1. Nationalsozialistische Leibeserziehung als höchstes Bildungsgut
Obwohl lange Zeit die Zweckfreiheit des Sports proklamiert wurde, lässt sich besonders in der Zeit des Nationalsozialismus eine klare Politisierung und Instrumentalisierung der Leibeserziehung erkennen.
Hitler hatte in Mein Kampf eine neue „Erziehung“ gefordert, die - abseits vom Intellektuellen - soldatisch und kampfbetont sein sollte und am Ende ein gesundes und rassenreines Volk der Deutschen schaffen wollte.
„Bewegung, Turnen, Spiel und Sport w[u]rden als der Bereich angesehen, in dem Jugendliche am leichtesten zu erziehen seien. Deshalb k[am] der Leibeserziehung im Rahmen der nationalsozialistischen Gesamterziehung eine besondere und entscheidende Bedeutung’ 1 zu.“
Alfred Bäumler und Heinz Wetzel formulierten das Programm der ‚politischen Leibeserziehung’. Der Körper wurde dabei zum ‚politicum’, mit dem man nicht tun und lassen konnte, was man wollte. 2 Das „Heranzüchten kerngesunder Körper“ war Prämisse der Erziehungsarbeit und sollte durch die Ausbildung in allen Leibesübungen gewährleistet werden. Dabei kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Nationalsozialisten bei ihrer Machtergreifung wirklich „ein klares, ausgearbeitetes Konzept von Sport und körperlicher Erziehung, weder in organisatorischer noch in ideeller bzw. ideologischer Hinsicht“ 3 , hatten. „Es dürfte [jedoch] kein Tag vergehen, an dem der junge Mensch nicht mindestens vormittags und abends je eine Stunde lang körperlich geschult w[urde] und zwar in jeder Art von Sport und Turnen“. 4 Hitler wollte eine athletische Jugend. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend, an der nichts Schwaches oder Zärtliches ist. Schmerzen müsse sie ertragen können. Er wollte die Jugend zu Gehorsam und Opferbereitschaft erziehen, zu einem Volk, das sich dem Führerprinzip fügt. Dementsprechend war die geistige Bildung untergeordnet, denn er wollte keine mündigen Individuen erwachsen sehen, sondern unmündige Gefolgsleute heranzüchten - durch Sport gestählte Körper als wider-standsfähiges Material für den Krieg.
„Der völkische Staat muss dabei von der Voraussetzung ausgehen, daß ein zwar wissenschaftlich wenig gebildeter, aber körperlich gesunder Mensch mit gutem, festem Charakter, erfüllt von Entschlußfreudigkeit und Willenskraft, für die Volksgemeinschaft wert- 5 voller ist als ein geistreicher Schwächling.“
1 Krüger, 156.
2 Joch, 81.
3 Krüger, 152.
4 Hitler zitiert bei Joch, 25. 5 Hitler zitiert bei Bernett, 21.
1
Die Erziehung, von der Hitler sprach, stand also keineswegs in humanistischer Tradition, sondern kann vielmehr als die totale Erfassung und Manipulation jedes Einzelnen in einem totalen Staat verstanden werden. Turnen und Sport waren dabei vortreffliche Mittel für den totalen Zugriff auf das Leben der Menschen. Der Sport sollte zur Volksgemeinschaft erziehen, in die sich jeder Einzelne einzufügen hatte sowie zum Rassenbewusstsein, da der Leib „Träger des Rassengutes“ sei. Aus diesem Grund war die Leibeserziehung insbesondere für die Mädchen von Bedeutung, da sie „auf [ihre] künftige Bestimmung als Mutter und Erzieherin“ 6 vorbereitet würden im Sinne der Rassenpflege.
