Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Was ist Moral? 5
2.1. Ethik und Moral 5
2.2. Philosophische und Deskriptive Ethik 6
3. Ethik und Moral - Utilitarismus und Verantwortungsprinzip 8
3.1. Peter Singer: Universalisierung des Eigeninteresses 8
3.2. Stefan Gosepath: Verantwortung für moralisches Handeln 12
3.3. Resümee 15
4. Begründungen für ethisches Handeln 16
4.1.Peter Singer: Vorteile eines ethischen Lebens 16
4.2. Stefan Gosepath: Verantwortung und moralische Pflichten 20
4.3. Resümee 25
5. Gründe und Motive für moralisches Handeln 26
5.1.Peter Singer: Moralisches Eigeninteresse und Lebenssinn 26
5.2. Stefan Gosepath: Gründe, Motive und Vernunft 28
5.3. Resümee 33
6. Pflichtbegriff 34
6.1.Peter Singer: Die Pflicht zu helfen 34
6.2. Stefan Gosepath: Primäre und sekundäre Gründe der Moral 37
6.3. Resümee 38
7. Handlungsfähige Akteure
7.1.Peter Singer: Das Individuum im Kontext der Gesellschaft 38
7.2. Stefan Gosepath: Kollektive Haftung 39
7.3. Regina Kreide: Kollektive (ökonomische) Akteure 44
7.4. Resümee 46
2.1. Ethik und Moral
Ethik und Moral sind zentrale Begriffe in der vorliegenden Ausarbeitung. Zwar werde ich im weiteren Verlauf der Arbeit noch auf das Verständnis von Ethik/Moral von Peter Singer und Stefan Gosepath verweisen, doch halte ich es für notwendig schon an dieser Stelle kurz und allgemein auf die Begrifflichkeit einzugehen, um so ein besseres Verständnis für die weitere Arbeit zu gewährleisten.
Der Begriff Ethik ist von dem altgriechischen Begriff tò !"#$ beziehungsweise tò %"#$ abgeleitet. Dabei meint der Begriff mit „!“ (Epsilon) als Anfangsbuchstabe soviel wie Eigenart, gewohnter Zustand, Gewohnheit, Sitte, Brauch (vgl. ebenfalls das Verb „"#$“: gewohnt sein, pflegen). Der Begriff mit dem vorangehendem Buchstaben „%“ (Eta) bedeutet darüber hinaus noch Charakter, Denkweise und Sinnesart. (vgl. Gemoll 1991, SS. 241, 360) Wie sich im Verlauf der weiteren Ausführungen herausstellen wird, gehen Singer und Gosepath von dem weiterführenden Begriff der Ethik aus, der ebenfalls die Einstellung und Denkweise betrifft und nicht nur auf Sitten und Bräuche zurückzuführen ist.
Klaus Wiegerling, Professor am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart, beruft sich auf den aristotelischen Begriff der Ethik („&#'()“) - den Aristoteles von dem weiter gefassten Begriff („tò %"#$“) abgeleitet hat - und beschreibt Ethik als Teildisziplin der praktischen Philosophie. Ethik befasse sich primär mit der Frage, wie das Zusammenleben der Menschen gestaltet sein sollte und wie ein gutes Leben aussehen muss, „das mit sich und seiner Mitwelt in Einklang steht.“ (Wiegerling 2008, S.21) Moral stellt die gelebte Sitte dar, während Ethik die Moral reflektierend begleitet bzw. ihr versucht die rationalen Grundlagen zu bieten. (vgl. Wiegerling 2008, S.22) Otto Neumaier geht bei seiner Beschreibung des Begriffs „Moral“ von einer engen Ver- knüpfung mit dem der Ethik aus. Genauer gesagt, sei Ethik die theoretische Disziplin,
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deren Gegenstand die Moral ist. „Der Ausdruck ,Ethik‘ bezeichnet so gesehen jegliche Theorie, die mit moralischem Handeln zu tun hat.“ (Neumaier 2008, S.106) Er unterscheidet dabei explizit zwischen den Begriffen deskriptive Ethik und philosophische Ethik. (vgl. Neumaier 2008, S.106) Für die weitere Betrachtung ist es wichtig, kurz auf beide Begriffe einzugehen und sie gegeneinander abzugrenzen.
