Universität Leipzig Institut für Germanistik
Hauptseminar: Inszenierungen ritterlicher Idealität in der deutschen Literatur des Mittelalters SS2003
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1. Einleitung Seite 3
2. Gurnemanz und seine Stellung zu Parzivâl Seite 4
3. Gurnemanz Lehren und ihre Folgen für Parzivâl Seite 5
3.1 Einige Unterweisungen vor den eigentlichen Lehren Seite 5
3.2 Theoretischer Teil: Über höfisch-ritterliches Benehmen Seite 8
3.3 Praktischer Teil: Über die ritterliche Kampfeskunst Seite 15
4. Schluss Seite 17
5. Literaturverzeichnis Seite 19
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Die Forschungsliteratur spricht immer wieder von Parzivâls Schuld, der unterlassenen Frage bei dem ersten Besuch auf der Gralsburg, die auf eine bestimmte Weise auch die Schuld Gurnemanz ist, der dem jungen Ritter jenen Rat gegeben hat, nicht zu viel zu fragen. Obgleich nach den 14 Tagen auf Grâharz Parzivâl „ritters site und ritters mâl / sîn lîp mit zühten fuorte“, 1 ist er zwar die kindliche Einfalt los 2 , jedoch nimmt er die Unterweisungen „in derselben positiven Hörigkeit entgegen, wie er seinerzeit Herzeloydes Räte empfangen und in seliger und unseliger tumpheit realisiert hat“, 3 und wird dadurch Fehler begehen. Doch nicht jeder Rat Gurnemanz’ und auch nicht die wortwörtliche Befolgung durch Parzivâl führt zwangsläufig zum Misserfolg und zur Katastrophe. Keineswegs würde ich die Gurnemanzschen Lehren mit den Worten von Wolfgang Mohr als „unzureichende, nur höfische Erziehung“ bezeichnen. 4 Ebenso wenig stimme ich Wolfgang Spiewok zu, der meint, Gurnemanz vermittelt seine Lehren aus egoistischen Motiven heraus und diese seien nur auf Äußerlichkeit orientiert und gefährden Parzivâl. 5 Das herauszustellen, soll das Ziel der vorliegenden Arbeit sein. Ich möchte in meiner Betrachtung auf die Ratschläge des Fürsten Gurnemanz zur ritterlichen Verhaltensweise im Einzelnen eingehen und zeigen wie Parzivâl
sie auf seinem weiteren Weg befolgt und mit welchem Erfolg. Zuerst werde ich kurz die Person Gurnemanz charakterisieren und seine Stellung zu Parzivâl. Danach werde ich die einzelnen Lehren betrachten, die ich in drei Gruppen untergliedert habe: In die Lehren, die Gurnemanz nicht konkret ausspricht, sondern nur mit seinem Handeln vermittelt, dann in die theoretischen Lehren, die das ritterliche Benehmen am Hof darstellen und die praktischen Lehren, die Parzivâl in die ritterliche Kampfkunst einweisen. Für jede Unterweisung versuche ich nah a m Text ihre Folgen für Parzivâls weiterem Lebensweg herauszustellen. Zum Schluss werde ich meine Ergebnisse mit einem Blick in die
Sekundärliteratur zusammenfassen.
1 Eschenbach: 179, 14f.
2 „[S]ît er tumpheit âne wart“ (Ebd. 179,23).
3 Haas: S. 85.
4 Mohr: Wolfram von Eschenbach Aufsätze: S. 16.
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Gurnemanz ist Burg- und Landesherr 1 von Grâharz, den Wolfram von Eschenbach als einen Meister wahrer Bildung charakterisiert, der vor allen untreuen Dingen zurückschreckt: Als ein „houbetman der wâren zuht. / des site was vor valsche ein fluht“. 2 Der Fürst ist im fortgeschrittenen Alter, da Parzivâl ihn getreu nach seiner Mutter Unterweisung als einen Mann mit grauen Locken um Rat bittet: „’mich pat mîn muoter rât / ze dem der grâwe locke hât.“ 3
Parzivâl erlernt bei Gurnemanz „das Vokabular des ritterlichen Daseins nach seiner handwerklich-kämpferischen und ideellen Seite“. 4 Hierbei ist der Ratgeber und Lehrer Gurnemanz für ihn auch Wirt, großzügiger Schenker, Vaterfigur und beinahe Schwiegervater. Für zwei Wochen bewirtet und bietet ihm Gurnemanz Unterkunft. Der Fürst ist dabei großzügig und spart nicht an der Ausstattung seines ‚Lehrlings’. 5
Gurnemanz ist für Parzivâl eine Vaterfigur, die dieser nie hatte: Er versorgt die Wunden des jungen Ritters 6 , belehrt ihn im höfischen Benehmen und unterweist ihn in Kampftechniken. Er kommt dem unerfahrenen Parzivâl mit Respekt entgegen und schätzt ihn, nur von seiner schönen Gestalt begründet, das heißt ohne tatsächlichen Hinweis auf seine edle Abstammung, als vom gleichen hohen Rang ein, was sich unter anderem im gemeinsamen Mahl zeigt. 7 Der Landesfürst setzt große Hoffnungen in den jungen Ritter. Parzivâl soll seine Tochter Lîâze heiraten und auf Grâharz bleiben. Er sieht in ihm ein Ersatz für seine verlorenen Söhne. Dies ist ein Grund dafür, weshalb Gurnemanz sich so viel Zeit für den Besucher nimmt und ihn in der „Kunst der Waffenführung, einwandfreie[m] höfischem Benehmen [und der] Einhaltung des kirchlichen Rituals“ 8 unterrichtet.
