Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1
Der Arthur-Schnitzler-Hof, ein Gemeindebau
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Der Wahrnehmungsspaziergang als Methode
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WAHRNEHMUNGSSPAZIERGANG TEIL I
12
Mauer - Grenze - Stacheldraht - Glassplitter
13
WAHRNEHMUNGSSPAZIERGANG TEIL II
20
Methoden und Vorgehen
25
WAHRNEHMUNGSSPAZIERGANG TEIL III
31
Die Gespräche in den Wohnungen
39
Zugang zum Arthur-Schnitzler-Hof 39
Erz ählrichtungen 41
Analyse der Erzählrichtungen 49
Gewusstes Wissen - nicht gewusstes Wissen 51
Analyse der Repräsentation des Wissens 54
Blickrichtungen auf den Jüdischen Friedhof Währing
57
Der Akteursblick auf das Gräberfeld 58
Der Blick der Forscherin - mit den Augen, mit der Kamera 64
Das Bild, die Fotografie als Instrument 67
Der Friedhof als Forschungsfeld 72
Der Friedhof Währing als historischer Ort 73
Raumaneignung
78
Zusammenfassende Analyse
81
Die Bewohner und deren Rezeption 81
Rezeption der Forscherin 82
Wahrnehmungsspaziergang 87
Erinnern und Vergessen
93
Res ümee
95
Literatur und Quellen 96
Bildnachweis 105
Abstract 111
Der grafische Wegweiser zeigt meinen Forscherweg durch das Thema. Dieser Zugang, der links unten beginnt, führt den Leser thematisch, textlich und fotografisch durch diese Arbeit.
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Einleitung
Bild 1: Friedhofsmauer, Glassplitter und Stacheldraht. 05.05.2008.
„Als geborener Wiener bin ich unzählige Male an der Ecke Billrothstraße, Döblinger Hauptstraße und Währinger Gürtel vorbeigefahren. Seit meiner Jugend erinnere ich mich an den markanten Schnitzler-Hof, einen Gemeindebau, dessen hochhausähnliche Architektur von den Erfolgen des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Unmittelbar daneben befindet sich bis heute eine abweisende hohe Mauer mit Stacheldraht und Glassplittern. Doch niemand konnte oder wollte mir 1 sagen, was hinter der Mauer liegt.“
1 Bauer, Eva-Maria und Niemann, Fritz (Red.). Educult (Hg.): Währinger Jüdischer
Friedhof. Vom Vergessen überwachsen. Wien, Weitra 2008. S. 6.
2
Diese Aussage des Geschäftsführers der Kulturinitiative „Educult“ bringt die Außenwirkung des Währinger Jüdischen Friedhofs in eine prägnante Form. Da existiert einerseits ein Areal, gut geschützt, und über lange Zeitstrecken nicht für unangemeldete Besucher zugänglich. Andererseits ragt ein Hochhaus der Gemeinde Wien in den Himmel des 19. Wiener Gemeindebezirkes. Was sich seit 1959 dem Auge des Betrachters und Besuchers entzieht, ist die Tatsache, dass der zwölfstöckige Arthur-Schnitzler-Hof zwischen 1959 und 1960 auf dem Gräberfeld des jüdischen Friedhofs erbaut wurde.
Im Rahmen eines Seminars, das ich im Sommersemester 2008 am ur-und frühgeschichtlichen Institut der Universität Wien besuchte, wurde multiperspektivisch und interdisziplinär durch die kulturhistorischen Wissenschaftsdisziplinen das Thema des Erinnerns am Ort des Währinger Jüdischen Friedhofs behandelt. Der besseren Lesbarkeit wegen sind die Personen geschlechtsneutral angesprochen. Die Ergebnisse des Seminares werden zurzeit in Form einer Posterausstellung 2 in verschiedenen Institutionen und Ländern einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Aus Sicht der Europäischen Ethnologie stellte sich für mich die Frage nach der Perspektive der Bewohner im angrenzenden Gemeindebau, die zwar ihr Wohnhaus straßenseitig betreten, deren Wohnräume jedoch zu einem großen Teil friedhofsseitig liegen. Richtet man den Blick aus den in Richtung Westen gelegenen Fenstern, so erfasst man entweder eine Mauer und Stacheldraht, wie es im Erdgeschoß und in den unteren Stockwerken des Hauses der Fall ist, oder es ist eine Grünfläche zu erkennen, die - lediglich durch einige verstreut liegende Grabsteine unterbrochen - mit dem Grünwuchs am Horizont mit dem Himmel scheinbar eins wird. 3 Wie wirkt dieses Gegenüber auf die Menschen des Schnitzlerhofes? Wer von den zu Befragenden hat je den Friedhof betreten, der nicht frei zugänglich ist? Erst in den letzten Jahren hat dieser Friedhof durch das Engagement der Historikerin Tina Walzer
2 Posterausstellung pdf. http://www.dieuniversitaet-online.at/beitraege/news/judischer-friedhof-wahring-ort-der-ewigkeit/66/neste/6.html. 10.1.2010. 11:15 Uhr.
