INHALTSANGABE
1. Einleitung. 3
2. Der antisemitische Spielfilm als Propagandamittel im
Dritten Reich. 6
2.1 Was ist NS-Propaganda und wie funktioniert sie im
speziellen als Filmpropaganda? 8
2.2 Propaganda und Volkserziehung. 9
3. Detaillierte und szenenchronologische Inhaltsangabe von
„Jud Süß“ 11
3.1 Analyse und Interpretation der Figur Dorothea Sturm an
Hand der Figurenzeichnung und - entwicklung. 13
4. Fazit - Der propagandistische Wert der Figur Dorothea
Sturm in „Jud Süß“ 17
5. Literaturliste. 19
2
1. EINLEITUNG
Der Film „Jud Süß“, uraufgeführt auf der deutsch-italienischen Filmwoche in Venedig am 5.9.1940 (Regie: Veit Harlan), zählt zu den 96 während des Dritten Reichs produzierten „schweren Propaganda“-Filmen - im Folgenden P-Filme 1 genannt - bei einer Gesamtproduktionszahl von 1086 bis 1094 Filmen 2 und soll in den Jahren 1940 bis 1944 im besetzten Europa von mehr als Neunzehn Millionen Menschen gesehen worden sein. 3 Inhaltlich geben die Filmemacher vor, historisch belegt den rasanten gesellschaftlichen Aufstieg des Frankfurter Bankiers Jud Süß Oppenheimer (geboren Ende des 17. Jahrhunderts, gestorben am 4.02.1738) 4 am Hof des Herzogs Karl Alexander von Württemberg zum Finanzminister (historisch korrekt wurde Süß hingegen „nur“ zum Geheimen Finanzrat und Fiskal-Adjutanten ernannt 5 , was in Titel und Funktion etwas völlig anderes als ein Finanzminister war 6 ) bis hin zu seinem Tod am Galgen nach zu zeichnen. Die Ausarbeitung und Gestaltung des gesamten Films gibt sich hierbei von den Machern gewollt große Mühe, an Hand der
1 Zur Einordnung der damals entstandenen abendfüllenden Filme unterschiedlicher Genres möchte ich auf Gerd Albrechts Definitionen aus seinem Buch „Nationalsozialistische Filmpolitik“ (Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1969) zurückgreifen, da diese als Grundlage für die von mir verwendete Literatur unterschiedlicher Autoren verwendet wurde (vgl. Stephen Lowry „Pathos und Politik - Ideologie in Spielfilmen des Nationalsozialismus“, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1991, S. 25; Daniel Knopp: „NS-Filmpropaganda“ - Wunschbild und Feindbild in Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ und Veit Harlans „Jud Süß“, Tectum Verlag, Marburg 2004, S. 23; Angela Vaupel „Frauen im NS-Film - unter besonderer Berücksichtigung des Spielfilms“, Varlag Dr.Kovac, Hamburg 2004, S 23). Zitat Albrecht: „Manifeste politisch-propagandistische Funktionen liegen vor, wenn Spielfilme nach ihrem Inhalt und/oder nach ihrer öffentlichen Behandlung durch das RMVP in der Öffentlichkeit als politisch-propagandistisch angesehen werden mussten. Latente politisch-propagandistische Funktionen liegen vor, wenn Spielfilme nach ihrem Inhalt und/oder nach ihrer öffentlichen Behandlung durch das RMVP in der Öffentlichkeit nicht als politisch-propagandistisch angesehen werden mussten.“ Spielfilme, die als manifest politisch-propagandistisch gelten (wobei hier nicht die Absicht des RMVP ausschlaggebend für die Definition war, sondern der „Eindruck, den die Filme hinsichtlich ihrer politisch-propagandistischen Absichten nach Inhalt und/oder öffentlichen Behandlung durch das RMVP in der Öffentlichkeit hervorrufen mussten.“), bezeichnet Albrecht als P-Filme, alle anderen Spielfilme als non P-Filme. Er nimmt hier weitere Definitionen zu Unterhaltungsfilmen vor, die für diese Hausarbeit aber nicht relevant sind und deshalb nicht aufgeführt werden.
