Abstract
Themenhotels werden immer attraktiver und die Anzahl der thematisierten Hotels in Deutschland nimmt ständig zu. Dieser Trend versucht sich in Zeiten gesättigter Reisemärkte und einer stetig wachsenden Anzahl der Hotels zu einer zukunftsweisenden Strategie zu etablieren. Unternehmen konzentrieren sich zunehmend im Rahmen einer Differenzierung auf Alleinstellungsmerkmale und befriedigen mit Themenhotels die einem starken Wandel unterliegenden Bedürfnisse der Reisenden. Sowohl im Angebot der Hotellerie, als auch bei der Typologie der Gäste vollzieht sich in der jüngsten Vergangenheit und in der Gegenwart ein tiefgreifender Wandel. Deshalb kommt der Spezialisierung auf Themen als wertschaffende Strategie besondere Bedeutung zu. Eine solche Strategie wird in der vorliegenden Arbeit wissenschaftlich fundiert und praktisch am Beispiel der Lindner Hotels AG mit dem ersten Tierpark-Themenhotel, dem Lindner Park-Hotel Hagenbeck, untersucht. Eine thematische Ausrichtung der Hotels, so die Grundthese dieser Arbeit, führt nicht nur zu einem besseren Arbeitgeberimage, sondern ermöglicht daneben auch eine nachhaltige Kundenbindung und kann somit als ein unbestreitbar wertschaffender Faktor betrachtet werden. Der Dynamik und den Trends, die für die Käufergruppen konstatiert werden müssen, kann und sollte durch die Entwicklung innovativer Hotelkonzepte nachhaltig begegnet werden, um eine mittel- bis langfristige Existenzsicherung eines Unternehmens zu gewährleisten. Bei einem Produkt, das auf dem Markt platziert werden soll, ist es unerlässlich, den „Produktlebenszyklus“ im Auge zu behalten, um angemessen auf kurz- bis mittelfristige Veränderungen im Käuferverhalten reagieren zu können. In der vorliegenden Arbeit werden die wichtigsten Gesichtspunkte der aktuellen Tourismusforschung und der betriebswirtschaftlichen Erkenntnisse in Bezug zu möglichen Strategien, die als dauerhaft wertschätzend angesehen werden können, gesetzt und am Beispiel des Lindner Park-Hotels Hagenbeck in Hamburg dargestellt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
1.1 Der Trend zu Themenhotels 1
1.2 Grundlagen und Einführung der Begriffe 3
1.3 Abgrenzung Themenhotel 6
1.4 Das Lindner Park-Hotel Hagenbeck 8
2 Themenhotels als strategische Geschäftseinheit 15
3 Grundlagen für die Entwicklung innovativer Hotelkonzepte 25
3.1 Wettbewerbsumfeld und Akzeptanzkriterien 25
3.2 Produkt- und Markenpositionierung 31
3.3 Produktlebenszyklus eines Themenhotels 34
3.4 Gästeinteresse und Nachfragesteuerung 43
4 Marktsegmentierung 49
4.1 Hotelmarkt im Reiseland Deutschland 50
4.2 Marktsegmente 52
4.3 Käufergruppen 56
4.4 Dynamik und Trends in den Käufergruppen 58
5 Applikationen, Fazit und Ausblick 75
5.1 Zukunft der Themenhotels - Themenhotels der Zukunft 75
5.2 Limitationen 79
5.3 Schlussbemerkung 80
Literaturverzeichnis 81
Anhang 86
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 Gliederung Beherbergungswesens, eigene Darstellung nach Freyer
Abbildung 2 Die vier Dimensionen des Erlebens
Abbildung 3 LPHH (links) mit dem Aquarium und Haupteingang Tierpark
Abbildung 4 LPPH, Bereich Lift und Vorraum
Abbildung 5 Liftkabine Lindner Park-Hotel Hagenbeck
Abbildung 6 Zimmer Thema Afrika
Abbildung 7 Bilderauswahl Lindner Park-Hotel Hagenbeck
Abbildung 8 Lageplan Lindner Park-Hotel Hagenbeck ,
Abbildung 9 Ansicht Architektur Lindner Park-Hotel Hagenbeck
Abbildung 10 Das Portfolio der Lindner Unternehmensgruppe
Abbildung 11 Lindner Standorte
Abbildung 12 SGE Bildung der Lindner Hotels AG, eigene Darstellung
Abbildung 13 Einflussgrößen der Mitarbeiterzufriedenheit, eigene Darstellung
Abbildung 14 Geschäftsmodelle im Kontext des strategischen Management
Abbildung 15 Five Forces Model von Porter
Abbildung 16 eigene Darstellung „Strategische Gruppen“ in der Hotellerie
Abbildung 17 Aufbau einer SWOT Analyse, eigene Darstellung