3 Die Fotos entstanden zwischen Oktober 2006 und Oktober 2009.
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und den Wiener Grünen 4 mehr Öffentlichkeit erfahren. Was wird oder wurde gewusst und was wird vergessen oder nicht gewusst? Wie wird das Gegenüber der Grabstätte im Alltag der Bewohner wahrgenommen bzw. integriert?
Die Umstände der Entstehung des Friedhofgeländes sind bis heute mit dem Bau des 1959 errichteten Hochhauses der Gemeinde Wien eng verbunden, wie bei Probegrabungen durch die Israelische Kultusgemeinde im Jahr 2002 festgestellt wurde. Dabei fand das Friedhofsamt heraus, dass sich unterhalb der den Schnitzlerhof vom Friedhof trennenden 5 Betonmauer Grabstellen befinden.
Im April 2008 betrat ich zum ersten Mal den Schnitzlerhof. Erste Eindrücke im Feld, genauer im Stiegenhaus der Anlage, erhielt ich im Rahmen der von mir so bezeichneten „Stiegenhausgespräche“. Diese ersten Begegnungen mit den Bewohnern der Wohnhausanlagen fanden im Rahmen meiner Seminararbeit im Frühling 2008 statt. Dabei wartete ich auf Bewohner, welche die Wohnung verließen oder gerade heimkamen, um sie zwanglos zu befragen. Die Antworten wiesen dabei ein breites Spektrum von „Na, na, i wü nix,“ - was mir eine ältere Frau, das Haus eilig verlassend, zuzischte - bis zur Aussage einer etwa fünfzigjährigen Frau, die mir im dritten Stock entgegenkam, auf. Sie meinte folgendes: „Es ist beschissen hier, die Situation. Der Verkehr wird immer schlimmer und der Blick in den Friedhof ist auch nicht toll“.
Der gewählte empirische Zugang zeigte gleich die Tücken des Instruments der Befragung, nämlich die offensichtliche und spürbare Schwierigkeit, als Fremde in private Lebensräume zu gelangen. Mit dem Studentenausweis in der Hand, versuchte ich dem Misstrauen zu begegnen, das mir im April 2008 teilweise unverhohlen entgegenschlug. Somit wurde mein Versuch, in die Wohnbereiche der Menschen zu
4 Die Wiener Grünen sind eine politische Partei.
5 Im Kapitel „Der historische Jüdische Friedhof Währing“ wird darauf
genauer eingegangen.
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gelangen, ein sehr heikler. Zudem stieß ich in einen
Wahrnehmungsbereich vor, der durchaus Bereiche berührt, die von Ängsten und Misstrauen gekennzeichnet sein können. „Friedhof“ heißt nicht nur grünes Feld, Ruhe und Beschaulichkeit, sondern auch Tod, vergrabene Körper, letzte Welt vor dem Übergang in andere.
Die Erfahrung, die ich im Rahmen meiner 2008 verfassten Seminararbeit mit dem Feld Schnitzlerhof gemacht habe, ließ mich mit dem nötigen Respekt für die Komplexität des Forschungsgegenstandes und für den Umgang mit den Bewohnern des Arthur Schnitzlerhofs an die erforderlichen empirischen Arbeiten für die vorliegende Diplomarbeit herangehen. Ich konnte die Verbindung zu Herrn T., der im Erdgeschoss wohnt, wieder aufnehmen und für weitere Kontaktnahmen mit Bewohnern des Hauses nutzen. Im Zentrum meiner Arbeit steht der Wahrnehmungsspaziergang, den ich an einem sonnigen, kalten Apriltag 2009 gemacht habe. Aus ihm heraus entwickle ich die thematische Linie in meiner Arbeit. Nur mit einem Notizblock ausgerüstet, versuchte ich möglichst viele Eindrücke multisensorisch zu erfassen und aufzuzeichnen. Ich umwanderte den Jüdischen Friedhof Währing entlang der Grenzmauer, die mit Stacheldraht und Glassplittern versehen ist. Die Mauer bietet eine Grenze, die ihrerseits Raum schafft und vom Blick der Gemeindebauerbewohner getroffen wird. Das Wissen um das Gesagte und nicht Gesagte, das Wissen und das Nichtwissen über diese Mauer und die hinter dieser Mauer liegenden jüdischen Gräber und deren Geschichte und Geschichten, bilden die inhaltlichen Stränge des Forschungsgegenstandes.
Im Zuge des Spazierganges betrat ich auch das Stiegenhaus des Arthur Schnitzlerhofes, wo ich schon während des Seminarbesuches Kontakte knüpfte, um nochmals Bewohner ansprechen zu können. Herrn T. bat ich um ein Interview und um Mithilfe, um bei anderen Bewohnern leichter Zugang zu den Wohnbereichen zu erhalten. Durch diese „Stiegenhauspräsenz“ ergaben sich weitere kurze Gespräche, die ich in der Folge - dank Herrn T. - für spätere Wohnungsbesuche nutzen konnte.
