeine Übereinstimmung nur eine notwendige nicht aber eine hinreichende Bedingung ist, um die Angeborenheit von Prinzipien zu beweisen. Es könnte durchaus auch andere Wege geben, wie die Menschen zu dieser Übereinkunft hinsichtlich der geltenden Prinzipien gekommen sind. Was Locke jedoch für noch wirkungsvoller hält, ist der Hinweis darauf, dass es in Wirklichkeit gar keine allgemeine Übereinkunft unter den Menschen hinsichtlich gewisser Prinzipien gibt. „Was aber noch viel schlimmer ist, diese allgemeine Übereinstimmung findet gar nicht statt […]“ 7 Das bedeutet, dass nicht einmal die notwendige Bedingung erfüllt ist. Damit widerspricht das Argument des „universal consent“ der empirischen Forschung.
Lockes Kritik an der zweiten Fassung des Innatismus lautet wie folgt: Wenn gewisse Prinzipien in unserem Geist sind, dann müssen wir sie auch erkennen. Wenn jedoch nur die Fähigkeit bestimmte Prinzipien zu erkennen angeboren ist und man den Innatismus auf diese Theorie reduziert, dann löst sich der Innatismus quasi auf, denn die Behauptung, dass es nur Fähigkeiten und nicht Prinzipien sind, die uns eingeboren sind, ist so schwach, dass es gar keine Auseinandersetzung mehr gibt. Locke will mit dieser zweiten Kritik zeigen, dass keine Version des Innatismus vertretbar ist. Die erste, naive Version ist leicht widerlegbar und die zweite Version ist einfach zu trivial. Somit scheint die Lehre des Innatismus in beiden Varianten widerlegt zu sein. 8
6 Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 34
7 Ebd. S. 36
8 Vgl. JOLLEY, N., 1986, Leibniz and Locke. A Study of the New Essays on Human Understanding, Clarendon
Press, Oxford, S.169 ff.
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Locke geht nicht davon aus, dass die Seele immer denkt, denn er meint, dass so wie auch Körper ohne Bewegung sein können, auch die Seele ohne Denken sein kann. Der Mensch kann außerdem nicht denken, ohne ein Bewusstsein von seinem Denken zu haben. Damit wird das Denken an das Bewusstsein geknüpft. „Es ist nicht leicht, sich vorzustellen, daß ein Wesen denken kann, ohne zu merken, daß es denkt.“ 9 Zur Untermauerung dieser Annahme wird sehr oft das Beispiel des traumlosen Schlafes vorgebracht.
3 Gottfried Wilhelm Leibniz
Leibniz geht anders als Locke davon aus, dass es in unserer Seele eingeborene Ideen gibt, welche durch die sinnlichen Erfahrungen aktiviert werden können. Die stärkste eingeborene Idee ist die Gottesidee, denn sie findet sich bei allen Völkern und Menschen. 10 Leibniz geht es nun vor allem darum, einem Mittelweg zwischen den zwei von Locke beschriebenen Varianten des Innatismus zu finden, wodurch es ihm gelingen würde, Lockes Kritik zu entgehen und somit zu zeigen, dass es doch eingeborenen Ideen gibt. Leibniz Haltung lässt sich am besten mit folgendem Satz beschreiben: „ Nihil est in intellectu quod non fuerit in sensu, excipe: nisi ipse intellectus.“ 11 Damit stimmt er einerseits mit Locke überein, denn er behauptet, dass nichts im Verstand ist, was nicht zuvor von den Sinnen erfasst wurde. Wichtig ist aber der Zusatz, den Leibniz macht, nämlich, die Ausnahme des Verstandes selbst. Durch diesen Zusatz wird deutlich, worum es geht, nämlich was den Verstand ausmacht und welche Rolle er im Prozess der Erkenntnisgewinnung spielt. Einfache Ideen können bei Leibniz also durch sich selbst begriffen werden. Diese Ideen sind jedoch als Dispositionen zu verstehen. Wir sind uns dieser Ideen keineswegs immer bewusst, aber wir besitzen die Fähigkeit sie aktiv aus uns hervorzubringen. Leibniz entgegnet Locke also, indem er nicht nur von der Fähigkeit sondern von der Disposition bestimmte Ideen und Prinzipien hervorzubringen, spricht. Um dies zu verdeutlich verwendet Leibniz seine berühmt gewordene Analogie des Marmorblocks. Die Adern, die in einem Marmorblock enthalten sind, sind laut Leibniz als eine Art Disposition zu verstehen, denn der Stein hat durch sie die Disposition zu einer ganz bestimmten Figur und nicht zu irgendeiner Figur zu werden. Er schreibt: „Gäbe es aber in dem Stein Adern, welche die Gestalt des Herkules eher als irgendeine andere Gestalt anzeigten, so würde dieser Stein dazu mehr angelegt sein, und Herkules wäre ihm in gewissem Sinne wie eingeboren, wenn auch Arbeit nötig wäre, um
9 Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 79.