2 Die Anzahl der produzierten P-Filme weicht in der Fachliteratur je nach Autor und deren benutzen Quellen um bis zu 8 Filme ab: Vgl. Wolf Donner: „Propaganda und Film im dritten Reich“ Hrsg. Jeanine Meerapfel; TIP-Verlag 1995, S. 14; Angela Vaupel „Frauen im NS-Film - unter besonderer Berücksichtigung des Spielfilms“, Varlag Dr.Kovac, Hamburg 2004 S. 23; Stephen Lowry „Pathos und Politik - Ideologie in Spielfilmen des Nationalsozialismus“, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1991, S. 16
3 Régine Mihal Friedman: „Male Gaze and Female Reaction: Veit Harlan´s Jew Süss (1940)“ in: „Gender and German Cinema: Feminist Interventions“, Hrsg. Sandra Frieden, Richard W. McCormick, Vibeke R. Petersen, Laurie Melissa Vogelsang; Oxford 1993, S. 120
4 Dorothea Hollstein: “ `Jud Süß` und die Deutschen - Antisemitische Vorurteile im nationalsozialistischen Spielfilm“, Ullstein Verlag 1983; S. 77/78 5 ebd. S. 77 6 ebd. S. 79
Figurenzeichnungen den Antisemitismus des nationalsozialistischen (im Folgenden: NS-) Regimes nachvollziehbar und sympathisch als einzig vernünftige Reaktion auf die „Gefahren des Weltjudentums 7 “ und der „Rassenschande 8 “ aufzuzeigen. Parallel dürften die beginnenden Deportationen von Juden in Konzentrationslager und die gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden ebenfalls eine Rolle für die Auswahl des Stoffes und den Produktionszeitpunkt gespielt haben, da diese rabiaten Maßnahmen der NS-Politik bei der Bevölkerung großteils auf wenig Zustimmung stießen. 9 Sämtliche Frauenfiguren in „Jud Süß“ (Dorothea Sturm, die Herzogin und die Geliebte von Süß Oppenheimer, in kleineren Rollen Rebecca, die Fibelkorn-Schwestern, die Frau des Schmieds, Tänzerinnen, Frauen aus dem Volk etc.) dienen vornehmlich einer Flankierung und Bestätigung der handelnden männlichen Figuren in ihren Rollenbildfunktionen. Sie alle begünstigen und ermöglichen durch Naivität, Verführbarkeit und ihren fehlenden antisemitischen Instinkt den schnellen und für die Stuttgarter Bevölkerung unerfreulichen Aufstieg des Bankiers Jud Süß Oppenheimer zum Finanzminister am Hofe Karl Alexanders, der sich auf Kosten der „einfachen Leute“ massiv bereichert, den Herzog manipuliert, die Landstände auflösen lässt und sich mal mit Schmeicheleien, mal mit Gewalt die arischen Frauen Württembergs sexuell gefügig macht oder dem Herzog als Zuhälter zuführt 10 . Alle diese Figuren, selbst die Komparsenfiguren, werden von Männern gelenkt und gemaßregelt. 11 In dieser Hausarbeit werde ich auf die Charakteristik und Funktion der Frauenfigur Dorothea Sturm in „Jud Süß“ eingehen und ihren daraus resultierenden propagandistischen Wert vor dem Hintergrund des Antisemitismus ermitteln.
7 ebd. S. 79, Zitat aus einem Interview mit Dr. Peter Paul Brauer, dem Produktionschef der Terra-Film, die „Jüd Süß“ produzierte, als er noch im Gespräch für die Regie des Films war. Quelle: Konrad Himmel: Erster Großfilm über jüdische Weltgefahr. In Licht-Bild-Bühne Nr. 164 v. 18.7.1939, S.3
8 ebd. S. 80, Zitat Veit Harlans, des Regisseurs von „Jud Süß“, in: Der Film Nr. 3 v. 20.1.1940, S. 3 (Archiv Wulf) 9 Bernd Kleinhans „Ein Volk, ein Reich, ein Kino“, papyrossa Verlags GmbH, Köln 2003, S. 129 10 ebd. S. 124-128
11 vgl. Régine Mihal Friedman: „Male Gaze and Female Reaction (...)“. S. 127-129
Als weibliche Hauptfigur verkörpert Dorothea Sturm durch ihre Fehler und Schwächen - die die Geschichte zu ihrem dramatischen Höhepunkt (ihrem Selbstmord, der die Revolution voll ausbrechen lässt) führen - das Bild einer Frau, wie die vorbildliche arische Deutsche im Dritten Reich nicht zu sein habe, da ihr sonst der Untergang droht und sie durch ihr Fehlverhalten die Situation verschlimmert und aufrechte Deutsche ins Verderben stürzen kann. Tragisch wird dieses Verhalten umso mehr, da sie alle Tugenden einer vorbildlichen arischen Frau besitzt, nur fehlen ihr der antisemitische Instinkt und die bedingungslose Bereitschaft, sich passiv gegenüber dem ihr zugeordneten Mann zu verhalten.
