1 Einleitung
In dieser Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem Thema Neurophysiologie des Lernens und mein Ziel ist die Klärung der Frage, wie ein Mensch lernt und was sich während des Lernens im Gedächtnis des Menschen abspielt. Ich habe mich für dieses Hausarbeitsthema entschieden, da ich als Studentin ja selber viel lernen muss und mir, bevor ich begonnen habe mich mit diesem Thema zu beschäftigen, gar nicht richtig bewusst war, welche Prozesse beim Lernen im menschlichen Gehirn ablaufen. Bevor ich im dritten Kapitel auf das Verhältnis zwischen Lernen und Gedächtnis eingehe, werde ich im zweiten Kapitel erst einmal klären, was man unter Lernen versteht, aus psychologischer Sicht und im Alltagsverständnis. Zum Einstieg gebe ich hier schon einmal eine Definition:
„Lernen bezieht sich auf relativ dauerhafte Veränderungen im Verhalten oder den Verhaltens-
potentialen eines Lebewesens in Bezug auf eine bestimmte Situation. Es beruht auf wiederhol-ten Erfahrungen mit dieser Situation und kann nicht auf angeborene bzw. genetisch festgelegte
Reaktionstendenzen, Reifung oder vorübergehende Zustände zurückgeführt werden.“ 1
Des weiteren werde ich in diesem Kapitel noch auf drei aktuelle Forschungsansätze zu diesem Thema eingehen, den Behavioristischen-, den Kognitiven- und den Neurowissenschaftlichen Ansatz. Im dritten Kapitel komme ich dann zum Kern meiner Hausarbeit. Hier werde ich versuchen die Frage zu klären, welche Rolle das Gedächtnis fürs Lernen spielt und wofür die beiden Gedächtnisareale Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis zuständig sind. Gegen Ende dieses Kapitels komme ich noch auf die Unterscheidung zwischen dem Semantischem-, dem Episodischem- und dem Autobiografisches Gedächtnis zu sprechen. Im vierten Kapitel beschäftige ich mich mit dem Thema Lernstrategien und werde auf die drei wichtigsten Lernstrategien, Wiederholung, Organisation und Elaboration eingehen. Anschließend folgt im fünften Kapitel dann der Schluss, in dem ich meine Forschungsergebnisse noch einmal zusammenfassen und ein abschließendes Fazit ziehen werde, und als letztes das Literaturverzeichnis.
2 Lernen
2.1 Definition Lernen
In diesem Kapitel geht es um das Thema Lernen, da es meiner Meinung nach unerlässlich ist, erst einmal zu klären was Lernen ist und wie sich Lernen definieren lässt, bevor ich dann im dritten Kapitel weiter darauf eingehen kann, wie ein Mensch lernt und welche Rolle das Ge-
1 Winkel/Petermann/Petermann2006, S. 12
3
dächtnis dabei spielt. Im Alltag versteht man unter dem Begriff „Lernen“ meistens die gezielte Aneignung von Wissen an bestimmten Lernorten wie beispielsweise Schule oder Universität. Daher orientiert sich der Alltagsgebrauch des Lernbegriffs hauptsächlich an Inhalten die gelernt werden, wie Wissen, Fertigkeiten und Einstellungen. Lernen ist aber nicht an Institutionen wie Schule oder Universität gebunden, sondern findet in allen Lebensbereichen und in jedem Alter statt. Aus psychologischer Sicht versteht man unter Lernen die „relativ dauerhaften Veränderungen im Verhalten (...) eines Lebewesens, die auf Erfahrungen beruhen und nicht durch angeborene bzw. genetisch festgelegte Dispositionen, Reifung oder vorübergehende Zustände erklärt werden können.“ 2 Diese Erfahrungen muss ein Lernender nicht zwangsläufig selbst gemacht haben, sondern ein Lernender kann auch von Erfahrungen lernen, die ein anderer Mensch ihm erzählt hat. Dabei ist zu beachten, dass die Richtung dieser Verhaltenänderung beliebig ist, d.h. sie muss sich nicht auf eine Verbesserung oder einen Gewinn beziehen, sondern kann auch Verschlechterungen oder Verluste beinhalten. Aus psychologischer Sicht wird unter dem Lernbegriff jede Erfahrungsbildung zusammengefasst, also auch Dinge wie Angst und Gelassenheit, Vorlieben und Abneigungen oder auch die Ausbildung von Gewohnheiten. Lernen bedeutet also immer eine Veränderung, aber nicht jede Veränderung stellt schon ein Lernergebnis dar. Damit eine Veränderung als lernbedingt angesehen werden kann, muss sie auf Erfahrung oder Übung