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Parallel dazu verfasste ich ein Schreiben mit dem Logo der Universität Wien, in dem mein Forschungsansinnen und die Bitte um eine Gesprächsmöglichkeit formuliert waren. Dieses Schreiben deponierte ich in den Briefkästen der Bewohner. Schon einige Tage später konnte ich mit drei Bewohnern der verschiedenen Etagen, Gesprächstermine wahrnehmen, bei denen ich auch Fotos aus deren Lebensräumen mit dem Blick auf den Jüdischen Friedhof Währing machen konnte. Die Fotos bilden die empirische Hauptquelle. Hier war es das Ziel, durch offene Fragestellungen die Gesprächspartner zu eigenen Erzählungen und Antworten zu animieren. 6 Die Fotos von der Friedhofsumgehung im Rahmen des Wahrnehmungsspazierganges entstanden im Oktober 2009.
Die wichtigste historische Quelle meiner Arbeit ist der im Auftrag der Republik Österreich entstandene Forschungsbericht der Historikerin Tina Walzer 7 , die durch die Aufarbeitung der Entstehungsgeschichte des Jüdischen Friedhofs Währing auch für meine Arbeit wesentliche Hintergründe um den Bau des Arthur Schnitzlerhofes und die Rolle der Gemeinde Wien beleuchtete. 8
Für die theoretische Fundierung der Arbeit schien es mir wichtig, mich mit den Theorien von Jan und Aleida Assmann und Pierre Nora auseinanderzusetzen, die - angelehnt an Maurice Halbwachs - Orte als Manifestationen eines kulturellen und kollektiven Gedächtnisses untersuchen.
6 Vgl. Schmidt-Lauber, Brigitta. Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Reden-
Lassens. In: Göttsch, Silke / Lehmann, Albrecht (Hg.): Methoden der Volkskunde.
Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. Berlin. 2001. S. 175-
177.
7 Sie beforscht seit 1995 den Jüdischen Friedhof Währing.
8 Vgl. Walzer, Tina: Der Währinger jüdische Friedhof. Historische
Entwicklung, Zerstörungen der NS-Zeit, Status quo. Forschungsprojekt des
Zukunftsfonds der
Republik Österreich in Kooperation mit der IKG Wien. Wien. 2006-2007.S. 43-49.
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Der Arthur-Schnitzler-Hof , ein Gemeindebau
Der zwölfstöckige Gemeindebau mit 49 Wohnungen ist 1960 bezugsfertig und wird 1962 anlässlich des hundertsten Geburtstages des Wiener Arztes und Dramatikers Arthur Schnitzler „Arthur Schnitzlerhof“ genannt.
Das Haus wurde in Blockbautechnik in den Jahren 1959 und 1960 auf dem Grundstück des ehemaligen Jüdischen Friedhofs nach dessen Umwidmung in Bauland und Wohngebiet, Bauklasse IV 9 , errichtet. Der Haupteingang befindet sich an der Döblinger Hauptstraße, ein Teil der Wohnungen liegt straßenseitig, ein anderer Teil der Wohnungen befindet sich rückwärtig, mit den Fenstern in Richtung des Friedhofgeländes ausgerichtet. Je nach Stockwerk sind aus den Fenstern der Küche bzw. des Wohnzimmers Grabstellen oder Grünwuchs (in den höheren Stockwerken) zu sehen. Die Schlafzimmer befinden sich in den von mir
9 Ebenda, S. 57.
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besuchten Wohnungen entweder friedhofsseitig (wie im Erdgeschoß) oder in Richtung des zum Schnitzlerhof gehörigen Parkplatzes. Laut Tina Walzer bewohnten zu Beginn auch jüdische Mieter einen Teil des Gebäudes 10 , was mir meine Gesprächspartnerin Frau R., die im obersten Stock wohnt, am 8. Mai 2009 auch bestätigt hat. Heute bewohnen Mieter aus verschiedensten sozialen Milieus und unterschiedlicher nationaler Herkunft den Bau.
Laut Lexikon des Demokratiezentrums Wien sind Gemeindebauten geschützte Segmente des Wohnungsmarktes, die nicht den freien Wettbewerbsbedingungen unterliegen. 11 Die Eigenständigkeit Wiens als Bundesland nach dessen politischer Trennung von Niederösterreich im Jahr 1921 und der daraus resultierende finanzielle Freiraum für Einhebungen von Land und Gemeindegeldern, war eine von mehreren Voraussetzungen für das Gelingen des sozialistischen kommunalen Wohnbaus in Wien bis in die 1960iger Jahre. Dazu kam, dass 1917 der Mieterschutz gesetzlich verankert und somit auch die private Bautätigkeit gebremst bzw. der kommunale Wohnbau favorisiert wurde. Von 1919 bis 1996, unterbrochen „nur“ von der nationalsozialsozialistischen Diktatur, regierten die Sozialdemokraten mit absoluter Mehrheit in Wien. Wien war die erste Millionenstadt, in welcher sozialer kommunaler Wohnbau umgesetzt werden konnte. 12 Werner Faymann, 2003 amtierender Wohnstadtrat, bezeichnete in einer Rede den sozialen Wohnbau als Rückgrat und Motor der städtebaulichen Entwicklung Wiens und diesen wiederum als identitätsstiftendes Merkmal. 13
War die Wohnsituation vor dem ersten Weltkrieg durch Überbelegungen von Wohnungen, die Seuchen generierten (unter anderem die Tuberkulose), gekennzeichnet, taten eine fehlende Bauordnung und eine
10 Ebenda, S. 59.
11 Gemeinde Wien:
www.demokratiezentrum.org/de/startseite/wissen/lexikon/gemeindewohnung.Wien. 3.4.