2.2. Philosophische und Deskriptive Ethik
Die deskriptive Ethik hat eine beschreibende und erklärende Betrachtungsweise auf die Einstellungen und Verhaltensweisen von Individuen beziehungsweise Gruppen. Theorien, die sich mit dieser Form der Ethik befassen, sind daher Gegenstand von empirischen Wissenschaften (Psychologie, Soziologie etc.). (vgl. Neumaier 2008, S.106) Mit deskriptiver Moral sind, so Neumaier, die von Menschen tatsächlich akzeptierten und befolgten „Spielregeln“ gemeint. Der Gebrauch des Wortes Moral in diesem Sinne orientiert sich an dem lateinischen Wort „mores“, was die Sitten in einer Gesellschaft/ Kultur bezeichnet. Individuen und Gemeinschaften haben, wie sich leicht zeigen lässt, sehr verschiedene Vorstellungen von richtigen beziehungsweise falschen Verhaltensregeln. Damit wird deskriptive Moral zur individuellen Moral, da viele verschiedene oder sogar beliebige Prinzipien und Normen - wie ökonomische, ästhetische und religiösein die Moralvorstellungen einfließen. Das Handeln jeder Person werde damit moralisch, wenn auch nur moralisch im Sinne einer spezifisch-individuellen Moral. Neumaier bezeichnet diesen Begriff von Moral als trivial, da wir „unter dieser Voraussetzung gar nicht anders können, als ,moralisch‘ zu handeln“ (Neumaier 2008, S.115). Oder anders gesagt: Es ist einfach unmöglich unmoralisch zu handeln. Deskriptive Moral sei zwar hilfreich beim Versuch einen normativen Begriff von Moral zu finden, denn die normative Ethik muss sich an der Wirklichkeit orientieren und hat damit einen deskriptiven Ausgangspunkt, jedoch kann sich die philosophische Ethik nicht auf die Beschreibung und Erklärung der vorhandenen Normen und Werte beschränken. Vielmehr geht es darum, richtiges und gerechtfertigtes Handeln zu bestimmen, ohne auf vorhandenen Sitten zu verweisen, und damit moralisch zu begründen. (vgl. Neumaier 2008, S. 114ff.) Die philosophische Ethik zielt darauf ab mit bestimmten Prinzipien menschliche Ein-
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stellungen und Handlungen zu beurteilen und „Formen und Prinzipien des ,guten‘ beziehungsweise ,richtigen‘ oder ,gerechten‘ Handelns zu begründen.“ (Neumaier 2008, S.106) Philosophische Ethik versteht Neumaier als normative Disziplin, da sie definiert, was unter Moral zu verstehen ist und bestimmt, wie man handeln und was man unterlassen sollte. Sie fordert auf die erkannten moralischen Prinzipien und Normen einzuhalten.
Daher unterscheidet Neumaier innerhalb der philosophischen Ethik zwischen Moral-theorie und Moralismus. Die Moraltheorie beschreibt er als die justifikatorische Komponente. So wird innerhalb der Moraltheorie versucht „Prinzipien des gerechtfertigten richtigen Handelns zu bestimmen“ (Neumaier 2008, S.107), während der Moralismus (moralistische Komponente) die Einhaltung von als richtig befundenen Normen von Individuen einfordert. Diese Komponenten werden in der Regel nicht getrennt vonei-nander betrachtet, da ein Vertreter einer bestimmten Moraltheorie in der Regel für das Einhalten “seiner“ gerechtfertigten und folglich für ihn richtigen Normen plädieren wird.
Im normativen Sinn gelten, anders als in der deskriptiven Ethik, nicht alle Einstellungen und Handlungen, die für richtig gehalten werden, als tatsächlich richtig und gerechtfertigt. Individuelle Normen und Prinzipien sind nicht moralisch, nur weil sie jemand für richtig hält. Erst die Überprüfung einer Handlung oder Einstellung und den zugrunde liegenden Normen und Prinzipien anhand bestimmter theoretischer Kriterien (welche ebenfalls theoretisch zu begründen sind) lässt eine Einordnung in richtig beziehungsweise falsch und gerechtfertigt beziehungsweise ungerechtfertigt zu. Wir werden sehen, dass die beiden Philosophen Peter Singer und Stefan Gosepath sich dem Thema Ethik und Moral von der normativen Seite nähern und daher der philosophischen Ethik zuzuordnen sind. Beide Autoren versuchen moralisches Handeln beziehungsweise ein ethisches Leben mit rationalen Argumenten zu Begründen und halten - in gewisser Weise - bestimmte moralische Prinzipien für universell gültig.