zurückgehen und sie muss überdauernd sein, d.h. für eine längere Zeit verfügbar sein. 3 Auf die genauen Voraussetzungen, die erforderlich sind, damit ein Lernstoff langfristig im Gedächtnis verfügbar wird, wird im dritten Kapitel ausführlich eingegangen. In unserem Sprachgebrauch verwenden wir den Begriff „Lernen“ auf zwei verschiedene Arten. Einmal verwenden wir den Begriff, wenn wir den Lernprozess meinen, also die Aufnahme und Speicherung von Informationen und zum anderen bezeichnen wir damit auch die Lerntätigkeit selbst, d.h. wenn wir uns hinsetzen, um einen bestimmten Lernstoff zu lernen. Dabei ist es unerheblich, ob die Tätigkeit auch tatsächlich zum Ziel führt, also zu einer Verfestigung des Lernstoffs ins Langzeitgedächtnis. Es kann z.B. sein, dass wir einen bestimmten Lernstoff einige Stunden lang lernen und am Ende feststellen, dass wir nichts von den Informationen behalten haben, weil wir beispielsweise müde oder unkonzentriert waren. 4
2 Winkel/Petermann/Petermann 2006, S. 17
3 vgl. Schermer 2006, S. 9-11 und Mielke 2001, S. 12
4 vgl. Mielke 2001, S. 12
4
2.2 Forschungsansätze
Auch in der heutigen Zeit spielen die beiden Forschungsansätze Behaviorismus und Kognitivismus noch eine große Rolle in der Lernforschung. Durch den zunehmenden Einfluss von Medizin und Biologie haben sie aber etwas an Bedeutung verloren und der Ansatz der Neurowissenschaften ist als dritter Forschungsansatz in den Fokus des Interesses gerückt. Im folgenden wird kurz dargestellt, wie sich die drei Forschungsrichtungen unterscheiden und wie ein Lebewesen aus Sicht der jeweiligen Theorie lernt.
Der behavioristische Ansatz interessiert sich nicht so sehr für die Lernprozesse, die sich im Inneren des Menschen abspielen beim Lernen, sondern hauptsächlich für das beobachtbare Verhalten eines Lebewesens, das infolge eines bestimmten Reizes entsteht. Von besonderem Interesse ist dabei, wie das Verhalten durch Umwelteinflüsse oder -veränderungen beeinflusst wird. In der heutigen Lernforschung beschränkt man sich jedoch nicht mehr ausschließlich auf die Untersuchung messbarer Reize und beobachtbarer Verhaltensweisen und vermittelnde Prozesse werden nicht länger von der Betrachtung ausgeschlossen. Stattdessen wird Verhalten als ein Indikator für die Art und Ausprägung innerer Zustände und Prozesse angesehen. Diese gemässigte Form wird häufig auch als „methodologischer Behaviorismus“ bezeichnet. 5 Der kognitive Ansatz befasst sich in der heutigen Lernforschung überwiegend mit Prozessen der Informationsverarbeitung und wurde stark durch die Fortschritte der Computertechnologie beeinflusst. Statt sich mit dem Erlernen von Verhaltensweisen zu befassen, wie der behavioristische Ansatz, befasst sich der kognitive Ansatz mit dem Erwerb von Wissen, der Enkodierung, Speicherung und dem Abruf des Wissens. Die Grundannahme dieses Ansatzes besteht darin, dass Lebewesen kognitive Repräsentationen ausbilden, die letztendlich das Verhalten steuern. Da interne Repräsentationen und kognitive Prozesse nicht direkt beobachtbar sind, müssen sie aus Verhaltensweisen erschlossen werden. 6
Der neurowissenschaftliche Ansatz ist der neuste der drei Forschungsansätze. Hier wird untersucht, welche neurophysiologischen und neuropsychologischen Vorgänge dem Lernen zugrunde liegen. Da der Lernende in der heutigen Lernforschung nicht mehr als passives Wesen angesehen wird, sondern als aktiver Gestalter des Lernprozesses, ist es jetzt besonders wichtig zu verstehen, was sich im Gehirn eines Menschen abspielt, wenn er lernt und wie diese Erkenntnisse genutzt werden können, um ihm das Lernen zu erleichtern. Durch diese veränderte Sichtweise des Lernenden und durch den zunehmenden Einfluss von Medizin und Biologie auf die Lernforschung ist dieser dritte Forschungsansatz entstanden. 7 Auf die genau-
5 vgl.Winkel/Petermann/Petermann 2006, S. 24-25
6 vgl. Winkel/Petermann/Petermann 2006, S. 25-26
7 vgl. Winkel/Petermann/Petermann 2006, S. 26
5
en Prozesse, die sich im menschlichen Gehirn abspielen beim Lernen, wird jetzt im dritten Kapitel eingegangen.
