„selbstgesponnene[n] Bedeutungsgewebe“ 4 (Kultur 5 ) sind Teil menschlicher Existenz und auch möglicher Abgrenzung vom Tierisch-Animalischen. Biologisch betrachtet liegt diese geschlechtliche Differenz zwischen ‚weiblich’ und ‚männlich’ in einer unterscheidbaren körperlichen Konstitution. Versucht man diese anatomische Geschlechtlichkeit jedoch innerhalb eines kulturellen Systems zu diskutieren bzw. in ihren Gegebenheiten aufzudröseln eröffnet sich im Bezug auf ‚Weiblichkeit’ ein kulturelles Problem.
„Eine Frau zu ‚sein’, ist sicherlich nicht alles, was man ist.“ 6 Mit ihrem Abschnitt Die Subjekte von Geschlecht/Geschlechtsidentität/Begehren innerhalb ihrer theoretischen Abhandlung Das Unbehagen der Geschlechter postuliert Judith Butler einen immens wichtigen Ansatz für den Diskurs rund um eine Kultur der Frau (Geschlechtsidentitäten). Anschließend an das eingangs beschriebene Beispiel bezüglich Elfriede Jelinek tut sich das Problemfeld zwischen der Repräsentationsfunktion als ‚Frau’ und dem Frau sein weiter auf. Begrifflichkeiten des Weiblichen und der Frau sind gesellschaftlich konnotiert. Sie vermitteln unabhängig jedweder Kultur immer gesellschaftlich festgelegte Codes. Schlagworte wie Feminismus und Emanzipation stellen sich im westlichen Kulturraum diesbezüglich die Frage nach der Veränderbarkeit und Steuerung solcher Gegebenheiten.
Es genügt also nicht zu untersuchen, wie Frauen in Sprache und Politik vollständiger repräsentiert werden können. Die feministische Kritik muß auch begreifen, wie die Kategorie ‚Frau(en)’, das Subjekt des Feminismus, gerade durch jene Machtstrukturen hervorgebracht und eingeschränkt wird, mittels derer das Ziel der Emanzipation erreicht werden soll. 7
Die fast schon ironische Problematik des ganzen feministisch-politischen Diskurses reicht wohl noch weiter als das, was Judith Butler mit ihrem Verweis auf die konstituierenden Machtstrukturen derselben Kategorien, die der Feminismus zu verteidigen versucht, beschreibt. Nicht nur dass diese Kategorien Mann und Frau von den Machtstrukturen selbst konstruiert wurden, sondern auch dass beispielsweise die Forderungen einer gendergerechten
4 Geertz, Dichte Beschreibung, 1991, S. 9.
5 Vgl. Ebd., Kulturbegriff von Geertz soll an dieser Stelle ausreichen um sich der eigentlichen Problematik
nähern zu können.
6 Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Übers. Kathrina Menke, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008,
S. 18.
7 Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, 2008, S. 17.
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Sprache etc. wohl gar nicht allen gesellschaftlichen Gruppen gerecht werden. Innerhalb dieser beiden kulturellen Kategorien müssen nämlich den machtstrukturellen Gegebenheiten folgend wiederum alle geschlechtlichen Phänome gedacht werden 8 .
Wenn der Begriff ‚Geschlechtsidentität’ die kulturellen Bedeutungen bezeichnet, die der sexuell bestimmte Körper (sexed body) annimmt, dann kann man von keiner Geschlechtsidentität behaupten, daß sie aus dem biologischen Geschlecht folgt. 9
Der Hinweis auf eine mögliche grobe „Fehlpräsentation“ 10 ist diesbezüglich in mehrfacher Hinsicht sicherlich angebracht und müsste näher diskutiert werden. Die Reichweiten aller Kategorisierungen und Begrifflichkeiten ist nicht in jedwedem Fall en detail diskutierbar; gleichzeitig aber durchaus diskutabel.