2008. 20:45 Uhr.
12 Vgl. Czeike, Felix: Geschichte der Stadt Wien. Wien. 1981. S. 268.
13 Vgl. Faymann, Werner:
www.europaforum.or.at/site/housing2003/Speech_Faymann.pdf. 3.4.2008. 23:00 Uhr.
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drastische Steuerpolitik (Mietzinssteuer von 43 %!) das Ihre zur katastrophalen Wohnsituation. 14 Nach dem 2. Weltkrieg spannte sich diese Situation durch verschiedenste Faktoren weiter an. Der Mieterschutz verhinderte große Gewinnspannen für die Vermieter und bremste so die Bautätigkeit in Wien, hinzu kamen enorme Schäden durch die Bombardierung während des Krieges. 187 000 Wohnungen waren in irgendeiner Form in Mitleidenschaft gezogen, 87 000 davon waren total zerstört oder schwer beschädigt. 15 Noch in den 1950iger Jahren, nach der Wiederaufnahme des kommunalen Wohnbaus, waren über 55 000 Wohnungssuchende in Wien registriert. 16 „Freie Gemeindegründe waren rar; die, die es gab, waren verpachtet und wurden für die Anpflanzung von Gemüse verwendet. Die Architekten der Nachkriegszeit strichen den Hof, sowie Gemeinschaftseinrichtungen und ließen die Türme in den Himmel wachsen.“ 17 Das zwanzigstöckige Matzleinsdorfer Hochhaus war das erste Wohnhochhaus in Wien und wurde nach vierjähriger Bauzeit 1957 fertig gestellt. „Stolz wurde das Wiener Wappen weithin sichtbar aufgesetzt“. 18 Kurz danach entstand in Hochbauweise der später nach Arthur Schnitzler „Schnitzlerhof“ benannte Gemeindebau in der Döblinger Hauptraße im 19. Wiener Gemeindebezirk.
Der Wahrnehmungsspaziergang als Methode
Etymologisch kann das Wort „wahrnehmen“ aus dem althochdeutschen „wara neman“ (1. Jhdt.) 19 abgeleitet werden, was mit bemerken, sich umsehen, gewahr werden, zu tun hat. Über die Sinne werden Außenreize
14 Vgl. Mayer, Petra: Der Wiener Gemeindebau -eine
soziodemographische
Untersuchung. Diplomarbeit 1997. Wien. S. 54..
15 Vgl: Bramhas, Erich: Der Wiener Gemeindebau: Vom Karl Marx-Hof
zum
Hundertwasserhaus. Basel. 1987. S. 72..
16 Machart, Peter: Wohnbau in Wien. 1923 - 1983. Wien. 1984. S. 26..
17 Gemeinde Wien:
www.demokratiezentrum.org/de/startseite/wissen/lexikon/gemeindewohnung.Wien.
03.04.2008. 20:45 Uhr.
18 Ebenda.
19 Pfeifer, Wolfgang: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Berlin. 1997. S. 1532.
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zu den zweigeteilten sensorischen Gehirnzentren weitergeleitet. Im sekundären Assoziationszentrum werden eingehende sensorische Reize mit dem Vergangenen und Gespeicherten verglichen und integriert. Sinnesreize werden erst Wahrnehmungen, wenn sie kognitiv verarbeitet worden sind. Die Wahrnehmungskette ist mehrgliedrig. Auf den Reiz folgt die Übermittlung (Transduktion), danach die Verarbeitung durch Filterung, Hemmung, Konvergenz, Integration, Summation und andere Prozesse. Erst dann geschieht Wahrnehmung. Das Bewusstsein nimmt perzeptiv wahr und bildet aufgrund des entstehenden Verständnisses die Grundmatrize für die Reaktion auf das Erkannte. 20
Aus dieser psychophysiologischen Perspektive betrachtet, wird deutlich, dass mein wahrnehmender Spaziergang keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben kann, ja selbst eine andere Person mit ähnlichem biographischen und kulturellen Hintergrund würde das Erschaute anders beschreiben, einordnen, erinnern. Die Beobachtungs-und Erkenntnisaspekte des Wahrnehmungsspazierganges sind nicht einzeln zu verifizieren. Die Theorie des Transaktionalismus bezeichnet ein umweltpsychologisches Paradigma, das einen unauflöslichen
Zusammenhang zwischen Phänomen und Raum-Zeitgefüge postuliert. Die Grundkategorie bildet selbst ein holistisches Ganzes, dessen Teile wie Akteure (also die Forscher), Prozesse und Phänomene einen wechselseitigen Konstitutionszusammenhang bilden. Beobachtetes wird so kontextrelativ. Beziehungszusammenhänge werden hier deutlich und daher ist die Trennung zwischen Forscher, Erforschtem und Feld (Stimulus, Person und Situation) schwer vollziehbar. 21
Als methodisches Werkzeug kann der ethnographische Spaziergang einen von mehreren Blickwinkeln auf das Feld um den Schnitzlerhof
20 Vgl. Hofstätter, Peter R. (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon.
Frankfurt/Main.