Abbildung 18 Markenstruktur Lindner Hotels AG, eigene Darstellung
Abbildung 19 Leistungs-/Markenversprechen der Lindner Hotels AG
Abbildung 20 Möglichkeiten der Nutzenpositionierung in der Hotellerie
Abbildung 21 Trendportfolio, eigene Darstellung nach Chr. Wopp
Abbildung 22 der Verlauf eines Produktlebenszyklus, eigene Darstellung
Abbildung 23 Produktlebenszyklus, eigene Darstellung nach Preißner
Abbildung 24 Kano-Modell der Kundenzufriedenheit
Abbildung 25 Verschiebung der Nachfrage, eigene Darstellung
Abbildung 26 Die drei Nichtkunden-Kategorien und der eigene Markt
Abbildung 27 Die Kategorien der Nichtkunden
Abbildung 28 Tourismusankünfte in Deutschland
Abbildung 29 Einflußgrößen bei der Hotelauswahl deutscher Geschäftsreisen
Abbildung 30 Schrittfolge bei der Marktsegmentierung
Abbildung 31 Die drei Dimensionen zur Marktsegmentierung
Abbildung 32 Sinus Milieus aus Grundlagenwissen zur Hotellerie in
Deutschland
Abbildung 33 Die Zukunft der Gesellschaft, Individuelle Lebensstile
Abbildung 34 Das Organigramm einer Netzwerk-Familie
Abbildung 35 Markenübersicht InterContinental Hotels Group
Abbildung 36 Nutzenorientierte Hotelkonzepte
Abbildung 37 Von der Langfristplanung zum strategischen Management
Anhangsverzeichnis
Anlage 1 Leitfaden zum Experteninterview 86
Anlage 2 Interview mit Otto Lindner 86
Anlage 3 Startseite www.hagenbeck.de 90
Anlage 4 Auszug LPHH auf www.hagenbeck.de 91
Anlage 5 Auszug der Tierpark Bewerbung auf www lindner de 92
Executive Summary
Die vorliegende Arbeit stellt sich die Frage nach dem möglichen Einfluss der Spezialisierung auf Themenhotels als wertschaffende Strategie für Hotelunternehmen unter Berücksichtigung der für die Entwicklung von innovativen Hotelkonzepten relevanten Grundlagen. Durch eine besonders akzentuierte Erleb-nisorientierung und die ihnen zugrunde liegende Thematisierung grenzen sich diese Hotels von den Unternehmen der klassischen Hotellerie ab. So schaffen sie Alleinstellungsmerkmale und bilden eine strategische Geschäftseinheit in diversifizierten Unternehmen. Themenhotels sind geeignet, sehr unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen und dadurch nachhaltig den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens zu sichern. Wenngleich auch der Instandhaltungs- oder Renovierungsbedarf bei Themenhotels in der Regel wegen der thematischspezialisierten Ausführung kostenintensiver zu bewerten ist als bei den klassischen Hotelbetrieben, setzen moderne Unternehmen auf Themenhotels als wertschaffende Strategie. Die Kundenbindung auf der einen Seite und auf der anderen die Gewinnung von solchen Mitarbeitern, die eine starke Identifikation mit dem Unternehmen entwickeln, sind weitere Vorteile eines auf Themenhotels spezialisierten Unternehmens. Auf Grund der ihnen eigenen Heterogenität ergeben sich bei den Themenhotels Besonderheiten hinsichtlich der Akzeptanzkriterien seitens der Käufergruppen. In der vorliegenden Arbeit wird die These aufgestellt und verifiziert, dass Themenhotels einen doppelten Mehrwert schaffen, nämlich einerseits für die Gäste, die das besonders spezifizierte Angebot annehmen als auch andererseits für das Unternehmen selbst, weil das Alleinstellungsmerkmal einen tatsächlichen und damit wirtschaftlich relevanten Kon-kurrenzvorteil zu bewirken in der Lage ist. Themenhotels begründen sich auf Trends unterschiedlicher Wirkungsbreite und -dauer. Der Lebenszyklus eines Themenhotels steht in direkter Abhängigkeit der Akzeptanz verschiedener Trends und spiegelt so auch den stetigen Wandel der Gesellschaft wieder. In gesättigten oder stagnierenden Märkten ist die Entwicklung der Themenhotels eine Möglichkeit, Nachfrage zu steuern. Aber auch die Konzentration auf die bisherigen Nichtkunden verschiedener Kategorien kann die Grenzen der Nachfrage überschreiten und der Strategie „Blauer Ozean“ folgend zur nachhaltigen Existenzsicherung führen.
