Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 01
2. Begriffbestimmung
2. 1. Der Aggressionsbegriff Seite 02
3. Aggressionstheorien
3. 1. Triebtheorie (Lorenz) Seite 05
3. 2. Frustrationstheorien Seite 08
3.2.1. Einfache Frustrationstheorie (Dollard) Seite 08
3.2.2. Kognitiv-neoassozionistischer Ansatz (Berkowitz) Seite 13
4. Lerntheorien
4.1. Operantes Konditionieren (Skinner) Seite 18
4.2. Modelllernen (Bandura) Seite 19
5. Zusammenfassung/eigene Meinung Seite 29
6. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Im Frühjahr 2006 absolvierte ich ein Praktikum in einer Kriseneinrichtung für Jugendliche. In diesem Zusammenhang/ In dieser Zeit wurde ich mit einer Reihe von Konfliktsituationen konfrontiert, welche die Jugendlichen teilweise nur durch aggressives Verhalten lösen wollten oder konnten. Dadurch entstand für mich der Wunsch, mich mit der Entstehung von entsprechendem Verhalten auseinander zusetzen und im Besonderen zu untersuchen, welche Mechanismen der Vermeidung/Verminderung von Aggressionen die wissenschaftlichen Theorien anzubieten haben.
Der erste Teil der vorliegenden Arbeit widmet sich der Bestimmung des Begriffes „Aggression“.
Anschließend wende ich mich den verschiedenen wissenschaftlichen Aggressionstheorien zu. Beginnend mit einen Vertreter der Triebtheorie, Konrad Lorenz, diskutiere ich einem sich immer wieder aufladenden Aggressionstrieb als Ursache für Aggressionen. Die folgende Frustrationstheorie, repräsentiert durch die Dollard-Gruppe, betrachtet/erachtet bestimmte störende äußere Reize als Ursache für Aggressionen. Der kognitiv-neoassozionistische Ansatz von Berkowitz (Modifizierte Frustrationstheorie) verbindet abschließend die Frustrationstheorie mit kognitiven Prozessen.
Ein weiter bedeutender Aspekt für die Entstehung von Aggressionen wird in den Lernprozessen angenommen, da Aggressionen nicht nur aufgrund persönlicher Dispositionen oder unangenehmer Umweltumstände auftreten müssen, sondern gleichermaßen als Erfolgsmodelle im Laufe der Zeit erlernt werden können. In diesem Zusammenhang bieten sich die Lerntheorien von Skinner (operante Konditionierung) und Bandura an. Beide Theorien erklären das Erlernen von aggressivem Verhalten.
Zum Abschluss dieser Ausarbeitung wird eine kurze Zusammenfassung über die Lösungsstrategien zur Vermeidung/Verminderung von Aggressionen erfolgen und werden Vor-/Nachteile benannter Strategien diskutiert.
1
2. Begriffbestimmung 2.1. Der Aggressionsbegriff
Der Begriff „Aggression“ findet seinen ethymologischen Ursprung im lateinischen Verb aggredi und kann mit den deutschen Verben „herangehen“ oder „angreifen“ übersetzt werden. Beide Verben sind sehr unterschiedlicher Natur. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Aggressionsbegriff in der Psychologie. Im Groben kann zwischen zwei Aggressionsbegriffsausprägungen unterschieden werden, einer engen sowie einer weiten Definition. Die weite Form ist durch das Gegenteil von Passivität definiert. Entsprechend wird jedes aktive Verhalten als Aggression angesehen. Diese
mit dem Ziel, anderen Menschen entweder körperlichen oder psychischen Schmerz
zuzufügen 1 “. Entsprechend stellt die enge Definition eine Teilmenge der weiten Definition dar (siehe Abbildung 1) und wird im Allgemeinen negativ bewertet. Da die weite Definition jedes aktive Verhalten beinhaltet und die bestehenden Aggressionstheorien im Allgemeinen auf die enge Form der Aggression bezogen ist, wird im Folgenden vor allem diese Definition zugrunde gelegt. Als wichtiger Aspekt der Bewertung von Aggression im engeren Sinne wird die Wertung der Handlung durch die Umwelt bzw. durch die Person selbst angesehen. Bestimmte Handlungen, die Aggressionen im Sinne der engen Definition darstellen, werden durch die Gesellschaft entweder als positiv gewertet oder als solche gar nicht
bezeichnet. Als Beispiel zur Veranschaulichung soll ein Banküberfall dienen 2 . Die Handlung des Bankräubers, der mit vorgehaltener Waffe einen Bankangestellten
1 Aronson, Elliot; Wilson, Timothy D.; Akert, Robin M (2004): Sozialpsychologie, Pearson
Education Deutschland GmbH S. 440.