10 Vgl. GRABNER-HAIDER, A., 2009, Die wichtigsten Philosophen, Marix, Wiesbaden, S. 111.
11 Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 77.
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diese Adern zu entdecken […]“ 12 Eine weitere Möglichkeit diesen Gedanken auszudrücken hat auch schon Descartes aufgezeigt. Er meint, dass man sagen kann, dass uns Ideen angeboren sind, wie man auch sagen kann, dass bestimmte Krankheiten oder bestimmte Wesenszüge wie Großzügigkeit gewissen Familien angeboren ist. Wenn ich in einer Familie aufwachse, in der schon viele Familienmitglieder an Krebs gestorben sind so ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch ich an Krebs erkranke größer. In unserer Familie gibt es dann eine Disposition zu dieser Krankheit. Das bedeutet aber noch nicht, dass es gewiss ist, dass auch ich an Krebs sterben muss 13 Es besteht also sowohl die Möglichkeit als auch die Disposition gewisse Prinzipien in sich selbst zu finden. Trotzdem bedeutet das nicht, dass wir uns alle auch immer aktual dieser Prinzipien bewusst sind.
Ein weiterer sehr wichtiger Punkt, den ich ansatzweise auch schon erwähnt habe, ist die Aktivität des Geistes diese Prinzipien in sich selbst zu entdecken. Also ist der Geist, anders als bei Locke, nicht nur passiv, indem er die Fähigkeit besitzt Erkenntnisse aufzunehmen, er kann sie aktiv aus sich selbst schöpfen, wie Leibniz meint. Seine neue Version des Innatismus behauptet also, dass der Geist eine aktive und nicht nur eine passive Rolle beim Empfang von Ideen spielt. Das bedeutet, dass der Geist die Prinzipien selbst in sich entdecken kann. Die Sinne spielen dennoch keine unwichtige Rolle bei diesem Prozess, denn sie geben uns quasi den Anlass oder den Input dazu. 14 So betrachtet sind uns die Gesetze der Geometrie und der Arithmetik eingeboren. Man kann sie in sich entdecken, wenn man den Geist aufmerksam auf das lenkt, was schon im Geist vorhanden ist. Diesen Prozess nennt Leibniz Reflexion. Als Beispiel dafür nennt Leibniz das Beispiel mit Sokrates und einem Kind. Sokrates hat es geschafft, dass das Kind selbst eine sehr komplizierte geometrische Wahrheit entdeckt, ohne ihn etwas über Geometrie zu lehren. Er stellte ihm nur die richtigen Fragen. Angeregt durch diese Fragen fand der Junge die Wahrheit durch Reflexion in sich selbst. 15 Nun möchte ich noch besonders auf den Bewusstseinsbegriff bei Leibniz eingehen, da er eine große Rolle in der Auseinandersetzung mit Lockes Innatismus-Kritik spielt. Grob gesagt kann man es so beschreiben: Für Locke ist jeder mentale Akt mit Bewusstsein verbunden. Für Leibniz ist Bewusstsein ein mentaler Akt höherer Ordnung. Bewusstsein gehört nicht zur Perzeption selbst.
Locke hält es für einen Widerspruch zu sagen, dass sich in unserer Seele Wahrheiten befinden, die jedoch nicht bewusst von ihr wahrgenommen werden. Wenn etwas in meinem Geist ist,
12 Ebd. S. 8
13 Vgl. JOLLEY, 1986, Leibniz and Locke, S. 171.
14 Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 42 f.
15 Vgl. JOLLEY, N., 2005, Leibniz, Taylor & Francis, London, S. 109.
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dann muss ich auch irgendwie davon wissen. Die Denktätigkeit ist bei Locke immer auch mit Bewusstsein verbunden. Er lehnt es aber anders als René Descartes ab, zu sagen, dass die Seele immer denkend ist, weil sie sich ihrer Denktätigkeit immer bewusst sein müsste. Die Erfahrung widerspricht dieser Annahme jedoch. Die Seele denkt also nicht immer, (beispielsweise bei einem Ohnmachtsanfall oder einer Narkose) wenn sie aber denkt, dann ist dieser Prozess von Bewusstsein begleitet.
