abgewendet werden können. Phaleas gibt zu, dass das bei neuen Staaten einfacher ist, als bei bereits Bestehenden. Dennoch sieht er in einem Trick mit den Mitgiften die große Chance zur Veränderung der bestehenden Landverteilung 3 . Phaleas sieht nämlich in der Neuordnung der Besitzverhältnisse nur einen Ausgleich des Grundbesitzes. Bei den bestehenden Staaten soll dieser Ausgleich dadurch von statten gehen, dass nur die Reichen für ihre Kinder die Mitgiften bezahlen, und die Armen diese nur empfangen. Allerdings dürfe niemand seinen Besitz auf einmal um mehr als das fünffache erhöhen 4 , damit derjenige nicht größenwahnsinnig wird. Das bestätigte auch Platon. 5
Aristoteles´ Kritik:
Aristoteles greift hier als ersten Grund zur Beschwerde gegen Phaleas´ System eines seiner Lieblingsargumente gegen die Gleichmacherei, die er schon von Platon in den voranegangenen Kapiteln aufs Schärfste verurteilte. Wer den Besitz festlegt muss auch die Zahl der Kinder festlegen 6 , da ansonsten der Reichtum der Gesellschaft gefährdet ist und aus einigen Reichen sonst schnell viele Arme werden können, was leicht zu Aufständen führen kann. Ebenso befürchtet Aristoteles, dass es leicht dazu kommen könnte, dass in einem überaus reichen Staat, mit wenigen Armen alle zu reich werden könnten um in gewisser Weise normal zu bleiben 7 . Es sei auch möglich, dass in einem besonders armen Staat mit vielen Armen und wenigen Reichen alle zu arm werden könnten um zu überleben. 8 So wäre selbst in der Polis das zen nicht mehr gewährt, obwohl das eu zen angestrebt sei. Er empfiehlt hingegen das Mittelmaß an zu peilen 9 . Jedoch nicht beim Besitz, da das allein nicht genüge. 10 Vielmehr sollen die Begierden ausgeglichen werden. 11 Also strebt er vielmehr eine Gleichheit an Besitz und Bildung an 12 . Doch auch diese Bildung müsse genau definiert sein - was er selbst vernachlässigt. Seine Begründung ist die, dass die breite Masse bereit ist sich für materielle Besitztümer zu erheben 13 , wenn die auch heute noch bekannte soziale Schere zu weit auseinander klafft. Doch die Elite und die Intelligenz erhebt sich, wenn sie nicht besonders geehrt wird. 14 So teilt er die Gründe für Aufstände in 3 Gruppen:
1. Aufstände für Lebensnotwendiges
2. Aufstände für nicht Lebensnotwendiges (Auslöser für größtest Unrecht: wie beim Tyrannen) 15
3. Aufstände für die leidlose Begierde 16 (diese sei nur durch die Philosophie zu erreichen 17 )
Um die erste Form von Aufständen zu verhindern sei eine geeignete Verwaltung zu Rate zu ziehen, die dafür Sorge tragen könne, dass ihre Bürger auch ausreichend mit Nahrung und eben dem übrigen Lebensnotwendigen versorgt seien 18 . Auch die Verteidigung der Polis dürfe dazu nicht vernachlässigt werden, so wie Phaleas laut Aristoteles das Militärische vernachlässigt. Die Gesamtgesellschaft darf nicht zu viel haben, sonst werden die umliegenden Völker eifersüchtig, aber auch nicht zu wenig, sonst wird der Nachbar übermütig und man selbst schnell versklavt weil
3 Vgl.[1266b3-5].
4 Vgl.[1266b6ff] und [1265b21-23].
5 Vgl. Platon: Nomoi 744e.
6 Vgl. [1266b9].
7 Vgl.[1266b24-26].
8 Siehe Fußnote 7. Wobei dieser Staat ohnhin nicht überlebensfähig wäre.
9 Vgl.[1267a26f].
10 Vgl.[1267a28].
11 Vgl.[1266b29].
12 Vgl.[1266b33f].
13 Vgl.[1266b40].
14 Beziehungsweise keine besonderen Ehrenstellen zugesprochen bekommt Vgl.[1267a1].
15 Vgl.[1267a5].
16 Vgl.[1267a6-8].
17 Vgl.[1267a10f].
18 Denn oft seien die Gründe von Hungersnöten nicht lange Dürreperioden, sondern viel häufiger eine gescheiterte Verwaltung.