Ein unter ein Thema gestelltes Hotel verschafft dem Gast ein noch nicht da gewesenes Erlebnis, kann dabei aber trotz dieses Alleinstellungsmerkmals nicht auf individuelle Zielgruppenansprache verzichten. Hinsichtlich der Marktsegmentierung kann ein Paradigmenwechsel festgestellt werden - von der Milieubetrachtung hin zur Kenntnisnahme der Erkenntnisse der Trendforschung, die stärker als die klassische Milieuforschung einzelne Typen in Augenschein nimmt, was sich in verschiedenen Lebensstiltypen manifestiert. Zuvor wichtige Segmentierungsvariablen verschwimmen zunehmend und starre Einteilungen verlieren an Bedeutung, weil sich spezielle Verhaltensmerkmale nicht mehr eindeutig dem Geschlecht, dem Alter oder der Herkunft der Gäste zuordnen lassen. Auf jeden Fall aber kann eine Typologisierung bei der strategischen Entscheidung Hilfestellung leisten, wie ein Themenhotel positioniert werden kann. Themenhotels können als wertschaffende Strategie der Hotelkonzerne im Allgemeinen und am Beispiel des Lindner Park-Hotel Hagenbeck für die Lindner Hotels AG dienen. Der sich im Wandel befindliche Markt und die unterschiedlichen Gästetypen werden sich in immer zunehmenden Maße als Kenngröße im strategischen Management repräsentieren. Unter strategischem Management sind die konkreten Handlungen und deren tatsächliche Durchführung zu verstehen. Themenhotels ermöglichen singuläre Erfahrungen und Erlebnisse, die so in klassischen Hotels nicht möglich sind. Gleichzeitig bestehen für Themenhotels auch Risiken: Zum einen bedarf eine Spezialisierung auf ein bestimmtes Thema eine höhere Kapitalbindung, zum anderen können Veränderungen in der Gesellschaft und im Freizeitverhalten der Gäste dazu führen, dass das Thema uninteressant wird - oder dass sich eine Sättigung nach einem einmaligen Besuch hemmend auf Folgebesuche auswirkt.
Die vorliegende Arbeit vereint wissenschaftlich fundierte Ansätze mit dem praktischen Handlungsfeld „Themenhotel“ unter dem Gesichtspunkt einer Betrachtung über wertschaffende Strategien. Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der dokumentierten Zusammenarbeit der Lindner Hotels AG mit dem Fraunhofer Institut zu, die beide seit 2007 an dem Projekt „Hotel der Zukunft“ intensiv arbeiten. Die hierbei erstellten Umfragen und deren Ergebnisse fließen in die Arbeit ein. Eine umfangreiche Analyse des Lindner Park-Hotel Hagenbeck exemplifiziert die wissenschaftlichen Thesen.
Neben der thematischen Heranführung werden die Begriffe „Hotel“, „Themenhotel“ und „Erlebnis“ eingeführt. Die vorliegende Arbeit stellt die Unterschiede zwischen einem „klassischen“ und einem Themenhotel heraus, wenngleich auch letztere in die Kategorie der „klassischen“ Hotellerie einzuordnen sind. Zielsetzung der Master Thesis ist die Analyse und Bewertung der Strategie der Lindner Hotels AG im Bezug auf die Entwicklung und den Betrieb thematisch spezialisierter Hotels. Der Blick wird darauf fokussiert, aus welchen strategischen Gründen die Lindner Hotels AG Themenhotels entwickeln und betreiben. Die Grundlagen innovativer Hotelkonzepte werden exemplarisch dargestellt. Genannt werden hier die Akzeptanzkriterien für Hotels und die mögliche Produkt- und Markenpositionierung. Des Weiteren wird der Produktlebenszyklus eines Themenhotels figuriert und mit klassischen Hotels verglichen. Besondere Bedeutung hat hierbei die Betrachtung des Zielmarktes eines Themenhotels. Diese erfolgt unter Berücksichtigung verschiedener Trends in den unterschiedlichen Gästesegmenten. Die theoretischen Einsichten in Bezug zur Praxis werden am Beispiel des Lindner Park-Hotel Hagenbeck dargestellt und fungieren insofern als Nachweis für die praktische Relevanz des zuvor Gesagten.
