Gliederung
1. Einleitung 2
2. Zu den formal-ästhetischen Anforderungen an den Roman bei Huet und
Blanckenburg 3
3. Zur Aufgabe und Funktion des Romans bei Huet und Blanckenburg 6
4. Zur Bedeutung der Vergnügung bei Huet und Blanckenburg 10
5. Fazit und Ausblick 13
6. Literaturverzeichnis 15
1
1. Einleitung
Im Fokus der vorliegenden Arbeit stehen zwei richtungsweisende Abhandlungen über den Roman. Dessen erste umfassende Diskussion liefert Pierre-Daniel Huet 1670 mit seinem „Traitté de l’origine des romans“. Mit dem 1774 erschienenen „Versuch über den Roman“ setzt schließlich Christian Friedrich von Blanckenburg wichtige Impulse in der Verhandlung des Themas im deutschsprachigen Raum.
Huet liefert vordergründig eine literaturgeschichtliche Betrachtung romanhaften Erzählens. Ausgehend von der Antike verfolgt er die Entwicklung ungebundener Dichtkunst entlang der Hochkulturen der Weltgeschichte. Den Leitdiskurs stellt dabei die Diskussion der didaktischen Funktion des Romans dar. Die Bildung und Erziehung des Lesers durch den Roman steht auch im Zentrum der Überlegungen Blanckenburgs. Im Gegensatz zu Huet, der den gelehrten Kreis adressiert, wendet sich der Autor dabei aber weder an die „Meister der Kunst“, noch die „guten Romanenschreiber“. 1 Er versteht seine Ausführungen als Anleitungen zum Verfassen von Romanen für junge angehende Dichter:
Ich habe sehr oft Beyspiele aus dem Epopee oder dem Drama angeführt, wo sie das
bewiesen, was sie beweisen sollten, und sie nicht aus dem Roman genommen. - Die
Ursachen sind mancherley; eine davon ist auch diese, daß man, im Ganzen gerechnet,
Epopee und Drama mehr kennt, als den Roman. […] Die aus den Ausländern und Alten
gebrauchten Stellen, hab' ich fast immer mit ihren Uebersetzungen zugleich angeführt.
Auch diese Vorsicht wird wohl nicht ganz bey unserm Publiko unnütz seyn; -
wenigstens bey den gewöhnlichen Romanschreibern. 2
Was nun rechtfertigt trotz genannter Unterschiede einen Bezug der Texte aufeinander? Methodik und Zielerkenntnis beantworten diese Frage. Zu Beginn soll belegt werden, welche formal-ästhetischen Merkmale beide Autoren dem Roman zusprechen. Auf herauszustellende Gemeinsamkeiten und Unterschiede wird aufgebaut und dargelegt, dass sowohl Huet wie Blanckenburg die didaktische Funktion aus dem Prinzip der Vergnügung herleiten. Ausgehend von dieser Erkenntnis ist anschließend zu diskutieren, inwieweit Blanckenburgs Ideen des Erhabenen und der Leidenschaften- so
1 Vgl. Friedrich von Blanckenburg: Versuch über den Roman, Leipzig und Liegnitz 1774, S. 6.; S. 30.
2 Ebd., S. 7 f.
2
er auch selbst behauptet, Huet nicht gelesen zu haben 3 - das Konzept der Vergnügung erweitern. Wie nutzt Blanckenburg dieses Konzept, um seine Vorstellungen vom Potential des Romans zu differenzieren? Insofern soll seine Argumentation stichhaltig nachvollzogen, dargelegt und mit der Position Huets verglichen werden. Im Fazit der Arbeit zeigt sich dann, worin Blanckenburgs besondere Verdienste um die Diskussion des Romans bestehen. Er reflektiert ihn literaturhistorisch, leitet über die Verschränkung der Konzepte der Vergnügung und Unterhaltung gestalterischerzählende Mittel zu dessen konzeptueller Umsetzung her. So gelingt es ihm, den Roman als eigenständige, gehaltvoll-bildende Gattung zu begründen. Er schafft genauso wenig eine formale Regelpoetik wie eine Streitschrift zur Legitimierung des Romans. Und doch stellt seine Abhandlung einerseits einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung und Akzeptanz des Romans als eigenständige Gattung, andererseits zu seiner Legitimierung als erzieherisches Instrument der Aufklärung dar. Er liefert eine philosophisch angelegte, dabei immerfort hochgradig exemplarische Anleitung zur Anlage romanhaften Erzählens im Interesse der Bildung des Lesers. Nicht „von der Gestalt, von dem Model des Dinges“ schließt Blanckenburg auf die Funktion des Romans, nicht seine „verschiedenen Formen“ will er ordnen, letztere müssen vielmehr „von einer Materie seyn“. 4 Welche Materie ist das, von der Blanckenburg hier spricht?