man nicht wehrhaft genug sei. Auch hier ist sein Ziel ein Maß der rechten Mitte. 19
Ausserdem wirft Aristoteles Phaleas vor die Gleichheit des Besitzes zu ungenau definiert zu haben. So habe Phaleas nur auf den Landbesitz, hingegen nicht auf die Mobilien wie Möbel, Werkzeuge, Sklaven und anderes bewegliches Gut geachtet. 20 Auch hierauf kann man eifersüchtig sein und es sei wohl ein leichteres das zu steheln, als den Landbesitz und so gegebenenfalls Unrecht zu schüren.
Doch bei seiner so exakten Analyse verliert Aristoteles die interessanten Aspekte der Umsetzung in die Praxis aus den Augen. Theoretisch mag Phaleas´ Idee, dass nur die Reichen Mitgiften bezahlen manches positive zukommen. Weiter hat man allen guten Grund sich zu Fragen, warum Aristoteles diesen möglichen Grund für eine Geburtenexplosion bei den Ärmsten nicht in Frage stellt. Ist er doch immer der Vorreiter, wenn es darum geht die Geburtenrate gering zu halten 21 , und so dafür zu sorgen, dass aus den Reichen nicht viele Arme werden 22 . Auch Aristoteles muss doch bemerken, dass diejenigen, die Arm sind und viele Kinder zeugen um zu dem erstrebten gleichen Wohlstand zu gelangen zumindest für eine gewisse Zeit viel ärmer sein werden, als sie es davor noch waren. Dass er es noch nicht einmal moralisch in Frage stellt sich aus finanziellen Aspekten mehr Kinder anzueignen, als man eigentlich wollte, ist schon verwerflich. Also ist Kinderzeugung aus Gier nach Gleichheit für Aristoteles kein so schwerwiegendes Problem, dass es Wert wäre erwähnt zu werden.
Kritik an der Staatsverfassung des Hippodamos
Hippodamos´ System:
Hippodamos wurde ursprünglich als Stadtarchitekt bekannt. Auf ihn geht der sogenannte hippodamische Stadtplan zurück, der sich durch seine einfache Gestaltung mit rechtwinkligen Straßenverläufen erkennbar macht. So baute er unter anderem Milet (nach perischer Zerstörung) neu auf. Der wohl zu den Sophisten gehörende Hippodamos maßte sich laut Aristoteles an, über alle Fragen von der Natur bis zur Politik fachkundig zu sein 23 , obwohl er nie an der Politik aktiv mitgewirkt hat 24 . Für Aristoteles ist das wohl Grund genug sein politisches Werk in der Öffenlichkeit als fehlgeschlagen dar zu stellen und sich darüber zu mockieren.
Hippodamos stellte sich also einen Staat mit 10 000 Menschen vor und teilte diesen in drei Teile ein 25 :
1. Handwerker
2. Bauern
3. Kämpfer
Weiter teilte er das Land in drei Teile ein:
1. geheiligtes Land
2. öffentliches Land
3. privates Land
19 Vgl.[1267a28-31].
20 Vgl.[1267b10f].
21 Zur Geburtenrate Vgl. [1266b9] und [1270b4ff]
22 Ob er sich auch darüber Gedanken macht, ob aus den vielen Armen noch viel mehr noch Ärmere werden bleibt hier unbeantwortet.