Leibniz hingegen ist der Meinung, dass wir uns niemals all unserer Erkenntnisse bewusst sind. Ebenfalls meint er, dass Körper niemals ohne Bewegung sein können. Die Seele ist zwar laut Leibniz immer tätig und denkend, aber sie ist sich dieser Tätigkeit nicht immer gewahr. Damit ist das Denken bei Leibniz nicht notwendigerweise mit Bewusstsein verbunden. Er glaubt weiters, dass es viele Anzeichen dafür gibt, dass wir zwar ständig perzipieren, aber diese Perzeptionen nicht immer von Reflexion begleitet sind. Wenn man sehr lange an einem Fluss lebt, wird man das Geräusch des Flusses zwar immer noch perzipieren, aber man wird sich dieser Perzeption nicht ständig bewusst sein, weil sie den Reiz der Neuheit verloren hat. Daraus folgt, dass uns nicht alles bewusst ist, was wir wahrnehmen. Als Beispiel nennt er das Getöse des Meeres. Um das Meeresgetöse zu hören, meint Leibniz, muss man jeden einzelnen Teil aus dem sich das gesamte Geräusch zusammensetzt, hören. Also nehmen wir das Geräusch jeder einzelnen Welle wahr, sind uns jedoch nur dem Meeresgetöse als Ganzes bewusst. Es ergibt sich hier das Problem, dass Leibniz nicht beschreiben kann, wie aus vielen kleinen und unbewussten Perzeptionen plötzlich ein Bewusstseinszustand entstehen kann. Er selbst schreibt, dass auch noch so viele Nichtse zusammengenommen nicht Etwas ergeben. Daher scheint es, dass auch die kleinen oder unmerklichen Perzeptionen zu einem gewissen Grad bewusst sein müssen, denn ansonsten könnten sie nicht irgendwann zu Bewusstem werden. 16 Leibniz trifft eine weitere wichtige Unterscheidung zwischen implizitem und dispositionalem Wissen, wobei er diese Unterscheidung nicht genau ausarbeitet. Implizites Wissen kommt in Situationen, in denen wir es brauchen, unbewusst zur Anwendung. Ein Kleinkind ist sich daher des Gebots des verbotenen Widerspruchs nicht bewusst, kann aber trotzdem wissen, dass der Satz „Süsses schmeckt nicht gleich wie Saures“ wahr ist. Implizites Wissen ist damit aktual und dadurch gekennzeichnet, dass uns das jeweilige Prinzip im Moment der Anwendung nicht bewusst sein muss. Dispositionales Wissen ist die Fähigkeit sich ein bestimmtes Wissen anzueignen. Damit kann Leibniz behaupten, dass uns gewisse Prinzipien eingeboren sind, ohne dass sie uns zu jeder Zeit bewusst sein müssen. Leibniz geht davon aus, dass nicht nur bestimmte Ideen sondern auch Prinzipien, wie etwa das
16 Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 9 ff.
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Identitätsprinzip eingeboren sind. Die Konsequenz aus dieser Annahme ist, dass auch schon Kinder ein implizites Wissen von solchen Prinzipien haben. Er sagt, dass man nicht so tun sollte, als ob das Prinzip und das Beispiel, das für die Anwendung des Prinzips steht, etwas Unterschiedliches seien. Wenn also ein Kind sagt, dass ein Hund kein Esel ist dann hat es implizites Wissen von dem Identitätsprinzip. Daher kann Leibniz nicht sagen, dass es eine Voraussetzung ist, dass man das Prinzip gegebenenfalls auch formulieren können muss, wenn man von jemandem behaupten will, dass er implizites Wissen von diesem Prinzip hat. 17
4 Kritische Analyse
In diesem Abschnitt möchte ich vor allem die Hauptargumente, die in dem Werk von Leibniz vorkommen, darstellen und kritisch betrachten. Auch meine eigene Meinung wird dabei eine Rolle spielen.
Leibniz hat sein Werk „Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand“ in Dialogform geschrieben. Auch wenn es Leibniz wie er selbst sagt, nicht gelungen ist, einen anmutigen dialogischen Vortrag zu schreiben, so ist es für den Leser doch hilfreich auch Lockes Sichtweise, auf die sich Leibniz ständig bezieht, vorgetragen zu bekommen, auch wenn dies nur in komprimierter Form geschieht. Meiner Meinung nach ist der Dialog angenehm zu lesen, da nicht vorausgesetzt wird, dass man alle Annahmen, die Locke trifft, bereits kennt. Außerdem gibt der Dialog Leibniz die Möglichkeit durch die Erwiderungen oder Einwürfe von Locke seine eigenen Theorien weiterzuentwickeln und somit schrittweise zu argumentieren.