1972. S. 45.
21 Vgl. Meuburger, Peter und Thomas Schwan. Humanökologie: Ansätze zur
Überwindung der Natur-Kultur-Dichotomie. Stuttgart 2003. S.86.
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geben. Dies möchte ich auch durch das Beschreiben der multisensorischen Ebenen ermöglichen. Auf der Ebenen der visuellen Perzeption geht es um folgende Fragestellungen: Was sehe ich? Wie sehe ich es? Dazu gehören Farben, Umrisse, Räume, Bewegtes und Unbewegtes. Da der Raum des Städtischen eine große Anzahl an Hörerlebnissen angenehmer und auch unangenehmer Art bietet, widmet sich die akustische Perzeption den Fragen: Was höre ich, wie mischt sich das Gehörte in meine Wahrnehmung? Die haptische, sensible Wahrnehmung bedeutet dagegen das Begreifen des Materiellen: Wie greift sich das Material an? Kalt, warm, hart, weich, angenehm,
unangenehm? Die olfaktorische Wahrnehmung fragt nach dem Geruch. Wie riecht der Ort? Wie riecht die Stadt, wie riecht es an der Straße, wie riecht es im Schnitzlerhof, wie an der Mauer des Friedhofs? Zudem werfe ich folgende Fragen bei meinem Spaziergang auf: Wie nehme ich die Zeit wahr? Vergeht sie an den verschiedenen Orten gleich schnell? Wo langsamer, wo schneller?
Die Sicht vom subjektiven bzw. objektiven Standpunkt aus befriedigt das menschliche Ordnungsbedürfnis, wobei das so genannte Objektive, das Mess- und Beweisbare, die Historie, im wissenschaftlichen Diskurs gesicherter erscheint als das Subjektive, das als ungesichert und der individuellen Erfahrung zugeschrieben, schwerer fassbar ist.
Auch die wissenschaftliche Wahrnehmung ist durch Typisierungen gesteuert. 22 Das Feld wird begreifbar über das sensuale Instrumentarium der ethnografischen Aneignung des Raums durch den Forscher als Individuum, der den Menschen in seiner feldspezifischen
Alltagsverfasstheit erfährt und rezipiert. Wirklichkeit wird in der qualitativen Kultur- und Sozialforschung so durch die beschreibende empirische Erfassung von Erfahrenem und durch die objektivierende Theorie konstituierend ergänzt. Das Gehen aus der Perspektive des Gehenden
22 Vgl. Rolshoven, Johanna: Gehen in der Stadt. In: Becker, Siegfried
u.a.: Volkskundliche Tableaus. Eine Festschrift für Martin Scharfe zum 65. Geburtstag
von Weggefährten, Freunden und Schülern. Münster, New York, München, Berlin.
2001. S.
11.
11
kann als Ausdrucksform und als Mittel der Raumaneignung gesehen werden. Für die Forschende kann das personifizierte Gehen eine Überforderung darstellen und bedarf deswegen einer empirischen Ergänzung mit anderen Werkzeugen. 23
Im April 2008, anlässlich einer Besichtigung des Währinger Jüdischen Friedhofs mit der Historikerin Tina Walzer im Rahmen der interdisziplinären Lehrveranstaltung „Der Währinger Jüdische Friedhofein Ort der Erinnerung“, stand ich als Studentin der Europäischen Ethnologie an einem kühlen, windigen Frühlingstag innerhalb der Mauern des Friedhofs, um während eines fast zweistündigen Rundganges durch das Gräberfeld, historische Hintergründe des Geländes und der Bestatteten und seiner gemeinsamen Geschichte mit der Gemeinde Wien und dem (erst 1962 so benannten) Arthur Schnitzlerhof zu erfahren. Zu diesem Zeitpunkt nahm ich den Gemeindebau innerhalb des von Mauern umgebenen Terrains aus wahr, mit der Blickrichtung von unten nach oben. Von den jüdischen Gräbern, inmitten der teilweise von Pflanzen überwachsenen Grabsteine, bis hin zu den Wohnräumen des Gemeindebaus reichte mein Schauen noch unwissend, dass ich zwölf Monate später mit einer digitalen Spiegelreflexkamera von Olympus ausgerüstet, aus den Schlaf- und Wohnzimmern der Bewohner des Wohnbaus den Blick auf den Jüdischen Friedhof und das Gräberfeld fotografisch festhalten würde.