23 Vgl.[1267b28]
24 Vgl.[1267b29]
25 Von diesen sollen alle Beamten gewählt werden
Aristoteles´ Kritik:
Bevor der Stagirite überhaupt erst anfängt sich mit der Politik des Hippodamos auseinander zu setzen, beschreibt er die Gestalt des Denkers, was einen bemerkenswert schlechten Eindruck erweckt, zumal er das bei Phaleas oder Platon nicht getan hat 26 . Schon gleich zu Beginn lässt er also den Leser merken, dass er Hippodamos nicht ausstehen kann. 27
Als allererstes Argument führt Aristoteles an, dass die Kämpfer als einzige Waffen haben und dadurch die anderen unterdrücken können, was diese wiederum Sklaven ähnlich mache. 28 Somit werden die Anderen, an der Polis zumindest theoretisch Beteiligten sklavenähnlich, wenn die Kämpfer stärker sind als die Übrigen (also die Handwerker und Bauern). So ergreifen die Kämpfer in diesem Gemeinwesen, das keines mehr ist, sondern eine Gewaltherrschaft oder eine Tyrannis der Krieger, sämtliche Ehrenstellen, was letztendlich dazu führt, dass die Anderen aus der Staatsverfassung ausgeschlossen werden. Nun stellt sich natürlich die Frage, warum diese dann der Staatsverfassung noch wohl gesonnen sein sollen und warum sie denn keinen Aufsand wagen sollten. 29 Bis hierher kann man die Argumentation klar nachvollziehen und es scheint alles schön logisch aufgebaut zu sein.
Nun seien - nach Aristoteles - jedoch die Handwerker schon immer selbstständig genug um sich für ihre Rechte, oder zumindest für ihr überleben einzusetzen, da man in jedem Staat Handwerker braucht. 30 So verbleiben die unterdrückten Bauern. 31 Doch diese partizipieren nun dadurch am Staate, dass sie für die Versorgung mit Nahrung für die Kämpfer lebensnotwendig sind. Aristoteles sieht deshalb keinen Grund mehr eine Trennung zwischen Kämpfern und Bauern zu ziehen und das auch weil diese jetzt ihr Land teilen. Diese wären dann als Symbiose quasi unbeteiligt an der Staatsverfassung, weil sie ja nicht als eine separate Gruppe genannt seien. 32 Doch die einzelnen Teile der Symbiose sind in der Staatsverfassung genannt. Aristoteles nennt ja schließlich auch nicht, wenn er von der Polis spricht, jeden einzelnen Mann und jedes einzelne Haus. So wird diese Absage an Hippodamos´ System unbegründet. Bei näherem Hinsehen ergibt sich so vielmehr, dass das System des Hippodamos eigentlich doch funktionieren kann, wenn es auch befremdlich ist. Man dürfe dabei nur die Trennung zwischen den verschiedenen Volksgruppen nicht zu genau nehmen.
Weiter ist es fragwürdig, ob man das Argument, dass die Bauern nicht gleichzeitig das öffentliche 33 und das private Land beackern können 34 , gelten lassen kann. Schließlich werden in jedem Staat die Ackerflächen ausschließlich von Landwirten bestellt. Eine solche Polis, in der die Landwirte zu gering der Anzahl nach sind, ist auch mit dem besten System, der besten Verwaltung und der allerbesten Regierung nicht überlebensfähig, da es einfach an Landwirten mangelt. Seinem letzten Argument jedoch fehlt jegliche Begründung: Warum denn die Bauern noch den Kämpfern helfen sollten, es sei doch alles viel zu kompliziert. 35 Eigentlich soll man auf rhetorische Fragen nicht Antworten, aber hier erzwingt Aristoteles praktisch die Antwort: „Weil sie dazu gezwungen werden“. Von kompliziert kann hier keine Rede sein.
Aber auch nicht von einer idealen Staatsverfassung, wie Hippodamos sie sich wünscht, da es sich um einen von oben herab durch Gewaltandrohung - und in der Praxis sicher auch -anwendungeingesetzten Militärapparat handelt, der sich aller Vorraussicht nach verselbstständigen würde.
26 insbesondere nicht auf diese Weise.
27 Vgl.[1267b21-30]
28 Vgl.[1268a20]
29 Vgl.[1268a23-25]
30 Der erste Punkt an dem er sich widerspricht (die Handwerker sind doch nicht Sklaven ähnlich) [1268a29-32]
31 Vgl.[1268a29]
32 Vgl.[1268a35-41]
33 der Kämpfer
34 Vgl.[1268a41-1268b1]
35 Vgl.[1268b1-4] Hier stellt Aristoteles sich offenbar künstlich dumm, um den Sophisten, der in der Niederschrift nicht antworten kann, rhetorisch geschickt bloß zu stellen
Arbeit zitieren:
Manfred Lotz, 2008, Aristoteles´ Verfassungsdiskussion II, München, GRIN Verlag GmbH
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