Gleich zu Beginn möchte ich sagen, dass mir bei der Lektüre des Buches aufgefallen ist, dass Leibniz nur sehr selten wirkliche Argumente für oder gegen eine Theorie vorbringt. Die meiste Zeit bestärkt er seine Annahmen dadurch, dass er Beispiele für sie nennt. Zuerst möchte ich vor allem diejenigen Argumente von Leibniz betrachten, die er im Zusammenhang mit dem Innatismus vorstellt. Als erstes beschäftige ich mich mit der Frage, ob alle Wahrheiten alleine von der Erfahrung abhängen, oder ob es nicht auch Wahrheiten gibt, die alleine durch die Vernunft bewiesen werden können. Leibniz ist der Meinung, dass unsere Sinne nicht ausreichen, um bestimmte Grundsätze oder Wahrheiten zu beweisen, da sie uns stets nur Beispiele liefern. Leibniz Argument für die Anschauung, dass es Wahrheiten gibt, die nur von der Vernunft abhängen, lautet wie folgt: „Nun genügen aber alle Beispiele, die eine allgemeine Wahrheit bestätigen, mögen sie noch so zahlreich sein, nicht, um die
17 Vgl. JOLLEY, 2005, Leibniz, S. 172 f.
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allgemeine Notwendigkeit eben dieser Wahrheit dazutun, denn es folgt nicht, daß das, was geschehen ist, immer ebenso geschehen werde.“ 18
Hier kann ich mich der Meinung von Leibniz anschließen, denn ich bin ebenso der Meinung, dass man durch Induktion keine Theorien, Gesetzte oder angenommene Wahrheiten beweisen kann. Ein Gegenbeispiel würde ausreichen, um die gesamte Theorie zu widerlegen. Leibniz meint auch einen Beweis für die Eingeborenheit von gewissen Prinzipien gefunden zu haben und er meint ebenso, dass er Locke mit seinen eigenen Annahmen schlagen und ihn widerlegen kann. Sein Widerlegungsversuch funktioniert folgendermaßen: Leibniz verwendet Lockes Begriff der Reflexion so, dass daraus ein Argument für den Innatismus entsteht. Die Reflexion sei nichts anderes, als die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was bereits in uns ist. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas richten, was bereits in uns ist, so ist dies nach Leibniz angeboren. Leibniz vergisst jedoch, dass Locke mit Reflexion etwas anderes bezeichnet als Leibniz. Für Leibniz ist die Reflexion dessen was in uns ist, ein Beweis für den Innatismus, denn sie zeigt, dass es in uns Substanz, Veränderung, Sein, Einheit und vieles andere gibt. 19
Locke hingegen meint mit Reflexion, dass wir die Operationen unseres eigenen Geistes in uns wahrnehmen. Reflexion ist also die innere Erfahrung. Unser Geist kombiniert und vergleicht die Ideen, die er durch die äußere Erfahrung erhält. Das Wahrnehmen dieser Tätigkeit nennt Locke Reflexion. An dieser Darstellung kann man erkennen, dass die zwei Philosophen eine andere Vorstellung davon haben, was Reflexion ist. Leibniz verwendet den Begriff so, dass er daraus eine Widerlegung der Kritik von Locke am Innatismus machen kann, doch meines Erachtens geht dieser Versuch schief, denn so wie Locke die Reflexion versteht, lässt sich nicht zeigen, dass der Innatismus wahr sein muss. Wir richten bei Locke unsere Aufmerksamkeit lediglich auf das, was uns durch die Sinne in den Geist gegeben wurde. Daraus kann man nicht schließen, dass sich der Geist auf etwas richtet, was schon zuvor in uns vorhanden ist.
Leibniz wehrt sich gegen den Vorwurf, dass Vertreter der Innatismus ihre These durch die allgemeine Übereinstimmung beweisen wollen. Er schreibt, dass er selbst zwar glaubt, dass eine allgemeine Übereinstimmung ein Hinweis dafür sein kann, dass gewisse Prinzipien eingeboren sind, aber sie reicht nicht aus, um auch einen Beweis für den Innatismus zu liefern. Der Beweis dafür, dass Prinzipien eingeboren sind, liegt darin, dass wir sie aktiv in uns selbst finden können. Dieses Argument von Leibniz halte ich für eher schwach, denn woher sollten
18 Vgl. LEIBNIZ, 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, S. 5.
19 Ebd. S. 7 f.
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wir Menschen wissen, dass wir gewisse Prinzipien in uns selbst entdecken? Leibniz kann meiner Ansicht nach nur behaupten, dass wir die aktive Fähigkeit Prinzipien in uns zu entdecken, haben, aber beweisen kann er sie nicht.