Zurück zum eigentlichen Problem einer Kultur der ‚Frau‘. Die Differenz zwischen Frau sein und ‚Frau’ repräsentieren ist in Folge der Betrachtungen von Judith Butler auch eine politisch Konstruierte. Etwas als Subjekt zu repräsentieren, heißt in der Folge immer auch einer politischen Repräsentation folge zu leisten; ob man das nun will oder nicht. Das ist genau der Punkt, den Elfriede Jelinek anspricht, indem sie behauptet, dass man diesen renommierten Literaturpreis im Sinne aller ‚Frau(en)’ erhalten hat und ihn demenstprechend auch annehmen müsse. Im Speziellen Fall der ‚Frau(en)’ kann man sich diesem Subjekt-sein innerhalb der heutigen westlichen Kultur nicht entziehen. Emanzipation. Feminismus und Gender Studien tragen dazu bei, dass die Kategorie der ‚Frau(en)’ innerhalb der gesellschaftlichen Öffentlichkeit diskutiert werden. Eine Frau zu sein, heißt also innerhalb der westlichen Kultur unweigerlich immer auch ‚Frau‘ repräsentieren. Im besonderen Fall bei einer Frau, die
8 In dem weiteren Verlauf der eigentlichen Betrachtungen einer Kultur der ‚Frau‘, wird die folgende
Problematisierung außen vor gelassen Homosexualität stellt beispielsweise innerhalb dieses kategorialen
Systems ein Problemfeld dar, indem man diese gesellschaftliche Gruppe einer gewissen Ausgrenzung aussetzt,
da man bei der Einordnung Schwierigkeiten bekommen wird; in der Hinsicht, dass die kulturelle Konstruktion
der Geschlechtsidentitäten aus sozialer Perspektive beispielsweise unweigerlich Weiblich und Männlich auch
nach fragwürdigen Charaktereigenschaften vornimmt; wie Empfindsamkeit und ähnliche Dinge;
Vgl. „Weiblichkeit“, Brockhaus,
https://univpn.univie.ac.at/+CSCO+d0756767633A2F2F6A6A6A2E6F65627078756E68662D72616D6C787962
636E727176722E7172++/be21_article.php, 01.05.2010; dem anschließend wirft Judith Butler eine weitere
interessante Problematik in den Raum, nämlich die Frage nach der Entstehung von Geschlechtsidentität; die
kulturellen Konnotierungen jeweiliger Machtstrukturen würden demnach längst nicht mehr dem biologischen
Geschlechtsgegebenheiten folgen; weiters gilt sich daran anschließend zu fragen, ob diese ganze Konstruktion
überhaupt jemals demokratisch alle Phänome in den Blick nehmen kann; Vgl. Butler, Das Unbehagen der
Geschlechter, 2008, S. 22.
9 Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, 2008, S. 22.
10 Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, 2008, S. 20.
3
vermehrt in der Öffentlichkeit steht, bestimmt sich ihr Subjektstatus als ‚Frau’ weitaus deutlicher, als bei einer Frau, die mit diesem öffentlichen und vielleicht auch politischen Interesse nicht soviel zu tun hat 11 . Eine Kultur der ‚Frau‘ schließt dieses ganze Problemfeld mit ein. Letztendlich bedeutet das auch, dass das Frau sein auch schon Teil einer Kultur der ‚Frau‘ ist, gleichzeitig aber eben nicht unbedingt jede Frau immer repräsentativ als Subjekt für die gesellschaftliche Kategorie ‚Frau(en)’ in einer Öffentlichkeit steht. Repräsentation steht unweigerlich im Zusammenhang mit einer Öffentlichkeit bzw. einer öffentlichen Diskussion.
Frau sein bedeutet aber nicht nur einer anatomischen Geschlechtlichkeit zugehörig zu sein, sondern heißt auch immer schon sich der kulturellen bzw. machtstruktuellen Kategorisierung zu unterwerfen und dieser anteilig zu sein. Wenn man sich selbst als Frau verstehen mag, geht man diesen Kompromiss ein. Die Grenze innerhalb der Unterscheidbarkeit zwischen Frau sein und ‚Frau’ repräsentieren verschwimmt in der Folge dieser Anerkennung. Sobald man nämlich mit diesem konnotierten Verständis seiner Fraulichkeit in die Öffentlichkeit tritt, wird man selbst zum repräsentativen Subjekt der machtstrukturellen Kategorie ‚Frau’. Diese Anerkennung geht einher mit der Akzeptanz gesellschaftliche Konnotationen bezüglich der Geschlechtsidentität und dem Gleichzeitigen zur Schau-stellen (über Kleidung, Gesten, Handlungen). Tut man das nur für sich selbst bzw. in einer bestimmten Privatheit entspricht das dem Frau sein (Identität) - eine Form von Selbst-Repräsentation dieser gesellschaftskulturellen Konnotationen; tritt man aber in eine Öffentlichkeit entspricht das absolut dem Duktus ‚Frau(en)’ repräsentieren (Subjekt).
