1. Einleitung
1.1. Beschreibung der Praktikumsschule
Ich habe mein Praktikum an der XXX , einer 1991 gegründeten
integrierten städtischen Gesamtschule, die alle in Deutschland möglichen Schullaufbahnen und Abschlüsse vergibt, absolviert. Die Schule befindet sich in XXX , einer Stadt geprägt durch den ehemaligen Steinkohlebergbau XXX . Sie ist Teil der
Euregio und bildet mit der angrenzenden niederländischen Gemeinde XXX den
Verbund EURODE, eine symbolische erste Europastadt. Diese Nähe zu den Niederlanden reflektiert sich im Schulleben, da einige Schüler aus den Niederlanden zur Schule pendeln und auch das Unterrichtsfach Niederländisch einen hohen Stellenwert einnimmt.
Die Schule hält die Schullaufbahn länger offen als das traditionelle dreigliedrige Schulsystem in Nordrhein-‐Westfalen und so finden sich - gerade in der Unterstufe - Schüler verschiedenster Begabungen und Hintergründe in den Klassen. Ab der 8. Jahrgangsstufe wird jedoch in den Hauptfächern in so genannte E(rweiterungs)-‐ und G(rund)-‐Kurse differenziert und eine Fortsetzung der Schullaufbahn in der Sekundarstufe II bis hin zum Abitur ist nur bei entsprechender Leistung möglich. Die Schule hat ca. 1000 Schüler, von denen ca. 200 auf die drei Jahrgangsstufen der Sekundarstufe II entfallen sowie 70 Lehrer. Auffällig ist das Fehlen einer Leistungselite, die durch Disziplin und eine hohe Lernbereitschaft hervorsticht. Ein möglicher Grund hierfür ist die unmittelbare Nähe zum städtischen Gymnasium.
Der Schwerpunkt der Schule liegt im Bereich der modernen Fremdsprachen. So werden Englisch als Hauptfach und Spanisch oder Niederländisch als obligatorisches Nebenfach (nicht-‐schriftlich) ab Klasse 5, sowie Französisch fakultativ ab Klasse 8 im Wahlpflichtbereich I unterrichtet. Weiterhin ist die Wahl eines Spanisch-‐, Niederländisch-‐ oder Latein-‐GK als neueinsetzende Fremdsprache ab Klasse 11 möglich. Es bestehen Austauschprogramme mit Schulen in den Niederlanden
(Kerkrade und Utrecht), Spanien (Santander) und den USA (Alexandra, Virginia) und die Schule verfügte im Schuljahr 2009/10 über eine spanische Austauschlehrerin im Rahmen des EU-‐geförderten Comenius-‐Programms. Aus diesen Gründen wurde die Schule im März 2009 zur Europaschule zertifiziert. Aufgrund des eher leistungsschwachen Schülerklientels und der teilweise mangelhaften Disziplin halten sich die Leistungen auch im Bereich der Fremdsprachen eher in Grenzen, vor allem im Bereich der Sekundarstufe I, in der Fremdsprachen als Nebenfach unterrichtet werden und das „Druckmittel“ Klassenarbeit entfällt.
1
Abschließend bin ich sehr froh, mein Praktikum an dieser Schule absolviert zu haben, um einen Einblick in die Arbeit mit leistungsschwachen Schülern zu bekommen, da ich bisher nur sehr leistungsstarke Gymnasien in Deutschland und Großbritannien kannte.
1.2. Praktikumsvorhaben und Beobachtungsauftrag
„Sprache kommt von Sprechen“ - so lautet der Basisartikel der Zeitschrift „Der Fremdsprachliche Unterricht: Englisch 90/2007“ von Andrea Taubenböck. Eine zunächst triviale Feststellung, der jeder Fremdsprachenlehrer - und wohl auch die meisten Schüler - ausnahmslos zustimmen und die sie als bedeutsam erachten würden. Nichtsdestotrotz kommt das eigentliche Sprechen der Fremdsprache im deutschen Fremdsprachenunterricht eher zu kurz. Statistisch gesehen bestehen nur 23 % einer durchschnittlichen Englischstunde aus Schüleräußerungen und von diesem Anteil sind nur 47,9 % frei formulierte fremdsprachliche Äußerungen. Das bedeutet, dass jedem einzelnen Schüler nur sehr wenig Zeit zum Üben des freien Sprechens zur Verfügung steht und das, obwohl die menschliche Sprache zu „95 % gesprochen und nur zu 5 % geschrieben“ 1 wird. Dennoch legte der Fremdsprachenunterricht an deutschen Schulen zu meiner Schulzeit, vor allem im Bereich der Sekundarstufe II, sehr viel Wert auf korrekte Schriftsprache. Auch in die Zeugnisnote floss die Mündlichkeit im Unterricht nur in geringem Maße ein. Dies führte dazu, dass viele Schüler versuchten, in den Klassenarbeiten gute Ergebnisse zu erzielen - gerade stillere Schüler mussten aber auf die Mündlichkeit nicht sonderlich achten. Daher waren etliche Schüler auch nach mehreren Jahren Fremdsprachenunterricht nicht in der Lage die Sprache flüssig zu sprechen und anzuwenden.