Bezog sich meine Perzeption damals durch die auf die geschichtliche Vergangenheit gelenkte Aufmerksamkeit ausschließlich auf den Innenraum des Friedhofs und die Entstehungshintergründe des Gemeindebaus, so versuche ich nun meine Wahrnehmungsperspektive auf den geographischen Alltagsbereich der Schnitzlerhofbewohner zu richten, der sich außerhalb des umgrenzten und partiell versperrten Geländes befindet. 24 Meine Begehung findet aus diesem Grund
23 Ebenda, S. 19-25.
24 Den Schlüssel für das in der Schrottenbachgasse befindliche einzige Zugangstor zum
Friedhof erhalten Personen mit speziellem Interesse, wie zum Beispiel Angehörige von
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außerhalb des Friedhofs, entlang der Friedhofsmauern statt, die je nach Standort und Bauzeit anders aussehen. Der Spaziergang beginnt, bedingt durch die Anfahrt mit meinem Auto und der Möglichkeit, im Döblinger Cottageviertel zu parken, im nordwestlichen Teil des zu begehendes Feldes. Auf einem Notizblock notiere ich fortwährend, gehend, stehend, sämtliche Eindrücke und Empfindungen, unterstützt durch Zeichnungen von lokalen Besonderheiten wie beispielsweise die Anzahl von Fenstern, Anordnungsfolgen von Glassplittern auf dem Mauerrand des Friedhofs, und das Verhältnis des Stiegenaufganges zur Mauer in der Schrottenbachgasse.
WAHRNEHMUNGSSPAZIERGANG TEIL I
Bild 3: Stadtplan Wien: Areal um den Arthur Schnitzlerhof.
JFH = Jüdischer Friedhof. 1-8: SH = Schnitzlerhof. Blaue Linie: Weg des
Wahrnehmungsspaziergangs.
Verstorbenen, Wissenschaftler und Besichtigungsguides der Israelischen
Kultusgemeinde Wien.
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Es ist ein frischer, etwas windiger Frühlingstag. Um 9 Uhr früh nähere ich mich mit dem Schreibblock von Westen her durch den Währingerpark dem Schnitzlerhof. Mein Rundgang beginnt an der Ecke Peezgasse/ Fickertgasse (Wegpunkt 1). Ein mächtiger Gemeindebau aus dem Jahre 1924/25, der Klose-Hof, bestimmt kasernenhaft das Gesicht der Fickertgasse linker Hand. Er ist dreistöckig, mit in vier Reihen
angeordneten Fenstern, die meisten geschlossen. Kein Mensch sieht an diesem Morgen aus dem Fenster. 108 von mir gezählte Fenster. Ab dem ersten Stock kann man gegenüber in den Jüdischen Friedhof blicken. Die Geschlossenheit wirkt verstärkt durch die rechterhand verlaufende Friedhofsmauer, die etwa drei Meter hoch ist. Die Mauerdicke ist nur zu ahnen. Verdorrte Äste und wucherndes, grünes Blätterwerk lehnen sich gleichsam über die Mauer. Kleine grüne Pflänzchen und gelbe Blüten sprießen aus den Mauerritzen hervor. Hinter der Mauer ragen hohe, alte Nadel- und Laubbäume in den Himmel. Ein zweireihiger Stacheldraht verstärkt den strengen Eindruck der Ziegelmauer. Gut gespannt, wirkt er beängstigend, beunruhigend. Bis zu zehn Zentimeter hohe Glassplitter auf dem Mauersims vermitteln ein HALT, STOPP. Hier ist kein Herüberkommen möglich, denke ich mir unverwandt und werfe die Frage auf, wer denn nun beim Überwinden des Hindernisses behindert, begrenzt, verletzt werden soll. Von außen nach innen oder von innen nach außen? Wird etwas eingesperrt, oder etwas beschützt vor den außen Seienden?
Ich versuche vorerst die Mauer als solche auf mich wirken zu lassen. Die Mauer ist ziegelrot, durch Alter und Witterung in verschieden farbiges Rot getaucht. Die aus roten Ziegeln angedeuteten Bögen an der Mauerfront weisen auf eine Idee, eine Funktion hin. Stand hier ein Haus, ein Kellergewölbe?
Mauer - Grenze - Stacheldraht - Glassplitter
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Das Setzen einer Mauer bedarf eines dauerhaften Materials. Im Fall der Mauer des Jüdischen Friedhofs Währing sind zwei Arten von Material zu erkennen: Großteils bestehen die Mauern aus gebrannten roten Ziegeln, zum geringeren Teil aus grauem Beton (auf der Seite des Schnitzlerhofes im Osten), die auf ein späteres Baudatum verweisen.
Bild 5: Friedhofsmauer am Parkplatz des Schnitzlerhofes. 24.04.09.