Die Krux in der heutigen Zeit ist, dass die Unterscheidung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit durch virtuelle Räume bzw. mediale Präsenz sich natürlich mehr zueinander bewegt und das, was vielleicht Privatheit meint eher einer offenen Privatheit entspricht. An diesem Punkt fällt die Differenzierung zwischen Frau sein und ‚Frau(en)’ repräsentieren weitaus schwerer. 12 Vielleicht fällt die Differenz von Repräsentation und einer Art Selbst-
11 Demanschließend bestimmt sich natürlich erst recht die Differenz in der westlichen Kultur zwischen Mann
und Frau; ein Mann ist dieser Funktion im Sinne eines Subjekts als Repräsentation gar nicht bzw. nicht so
bewusst ausgesetzt; er steht mehr für sich; sein der Öffentlichkeit ausgesetzt-sein entspricht nicht dieser
Repräsentationsfunktion einer ‚Frau’.
12 Vgl. Hannah Arendt, „Der Raum des Öffentlichen und der Bereich des Privaten“, Raumtheorie.
Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, Hg. Jörg Dünne/Stephan Günzel, Frankfurt am
Main: Suhrkamp 2006, S. 424f; Anm. Arendt spricht hier von einem „privaten Charakter des Privaten“, welcher
sich dadurch charakterisiert, dass der Privatmensch gegenüber den anderen nicht recht in Erscheinung tritt aber
in der modernen Gesellschaft auch dieser private Raum zuungunsten des Einzelnen zerstört wird; diesem
4
Repräsentation auch zur Gänze weg und man müsste den ganzen Diskurs wieder von Vorne beginnen. Nicht jedoch wenn man den Begriff der Differenz weniger ausschließlich als strikte Abgrenzung bzw. Verschiedenheit zweier Problemfelder betrachtet, sondern diesem - nach Stuart Hall 13 - gerade auch eine gewisse Ambivalenz zuschreibt. Eine Kultur der Frau, die sich über die Differenz zwischen Frau sein und ‚Frau(en)’ repräsentieren und der daraus aus heutiger Sicht ambivalenten Struktur der Beziehungen dieser Geschlechtsidentitäten und dem Subjektstatus für Repräsentationszwecke mit bestimmt, ist somit also als ein Kulturbegriff mit all seinen Problemfeldern im Bezug auf Repräsentation und kultureller Konnatation im Sinne von Geertz durchaus tragbar und erhellend im Zusammenhang des bedeutungskomplexen Konstrukts des Begriffes Frau.
Komplex möchte ich insoweit dem kongruent wissen, was ich eine offene Privatheit nenne und damit meine,
dass die Öffentlichkeiten, die beispielsweise in der römischen Antike ausschließlich in öffentlichen Räumen
entstanden sind, heute aufgrund der Massenmedien teilweise von privaten Räumen ausgehen und in virtuellen
Räumen entstehen.
13 Vgl. Stuart Hall, „Das Spektakel des ‚Anderen’“, Ausgewählte Schriften 4. Ideologie, Identität, Repräsentation, Hamburg: 2004, S. 108-122.
5
Literaturverzeichnis:
Arendt, Hannah, „Der Raum des Öffentlichen und der Bereich des Privaten“, Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, Hg. Jörg Dünne/Stephan Günzel, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.
„Weiblichkeit“, Brockhaus,
https://univpn.univie.ac.at/+CSCO+d0756767633A2F2F6A6A6A2E6F65627078756E68662 D72616D6C787962636E727176722E7172++/be21_article.php, 01.05.2010.
Butler, Judith, Das Unbehagen der Geschlechter, Übers. Kathrina Menke, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008.
Geertz, Clifford, Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Übers. Brigitte Luchesi/Rolf Bindemann, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991.
Hall, Stuart, „Das Spektakel des ‚Anderen’“, Ausgewählte Schriften 4. Ideologie, Identität, Repräsentation, Hamburg: 2004.
Jelinek, Elfriede, „Im Abseits“, 2005, http://www.elfriedejelinek.com/, 01.05.2010.
6
Arbeit zitieren:
Thomas Ochs, 2010, Kultur der Frau. Differenz zwischen Frau sein und 'Frau(en)' repräsentieren, München, GRIN Verlag GmbH
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