1
1 Einleitung
Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, welchen Einfluss die Spezialisierung auf Themen als wertschaffende Strategie hat oder haben kann. Es wird untersucht, wie sich Themenhotels innerhalb der Lindner Hotels & Resorts entwickelt haben und welche weiteren und wertschaffenden Potentiale dieser Bereich beinhaltet. Darüber hinaus werden die marktlichen Grundlagen für die Entwicklung innovativer Hotelkonzepte geprüft und der Zielmarkt analysiert. Die wissenschaftlichen und theoretischen Erkenntnisse werden auf das Lindner Park-Hotel Hagenbeck bezogen, das als eines der neuesten Themenhotels in Deutschland gelten kann 1 und aus diesem Grunde besonders geeignet scheint, diese Erkenntnisse zu verifizieren.
1.1 Der Trend zu Themenhotels
Es bedarf intelligenter Marketingkonzepte und Ideen, um in Zeiten gesättigter Reisemärkte und zunehmender Konkurrenz kommerzielle Freizeit- und Tourismuseinrichtungen erfolgreich am Markt zu etablieren. 2 Als eine Möglichkeit einer solchen zukunftsweisenden Etablierung am Markt scheint die Thematisierung von Hotels zur Schaffung einer „Differenzierungs- und Profilierungsstrategie“ 3 . Geburtsstätte der so genannten Themenhotels ist Las Vegas. Als Kasino(-hotel)s nicht mehr ausreichten, um Menschen in eine Stadt mitten in der Wüste zu locken, begann man in Hotels künstliche Themenwelten zu schaffen. 4 1966 wurde mit dem Caesars Palace das erste Themenhotel in Las Vegas eröffnet. Das Hotel wurde erbaut im Stil römischer Architektur mit einer Außenfassade mit Säulen und antikisierenden Portalen. Auch bei der Inneneinrichtung wurde auf den Gesamteindruck antiker Gebäude geachtet. So nutzte man Baumaterialien wie Marmor und hellen Sandstein, und versah das Ensemble mit Statuen, Springbrunnen und Repliken.
1 Vgl. Hotelverband Deutschland (IHA) e.V.,(2010): Hotelmarkt Deutschland 2010, Berlin, S. 78. 2 Baumbach, I. (2007): Was erwartet der Gast von morgen, Heidelberg, S. 6. 3 Steinecke, A. (2009), Themenwelten im Tourismus, München, S. 98. 4 Vgl. Steffens, D. (2008), Viva Las Vegas, Die Entwicklung des Tourismus in Las Vegas unter besonderer Berücksichtigung der Themenhotels, München, S. 45.