1 Vgl. Eschenbach: 162, 14.
2 Ebd. 162, 23f.
3 Ebd. 162, 29f.
4 Haas: S. 84.
5 Zum Beispiel wird Parzivâl nach dem Bad auf Gurnemanz Kosten neu eingekleidet. (Vgl. Eschenbach: 168, 2 -
20).
6 Vgl. Ebd. 165, 6 - 12.
7 Vgl. Ebd. 165, 26.
8 Spiewok: S. 172.
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Gleich zu Beginn der Gurnemanz-Episode äußert sich der Fürst: „Sît ir durch râtes schulde / her kommen, iwer hulde / müezt ir mir durch râten lân, / und welt ir râtes volge hân.“ 1 Wenn der Landesfürst Parzivâl unterweisen soll, muss dieser sich an das Vermittelte halten. Das ist nur ein Ratschlag, den Parzivâl auf seinem weiteren Weg zu wörtlich nehmen wird.
Noch vor den eigentlichen Ratschlägen Gurnemanz’ erteilt dieser Parzivâl einige Hinweise für ein ritterliches Dasein. Hier steht zum Beispiel die Erfahrung, dass kein Ritter immer seine Rüstung trägt und nur auf dem Pferd ein Ritter ist. 2 Parzivâls einfältiges Benehmen resultiert daraus, dass er durch die Rüstung Ithers ohne ein weiteres Ritual zum Ritter wurde, was durchaus üblich war. 3 Nicht nur die Rüstung ist eine wichtige Insignie, auch das Untergewand sollte angemessen sein. Deshalb bekommt der junge Held von seinem Lehrer an Stelle des Narrenkostüms neue Kleidung.
Die reichen Gewänder spielen im Epos eine wichtige Rolle. Ein kostbares Gewand ist ein Kennzeichen für Adel, Reichtum, Ehre und Herrschaft. Jeschûte bekommt im fünften Buch ihrem adligen Stand angemessene Kleider zurück, nachdem sie mit Orilus versöhnt wurde und somit ihre Ehre wiederhergestellt ist. Parzivâl empfängt auf Munsalvaesche den Mantel der Königin Repanse, der „gar vor allem tadel vrî / mit pfelle von Arâbî“ 4 ist. Neben dem Königsschwert ist der Königsmantel ein Herrschaftszeichen 5 und deutet auf Parzivâls Vorherbestimmung zum Gralskönig.
Parzivâl hat die äußere Anlage zum Rittersein: „[S]în zimierde ist rîche: / dez harnasch stuont rîterlîche / ê ez koem von dem gehiuren.“ 6 Man erblickt in dem gut aussehenden jungen Mann einen Adligen, der zur Herrschaft privilegiert ist. Immer wieder wird auf Parzivâls Schönheit hingewiesen.
1 Eschenbach: 163, 3 - 6.
2 Parzivâl wird als der unerfahrene und tumpe man gezeichnet: So bleibt er bei der Ankunft in der Burg auf seinem Pferd sitzen, da er gelernt hat, dass ein Ritter immer auf dem Pferd sitzt und zudem noch in seiner Rüstung und steigt nur nach langem Bitten vom Pferd und legt die Bewaffnung ab. (Vgl. Eschenbach:163, 29f).
3 Vgl. Ganshof: S. 132.
4 Eschenbach: 228,7 - 11.
5 Vgl. Bumke: S. 73.
6 Eschenbach: 164, 21 - 23.
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Doreen Czekalla, 2003, Die Lehren Gurnemanz und die Folgen für Parzivals weiteren Weg, Munich, GRIN Publishing GmbH
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