Eine Mauer wird durch das vermörteln der Ziegel fest, dingfest, erzeugt einen Anspruch auf Ort, Lokalität, kann dadurch zum Bleiben aufrufen. „Der Raum der Sesshaftigkeit wird durch Mauern, Einfriedungen und Wege zwischen den Einfriedungen gekerbt, während der nomadische Raum glatt ist und nur mit Merkmalen markiert wird…“ 25
Dies zeigt sich in der Tatsache, dass man an der Mauer entlang spazieren kann, auf betonierten Wegen und ausgetretenen Pfaden. Mauern sind begrenzend, bilden eine Umgrenzung und erzeugen dadurch Raum. „Ich erinnere mich an eine Mauer …ich war damals ein Kind… Jede Nacht schritt ich durch diese Mauer. Dahinter lag eine ganze Welt…“ 26 Nur im Traum und in der Welt der Phantasie ist ein müheloses Durchschreiten dieser Art von Grenze möglich, wie dies Rolf Lindner beschreibt. Grenzen bilden Räume und lassen Identitäten, welche in Grenzlagen leben,
25 Deleuze, Gilles und Guattari, Felix: Tausend Plateaus. Kapitalismus und
Schizophrenie. Berlin. 1997. S. 524.
26 Lindner, Rolf und von Schaeven, Deidi: Mauern. Köln 1977. Zit. nach Ina
Maria
Greverus: Aesthetische Orte und Zeichen. Münster. 2005. S. 13.
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besonders erscheinen. 27 Ina Greverus notiert die Mauer im Tarotgarten von Niki de Saint Phalle als eine den Zwischenraum bildende Umgrenzung, in dem Grenzgänge gelingen oder scheitern können. 28 Die Grenze ist durch die zeitweilige Öffnung des Eingangs eine permeable. Ebenso ermöglicht das Übersteigen der Mauer an bestimmten, versteckten Punkten den Zugang zu dieser ansonsten abgeschlossenen Welt. Es besteht hier durch die existierende Mauer eine Grenzziehung, die sich historisch, schützend und durch die Jahrzehnte hinweg, auch ästhetisierend manifestiert hat. Dahinter ein geschaffener, kultureller und gewachsener Raum. Sichtbar wird die Territorialität der getrennten Räume durch die Zugehörigkeit und Eigentumsverhältnisse. Es besteht einerseits der private Raum, den Toten gehörend, Eigentum der Jüdischen Kultusgemeinde, und andererseits der für die Allgemeinheit zugängliche öffentliche Raum. 29
Theobald sieht in der Mauer eine Abgrenzungsfunktion nach der Vorschrift der Halacha. Sie „schützt gegen unbefugte Eindringlinge und Tier“. 30 Außerdem werde der jüdische Friedhof so auch von nichtjüdischen Gräbern abgegrenzt. Die dem Schutz der Totenruhe dienende Mauer bezieht Theobald auf die jüdische Glaubenslehre, nach welcher die Toten, die in die Erde gelegt werden, auf den Tag der leiblichen Wiederauferstehung warten. 31 Zudem gilt der heilige Ort auch der Rückbesinnung auf den alten Bund und der Grabstein als Zeuge dafür. 32 Die Bedeutung des symbolisch aufgeladenen Ortes ist in Hinsicht auf die leidvolle Geschichte der Juden ein nicht hoch genug zu bewertender Umstand. Diese kulturelle Einschreibung bedarf des Schutzes eines sozialen Raumes der dreidimensional als Haus gesehen werden kann, in
27 Vgl. Rolshoven, Johanna: Der Rand des Raumes. Kulturwissenschaftliche
Überlegungen zum Thema Übergang. In: Rolshoven, Johanna (Hg.): Hexen,
Wiedergänger, Sans-Papiers. Marburg. 2003. S. 7-18.
28 Vgl: Greverus, Ina: Grenzen und Kontakte. Zur Territorialität des Menschen.
In: Kontakte und Grenzen. Probleme der Volks-, Kultur- und Sozialforschung. Festschrift
für
Herhard Heilfurth zum 60. Geburtstag. Göttingen. 1969. S. 11-26.
29 Vgl.:Theobald, Alfred: Der jüdische Friedhof. Zeuge der Geschichte - Zeugnis der
Kultur. Karlsruhe. 1984. S. 42-49.
30 Ebenda, S. 42.
31 Ebenda, S. 49.
32 Ebenda, S. 49.
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dem die Mauer die Grenze nach außen und innen bildet. Das Erdreich gilt als Stätte des Körpers, als Behältnis jüdischer Verstorbener, die in diesem gedachten Haus, das himmelwärts offen und unbegrenzt ist, auf das leibliche Wiederauferstehen warten. So gesehen bieten Mauer und Schwelle des Hauses Schutz und Sicherheit. 33
Grenzziehungen sind vielfältig, multipel, polymorph und beziehen sich auf materielle sowie immaterielle Ebenen, wie Andreas Voigt in der Stadtplanung beschreibt. „Grenzen schließen Bereiche ein und sind von unterschiedlicher Festigkeit. Sie können als lineare Unterbrechungen von Zusammenhängen im physischen Raum ...oder im psychischen Raum verstanden werden.“ 34
Der Stacheldraht, ein Seil des Teufels, wie es die Indianer nannten, wurde 1867 von der US-Amerikanerin Lucien B. Smith erfunden. Erstmals vorgestellt wurde diese ursprünglich zum Zwecke der
Viehweideneingrenzung erzeugte Erfindung in Illinois, USA. Stacheldraht besteht je nach Typus aus bis zu zwei ineinander gedrehten Grundsträngen mit implantierten Stacheln, zwei oder vier an der Zahl. 35 Der Draht dient in der Regel zur Bewegungseinschränkung. Er schützt Eigentum, markiert Terrain und sichert es ab. Oftmals in Verbindung mit Überwachung wie z. B. Beobachtungsposten an Grenzen. In
Gefängnissen, Konzentrations- und Arbeitslagern sperrt er ein. Der Stacheldraht auf der Friedhofsmauer, die zusätzlich mit Glassplittern gespickt ist, erschwert die Überwindung der Mauer.
