John Heartfield, der Irak und das Schweigen der Künstler Kurt Lussi
Zusammenfassung
Gesinnungsterror, Kriegshetze, Mord: John Heartfields Fotomontagen entlarvten die Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Protagonisten. Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reiches sind seine Arbeiten aktueller denn je - wie die Gewalt, die er anprangert.
„In der deutschen Kunst tobt ein Kampf um Tod und Leben, nicht anders als auf dem Felde der Politik. Und neben dem Kampf um die Macht muss der Kampf um die Kunst mit demselben Ernst und derselben Entschlossenheit durchgekämpft werden.“ 1932, als Paul Schultze-Naumburg - damals einer der aktivsten Kämpfer gegen „Kulturbolschewismus“ und „Kulturverfall“ - diese Zeilen in der Einleitung zu seinem Buch „Kampf um die Kunst“ schrieb, war das Ringen, um das es hier geht, auf der kulturpolitischen Bühne so gut wie entschieden: Noch vor der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 hatte die NSDAP die Vereinnahmung von Kunst und Kultur durch die Partei in die Wege geleitet. Auf ihr Betreiben entstand bereits 1929 in München der „Kampfbund für deutsche Kultur“. Dessen Führer und zugleich prominentestes Mitglied war Alfred Rosenberg, der spätere Chefideologe des Dritten Reiches. In seiner Ansprache zum ersten öffentlichen Auftritt des Bundes am 23. Februar 1929 sagte er, dass Deutsch-land vor vielen feindlich gesinnten geistigen Strömungen umspült werde. Die eine ortete Rosenberg in der zunehmenden Beeinflussung der deutschen Gesellschaft durch Elemente des amerikanischen „Way of Life“, die andere im „entfesselten Chaos“ des Ostens, „dessen mongolische Flut Deutschland umklammert, während in Deutschland selbst viele Kräfte entstehen, die diese beiden feindlichen Strömungen fördern und bewusst unterstützen.“ 1 Die Drahtzieher vermutete Rosenberg im Kreise jener Schriftsteller und Künstler, die sich der nationalsozialistischen Ideologie verschlossen oder sie offen bekämpften. Wie Hitler, der selbst gerne Maler geworden wäre, hatte auch Rosenberg vor allem die Bildende Kunst im Visier: Die Kunstwerke hatten nach seiner Auffassung „schön“ zu sein, „naturalistisch“ und „heroisch“. Sie hatten den Massen zu gefallen und nicht den Denkern; sie durften weder kritisieren noch hinterfragen. Stattdessen sollten sie das Edle, Reine und Vollkommene des deutschen Volkes übersteigert darstellen.
1 Zit. nach: Staatliche Kunsthalle Berlin (Hg.): 1933 - Wege zur Diktatur. Supplementband zum Katalog. Berlin 1983, S.168.
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John Heartfield, der Irak und das Schweigen der Künstler Kurt Lussi
Auf dieser ideologischen Basis entstand die Unterteilung der Kunst in eine völkische und in eine entartete: „Hingezogen zu dem, was seinem Selbst entspricht, wird der Künstler zum Gestalter des Hohen und Reinen (in der deutschen Kunst) oder aber des Niederen, Zersetzenden und Kranken (in der marxistischen und jüdischen)“, polterte Erwin Schockel in seinem Buch „Das politische Plakat. Eine psychologische Betrachtung“ (NSDAP-Verlag, 2. Auflage München 1939). Einer, der nicht in Schockels Weltbild passte, war der „Gebrauchsgrafiker“ John Heartfield, den der Autor als „schmutzig gekleideten Juden“ und „Auswurf der Menschheit“ verhöhnte. Diese Abstempelung hatte gleich mehrere Gründe: Heartfield war nicht nur Jude und Antimilitarist, sondern aus Überzeugung auch Kommunist. Sich selber sah er als „Gebrauchskünstler“. Kunst war für ihn ein Mittel zum Zweck. Dazu hatte sie zwei Kriterien zu erfüllen: Sie sollte entlarven und gleichzeitig für möglichst viele Menschen zugänglich sein. Unbeirrt hielt er an diesen Prinzipien fest, ganz im Gegensatz zu vielen Künstler der Gegenwart, die sich kaum um derlei Ansprüche kümmern. Und doch ist es nicht gleichgültig, ob ein Werk im Museumsdepot oder in einer Privatsammlung verstaubt, oder ob es im öffentlichen Raum zu sehen ist. Und es ist nicht einerlei, ob es nur die Sinne erfreut oder ob es den Betrachter zum Aufschrecken und Nachdenken zwingt. Ganz der Sache verpflichtet, wagte sich Heartfield in einen künstlerischen Bereich, der für seine Absichten wie geschaffen war: die politische Fotomontage. Mit ihr entlarvte er die zum Krieg treibenden Mächte der Weimarer Republik und ab 1933 - vom Prager Exil aus - die Machenschaften der NSDAP und ihrer Protagonisten.