3.1. Peter Singer: Universalisierung des Eigeninteresses
Peter Singer argumentiert in seinen Werken für den Utilitarismus. Utilitarismus (lat. utilis: nützlich) ist eine Denkrichtung der normativen Ethik, die als wichtigstes Kriterium für moralisches Handeln das Prinzip der Nützlichkeit ansieht. Jede Handlung ist sittlich oder ethisch, deren Folge das allgemeine Glück maximieren beziehungsweise „für das Glück aller Betroffenen optimal sind“. (Höffe 1986, S. 261) Ottfried Höffe beschreibt vier Teilprinzipien des Utilitarismus: Erstens werden Handlungen nicht aus sich selbst heraus, sondern anhand ihrer Folgen beurteilt (Konsequenzen-Prinzip). Zweitens ist der Maßstab der Folgen ihr Nutzen für das Gute (Utilitätsprinzip). Drittens ist der höchste Wert (und damit das Gute) die Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse und Interessen. Das Glück, definiert von den Erwartungen des Einzelnen, steht im Zentrum dieses Prinzips. Dabei werden die durch eine Handlung entstehende Freude gemessen und mögliches Leid davon subtrahiert, um den Wert dieser Handlung zu bestimmen (hedonistisches Prinzip). Viertens ist nicht das Glück bestimmter Gruppen und Individuen, sondern das der von der Handlung betroffenen ausschlaggebend. Damit verpflichtet sich der Utilitarismus dem allgemeinen Wohlergehen (Sozialprinzip). (vgl. Höffe 1986, S. 261)
Peter Singer beginnt in seinem Werk „Praktische Ethik“ zunächst mit einer Abgrenzung zu dem, was Ethik nicht ist. Demnach sei Ethik nicht eine Art Verbotstafel für Sexualität, da „Hüter der Moral im Allgemeinen“ (Singer 1994, S.16) in Wirklichkeit nur einen einzigen Moralkodex verteidigen und nicht ethisches Handeln als solches. Dies ist nicht nur eine einseitige Betrachtungsweise von Ethik, sondern lässt, laut Singer, viel wichtigere Fragen der Ethik außer Acht.
Zweitens sei Ethik kein ideales theoretisches System, dass jedoch in der Praxis untauglich wäre. Vielmehr verweise ein in der Praxis nicht taugliches ethisches Urteil auf einen theoretischen Fehler, „denn der ganze Zweck moralischer Urteile liegt darin, die Praxis anzuleiten.“ (Singer 1994, S.16) Singer kritisiert Ethikmodelle, die lediglich einfachen und kurzen Regeln folgen (z.B. „Lüg nicht“), weil diese zum Versagen in der Praxis führen müssen. Man darf jedoch nicht vom Versagen einer solchen Auffassung
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von Ethik auf das Versagen der Ethik insgesamt schließen.
Drittens sei Ethik nicht nur im Kontext der Religion zu verstehen. Ethisches Verhalten muss nicht an den Glauben an Himmel und Hölle gebunden sein, sondern kann aus dem Wohlwollen und dem Mitgefühl von Menschen hervorgehen. (vgl. Singer 1994, S.18f) Viertens sei Ethik weder relativ noch subjektiv. Singer stimmt zu, dass Handlungen in der einen Situation wegen ihrer positiven Folgen richtig und in der anderen wegen ihrer negativen Folgen falsch sein können. Trotzdem könne man ein Prinzip nicht einfach durch den Bezug auf Raum und Zeit relativieren, da immer noch die Möglichkeit bestehe, dass dieses Prinzip (z.B. „lockerer Sexualverkehr ist falsch“) unter bestimmten Umständen objektiv gültig sein kann. Ein allgemeineres Prinzip, so Singer, kann auch allgemein gültig sein, wie z.B. die Norm „Tu, was Glück vermehrt und Leiden vermindert.“ (Singer 1994, S.19) Der Behauptung, Ethik sei immer auf eine besondere Gesellschaft bezogen, attestiert Singer unplausible Konsequenzen. Er führt dafür das Beispiel einer Gesellschaft an, die die Sklaverei billigt und damit mit ihren ethischen Ansichten unserer Gesellschaft entgegensteht. Es gäbe in diesem Fall keine Grundlage, um zwischen diesen entgegengesetzten Meinungen zu wählen. Relativistisch gesehen gäbe es keinen Konflikt. Dazu führt Singer das Beispiel einer möglichen Kontroverse zum Thema Sklaverei an:
„wenn ich behaupte, Sklaverei sei falsch, dann behaupte ich lediglich, daß meine Gesellschaft die Sklaverei mißbilligt, und wenn Sklavenhalter der anderen Gesellschaft meinen, Sklaverei sei richtig, dann sagen sie damit bloß das, was ihre Gesellschaft billigt. Weshalb sich darüber streiten? Offensichtlich können wir beide recht haben.“ (Singer 1994, S.21)
Die Existenz von Nonkonformisten in einer Gesellschaft lässt sich nicht befriedigend erklären, wenn man von einer relativistischen Prämisse ausgeht. Ein Nonkonformist wäre in seiner Gesellschaft faktisch im Irrtum, weil sich sein moralischer Irrtum leicht durch eine Meinungsumfrage beweisen ließe. Reformer müssten also versuchen die Mehrheit der Bevölkerung in einer bestimmten Gesellschaft von ihrer ethischen Ansicht zu überzeugen. Andernfalls wären sie, wenn man korrekt folgert, im ständigen Irrtum. Der Subjektivismus, so Singer, stellt sich in Ansätzen ähnlichen Problemen wie der Relativismus. Dabei bestehen die entgegengesetzten moralischen Vorstellungen nicht zwi- schen Gesellschaften, sonder zwischen Individuen. Auch hier können zwei Personen
Arbeit zitieren:
Edgar Diener, 2009, Warum moralisch sein? - Gründe und Motive für moralisches Handeln, München, GRIN Verlag GmbH
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