Im Laufe meiner universitären Ausbildung belegte ich mehrere Seminare zum Thema „Förderung der Sprechfähigkeit“. Da mich dieses Thema stark interessiert und ich es für äußerst wichtig erachte, beschloss ich, einen meiner Beobachtungsschwerpunkte auf diese Methoden zu legen um festzustellen, ob sich der Fremdsprachenunterricht in dieser Hinsicht positiv verändert hat.
1 Taubenböck, Andrea: „Sprache kommt von Sprechen - Ein Plädoyer für mehr Mündlichkeit im Englischunterritcht.“ In: Der Fremdsprachliche Unterricht Englisch 90, 2007, S. 2
2
2. Sprechfähigkeit
2.1. Theoretischer Hintergrund
Die Sprechfertigkeit spielt für die Vermittlung kommunikativer Intentionen eine zentrale Rolle. „Um Absichten, Meinungen, Gedanken oder Gefühle mitteilen zu können oder Informationen auszutauschen, muss man sich der Fremdsprache expressiv und produktiv bedienen können und in der Lage sein, an Gesprächen teilzunehmen oder seine Erfahrungen und Bewertungen in Form von Beschreibungen, Berichten oder Erzählungen zusammenhängend darzustellen.“ 2
Aufgrund der Tatsache, dass die Mündlichkeit im Fremdsprachenunterricht zu wenig gefördert wird und die Schüler zudem häufig Angst vor Fehlern haben, fordern immer mehr Fremdsprachendidaktiker die Mündlichkeit im Unterricht von Anfang an zu fördern. Immer wieder sollte es im Unterricht Phasen geben, in denen die Lernenden die Gelegenheit haben, in der Zielsprache miteinander zu kommunizieren. Der europäische Referenzrahmen unterscheidet hier zwischen drei Formen des Sprechens, die als Lernziele für den Fremdsprachenunterricht relevant sind: mündliche Interaktion (Gesprächskompetenz / interaktive Kompetenz), mündliche Produktion (monologisches Sprechen) und Sprachmittlung (z.B. Übersetzung). „Um zu sprechen, muss der Lernende eine Mitteilung planen und organisieren können (kognitive Fertigkeiten), eine sprachliche Äußerung formulieren können (sprachliche Fertigkeiten) und eine Äußerung artikulieren können (phonetische Fertigkeiten).“ 3 Wichtig für die Förderung der Sprechkompetenz ist für den Lehrer, sich der mentalen Prozesse, die im Sprecher ablaufen, bewusst zu sein. So handelt es sich hier um drei simultane Aktivitäten: die Generierung einer Sprecherabsicht, die Suche nach Redemitteln zum Formulieren der Sprechabsicht und die Artikulation der Äußerung mit eventueller Korrektur. Weiterhin sollten die Kompetenzen, über die der Schüler hierfür verfügen muss, einzeln gefördert werden. Hierzu zählen die Planungskompetenz (soziolinguistische und pragmatische Kenntnisse), die Formulierungskompetenz (linguistische Kenntnisse), Kompetenz des richtigen Artikulierens (Kenntnis der Aussprachenormen) und die Darstellungskompetenz (strategisches Wissen über monologische Sprechtexte). 4
Ziel des dafür notwendigen handlungsorientierten Unterrichts sollte daher sein, den Schülern die Angst vor dem Sprechen zu nehmen und ein gewisses Vertrauen zur Fremdsprache zu schaffen. Die Schüler dürfen in den mündlichen Unterrichtsphasen
2 Grünewald, Andreas & Küster, Lutz (Hrsg.) (2009): Fachdidaktik Spanisch - Tradition. Innovation. Praxis. Stuttgart: Ernst Klett Verlag, S. 191f.
3 ebd., S. 192
4 vgl. ebd., S. 192f. 3
Arbeit zitieren:
Marc Hempel, 2010, Praktikumsbericht mit Beobachtungsschwerpunkt "Förderung der Sprechfähigkeit", München, GRIN Verlag GmbH
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