Wer war dieser Mann, der mit Schere, Leim und zerschnipselten Fotografien ein Gestaltungsmittel entwickelte, das sich wie kaum eine andere Form der Kunst für die politische Agitation geradezu aufdrängte?
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John Heartfield, der Irak und das Schweigen der Künstler Kurt Lussi
Grafiker, Fotomontagekünstler, Agitator
John Heartfield wurde 1891 als Helmut Herzfelde in Berlin-Schmargendorf geboren. Nach seiner Ausbildung an der Münchner Kunstgewerbeschule war er zunächst in Mannheim als Grafiker tätig. Aus Protest gegen die vom Deutschen Reich betriebene Hetze gegen England anglisierte er 1916 seinen Namen und nannte sich fortan John Heartfield. Zusammen mit seinem Bruder Wieland gründete er im gleichen Jahr den Verlag „Neue Jugend“ und 1917 den „Malik-Verlag“. 1918 trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei. Ab 1920 wirkte er bei Veranstaltungen der Berliner Dada-Gruppe mit. In der Folgezeit entwickelte er unter dem Einfluss des Malers und Grafikers George Grosz (1893-1959) die künstlerische Form der politischen Fotomontage, die er fortan als politisches Kampfmittel einsetzte.
Nach 1922 war Heartfield in zunehmendem Masse für die KPD tätig. Er wurde Mitarbeiter der Zeitschriften „Die Rote Fahne“, „Der Knüppel“ und ab 1927 ständiger Mitarbeiter der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ (AIZ). Mit dem zunehmenden Einfluss der NSDAP auf die Gesellschaft wuchs der Druck auf die antifaschistischen Medien des Landes, was Heartfield schon früh zu spüren bekam. Das Ende seiner Tätigkeit kam, als die SA an Ostern 1933 seine Berliner Wohnung besetzte. Überstürzt und nur mit dem bekleidet, was er auf sich trug, floh Heartfield nach Prag. Dort nahm er die Arbeit mit der ebenfalls emigrierten Redaktion der AIZ wieder auf. Von Prag und ab 1938 von London aus setzte er seinen in Deutschland begonnenen künstlerischen Kampf gegen den Faschismus fort. Eine der bekanntesten Montagen dieser Zeit erschien 1937 in der „Volks-Illustrierten“, wie die AIZ ab 1936 hiess. Das Bild zeigt ein über einen Acker marschierendes Skelett mit Stahlhelm und NS-Emblemen. Anstelle von Korn sät der hämisch grinsende Knochenmann kleine Hakenkreuze. Am unteren Bildrand mahnt der dazu gehörende Text: „Wo dieser Sämann geht durchs Land, erntet er Hunger Krieg und Brand“.
1950 kehrte John Heartfield aus dem Exil nach Deutschland zurück. Das Tausendjährige Reich war zusammengebrochen; ein neues Deutschland war im Entstehen begriffen. Bis heute geblieben sind offene Wunden, Schmerz und Trauer. Geblieben sind auch Kriegstreiber, Hetzer, Schieber und Spekulanten, geblieben ist vor allem der Krieg gegen Menschen anderer Gesinnung. Was gewechselt hat, sind die Akteure und Schauplätze. „Leider noch aktuell“, betitelte er 1957 den Katalog zu seiner ersten Ausstellung in der DDR.
Noch im gleichen Jahr reiste Heartfield nach China, wo ihm in Peking vom Ge-sandten der DDR der Nationalpreis für Kunst und Literatur verliehen wurde. Ein Jahr später folgte die Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus. 1961 erhielt er den Friedenspreis der DDR. 1968 starb Heartfield in Berlin.
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Arbeit zitieren:
Kurt Lussi, 2010, John Heartfield, der Irak und das Schweigen der Künstler, München, GRIN Verlag GmbH
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Das Phänomen der Intertextualität im Medium Film
Literaturwissenschaft - Allgemeines
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