1. Zwischenbilanz
Vor 13 Jahren hat Klaus-Jürgen Tillmann ein Essay mit dem herausfordernden Titel „Ist die Schule ewig?“ (Tillmann 1997, S. 6-10) verfasst. Inhalt war eine Zukunftsprognose über die Veränderung der Institution Schule hin zum Jahr 2030. Nachfolgend werde ich zunächst eine kleine Bestandsaufnahme vornehmen, also abgleichen, in welchen prägnanten Punkten Tillmann, hier bezogen auf das Jahr 2010, entsprechende Entwicklungen bereits aufgezeigt oder eher falsch prognostiziert hat. Im zweiten Teil zeichne ich dann ein Bild über meine Vorstellungen der Schule im Jahr 2050.
Tillmann legitimierte seine Einschätzungen durch das Ende der Bundesrepublik Deutschland als Industriegesellschaft. Durch die veränderten Anforderungen einer darauf folgenden Gesellschaft, die Tillmann „postmodern“ nennt, verändern sich dann auch die Funktionen von Schule. Wie diese Veränderungen im Einzelnen für Tillmann ausgesehen und ob sich diese bewahrheitet haben, soll nun gezeigt werden.
Schon 1997 sieht Tillmann den Verlust des Informationsmonopols der Schule voraus. Die rasante Autonomisierung der Informationsbeschaffung durch eine schnelle und einfache Nutzbarmachung des Internets gibt ihm hier Recht. Und in Zeiten, in denen Schüler massenhaft der Schule fernbleiben, um der Vielzahl von Computerspielen zu frönen oder den Verführungen des Internets zu erliegen, müssen sich alle Beteiligten der Institution Schule die Frage stellen, wie man die Schule als Informationsquelle wieder attraktiver macht. Tillmann umgeht diese Frage schon 1997, indem er der Schule zugesteht, die einzige Möglichkeit für die Bevölkerung darzustellen, aus Informationsgewinnung Bildung entstehen zu lassen. Eine weitere Tendenz zeigte er richtig auf: die Bedeutungsabschwächung der in der Schule erworbenen Zertifikate. Als Beispiel können die Assessment-Center dienen; für viele Berufsfelder ist nicht mehr allein die schulische oder universitäre Leistung eines Bewerbers ausschlaggebend, sondern eher das Abschneiden bei den eben erwähnten Assessment-Centern. Schulexterne Institute geben also die Kriterien zur Bewerberauswahl vor. Auch für die schulische (Zentraltests in der Sekundarstufe I) oder die akademische (Mathematiktest zur Befähigung für das Studium) Laufbahn lässt sich diese Entwicklung erkennen.
Weiter führte Tillmann an, dass die Aufbewahrungsfunktion der Schule immer weiter in den privaten Bereich verschoben würde, sodass Schüler mit ihren zuhause
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arbeitenden Eltern(teilen) und mithilfe der neuen Medien auch dort unterrichtet werden könnten. Diese Richtung kann ich nicht zweifelsfrei erkennen, im Gegenteil, durch das zuständige Ordnungsamt respektive der Polizei wird dringlicher dafür gesorgt, dass „schwänzende“ Schüler wieder den Weg zum täglichen Besuch der öffentlichen Schule finden gleichwohl die Effizienz dieser Aktionen in Frage gestellt werden kann. Dennoch trifft Tillmann hier einen Nerv, denn diese Privatisierung von Schule wird von ihm nicht nur im Hinblick auf die Aufbewahrung prognostiziert, sondern was das gesamte Angebot des schulischen Bereichs betrifft. Auf diesem Weg befinden wir uns schon, wenn man beispielsweise die Schulweg-Hilfen des Büromittelherstellers Staples anführt, bei denen Staples-Mitarbeiter Grundschülern den sicheren Schulweg mit farbigen Fußabdrücken plastischer gestalten. Oder, in Braunschweig bleibend, die Bürgerstiftung mit ihren zahlreichen Förderangeboten, sei es eine Sprachförderung für Migrantenkinder oder der Schulmittelfonds. Ob es Kindergarten-Ketten geben wird, wie Tillmann es voraussieht, lässt sich vielleicht in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren feststellen. Diese Privatisierungslinie begründet Tillmann mit dem nicht mehr durch den Bundeshaushalt zu deckenden Kostenbedarf der herkömmlichen Bildung. Auch hier behält er schon nach dreizehn Jahren Recht, wenn er auch beispielsweise davon ausging, dass Universitäten erstmal privatisiert werden müssten, um Studiengebühren zu verlangen. Dies hielten die meisten Landesregierungen gar nicht erst für nötig, wie man unter anderem an Niedersachsen sehen kann.
Zu guter letzt fällt für Tillmann das Beamtentum der Lehrerschaft, eine Entwicklung, die wohl nicht abgestritten werden kann. Man kann dies an der Debatte über die Pensionskosten der Beamten erkennen, aber auch an den Überlegungen, Lehrer in ein Angestelltenverhältnis zu übernehmen, was die Kündigungsmodalitäten erheblich verändern würde. Die Laufzeit der Verträge betrüge nach Tillmann ein Jahr und nicht mehr länger ein Leben lang; auch dies lässt sich bereits schemenhaft erkennen, wenn man die Vielzahl an Vertretungs- oder Feuerwehrlehrern an den Schulen sieht, gepaart mit der jüngsten Entscheidung der niedersächsischen Landesregierung, durch Pensionierung frei werdende Lehrerstellen bis auf weiteres nicht wiederzubesetzen. In einer Zeit von hohem Stundenausfall eine durchaus wirtschaftlich angetriebene Entscheidung, die auf den Rücken der Schüler gefällt wird. Es bleibt abzuwarten, wie die politische Entscheidungsträgerschaft in der näheren Zukunft im Hinblick auf das Schulsystem aussehen wird.
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Arbeit zitieren:
Patrick Hillegeist, 2010, Gedanken und Perspektiven zu einem Aufsatz von Tillmann, München, GRIN Verlag GmbH
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