2
Die in Toga gekleideten Mitarbeiter sorgen sich in einer der berühmtesten Destination im internationalen Tourismus um das Wohl der Gäste. 5 Mit diesem Hotel begann in Las Vegas eine Entwicklung, die bis heute anhält. Diese wird durch eine „exzessive Thematisierung der Hotellerie“, dem Wandel von einfachen Kasinohotels zu multifunktionalen Vergnügungskomplexen und einer für Hotels bis dato unüblichen architektonischen Formensprache geprägt. 6 Nach dem Vorbild des Caesars Palace wurden in den folgenden Jahren z.B. das Circus Circus (1968) als Zirkuswelt mit stündlichen Vorstellungen und einem Indoor-Freizeitpark gestaltet. Das Imperial Palace (1979) ist im Stil eines asiatischen Kaiserpalastes errichtet worden. 7 In den späten 1980er Jahren gelang es den Hoteliers in Las Vegas, sich mittels der Themenhotels als Tourismusdestination für die ganze Familie zu positionieren. Damals setzte in den Vereinigten Staaten ein wahrer Themenhotel-Boom ein. Den Auftakt bildete 1989 das Hotel „The Mirage“. Es ist das erste Mega-resort in Las Vegas, das mit Themenkulissen, mit einer tropischen Pool-Landschaft, mit Palmen und Wasserfällen, einem Delphin-Aquarium, den weltberühmt gewordenen weißen Tigern von Siegfried & Roy und künstlichem Vulkanausbrüchen gleich mehrere Attraktionen miteinander kombiniert. Gegenwärtig weist Las Vegas mit 124.270 Hotelzimmern 8 die weltweit höchste Unterkunftskapazität auf. Zum Vergleich: Berlin verfügt heute über 54.850 Hotelzimmer. 9 Der Trend zu Themenhotels ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass seit dem Ende der 1980er Jahre eine veränderte Erwartung der Gäste konstatiert werden kann, die zu einem anderen Konsumverhalten geführt hat. Themenwelten lassen jeden Besuch zum Erlebnis werden und haben das Ziel, die Phantasie der Nutzer zu fördern. Diese Erlebnisse bilden ein Gegengewicht oder einen Ausgleich zum Stress des Alltags. Die Veränderung der Konsumentenbedürfnisse lässt sich laut dem Zukunftswissenschaftler H.W. Opaschowski an einer „verstärkten Nachfrage nach emotionalen Konsumerlebnissen“ konkretisieren 10 .
5 Steffens, D. (2008), S. 37. 6 ebd. 7 Vgl. Steffens, D. (2008). 8 Vgl. http://govegas.about.com/cs/faqs/l/blfunfacts.htm, Abfragedatum 06.03.2010. 9 Allgemeine Hotel und Gaststättenzeitung Nr. 10, 06.03.2010. 10 Opaschowski, H.W. (2004): Deutschland 2020. Wie wir morgen leben - Prognosen der Wissenschaft, Wiesbaden, S. 138.
3
Sinkende Bedeutung der Notwendigkeit und Nützlichkeit des Konsums stärken die Entwicklung vom Versorgungs- zum Erlebniskonsum. So lassen sich im Grunde zwei erkennbare Kennzeichen formulieren, wenn das Thema „Spezialisierung auf Themen“ als wertschaffende Strategie in der Hotelerie untersucht wird: Zum einen bieten Themenhotels eine substantielle Möglichkeit der Differenzierung im Wettbewerb, zum anderen können Themenhotels als eine Antwort auf die durch verschiedene Faktoren beeinflussten Änderungen des Konsumverhaltens der Gäste verstanden werden. Im Verlauf der Arbeit wird die Extrapolation der Entwicklung der Themenhotels untersucht.
1.2 Grundlagen und Einführung der Begriffe
Zu dem Begriff „Hotel“ finden sich verschiedene Definitionen. Es gibt „keine einheitliche und verbindliche Definition, welche Unternehmung sich als Hotel bezeichnen darf“ 11 .Bei der Durchsicht der unterschiedlichen Quellen konnte einheitlich die Unterscheidung zwischen der klassischen Hotellerie und der Parahotellerie erkannt werden. Dem Tourismusforscher W. Freyer zufolge gehören zur klassischen Hotellerie die Hotels, Hotel garnis, Pensionen und Gasthöfe. Zur Parahotellerie zählen Ferienhäuser, Ferienwohnungen, Jugendherbergen und andere Beherbergungsmöglichkeiten wie Sanatorien, Ferienlager, Campingplätze und Privatzimmer. 12 Eine andere Möglichkeit der Typisierung von Beherbergungsbetrieben stellen Dreyer/Dehner 13 in ihrer Untersuchung zur Kundenzufriedenheit im Tourismus vor. Sie teilen die Beherbergungsbetriebe ein nach dem Grad der Leistung 14 , der Standortorientierung 15 , der Verkehrsmittelorientierung 16 , der Unternehmensform 17 , der Aufenthaltsdauer 18 , den Güteklassen 19 und den Wirtschaftsprinzipien 20 .