Als nächstes möchte ich mich dem Marmorbeispiel von Leibniz widmen. Leibniz führt dieses Beispiel als Gegenkonzept zu Lockes tabula rasa ein. Anhand des Marmors, der in sich schon gewisse Formen durch den Verlauf seiner Adern vorgegeben hat, möchte Leibniz zeigen, dass auch der Mensch schon gewisse Ideen und Prinzipien in sich trägt und es nur noch Arbeit bedarf, um diese Prinzipien auch selbst in sich und durch eine aktive Funktion des Verstandes zu entdecken. 20
Ich persönlich halte das Bild des Marmorblocks für problematisch. Auf der einen Seite kann ich zwar verstehen, warum Leibniz dieses Beispiel gewählt hat, denn wenn man es nur sehr oberflächlich betrachtet, kann man es durchaus für plausibel halten, dass in unsere Seele gewisse Prinzipien vorgegeben sind, so wie ein bestimmter Stein besonders passend ist, um aus ihm eine bestimmte Form herauszuarbeiten. Bei genauerer Betrachtung bin ich jedoch zu dem Entschluss gekommen, dass es nicht sehr hilfreich ist, die Seele des Menschen mit einem aderndurchzogenen Marmorblock zu vergleichen. Wie könnte den Leibniz garantieren, dass in allen Seelen die gleichen Prinzipien vorgegeben sind? Könnte es nicht durchaus auch so sein, dass jeder Mensch auch individuelle Prinzipien und Wahrheiten eingeboren hat? Jedem Menschen könnten andere Prinzipien eingeboren sein, so wie es viele verschiedene Marmorblöcke gibt, die alle unterschiedliche Dispositionen zu bestimmten Formen in sich tragen. Ich denke nicht, dass Leibniz mit seinem Vergleich einen Beweis für die Eingeborenheit von Ideen und Prinzipien erbringen kann, denn dann müsste er meiner Meinung nach auch zeigen, warum in jedem Menschen die gleichen Anlagen zu gewissen Prinzipien eingeboren sind, und dies kann er mit seinem Beispiel nicht erreichen. Wahrscheinlich würde Leibniz sagen, dass Gott dafür gesorgt hat, dass in allen auch die gleichen Ideen und Prinzipien eingeboren sind, doch dies würde zu einer anderen große Frage führen, nämlich zu der Frage, ob es überhaupt einen Beweise für die Existenz Gottes gibt. Dies ist aber nicht Themenbereich dieser Arbeit und würde meinen Aufgabenbereich sprengen.
Um seine Theorie noch mehr zu stärken, schreibt Leibniz, dass selbst wenn man annimmt, dass der Geist eine tabula rasa ist, man dennoch nicht leugnen kann, dass es eingeborene Ideen in unserem Geist gibt. Er argumentiert, dass es keine Tafel geben würde, die nicht irgendwelche Ungleichheiten aufweisen würde. Daraus scheint Leibniz zu schließen, dass
20 Ebd. S. 8
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unsere Seele nicht leer ist, da es keine Tafel gibt, die eine gleichmäßige und ebene Fläche hat. 21 Ich bin der Meinung, dass dieses Argument meinen Vorwand von vorher noch verstärkt. Leibniz sagt, dass es keine Tafel gibt, die komplett ebenmäßig ist und wir daher sagen können, dass wenn unsere Seele einer Tafel gleicht, wir auch Denkinhalte in uns selbst finden können. Aber auch hier frage ich mich erneut, woher wir wissen sollten, dass alle Menschen die gleichen Prinzipien in ihrem Geist eingeboren haben. Ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass wenn wir bei der Analogie der Tafel verbleiben, jeder Mensch andere Tafelunebenheiten besitzt? Und würde daraus dann nicht folgen, dass den Menschen auch unterschiedliche Prinzipien eingeboren sind? Ich denke, dass genau dies folgen würde, aber das wäre absurd, denn dann würde es viele verschiedene eingeborene Wahrheiten und Prinzipien geben und soll es nicht gerade der Sinn der eingeborenen Ideen sein, dass alle Menschen die gleichen in sich haben? Meiner Meinung nach führt dieses Beispiel von Leibniz den Innatismus ad absurdum.
Leibniz meint dennoch, dass er gezeigt hat, dass Locke im Grunde genommen auch einen Innatismus vertritt, weil er zugibt, dass es nicht nur die äußere Wahrnehmung sondern auch die Reflexion gibt. Was Leibniz für einen größeren Konflikt zwischen ihm und Locke hält ist die Frage, ob unser Geist immer denkt, und wie das Denken im Zusammenhang mit dem Bewusstsein steht. Damit komme ich nun zu den Argumenten die sich um das Bewusstsein drehen. Ich möchte vorwegnehmen, dass ich die Argumente, die Locke zu diesem Themenbereich vorstellt, für schwach halte. Warum dies der Fall ist, soll in der folgenden Analyse deutlich werden.