3 Lernen und Gedächtnis
3.1 Die Rolle des Gedächtnisses fürs Lernen
Im vorherigen Kapitel wurde Lernen als die Fähigkeit definiert, auf Erfahrungen mit Verhaltensänderungen zu reagieren. Erfahrungen und Lernprozesse führen zu einem Zuwachs an Wissen oder Können. Damit ein Mensch Informationen überhaupt speichern und wieder abrufen kann, benötigt er das Gedächtnis. Das Gedächtnis ist die kognitive Struktur, mit der In-formationen aufgenommen, enkodiert, gespeichert und bei Bedarf wieder abgerufen werden können. 8 Bei der Informationsaufnahme kann man zwischen dem verteilten Lernen und dem massierten Lernen unterscheiden. Beim verteilten Lernen verteilt man viele kurze Lerneinheiten über einen längeren Zeitraum, während man beim massierten Lernen Wissensinhalte über einen kurzen Zeitraum massiert lernt. Das verteilte Lernen stellt dabei die effektivere Lern-form dar, weil das Gehirn das Gelernte in den Lernpausen weiterverarbeiten kann. Beim massierten Lernen hat das Gehirn keine Möglichkeit dazu und das gelernte Wissen steht dem Lernenden meist nur für einen kurzen Zeitraum zur Verfügung, beispielsweise bis zur nächsten Klausur. 9 Die Enkodierung von Informationen setzt voraus, dass sich eine Person den entsprechenden Informationen zuwendet, ihre Aufmerksamkeit darauf richtet und die zu behaltenen Eindrücke verarbeitet. 10 Die aufgenommenen Informationen können im Gedächtnis auf verschiedene Arten enkodiert werden, beispielsweise verbal oder bildlich. Wenn das Lernen und der Abruf von Informationen in einer ähnlichen Umgebung stattfindet, wird später der Abruf von Gedächtnisinhalten erleichtert, da die Merkmale des Kontextes als Hinweise für den Abruf der Gedächtnisinhalte dienen können. Außerdem kann der Prozess der Enkodierung durch den gezielten Einsatz von Lern- und Gedächtnisstrategien gefördert werden. Mehr dazu folgt im vierten Kapitel. Bei der Speicherung werden die Inhalte mit dem bereits vor-handenen Vorwissen vernetzt und im Langzeitgedächtnis abgespeichert. Das Ziel ist es, dass die Wissensinhalte dort dauerhaft gespeichert werden und bei Bedarf mühelos abgerufen werden können. Dieses Abrufen geschieht allerdings oft nicht so mühelos oder die gelernten Inhalte werden sogar vergessen. Jedoch ist das Vergessen gelernter Inhalte meistens nicht auf ein Versagen des Speichers zurückzuführen, sondern auf Schwierigkeiten beim Abrufen der gespeicherten Informationen. Eine Ursache dafür kann es sein, wenn sehr ähnliche Inhalte
8 vgl. Winkel/Petermann/Petermann 2006, S. 30-31
9 vgl. Winkel/Petermann/Petermann 2006, S. 31
10 vgl. Schermer 2006, S.13
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Arbeit zitieren:
2009, Neurophysiologie des Lernens, München, GRIN Verlag GmbH
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