11 Henschel, U.K. (2008): Hotelmanagement, München, S. 2. 12 Freyer, W. (2009): Tourismus - Einführung in die Fremdenverkehrsökonomie, München S. 143. 13 Dreyer, A. / Dehner, C. (2003): Kundenzufriedenheit im Tourismus, München, S. 10. 14 z.B. Vollhotel oder Hotel garni 15 z.B. Stadthotel, Urlaubshotel oder Kurhotel 16 z.B. Bahnhof- oder Flughafenhotel 17 z.B. Personengesellschaft, Kapitalgesellschaft 18 z.B. Passantenhotel, Ferienhotel 19 z.B. Hotelklassifizierung durch Sterne 20 z.B. gewerbliche Betriebe, soziale Einrichtungen
4
In der vorliegenden Arbeit wird nur auf die klassische Hotellerie eingegangen, denn die unter die Kategorie Parahotellerie fallenden Betriebe, die nicht der Definition Hotel subsummiert werden können, nehmen in der Betrachtung der Fragestellung der Themenhotels nur eine untergeordnete Rolle ein. In Anlehnung an die Differenzierung des Beherbergungsgewerbes nach Freyer wird der Bereich der Themenhotels als Sonderform der klassischen Hotellerie zugeordnet.
21 Abbildung 1 Gliederung Beherbergungswesens, eigene Darstellung nach Freyer
21 Freyer, W. (2009): S. 143.
5
Ebenso wenig wie der Begriff „Hotel“ eindeutig definiert werden kann, ist eine solche Abgrenzung auch beim Begriff „Themenhotel“ möglich. Einheitlich kann lediglich auf die Definition des statistischen Bundesamtes zurückgegriffen werden: „Betriebe, die nach Einrichtung und Zweckbestimmung dazu dienen, mehr als acht Gäste im Reiseverkehr gleichzeitig zu beherbergen 22 .“ Übereinstimmend wird aber im Zusammenhang der Themenhotels auch der Begriff „Erlebnis“ genannt. Erlebnishotels verfolgen eine Nischenstrategie und unterscheiden sich deutlich von den klassischen Hotels. Man spricht dann von einem Themenhotel, wenn sich das Haus von außen und innen an einem bestimmten Thema orientiert 23 . Dabei werden im besten Fall alle Hotelbereiche mit einbezogen. Überraschenderweise werden oftmals Themen umgesetzt, die keinen direkten Bezug zur Umgebung haben. 24 Einige Konzepte von Themen- und Erlebnishotels werden im Kapitel „Abgrenzung Themenhotels“ 25 näher vorgestellt. Die zunehmende Erlebnisorientierung ver-wandelt M.B. Holbrook und E. C. Hirschmann zufolge den Konsum in „a steady flow of fantasies, feelings and fun“. 26 Erlebnisse lassen sich als Ereignisse mit subjektivem Erleben und damit verbundenen Gefühlen verstehen, sind einprägsam und bereiten dem Gast ein positives Gefühl. Erlebnisse sind Prozesse, die aus Erlebnisdimension, Erlebnismodi und Erlebnisbereichen bestehen. 27 Das Themenhotel ermöglicht ein solches mehrdimensionales Erlebnis und schafft dadurch ein Alleinstellungsmerkmal. Wenn der Gast ein bestimmtes Erlebnis haben will, wird er sich tendenziell eher für das entsprechende Themenhotel entscheiden und wird deshalb auch bereit sein, einen höheren Preis für die Leistung zu zahlen, als er dies bei einem erlebnisarmen Produkt zu tun bereit ist. Erlebnisse sind jedoch nicht nur Konsumerfahrungen. Erlebnisse leisten laut G. Schröder einen Beitrag zur Lebensqualität. Erlebnisse brauchen nicht nur eine Situation, sondern auch einen Ort, eine Umgebung.
22 Statistisches Bundesamt: Tourismus 1996, S. 262. 23 Steinecke, A. (2009): Themenwelten im Tourismus, München, S. 98. 24 Wie zum Beispiel: Andalusien in Rust, Venedig in Las Vegas. 25 Vgl. Kapitel 1.3, S. 6. 26 Holbrook, M.B., Hirschmann, E.C.(1982): The Experiential Aspects of Consumption: Consumer Fantasies, Feelings and Fun, in: Journal of Consumer Research, Nr.9, S. 132-140 27 Vester, H.-G. (2004): Das Erlebnis begreifen - Überlegungen zum Erlebnisbegriff in Kagelmann, H.J. Friedrichsschmidt, S., Sauer, R. (2004): ErlebnisWelten. Zum Er- lebnisboom in der Postmoderne, München / Wien (Tourismuswiss. Manuskr.), S. 12.