Um zu demonstrieren, dass unser Geist zwar immer denkt, dieser Denkprozess aber nicht notwendigerweise mit Bewusstsein verbunden ist, bringt Leibniz zwei Argumente in Form von Beispielen vor. Das erste Beispiel ist das Mühlenbeispiel. Wenn wir lange genug nahe einer Mühle leben, so werden wir die Bewegung der Mühle nicht mehr bewusst wahrnehmen, da wir sie gewohnt werden. Zwar nehmen wir die Mühlenbewegungen immer noch wahr und es geschieht somit auch eine Veränderung in unserer Seele, doch wir lassen die Perzeption der Bewegung unreflektiert an uns vorübergehen, da wir sie gewohnt sind und sie daher den Reiz der Neuheit für uns verloren hat. Leibniz schreibt, dass wir in jedem Moment eine ganze Menge an Perzeptionen wahrnehmen, die uns jedoch nicht bewusst werden, da sie vielleicht nicht neu oder einfach nicht wichtig genug sind, um in unser Bewusstsein zu gelangen. 22
21 Ebd. S. 9
22 Ebd. S. 10
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In diesem Punkt stimmte ich mit Leibniz überein. Ich denke wie er, dass der Mensch ständig Dinge wahrnimmt, die ihm gar nicht bewusst sind. In diesem Fall glaube ich, dass Leibniz auch ein sehr passendes Beispiel gefunden hat, um seine Anschauung zu verdeutlichen. Auch die modernen Wissenschaften zeigen, dass der Mensch selbst im Schlaf seine Außenwelt bis zu einem Gewissen Grad wahrnimmt. So kann es passieren, dass man bestimmte Geräusche aus der Umgebung wahrnimmt und unbewusst in seinen Traum miteinbezieht. Natürlich hängt die Beantwortung der Frage, ob der Mensch immer denkt auch davon ab, wie man den Begriff des Denkens formuliert. Für Locke ist Denken immer auch mit Bewusstsein verbunden. Ich persönlich würde sagen, dass man Locke mit seinem Begriff vom Denken Recht geben kann, wenn man das Denken sehr eng auffasst. Ich bin jedoch der Meinung, dass das Denken, ähnlich wie bei René Descartes sehr weit aufgefasst werden sollte. Wenn man einen solchen Begriff von Denken hat, kann man nicht mehr sagen, dass das Denken immer auch bewusst sein muss. Ein Beispiel für unbewusstes Denken wären beispielsweise unbewusste Wünsche. Während ich in meiner Wohnung sitze, wünsche ich mir unbewusst, dass die Wohnung nicht zusammenfällt und mich unter sich begräbt. Ich bin mir aber nicht in jedem Moment bewusst, dass ich einen solchen Wunsch (und noch viele andere) hege, doch ist er ständig in meinem Unterbewusstsein da. Fasst man den Begriff des Denkens also so weit, dass beispielsweise auch unbewusste Wünsche dazuzählen, kann man nicht mehr behaupten, dass jeder Gedanke bewusst sein muss.
Leibniz wirft Locke vor, dass er mit der Annahme, dass wir uns immer all unserer Geistesinhalte bewusst sein müssen, einen unendlichen Regress begeht. Wenn ich über jeden Gedanken, den ich gerade habe, reflektieren muss, so muss ich ebenso über das Reflektierte reflektieren, damit es mir bewusst ist. So entsteht der Regress. Locke erwidert, dass man dann ebenso behaupten könnte, dass es möglich ist, dass die Menschen immer Hunger haben, ohne es zu bemerken. Leibniz Antwort lautet, dass man zwischen dem Denken und den merklichen Gedanken unterscheiden muss. Es ist durchaus auch möglich, dass man eigentlich schon hungrig ist, dass man es aber nicht bemerkt, da gerade andere Gedanken oder Empfindungen im Vordergrund stehen und daher wichtiger sind als der Hunger. 23 Auch in diesem Punkt möchte ich Leibniz nicht widersprechen. Ich denke, dass fast jeder schon einmal die Erfahrung gemacht hat, dass einen beispielsweise ein Hungergefühl überkommt und dieser Gedanke an den Hunger unterdrückt wird und damit verschwindet, weil andere Gedanken wichtiger sind. Ich kann während ich an der Universität darauf warte eine Prüfung zu schreiben, bemerken, dass ich hungrig werde. Wenn aber eine wichtigere
23 Ebd. S. 85 f.
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Sache dazwischen kommt (wenn beispielsweise die Prüfung beginnt und ich mich darauf konzentrieren muss), kann es sein, dass man das Hungergefühl nicht mehr bemerkt. Der Hunger ist dann trotzdem vorhanden, aber nicht bewusst. Ich denke wie Leibniz, dass Locke dem Regress nicht entgehen kann, außer er bricht ihn durch eine Zusatzannahme ab. Er könnte beispielsweise sagen, dass jede Idee nur bis zu einer gewissen Stufe reflektiert werden muss, um bewusst zu sein, doch dann müsste Locke erklären, warum dies der Fall sein sollte. Eine solche Annahme, würde ich höchst unplausibel finden und deswegen halte ich Leibniz Einwand gegen Locke für eine angemessene Kritik.