2. Zu den formal-ästhetischen Anforderungen an den Roman bei Huet und Blanckenburg
Für Huet sind Romane „auß Kunst gezierte und beschriebene Liebes Geschichten in ungebundener Rede“. 5 Das auftretende Personal ist „mittelmäßigen Standes“, Romane
3 Vgl. ebd., S. 9.
4 Ebd., S. 3.
5 Happel, Eberhard Werner: Der Insulanische Mandorell (1682). Im Anhang „Traité de l’origine des romans“ von Pierre-Daniel de Huet. Weidler Verlag, Berlin 2007, S. 433. Im Interesse der Lesbarkeit dieser Arbeit für Studenten zum Zweck einer ersten thematischen Annäherung zitiert die vorliegende Arbeit den „Traitté de l’origine des romans“ nach Happel. Dieser integriert seine, die erste deutschsprachige, Übersetzung des Texts von Huet in seinen 1682 erscheinenden Roman „Der Insulanische Mandorell“. Um die Argumentation entsprechend abzusichern, wurden alle Zitate aus der Übersetzung Happels mit dem Originaltext verglichen und auf Korrektheit im Sinne ihrer Aussagen überprüft.
3
handeln „von vornehmbsten Printzen und herrlichen gedenckwürdigen Thaten“. 6 Von den gezierten Sachen grenzt er die „warhafften Geschichten“ ab. Er führt aus, dass Romane mehr Wahrscheinliches, weniger Verwunderliches beschreiben. Hier liegt für ihn auch ein wesentlicher Unterschied zu Gedichten, welche „angefüllet mit wundern / doch jederzeit nit warscheinlichen“ sind. 7 Unter Bezug auf Aristoteles und dessen Vorstellungen vom Poeten, der sich über die Verzierungen seiner Verse mehr noch definiert als über seine Verse selbst, erkennt Huet schlussendlich auch im Romanschreiber einen Dichter. Dabei jedoch, so stellt er fest, sind die Romane „einfältiger / weniger erhoben / gebrauchen nicht so viel Umbschweiff in der Findung und Außdruckung.“. 8
Um diese Unterscheidung zu stützen, zieht Huet die Materie des Stoffes heran. Gedichte thematisieren die Staats- und Kriegskunst, Romane „haben die Liebe zu ihrem vornehmsten OBJECT, und sprechen nur ohngefehr und zufälliger weise von ESTATS und Kriegs=sachen.“. 9 So grenzt er entlang seines Textes wiederholt den Roman einerseits von der Historie, andererseits von der Fabel ab. Während die Historie im Ganzen wahr ist, argumentiert er, kann sie im Detail falsch, das heißt, ausgeschmückt sein. Romane aber können eben in Teilen Wahres wiedergeben, sind jedoch in ihrem Ganzen erdacht und damit Falsches. Fabeln aber, so Huet, sind allenfalls „Verzierungen der Dinge / die nicht gewesen sind / noch haben sein können“. Auch hier wiederum unterscheidet sich der Roman insofern, als dass er sich eben doch hätte zutragen können, wie er beschrieben worden ist. 10 Unter Zuhilfenahme der bis hierhin diskutierten formal-ästhetischen Anschauungen entwickelt Huet das Bildnis des Romans als Körper, dessen Teile, gemeint sind „unterhörige Thaten oder Handlungen“, sich dem Haupt, der vornehmsten Tat oder Handlung, unterzuordnen haben. 11 Inwiefern lassen sich die hier zusammengetragenen Kategorien bei Blanckenburg wiederfinden? Zunächst ist auffällig, dass dieser das bei Huet noch global bedeutsame Liebesmotiv im
6 Ebd., S. 435.
7 Ebd., S. 433 f.
8 Ebd.
9 Ebd., S. 434.
10 Vgl. ebd., S. 434 f.
11 Vgl. ebd., S. 450.
4
Arbeit zitieren:
Michael Schwark, 2010, Zur Bedeutung des Begriffs der Vergnügung für die romanpoetologischen Konzepte von Huet und Blanckenburg, München, GRIN Verlag GmbH
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