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Der kantische Anspruch
In Schweitzers „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“ ist der kantische Einfluss offenbar. Das Prinzip soll allgemeingültig sein. 9 Doch in seinen Augen hat Kant für die Allgemeingültigkeit des Sittengesetzes die empirisch erfahrbare Welt geopfert 10 und sich somit in praxisferne Spären begeben. 11 Diesen Fehler möchte Schweitzer gerne vermeiden.
Wie Kant - der zur ersten Philosophie zu zählen ist 12 - gesteht Schweitzer sich ein, dass man nicht alles wissen kann. Doch während Kant sich dabei auf die Metaphysik bezieht spannt Schweitzer den Bogen weiter bis zur Weltanschauung, die praktische Ziele verfolgt, wie die Ethik. 13 Die Welt muss für ihn eine „rätselhafte Erscheinung“ bleiben, weil niemand fähig ist dieser eine Bestimmung zuzuordnen, die nicht wegdiskutierbar ist. Wir sind lediglich in der Lage die Abläufe oberflächlich zu beschreiben und zu erkennen. 14 Diese Erkenntnis stürzt Schweitzer jedoch nicht in den Skeptizismus, sondern eröffnet ihm die einzige Möglchkeit zu einer wahren Weltanschauung zu gelangen, wie er selbst sagt. 15 Man soll sich also von dem „Wissen“ über unsere Welt befreien um die Welt richtig deuten zu können. Wer diesen Schritt nicht durchführt kann nur zu einer „gekünstelt[en] und erdichtet[en]“ 16 Weltanschauung gelangen. 17 Völlig bewusst folgt Schweitzer hier analog zu Kant dem Weg der Wahrhaftigkeitsleistung 18 ohne zum Agnostizisten zu werden. Er baut vielmehr die
9 Vgl. Günzler, 1996 S. 60f und Günzler, 1998 S. 143. Schweitzers Denken wurde unvermeidlich durch seine eigene Dissertation von 1899 mit dem Titel „Die Religionsphilosophie Kants“ beeinflusst.
10 Das Opfer vollzog sich, als Kant „die Ideen von Gott, ethischer Willensfreiheit und Unsterblichkeit“ (vgl. Schweitzer, 2007 S. 187) zum Fundament seiner Weltanschuung machte.
11 Vgl. Günzler, 1996 S. 61.
12 Albert Schweitzer hält fest, dass die Philosophie immer versucht das Verhältnis zwischen Mensch und Universum zu erklären. So teilt er die Philosophie in zwei Teile:
Die erste Philosophie beugt das Universum um es dem Menschen verständlich zu machen. Die Welt wird „gewalttätig“ an das menschliche Denken angepasst.
Die zweite Philosophie sei die Naturphilosophie, die den Menschen zwingt seinen Platz in der Natur zu suchen, die in ihrer Form erhalten bleibt. Vgl. Günzler, 1996 S. 61.
13 Vgl. Günzler, 1996 S. 63 und Schweitzer, 2007 S. 188.
14 Vgl. Schweitzer, 2007 S. 79f.
15 Vgl. Schweitzer, 2007 S. 80.
16 Vgl. Schweitzer, 2007 S. 80.
17 Diese wäre dann wieder der ersten Philosophie zuzuordnen.
18 Vgl. Kern, 1992 S. 93 und Schweitzer, 2007 S. 313.
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Undurchschaubarkeit in seine Weltanschauung ein. 19 Das ist ein bedeutender Bestandteil seiner Ethik, die auf der Wahrhaftigkeitsleistung gegen sich selbst aufbaut.
Auch die, von Kant stammende Idee, „des Rechtfertigens und Begründens“ zieht Schweiter für seinen Entwurf hinzu ohne an Kants „Bestimmung des Sittlichen“ festzuhalten. 20 Die wahre Sittlichkeit wird bei Schweitzer erreicht indem man das Herz gemeinsam mit der Vernunft wirken lässt. 21 Kant hingegen sieht für die Sittlichkeit nur dann eine Chance, wenn sie ein Selbstzweck ist und nicht ein Werkzeug ist, wie bei den Utilitaristen. 22
Doch Kant ist für Schweitzer kein Musterbeispiel eines Ethikers. 23 Schweitzer bemängelt, dass die absolute Pflicht bei Kant nicht mit Inhalt gefüllt sei. Daraus schließt er Kants Unfähigkeit „den Inhalt der Ethik aus dem Streben nach Selbstvervollkommnung abzuleiten.“ 24
Kant reduziert - so Schweitzer - ausserdem die empirische Realität und schadet so der Ethik, die materialistischen Instinkten folgt. 25 Was der Ethik noch bleibt, wenn die Welt nur eine Erscheinung ist, ist einen selbstablaufenden Mechanismus zu regeln, was sinnlos ist. 26
Schopenhauer
Es gehört großer Mut dazu Kant und Schopenhauer zur Konstuktion einer Philosophie gleichzeitig heranzuziehen, auch wenn Kant Schopenhauers Lehrmeister war. 27 Besonders spannend i st es, wenn man bereits bekannte Reibeflächen auswählt, 28 wie den kategorischen Imperativ Kants, den Schopenhauer zu abstrakt fand. 29
Gerade dieses Widerstreiten macht den besonderen Charakter Schweitzers „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“ aus. Was bei Kant zu allgemeingültig ist, wird durch „Schopenhauersche