Als nächsten Schritt geht Leibniz dazu über zu erklären wie aus unbewussten Perzeptionen bewusste werden. Auch hierfür verwendet Leibniz ein Beispiel, nämlich das Meeresgetösebeispiel. Wie schon am Beginn der Arbeit erwähnt, geht es in diesem Beispiel darum, dass wir das gesamte Meeresgetöse bewusst hören, sich dieses Getöse aber aus kleinen, unmerklichen Geräuschen zusammensetzt, die wir nicht bewusst wahrnehmen. Er meint, dass jedes einzelne Geräusch, das jede einzelne Welle erzeugt, von uns irgendwie erfasst werden muss, um den Gesamteindruck eines Meeresgetöses zu erhalten. 24 Das Problem, dass sich hierbei ergibt ist, dass es den Anschein macht, als wolle Leibniz von vielen unmerklichen und unbewussten Perzeptionen auf eine bewusste Wahrnehmung schließen und es stellt sich die Frage, wie das gelingen soll. Kann aus vielen unbewussten Wahrnehmungen plötzlich und wie durch einen Sprung eine bewusste Wahrnehmung entstehen? Leibniz selbst verneint diese Möglichkeit wenn er schreibt: „Nichts geschieht auf einen Schlag; und es ist einer meiner wichtigsten und bewährtesten Grundsätze, daß die Natur niemals Sprünge macht.“ 25 Daher denke ich, dass man Leibniz so verstehen muss, dass auch die kleinen Perzeptionen bereits zu einem gewissen Grad bewusst sind, denn ansonsten könnte er nicht sagen, dass durch die Addition von vielen kleinen unbewussten Zuständen irgendwann ein bewusster Zustand entsteht. Ich denke, dass Leibniz Formulierung dazu beiträgt hier ein Problem zu sehen. Leibniz nennt die kleinen Perzeptionen nämlich auch unmerkliche Perzeptionen und das Wort unmerklich lässt vermuten, dass diese Perzeptionen nicht bemerkt werden und somit unbewusst sind. Ich denke der Begriff kleine Perzeptionen eignet sich besser, da es hier den Anschein macht, als wären auch diese kleinen Perzeptionen wenigsten zu einem geringen Teil schon bewusst.
24 Ebd. S. 11.
25 Ebd. S. 13.
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5 Resumé
Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich die Lektüre der Neuen Abhandlungen über den menschlichen Verstand sehr interessant und aufschlussreich fand. Ich habe herausgefunden, dass ich was die Eingeborenheit von Ideen und Prinzipien betrifft eher auf der Seite von John Locke stehe, wo hingegen ich Leibniz zustimme, wenn er sagt, dass der Mensch zwar immer denke, dass er sich dieser Denktätigkeit aber nicht immer auch bewusst ist. Ich finde Lockes Kritik am Innatismus äußerst überzeugend, weil er zunächst einmal beide Versionen des Innatismus mit sehr guten Argumenten widerlegt. Ich bin wie er der Meinung, dass die allgemeine Übereinstimmung der Menschen (selbst wenn es sie tatsächlich geben würde) kein geeignetes Mittel wäre, um die Eingeborenheit von Ideen zu beweisen, da es durchaus möglich wäre, dass alle Menschen sich auf etwas einigen, was dennoch nicht eingeboren, sondern nur Konvention ist. Ich glaube wie Locke, dass es keine eingeborenen Ideen gibt und auch die Argumente von Leibniz für den Innatismus können mich nicht überzeugen. Leibniz meint, dass man die eingeborenen Prinzipien in sich selbst und nur durch Anregungen von außen finden kann. Wenn ich mich aber beispielsweise an meinen Mathematikunterricht im Gymnasium zurückerinnere, so kann ich sagen, dass egal wie lange ich reflektiert und in mir gesucht hätte, ich bestimmt nie selbst die Regeln der Geometrie oder Arithmetik entdeckt hätte. Ich bin der Meinung, dass die Menschen unterschiedliche Anlagen und Begabungen haben. Aus meiner persönlichen Erfahrung habe ich gelernt, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, der durch den Umgang mit anderen Menschen und all den Erfahrungen, die er in seinem Leben macht, lernt und geformt wird. Somit kann ich mich Lockes Tabula-rasa-Vorstellung anschließen. Ich möchte dabei noch einmal betonen, dass es wichtig ist zu sehen, dass auch bei dieser Vorstellung bestimmte Fähigkeiten oder Neigungen angeboren sein können, nur keine Dispositionen bestimmte Ideen und Prinzipien in sich selbst zu entdecken. Was ich auch noch für einen wichtigen Aspekt halte, ich Lockes Motivation der Kritik am Innatismus. Ich denke, dass Locke Recht hat, dass es gefährlich wäre, den Innatismus für wahr zu erklären. Mit seiner solchen Behauptung könnten Autoritäten bewusst Einfluss auf die Menschen nehmen. Wenn ein Prinzip als eingeboren erklärt wird, erhält es zur gleichen Zeit einen Absolutheitsanspruch. Es muss wahr sein und braucht daher nicht mehr kritisch reflektiert zu werden. Solche Annahmen führen dazu, dass Druck auf die Menschen ausgeübt wird und sie aufhören selbst darüber zu reflektieren, was für sie selbst am besten ist. Wenn es in uns vorgegeben ist, dann muss es auch richtig sein. Dies scheint eine Annahe von Leuten zu sein, die von der Angeborenheit von Prinzipien ausgehen. Ich finde es