Um dies zu untermauern, werde ich im Folgenden den Propaganda-Apparat des NS-Regimes, die Funktion des Films als Propagandamittel und die beabsichtigte Erziehung der Masse beschreiben, um dann an Hand einer detaillierten und szenenchronologischen Inhaltsangabe die Figur der Dorothea Sturm zu analysieren und meine These zu bestätigen.
2. DER ANTISEMITISCHE SPIELFILM ALS PROPAGANDAMITTEL IM DRITTEN REICH
Es ist anzunehmen, dass der 13.3.1933 für Joseph Goebbels ein bedeutender Tag war, wurde er doch an diesem Tag zum Minister des gerade gegründeten
Reichsministeriums für Volkaufklärung und Propaganda (RMVP)
ernannt und behielt diesen Posten bis zu seinem Selbstmord 1945. Am 6.7.1933 folgte die Gründung der (vorläufigen)
Reichsfilmkammer (RFK),
nach der Gründung der
Reichskulturkammer (RKK)
am 22.9.1933 als Unterabteilung dort eingegliedert, deren Mitglieder politische Gesinnung im Sinne des NS-Regimes nachweisen mussten, um arbeiten zu dürfen.
12
Ohne eine solche Mitgliedschaft bestand keine Aussicht auf Arbeit, was de facto einem Berufsverbot gleich kam.
13
Beide Kammern unterstanden dem RMVP und damit ebenfalls der obersten Befehlsgewalt von Joseph Goebbels. Die
Filmkreditbank (FKK)
war seit ihrer Gründung am 1.6.1933 für die wirtschaftliche Sicherung der Filmproduktionen im Sinne einer nationalsozialistischen Ideologie zuständig. Zu guter letzt sorgte das neue Lichtspielgesetz vom 16.2.1934 (aufbauend auf dem
„Reichslichtspielgesetz von 1920“
14
) juristisch dafür, dass alle in Deutschland produzierten Filme einer Vorzensur durch den so genannten
Reichsfilmdramaturgen und einer Zensur durch die Filmprüfstelle des RMVP unterlagen, um laut Walter König, einem NS-Juristen, „die Wirkungsmöglichkeiten des Films zu fördern und nach nationalsozialistischen Grundsätzen auszurichten.“ 15 Zusätzlich konnte die Filmprüfstelle Filme mit Prädikaten wie „staatspolitisch wertvoll“ auszeichnen. 16 Solche Prädikate brachten für die Kinobetreiber eine deutliche Ermäßigung der Vergnügungssteuer und eine Verringerung der Verleihgebühren mit sich; je höher also das Prädikat eines Films, um so
12 Daniel Knopp: „NS-Filmpropaganda“ - Wunschbild und Feindbild in Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ und Veit Harlans „Jud Süß“, Tectum Verlag, Marburg 2004; S. 17 13 Wolf Donner: „Propaganda und Film...“, S. 15
14 Bernd Kleinhans „Ein Volk, ein Reich, ein Kino“, papyrossa Verlags GmbH, Köln 2003, S. 36 15 ebd. / Zitat aus: W. König „Das öffentliche Lichtspielrecht im Deutschen Reich“, S. 14 16 Daniel Knopp: „NS-Filmpropaganda“, S.17-19
Arbeit zitieren:
Carola Boßler, 2009, Der propagandistische Wert der Figur Dorothea Sturm im NS-Film „Jud Süß“, München, GRIN Verlag GmbH
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Zadie Smith's White Teeth: Identity Construction between Historica...
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