6
Diese wiederum wird im Zusammenhang der Hotellerie definiert als „(…) künstlich geplanter kommerzieller Freizeit- (oder Urlaubs-) Bereich, in dem geplant versucht wird, den dafür in der Regel Eintritt zahlenden Menschen besonders viele Funktionen zu vermitteln und dabei als besondere Dienstleistung emotionale Erlebnisse für einen begrenzten Zeitraum zu verschaffen“ 28 . Die Thematisierung eines Hotels führt dazu, dass der Gast einen Mehrwert in Form eines besonderen Erlebnisses erfährt.
1.3 Abgrenzung Themenhotel
In Deutschland gibt es rund ein Dutzend Themenhotels. 29 Das erste entstand mit dem Nippon Hotel 1989 in Hamburg. Dann folgten ab Mitte der 1990er Jahre die Freizeitparks. Sieben der deutschen Themenhotels stehen im Europa-Park Rust, dem Phantasia-Land Brühl und dem Heidepark Soltau. Mittlerweile entdecken immer mehr Hotelbesitzer den Vorteil eines Themenhotels: Allein in den vergangenen zwei Jahren entstanden in der Bundesrepublik Deutschland fünf neue Themenhotels, darunter das Hotel Villa Oriental in Frankfurt und im Phantasialand Brühl die beiden Hotels Ling Bao und Matamba. 30 Dieser Arbeit liegt die Annahme zu Grunde, dass ein Themenhotel immer ein bestimmtes Thema braucht, das durch Architektur, Einrichtung, Service und Dienstleistung so authentisch wie möglich umgesetzt wird. Ein Themenhotel verfolgt das Ziel, die Gäste für die Dauer ihres Aufenthaltes in eine „illusionäre Gegenwelt zu versetzen“ 31 . Mit einer solchen erweiterten Zielsetzung grenzt sich ein Themenhotel deutlich von einem klassischen Hotel ab, bei dem es vor allem anderen darum geht, die Bedürfnisse des Reisenden nach Wohnen und Nahrung außerhalb des eigenen Haushalts zu befriedigen. 32
28 Schröder, G. (2008): Das Tourismus Lexikon, 5. Auflage, München, S. 131. 29 Steffens, D. (2008), S. 12. 30 http://www.phantasialand.de/29611/phantasialand/uebernachtung/hotelmatamba/hotel- matamba.html), Abfragedatum 08.02.2010. 31 Steinecke,A. (2009), S. 13. 32 Henschel, U.K. (2008): Hotelmanagement, München, S. 3.
7
Unabhängig vom Standort oder Betriebstyp werden nach A. Steinecke, der als einer der Ersten die Themenwelten im Tourismus umfangreich wissenschaftlich erforscht hat, diese Grundprinzipien zeitgemäßer Erlebnis- und Konsumwelten umgesetzt: „Multifunktionalität, Erlebnisorientierung und Thematisierung.“ 33 Die Multifunktionalität des Lindner Park-Hotel Hagenbeck besteht in einem diversifizierten Angebot für Tagungsgäste, Individualgäste und Firmenreisende. Vier Konferenzräume unterschiedlicher Größe und der Carl-Hagenbeck-Saal bieten Platz für Veranstaltungen mit bis zu 300 Personen. Der Tagungs- und Eventbereich des Tropen-Aquariums kann weitere 800 Personen aufnehmen. Die Erlebnisorientierung ist zum einen durch den Tierpark Hagenbeck, zum anderen durch das Tropen-Aquarium, in deren unmittelbarer Nähe das Hotel erbaut worden ist, gegeben. Die Thematisierung des Hotels wird bereits im Namen deutlich. Lindner Park-Hotel Hagenbeck bezieht sich auf die Eigentümer und deren Geschichte, wobei der Betreiber 34 in den Vertriebs- und Verkaufsmaßnahmen sehr deutlich auf die Thematisierung hinweist und diese als Basis eines storytelling nutzt. Das Motiv für die Planung des von Lindner geführten Parkhotels am Tierpark ist der wirtschaftliche Erfolg der kompletten Hagenbeck - Gruppe 35 durch das „Erzählen“ einer guten Geschichte. Ein solches „Erzählen“ ist laut M. und K. Fidlschuster eine unabdingbare Voraussetzung für krisenresistente und nachhaltig wirtschaftlich erfolgreiche Hotelprojekte. 36
33 Steinecke,A. (2009), S. 101. 34 Die Lindner Hotels AG. 35 „Hagenbeck-Gruppe“ beschreibt die Unternehmensteile Tierpark Hagenbeck, Tropen-Aquarium, Hagenbeck Events und Lindner Park-Hotel Hagenbeck. 36 Vgl. Cost & Logis (26.01.2010), Interview mit M. und K. Fidlschuster, Geschäftsfüh- rer der Hotour Hotel Consulting GmbH, S. 7-9.