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deshalb wichtig, dass der Mensch seine Autonomie bewahrt und selbst nachdenkt, welche Prinzipien es wert sind aufgestellt und eingehalten zu werden und welche nicht. Was das Bewusstsein von Denkinhalten in unserem Geist betrifft, stimme ich Leibniz zu. Ich denke wie er, dass wir sehr wohl Inhalte in unserem Geist haben können, ohne dass wir uns dieser Inhalte zu jeder Zeit bewusst sein müssen. Ich finde, dass es Leibniz gelungen ist, gute Beispiele für die Trennung zwischen Denken und Bewusstsein zu finden. Sowohl das Mühlenbeispiel als auch das Beispiel mit dem Meeresgetöse sind meiner Meinung nach gut geeignet, um zu zeigen, worauf Leibniz hinaus möchte. Unser Gehirn verarbeitet in jeder Sekunde eine große Anzahl an Informationen, aber nicht alle diese Informationen werden uns auch bewusst, da sie nicht in jedem Moment wichtig für uns sein müssen. Wir nehmen in unserer Umgebung ständig Geräusche wahr, ohne diese zu reflektieren und ohne, dass wir uns dieser Geräusche gewahr werden. In unserem Alltag finden wir unzählige Beispiele. Wenn ich in einem Park sitze, ein Buch lese und nebenbei die Vögel singen, so kann es sein, dass ich den Gesang der Vögel nicht bewusst wahrnehme, da ich in das Lesen des Buches vertieft bin. Trotzdem singen die Vögel und trotzdem wird das Geräusch, welches sie erzeugen in meinem Gehirn verarbeitet. Da der Gesang aber in dem Moment des Buch-Lesens unwichtig für mich ist, wird er mir auch nicht zu Bewusstsein geführt. Eine wichtige Annahme, die ich bei dieser Überlegung mache ist, dass der Vogelgesang auch in dem Moment in dem ich ihn nicht bewusst wahrnehme, nicht gänzlich unbewusst ist, denn ansonsten entsteht ein Problem, welches ich zuvor schon näher erläutert habe. Man kann dann nicht erklären, wie aus einem unbewussten Zustand plötzlich ein bewusster wird. Um diesem Problem zu umgehen, meine ich, dass es vernünftig wäre, den Zustand in dem ich mich befinde, wenn ich den Vogelgesang nicht bewusst höre als vorbewussten Zustand zu beschreiben. Das bedeutet, dass mir der Gesang in diesem Moment zwar nicht bewusst ist, er ist aber auch nicht gänzlich unbewusst, denn ich kann ihn in jedem Moment willentlich in mein Bewusstsein heben. Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn der Gesang der Vögel plötzlich irgendeine wichtige Relevanz für mich darstellen würde.
Zuletzt möchte ich noch sagen, dass auch wenn ich keinem der zwei hier vorgestellten Philosophen völlig zustimmen kann, ich doch der Meinung bin, dass sie einige gute Argumente für ihre Position dargebracht haben. Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Positionen war sehr interessant und hat dazu geführt, dass ich mir über meinen eigenen Standpunkt zu Themen wie dem Innatismus und dem Begriff des Denkens klarer geworden bin.
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6 Quellenverzeichnis
GRABNER-HAIDER, A., 2009, Die wichtigsten Philosophen, Marix, Wiesbaden.
LOCKE, J., 2008, An Essay concerning human understanding, Oxford University Press,
Oxford.
JOLLEY, N., 1986, Leibniz and Locke. A Study of the New Essays on Human Understanding,
Clarendon Press, Oxford.
JOLLEY, N., 2005, Leibniz, Taylor & Francis, London.
LEIBNIZ, G.W., 1996, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand, Meiner,
Hamburg.
SPECHT, R., 2008, „Über Angeborene Ideen bei Locke“, In: THIEL, U.,(Hrsg), 2008, Essay
über den menschlichen Verstand. Klassiker auslegen, Akademie, Berlin.
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Eva Eckhard, 2010, Analyse der Überlegungen zum Innatismus und zum Bewusstsein von Gottfried Wilhelm Leibniz , München, GRIN Verlag GmbH
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