Mit der Gewissheit über körperliche Kraft und Stärke sollte das Gefühl der unbedingten Überlegenheit einhergehen, der Glaube an die Unbesiegbarkeit des ganzen Volkstums. Um dies zu demonstrieren waren die Olympischen Spielen von 1936 in Berlin ein perfekter Rahmen. Hier zeigt sich der Missbrauch des Sports als Propa-gandainstrumentarium der Nationalsozialisten sehr deutlich. Während die Spiele die im Inneren stattfindende Aufrüstung für den angestrebten Krieg tarnten, sollten sie nach außen hin den Eindruck von Frieden und Freundschaft erwecken, um das misstrauische Ausland zu beruhigen. Sie schienen ein rein sportliches Unternehmen zu sein. Diese Diskrepanz zwischen Schein und Sein, zwischen erweckten Hoffnungen und tatsächlicher Umsetzung ließ auch viele an eine Aufwertung des Sports durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 glauben. In den Schulen wurde die Stundenzahl für Leibesübungen auf wöchentlich drei und später fünf Stunden erhöht und auch die Sportlehrerausbildung erfuhr eine Umstrukturierung. Die Einheit im Sport verlockte nach Zeiten der Zersplitterung der Sport- und Turnbewegungen in der Weimarer Zeit. Doch dies ging einher mit dem Verbot der Arbeiterturn-und Sportorganisationen, dem Ausschluss aller jüdischen und marxistischen Mitglieder sowie der Unterwerfung unter das Führerprinzip. In den Turnvereinen wurde das Wehrturnen eingeführt. Bürgerliche Vereine und Verbände wurden im Zuge der Gleichschaltung in den Deutschen Reichsbund für Leibesübungen, der ab 1938 in Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen umbenannt wurde, eingegliedert.
„Unter der Decke einer einheitlichen und zentralistischen Organisation wurden Turnen und Sport zum Opfer innerer Kämpfe einzelner Parteigliederungen, […] [mit dem Ergebnis,] dass das Sport- und Vereinsleben in Deutschland immer mehr zum Erliegen kam. Gegen 7 Ende des Zweiten Weltkriegs […] wurde der Sportbetrieb weitgehend eingestellt.“
6 Krüger, 157. 7 ebd., 161f.
2
2. Turnen in der Schule
Während der Sport in der Öffentlichkeit zum Ziel hatte, die Überlegenheit des arischen Menschen durch besondere sportliche Leistungsfähigkeit und Überlegenheit zu demonstrieren, hatten Sport und Turnen in der Schule die Funktion der Kriegsvorbereitung und Abhärtung. Dennoch lagen erst im Jahre 1937 neue Richtlinien für die schulische Leibeserziehung der Jungen vor und 1941 für die der Mädchen. 8 Ganz im Sinne der Erziehung zum Kampfmenschen wurden hier in erster Linie Hand-und Fußball sowie Boxen als Sportarten favorisiert, da sie zu kämpferischem Einsatz und entschlossenem Handeln erzögen. Dem Turnen kam eher eine Randstellung zu. Wenn es überhaupt praktiziert wurde, beschränkte es sich auf das Geräteturnen, da sich in ihm die „methodische Fiktion des ‚Ernstfalles’ besonders anschaulich durchführen“ 9 lasse.
„Turnen an Geräten bedeutet ein Zweifaches: Kampf mit sich selbst und Auseinandersetzung mit jeglichem Hindernis, das sich in den Weg stellt. Mut, Härte, Selbstvertrauen, Herzhaftigkeit, Zielstrebigkeit und Willensstärke bis zum Sieg müssen die Eigenschaften 10 eines Geräteturners sein.“
Wagnis und Mut im Überwinden innerer Widerstände und Hemmungen standen im Vordergrund, sodass der „dynamische Tatenmensch“, sobald er sich hier bewährte, „wahre Triumphe der Selbstüberwindung“ feiern konnte. 11 In diesem Sinne verstand man jedes Gerät als ein Instrument, das Wagnisse ermöglichte. Gewagte Abgänge, Mutproben am Hochreck, Hocke, Flanke, Grätsche an den drei Hauptgeräten Reck, Barren und Pferd sollten Jungen wie Mädchen ‚zäh wie Leder und hart wie Krupp-Stahl’ machen. „Schwungübungen (Schwungstemme, Kippe an Reck und Barren, Spreizübungen am Pferd)“ galten hingegen als nicht charakterfördernd, da sie auch noch im ermüdeten Zustand leicht zu vollbringen seien und keines Mutes bedürfen. 12 Da das Turnen der Abhärtung und der Vorbereitung auf den Krieg diente, sollte die Aufgabenstellung Kampf und Auseinandersetzung fordern und immer wieder eine Mutprobe sein. Aufgaben, die lediglich durch eine gut trainierte Muskulatur zu bewältigen gewesen wären, waren nicht gut gestellt. „Denn, was nutzt […] im Ernstfall
8 Vgl. Joch, 33.
9 Bernett, 92. 10 Knipper zitiert bei Bernett, 96.
11 Begriffe nach Bartsch bei Bernett, 94.
12 vgl. Schlüter zitiert bei Bernett, 95f.
3
Arbeit zitieren:
Julia Altmann, 2009, Die Instrumentalisierung des Sports im Nationalsozialismus am Beispiel des Turnens, München, GRIN Verlag GmbH
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