37 Abbildung 2 Die vier Dimensionen des Erlebens
1.4 Das Lindner Park-Hotel Hagenbeck
„Viele Hotels sind austauschbare Bettenburgen. Sie sind gleichförmig, haben keine Idee oder Geschichte“ 38 . Mit dem Thema der „Reise um die Welt“ hat man dem Lindner Park-Hotel Hagenbeck ein unverwechselbares Profil gegeben, das es von allen anderen Hotels abhebt. Für den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) / Hotelverband Deutschland (IHA) sind Themenhotels die innovativen Aufsteiger im deutschen Hotelmarkt. 39 Das Lindner Park-Hotel Hagenbeck hat einen authentischen Bezug zur der Familiengeschichte Hagenbeck und es greift die Länder / Kontinente auf, aus denen die Tiere des Tierparks Hagenbeck stammen. Im ersten Tierpark-Themenhotel der Welt erlebt der Reisende auf fünf Etagen eine virtuelle Expedition durch drei Kontinente.
37 Eigene Darstellung nach Steinecke, A. (2009), S. 3. 38 Zitat Otto Lindner, Vorstand der Lindner Hotels AG 39 Vgl.http://www.dehoga-bundesverband.de/daten-fakten-trends/trends- und rankings/, Abfragedatum 03.03.2010.
In Bezug auf die Fragestellung der Arbeit heißt dies, dass so dem Bedürfnis der Gäste nach besonderen Erlebnissen gerecht wird. Die „Reise um die Welt“ im Lindner Park-Hotel Hagenbeck beginnt bereits im Lobbybereich, der den im 19. Jahrhundert geprägten Kolonialstil aufgreift. Per Schiff - der Lift selbst ist wie eine Schiffskabine gestaltet - geht es weiter nach Afrika in das erste und zweite Stockwerk.
42 Abbildung 4 LPPH, Bereich Lift und Vorraum
40 LPHH entspricht Lindner Park-Hotel Hagenbeck 41 Bildmaterial Lindner Park-Hotel Hagenbeck, Fotografin: Uschi Fellner 42 ebd.
43 Abbildung 5 Liftkabine Lindner Park-Hotel Hagenbeck
Die Zimmer dort sind in einem Stil eingerichtet, der afrikanische Gestaltungselemente aufnimmt.
44 Abbildung 6 Zimmer Thema Afrika
43 Bildmaterial Lindner Park-Hotel Hagenbeck, Fotografin: Uschi Fellner. 44 ebd.
Abbildung 7 Bilderauswahl Lindner Park-Hotel Hagenbeck 45
Die Asien-Etagen des dritten und vierten Stockwerks greifen Farben und Materialien aus dem fernöstlichen Kulturraum auf. In der fünften Etage befindet sich mit der Arktis der Wellness-Bereich. Das Haus liegt direkt an Hamburgs berühmtem Tierpark, der sich 2008 unter den Top Five der besten Tierparks in Deutschland platzieren konnte 46 . Mit Geschäftsreisenden, Tagungsgästen
45 Bildmaterial Lindner Park-Hotel Hagenbeck, Fotografin: Uschi Fellner, Asien Zimmer (oben) und Wellness-Bereich (unten). 46 Stern Umfrage (09.September 2009): Im Test 27 große, 21 kleine plus zwei außer Konkurrenz bewertete Zoos. Der Tierpark Hagenbeck belegt mit einer Wertung von 1,85 den vierten Platz hinter Wuppertal (1.82), Berlin Tierpark (1,80) und Berlin Zoo- logischer Garten (1,71).
Arbeit zitieren:
Fabian Engels, 2010, Die Spezialisierung auf Themen als wertschaffende Strategie der Lindner Hotels AG , München, GRIN Verlag GmbH
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