19 Vgl. Kern, 1992 S. 94.
20 Vgl. Günzler, 1998 S. 143.
21 Vgl. Kern 1992 S. 98.
22 Vgl. Schweitzer, 2007 S. 182.
23 Schweitzer hält fest, dass Kant gedankenlos tief im Denken festsitzt. Wenn er auch eingesteht, dass Kant „groß als Ethiker“ ist, wirft er ihm Mittelmäßigkeit in der Gestaltung von Weltanschauung vor. Vgl. Schweitzer, 2007 S. 189f.
24 Vgl. Schweitzer, 2007 S. 286f.
25 Wie bereits oben erwähnt. Vgl. Schweiter, 2007 S. 188.
26 Vgl. Schweitzer, 2007 S. 188.
27 Vgl. Meyer, 1994 S. 82.
28 Vgl. Günzler, 1996 S. 60.
29 Genau das wirf J.-C. Wolf Schweitzer vor. Vgl. Wolf, 1993 S. 359.
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Lebensbindung“ 30 abgemildert. Das Individuum mitsamt seinen Erfahrungen 31 bekommt seinen Auftritt.
Der Plan Schweitzers ist die Ehrfurcht vor dem Leben, nach kantischer Manier, als Grundgesetz 32 einzuführen ohne auf die empirische Welt und deren Einflüsse verzichten zu müssen. Spätestens hierbei kommt Schopenhauer ins Spiel. 33 Die Begriffe mit denen Schopenhauers Philosophie konstruiert wird, sind schweitzersches Basisvokabular. So wird der universelle Wille zum Lebeneine Grundannahme Schopenhauers - von Schweitzer abgekupfert. 34 Interessant ist hierbei, dass Schweitzer trotz Ontologiekritik 35 den Willen zum Leben annimmt um so den Weg zur Welbejahung zu finden. 36
Wie wirkt sich der Wille zum Leben auf die Welt- und Lebensanschauung aus?
Der Wille zum Leben muss, wenn er angenommen wird 37 , bei Schopenhauer im Zentrum der Überlegungen stehen, denn er ist das eigentliche „Grundwesen des Ich“ 38 , dessen Vorstellung die Welt „erschafft“ und ist -nach Noack-, näher am „wahren Kern der Welt“ 39 als Fichte mit seinen Vorstellungen einer Welt, deren Sinn per induktiver Logik zu entdecken ist. 40
Bei Schopenhauer führt das Hinzuziehen des Intellekts zu der Welt, die nur die Vorstellung des Ichs ist 41 dazu, dass das Ich bemerkt, dass es zu keiner weiteren Erkenntnis kommen kann, die über die des eigenen Willens hinaus geht, und beginnt den Willen, den es zuvor bejahte, zu verneinen. 42 Dies führt so weit, dass der Wille zum Leben verneint werden und mit dem Bewusstsein die Selbstaufhebung
30 Vgl. Günzler, 1996 S, 60.
31 Im Speziellen ist hier die Erfahrung des Willens zum Leben in sich und um sich herum gemeint.
32 Mit einer allgemeinen Gültigkeit wie der des kategorischen Imperativs.
33 Vgl. Günzler, 1996 S. 61 - 62.
34 Vgl. Günzler, 1996 S. 67 und 69.
35 Vgl. Werner, 1990, S. 204.
36 Obwohl der von Schopenhauer vorgezeichnete Weg in die entgegengesetzte Richtung weist.
37 Nach Schopenhauer muss man ihn annehmen und kann ihn nicht begründen weil er „das Grundlose“ ist. Vgl. Noack, 1879 S, 811 (linke Spalte unten) s. v. Schopenhauer.
38 Vgl. Noack, 1879 S. 803 (rechte Spalte unten) und S. 810 (linke Spalte Mitte) s. v. Schopenhauer.
39 Vgl. s.o.
40 Vgl. Schweitzer, 2007 S. 199. Denn mit dieser Ansicht wird auf die erkenntnistheorethische Wahrhaftigkeitsleistung gegen sich selbst verzichtet und somit „auf Sand gebaut“.
41 Vgl. Noack, 1879 S. 803 (rechte Spalte Mitte) s. v. Schopenhauer.
42 Vgl. Noack, 1879 S. 804 (linke Spalte oben) s. v. Schopenhauer.
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Arbeit zitieren:
Manfred Lotz, 2008, Die Bestandteile der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, München, GRIN Verlag GmbH
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