1. Kindheit
Ich erinnere mich genau an meine erste Begegnung mit einer NS-Gedenkstätte; es war der 07. Juli 1985, ein Sonntag und ich war zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt. Warum ich das so genau weiß? Weil ein gewisser Boris Becker an diesem Tag als erster Deutscher das Tennisturnier in Wimbledon gewann.
„Deutsch“, das war das für mich interessanteste Wort zu dieser Zeit. Mein erster persönlicher Kontakt oder besser gesagt, meine erste Identifikation mit diesem Wort hatte ich ein Jahr zuvor, bei den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles. Ich spürte bei den Goldmedaillen-Sprüngen von Ulrike Meyfarth und Dietmar Mögenburg eine Aufregung, wie ich sie nur von meinen eigenen Fußballspielen kannte; Mitfiebern kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt nur in Verbindung mit meinem eigenen Handeln. Das Abenteuerliche daran wurde noch dadurch gesteigert, dass die Zeitverschiebung viele Wettkämpfe in der Nacht statt finden ließ, sodass ich mich heimlich in das Wohnzimmer schlich, um auch live bei den Wettbewerben dabei zu sein. Es war ein schöner Sommer.
Zumindest bis zu der Nacht, als ich mich mal wieder ins Wohnzimmer schlich, um heimlich Fernsehen zu gucken. Diesmal war es kein Sportwettbewerb, sondern eine Dokumentation, in schwarz-weiß über den 2. Weltkrieg. Ich hatte schon davon gehört, auch von einem Hitler in diesem Zusammenhang. Worüber ich noch nichts gehört hatte, war die Tatsache, dass russische Mütter nach einem Angriff der Wehrmacht, Teile des Körpers ihrer Söhne wieder zusammen suchen mussten. Diese Bild ist mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf gegangen, jedoch nicht traumatisch, wie man vermuten könnte, sondern eher erinnernd. Auch damals reagierte ich nicht (alp-)traumatisch, wie ich es bei Horrorfilmen getan hätte, sondern eher fragend. Fast alle sagten zu mir so etwas wie: „Ach, das wirst Du noch in der Schule kriegen, dazu bist Du noch ein bischen zu jung!“ Bis auf eine Ausnahme: mein Patenonkel nahm mich mit zu seinem Großvater, der in den 1950er Jahren aus russischer Gefangenschaft zurückkehrte. Es folgten einige Nachmittage, an denen „Opa Burgdorf“ mir von dieser Zeit erzählte. Leider kann ich mich nicht mehr im Einzelnen daran erinnern, aber das Interesse an diesem Ausschnitt der Geschichte wuchs stetig an. In den Schulbüchern meines älteren Bruders entdeckte ich dann Bilder aus einem KZ. Dies ließ mich nicht mehr los und ich löcherte meinen Patenonkel, der mir dafür angemessen erschien, mit Fragen nach dem Wieso und Warum. Überrascht von dem Interesse an diesem Thema beschloss er, mich zum ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen mitzunehmen.
An besagtem 07. Juli 1985 war es dann soweit; rückblickend weiß ich nicht mehr, ob mein Patenonkel mich älter gemacht hat oder ob mein junges Alter von vornherein kein Problem
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gewesen ist, denn ich konnte mir die Ausstellung angucken. Von dem Film über die Befreiung wusste ich damals nichts und dennoch ging ich mit einem bedrückenden Gefühl über die Anlage in Bergen-Belsen. Mir war bewusst, dass ich an einem Ort war, an dem Tausende Menschen unter bestialischen Bedingungen ihr Leben verloren hatten. Danach fuhren wir noch zu einem Friedhof, an dem Hunderte weißer Kreuze an die Opfer des 2. Weltkrieges erinnerten. Zwei ganz persönliche Einstellungen habe ich an diesem Tag für mich gefunden und nie mehr verloren: Zum einen das Interesse an dem, was vor mir war und warum es so war, das geschichtliche Interesse und zum anderen die Freude darüber, dass es mir sehr gut ergeht. Ein Gefühl der Dankbarkeit für meine eigene Situation.
2. Jugend
Während meiner Schulzeit auf der Sekundarstufe I kam ich oft mit dem Thema Nationalsozialismus in Berührung. Weitere zwei Male kam ich nach Bergen-Belsen und fuhr jeweils mit einem veränderten Gefühl wieder weg. Insbesondere der Film über die Befreiung ergriff mich und neben der Bedrückung machte sich ein Gefühl der Schuld bemerkbar. Nach der Wiedervereinigung mehrten sich die rechtsradikalen Übergriffe und auch in unserer Klasse gab es faschistische Meinungen. Mit einem sehr guten Geschichtslehrer, der glücklicherweise auch unser Klassenlehrer war, haben wir so manche Geschichtsstunde genutzt, um unsere Meinungen kontrovers zu diskutieren. Die beiden Befürworter der Ausländerfeindlichkeit hatten in den Diskussionen nur die Argumente anzubieten, die auch auf den Wahlplakaten der DVU oder der Republikaner zu sehen waren. Naturgemäß waren diese schon auf dem zweiten Blick nicht zu halten, was die beiden Protagonisten aber nicht davon abhielt, ihre Einstellung noch zu verhärten. Auch hier machte ich eine für mich wichtige Entdeckung. Rechtsradikalismus ist nicht nur eine politische Meinung, sondern eine zutiefst persönliche Einstellung. Und jene verliert man nicht durch schlagende Argumente, eine Lebenseinstellung ändert man aus sich selbst heraus.
Für mich war es in dieser Zeit schwierig, meine deutsche Identität beizubehalten. Was paradox ist, denn ich war und bin deutscher Staatsbürger. Dieses Dilemma steigerte sich noch insofern, dass ich mich bei neuen Bekanntschaften als Halbitaliener ausgab. Ein Zeichen für meine Hilflosigkeit, denn meine Leidenschaft habe ich beispielsweise bei Fußballspielen der Nationalmannschaft umso mehr zum Ausdruck gebracht.
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Arbeit zitieren:
Patrick Hillegeist, 2010, Meine Erfahrungen mit NS-Gedenkstätten , München, GRIN Verlag GmbH
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