2 Beispiel entnommen aus: Nolting, Hans-Peter (1998): Lernfall Aggression, Rowohlt Taschenbuch
Verlag GmbH S. 27.
2
bedroht oder ihn gar schlägt, wird als negative Aggression kategorisiert werden. Sollte der Bankangestellte zurückschlagen, wäre dies Notwehr und die negative Bewertung würde entfallen. Sollte zudem ein Polizist dem Bankräuber auf der Flucht in dessen Bein schießen, würde dieses Verhalten als angemessen bezeichnet werden. Obwohl in allen Fällen Aggression im engeren Sinne beschrieben wurde, zeigt sich, wie wichtig die gesellschaftliche und auch persönliche Wertung ist, ob Verhalten als Aggression empfunden wird.
Zum besseren Verständnis des Aggressionsbegriffs, ist es wichtig, weitergehend zwischen den Begriffen „aggressives Verhalten“ und „aggressive Emotionen“ zu differenzieren. Aggressives Verhalten entspricht den Aggressionsdefinitionen und damit den extern beobachtbaren Handlungen einer Person. Hingegen sind „aggressive Emotionen“ nicht sichtbare innere Prozesse und können mit dem aggressiven Verhalten einhergehen. Dies muss jedoch nicht notwendigerweise der Fall sein, da eine wütende Person nicht in jeder Situation ihrem Zorn durch aggressives Verhalten Luft machen muss. Die Person könnte beispielsweise die Wut derart kompensieren, dass sie zunächst „einmal um den Block läuft“. Andererseits steht nicht jedes aggressives Verhalten mit entsprechenden Gefühlen in Verbindung. Als Beispiel wäre hier die Form der „instrumentellen Aggression“ zu nennen, bei der die Person aggressive Handlungen zur Durchsetzung von Zielen benutzt ohne einen Groll gegenüber der aggressionsempfangenden Person zu verspüren. Gleichermaßen die sogenannte „Aggression aus Gehorsam“ (z.B. Maßregelung eines Rekruten durch seine Kameraden auf Befehl der nächst höheren Instanz). Die verschiedenen Erscheinungsformen von Aggression auf der Verhaltensebene lassen sich in drei Gruppen unterscheiden. Es wird zwischen körperlicher (z.B. jemanden kneifen, schlagen oder erschießen), verbaler (jemanden anschreien, bedrohen oder lächerlich machen) und der Mimisch-gestischen Aggressionsform (jemanden böse anblicken oder gestische Beleidigungen) unterschieden. Abseits von diesen typischen Erscheinungsformen treten auch Handlungen auf, bei denen im ersten Moment keine aggressiven Intentionen vermutet werden, diese aber dennoch beinhalten. Als Beispiele hierfür wären eine absichtliche Nichtbeachtung, eine unterlassende Hilfeleistung, um die Person zu schädigen, oder ein Geschenk, dass
soll 3 die Person mit Absicht ärgern zu nennen.
3 Beispiel entnommen aus: Nolting, Hans-Peter (1998): Lernfall Aggression, Rowohlt Taschenbuch
Verlag GmbH, S. 32.
3
3. Aggressionstheorien 3.1. Triebtheorie (Lorenz)
Konrad Lorenz (geb. 07.11.1903, gest. 27.02.1989) wurde durch seine Entdeckungen im Bereich der klassischen, vergleichenden Verhaltensforschung berühmt. Er beobachtete verschiedene Tierarten zumeist in ihrem natürlichen Umfeld, wobei seine Beschreibungen des Verhaltens von Graugänsen am bekanntesten sein dürften. „Im Gegensatz zu der Anfang der dreißiger Jahre noch weitgehend akzeptierten Ansicht, dass tierisches Verhalten rein reaktiv sei, betont
Lorenz die Spontaneität tierischen Verhaltens, speziell der Instinktbewegung.“ 4 In seinem Buch „Das so genannte Böse“ 5 benennt er vier Triebe, die Tiere in ihrem Verhalten bestimmen: den Nahrungs-, Fortpflanzungs-, Flucht- und Aggressionstrieb. Das durch diese Triebe ausgelöste Verhalten hat die Aufgabe, das Überleben des einzelnen Individuums zu sichern, wodurch der Bestand der Art gewährleistet werden kann. Aggressives Verhalten dient der individuellen Selbstverteidigung, der
Verteidigung des Nahrungsreviers 6 , zur Auswahl des stärksten/besten Fortpflanzungspartners sowie der Herausbildung von Hierarchien/Rangordnungen. Gemäß seiner „Dampfkesseltheorie“ baut sich im Organismus des Tieres kontinuierlich ein Aggressionspotenzial auf, welches sich so lange steigert, bis es durch entsprechendes aggressives Verhalten um eine gewisse Menge entladen wird. Je nach Ausmaß und Art des „angesammelten“ Aggressionspotenzials benötigt das Tier unterschiedliche externe Reize, um aggressives Verhalten zu zeigen. Steht der „Dampfkessel“ nur unter relativ geringem Druck, bedarf es sehr intensiver Umweltreize, um aggressives Verhalten auszulösen. Mit steigendem Druck sind immer geringere Umwelteinflüsse ausreichend, damit es zu den so genannten Leerlaufhandlungen kommt, bei denen aggressives Verhalten ohne weitere Außeneinwirkung auftritt.