Ein Ausschnitt aus meinem Protokoll des Wahrnehmungsspaziergangs vom 30.03.2009 zeigt die Wirkung des mit Stacheln versehenen
33 Vgl: Greverus, Ina: Grenzen und Kontakte. Zur Territorialität des Menschen.
In: Kontakte und Grenzen. Probleme der Volks-, Kultur- und Sozialforschung. Festschrift
für Herhard Heilfurth zum 60. Geburtstag. Göttingen. 1969. S. 11-26.
34 Voigt, Andreas: Gestaltung der Bebauungsstrukturen Wiens durch räumliche Modelle.
Analyse und Synthese. In: Martischnig, Michael (Hg.): Projektieren, Konzipieren,
Konstruieren, Bauen, Sanieren, Demolieren. Architektonische (Un)Kultur in Österreich.
Bd. 2. Wien. 1997. S. 29.
35 Nachzulesen unter: www.Wikipedia.de: Stacheldraht. 9.10.2008. 20:55 Uhr.
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Drahtgeflechts in Verbindung mit den spitzen, messerscharfen Kanten der Glasstücke in Bezug auf die Mauer des Währinger Jüdischen Friedhofs.
Bild 8: Die Friedhofsmauer und Glassplitter. 23.10.2008.
„Der zweireihige Stacheldraht verlängert den strengen Eindruck der Ziegelmauer. Gut gespannt, wirkt er beängstigend, beunruhigend.“ 36
36 Feldtagebuch. Frühling 2009.
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Augenscheinlich unterstreicht der Stacheldraht auf der
glasscherbenbestückten Mauer die Grenzziehung zwischen dem Innen des Friedhofes und dem Außen des öffentlichen Areals. Die auf dem Bild sichtbaren Fenster, sind Wohn und Kinderzimmer im 2.Stock von Frau Die etwa drei Meter hohe Ziegelmauer verhindert den Einblick in den verschlossenen Raum. Die durchaus grundsätzliche „poetische“ Wirkung der Mauer, es wäre z. B. auch ein Obstgarten dahinter vorstellbar, wird durch die Glasscherben und den doppelreihigen Stacheldraht verändert.
Die Spitzen von Glas und rostigem Draht wirken aggressiv und bedrohlich. Die Mauer an sich wäre mit etwas Geschick überwindbar; mit den Spitzen und Schärfen der Begrenzungsinstrumente ist eine Überwindung jedoch ohne Inkaufnahme höchster Verletzungsgefahr nicht denkbar. Diese Tatsache unterstreicht die aggressive Funktion des Drahtes. „Stacheldraht ist kein passives Instrument der Grenzziehung und Grenzmarkierung, sondern hat tendenziell die Qualität einer aktiven Waffe. Er verletzt nicht nur im Akt des Übersteigens und Überwindens, sondern selbst ausgediente oder vergessene Reste können noch tödliche Verletzungen beifügen, ein ‚friedlicher’ Stacheldraht widerspricht seiner Materialität.“ 37
Die Barriere warnt durch ihre dingliche Materialität auf sichtbare Weise und entfaltet ihre Verletzungswirkung erst beim Versuch des Übersteigens der Mauer. Die Kontextualisierung mit den Geschehnissen im I. und II. Weltkrieg, gerade an diesem symbolhaft sehr aufgeladenen Gegenstand, erscheint mir sehr wichtig. Wurde der Draht durch den ersten Weltkrieg zum Topos der Erinnerung, wird er durch die nationalsozialistischen Gewalttaten zum Synonym und Erinnerungszeichen für die Konzentrationslager. 38 Unüberwindlichkeit nationalsozialistischer
Fotografien, auf denen ausgemergelte, kachektische Menschen im
37 König, Gudrun M.: Stacheldraht. In: Österreichische Zeitschrift für
Geschichtswissenschaften. 15. Jg., Heft 4. Johler, Reinhard und Tschofen, Bernhard
(Hg): Europäische Ethnologie. 2004. S. 8.
38 Vgl. ebenda.
Arbeit zitieren:
Andrea Klabach, 2010, Tod und Leben am selben Ort - Der Währinger Jüdische Friedhof und der Arthur-Schnitzler-Hof, München, GRIN Verlag GmbH
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