In Analogie wird dieses Prinzip aus der Tierwelt auf den Menschen übertragen. Denn Lorenz sieht in dem Menschen ein kompliziertes Tier. Er beschreibt, wie Raubtiere im
4 Hanna-Maria Zippelius (1992): Schlüsselreize - ja oder nein? Ergebnisse von Attrappenversuchen
zum Bettelverhalten von Silbermöwenküken, Biologie heute Nr. 397
5 Lorenz, Konrad (1980): Das sogenannte Böse Zur Naturgeschichte der Aggression, Deutscher
Taschenbuch Verlag
6 inter- und intraartlich
4
Laufe der Evolution Hemmmechanismen 7 entwickelt haben, die verhindern, dass sich eine Art selbst ausrottet. Da Lorenz den Menschen als einen „verhältnismäßig
harmlosen Allesfresser“ 8 sieht, der über keine bedeutende Bewaffnung (keine Krallen oder Fangzähne) verfügt, bestand kein selektiver Druck für wirksame Hemmmechanismen. Durch technologische Fortschritte, wie die Verwendung des Faustkeils bis hin zu der Entwicklung von moderner Waffentechnologie, wurde der
Mensch befähigt, andere seiner Art schnell zu töten 9 , ohne aber über Mechanismen zu verfügen, welche die intraartliche Ausrottung verhindern. Ein weiterer Grund für aggressives Verhalten des Menschen sieht er in seiner Entwicklungsgeschichte. Dabei bezieht er sich auf eine Zeit, in welcher der Mensch durch Werkzeuge und Jagdtechniken die Umwelt nicht mehr fürchten musste. Es kam zunehmend zu Kämpfen zwischen verschiedenen Stämmen. In diesen kriegerischen Auseinandersetzungen setzten sich Stämme mit einem höheren aggressiven Potenzial eher durch und verankerten so einen starken Aggressionstrieb in den menschlichen Erbanlagen.
Lorenz sieht keine Möglichkeit, das Auftreten von Aggressionen zu verringern, da kontinuierlich Aggressionsenergie erzeugt wird. Den Versuch, Aggressivität zu unterdrücken oder durch gesellschaftlich moralische Verbote zu reglementieren, erscheint ihm kontraproduktiv. Diese führen zu einer Aufstauung der Aggressionsenergie und lassen unberechenbare Ausbrüche wahrscheinlicher werden. Einen wichtigen Aspekt sieht er in der Bewusstmachung bzw. Auseinandersetzung mit den Wirkungsmechanismen von Aggressionen. Entsprechende Lösungsmöglichkeiten liegen in der Abreaktion an Ersatzobjekten, um die Schädigung anderer Menschen zu vermeiden. Darüber hinaus sieht er in der freudianischen Vermeidungsmethode der Sublimierung einen weiteren fruchtbaren Weg Aggressionen abzubauen. Dabei wird die Aggressionsenergie in gesellschaftlich anerkanntes Verhalten umgewandelt. Beispiele wären sportliche Aktivitäten oder die Auslebung der Aggression durch die Schaffung von Kunst. Eine weitere theoretische Möglichkeit sieht er in dem Versuch, das Aggressionspotenzial wegzuzüchten. Dies verwirft er jedoch nicht aus ethischen
7 nur innerhalb der Art
8 Lorenz, Konrad, Das sogenannte Böse S. 226.
9 „Kein geistig gesunder Mensch würde auch nur auf die Hasenjagd gehen, müsse er das Wild mit
Zähnen oder Fingernägeln töten“ Lorenz, Konrad, Das sogenannte Böse Seite 227
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Arbeit zitieren:
Jonny Gudd, 2006, Aggressionen und ihre Verminderungsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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