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„Wende“-Verwendungen - sprachwissenschaftliche Aspekte im historischen Kontext
1989/90 1
1 Einleitung 3
2 Sprechen Sie ostdeutsch? Sprachliche Bedingungen im Vorherbst 1989 5
2.1 Der offizielle Sprachgebrauch 5
2.2 Der persönliche Sprachgebrauch. 6
2.3 Befreiung der Sprache - Befreiung vom System 8
3 Bedeutungswandel des Begriffes „Wende“ 10
3.1 Das Wörter-Buch zum öffentlichen Sprachgebrauch 1989/90 10
3.2 Etymologischer Exkurs 12
3.3 Aspekte des Lexems „Wende“ im historischen Kontext 1989/90. 15
4 Fazit 18
5 Literatur 19
2
1 Einleitung
Thema:
Zu diesem Zeitpunkt ist die sogenannte Wendezeit in der DDR ein bereits länger zurückliegendes Ereignis. Und obwohl immer noch Angleichungsprozesse auf verschiedenen Ebenen 1 zwischen dem Ost- und dem Westteil Deutschlands zu verzeichnen sind, gehört das Ereignis „Wende“ mit seinem Resultat der staatlichen Einheit Deutschlands nicht mehr zum Zeitgeschehen, sondern ist Teil einer zurückliegenden historischen Epoche und Gegenstand historischer Betrachtung. Die Periode des Herbstes 1989 bis zum Ende des Jahres 1990 war von teils täglich neuen Entwicklungen geprägt, welchen die Zeitgenossen in Erstaunen oder Bestürzung, in Freunde und auch in Furcht versetzten. Aus rückblickender Perspektive wurden die Prozesse dieser Zeit mit großem Interesse erforscht, welche letztlich zur Auflösung der DDR und ihrem Aufgehen im politischen System der BRD führten.
Die Erkenntnisse über Geschichte und die wissenschaftliche Beschäftigung damit werden stets über das Medium Sprache transportiert. Es liegt demnach nicht fern, den Bereich der wissenschaftlichen Sprachanalyse dem Blick des Historikers hinzuzufügen. In der vorliegenden Hausarbeit wird dies getan, indem Methoden und Forschungsprojekte vorgestellt werden, die dem Erkenntnisinteresse der historischen Bewertung im Kontext der Ereignisse von 1989 und 1990 in der DDR dienlich sein können. Vorgehensweise:
Nach einigen Bemerkungen zur grundsätzlichen Eigenheiten des kommunikativen und sprachlichen Kontinuums im Gebiet der SBZ/DDR (Kap. 2.1) wird die Methode der sprachwissenschaftlichen und diskursive Analyse narrativer Interviews zum individuellen Erleben von Zeitgeschehen, in diesem Fall zum Erleben sprachlicher Muster in der DDR und ihre Veränderung durch und in der Wendezeit und darüber hinaus, dargestellt (Kap. 2.2). Als Beispiel dient die Forschung von Ulla Fix und
1 So in vergleichender Ost-West Perspektive beispielsweise auf den drei Ebenen des Politischen:
polity, politics und policy (in unterschiedlichem Maße), ferner in soziologisch erfassbaren Bereichen
und sprachwissenschaftlich. Bemerkbar machen sich allerdings wieder andere sozialgeographische
Zuordnungsverständnisse, deren historische Wurzeln vor der Teilung Deutschlands liegen, wie die
(Wieder-) Herausbildung einer Region Mitteldeutschland (etwa Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hessen)
oder ein allgemeines Nord-Süd Gefälle in soziographischer und ökonomischer Hinsicht.
3
Dagmar Barth (2000) in diesem Bereich. Im letzten Kapitel des ersten Hauptteils wird auf die Rolle ritueller Sprachmuster zum Erhalt der staatlichen Herrschaft in der DDR, bzw. ihre Durchbrechung und Überwindung durch die Auflösung ritueller Sprechakte eingegangen.
Im zweiten Hauptteil (Kap. 3) liegt das Augenmerk auf der Darstellung einer quantitativ-interpretierenden sprachwissenschaftlichen Analyse des
Sprachgebrauchs der Wendezeit, durchgeführt durch das Institut für deutsche Sprache (Herberg, Steffens, Tellenbach 1997). Der Sprachgebrauch einer zeitlichen Periode und die Untersuchung bestimmter Schlüsselwörter, die sich auf einen bestimmten Kontext beziehen, können tiefreichende Aufschlüsse über den Zeitgeist dieser Periode bieten. Die Sprache, im Besonderen die öffentliche, charakterisiert sich durch ihre hohe Kontextbezogenheit, deren spezifischen Inhalt man in Hinblick auf den Sprecher, den Adressaten und die näheren Umstände des Sprechaktes hin untersuchen kann. Dadurch können Beziehungsgefüge einer politischen und historischen Situation aufgedeckt und verdeutlicht werden. Am Beispiel der sprachwissenschaftlichen Untersuchung des Wortes „Wende“ in der politischen Umbruchsphase der Jahre 1989 und 1990 in der DDR, wird der Erkenntnisgewinn für eine historische Perspektive verdeutlicht.
These:
Die darzustellenden Methoden der sprachwissenschaftlichen Forschungsansätze zur Wendezeit in der DDR können auch aus historischer Perspektive interdisziplinäre Erkenntnisgewinne erzielen. Im Besonderen können argumentationsstilistische Analysen (Fix, Barth) dem Bereich der Oral Historie förderlich sein, sowie quantitativ-semantische Untersuchungen des öffentlichen Sprachgebrauchs (Herberg et al.) Prozesse eines Zeitgeschehens verdeutlichen.
4
2 Sprechen Sie ostdeutsch? Sprachliche Bedingungen im Vorherbst 1989 Schlosser 1990: 10, 11
Der Allmachtsanspruch der SED durchzog sämtliche Institutionen der Gesellschaft und reglementierte ebenso die Formen des politischen Sprechens als nötige Vorraussetzung zur diskursiven Teilnahme am System. Da aber jegliche Form von Öffentlichkeit in der DDR und die darin stattfindende Kommunikation als ebenso politisch zu bewerten ist, kann kaum von einer wahren Trennung von öffentlichem und privatem Sprachgebrauch die Rede sein. Deshalb wurde hier eine Unterteilung in offizielle und persönliche Sprache vorgenommen, wobei letzterer unter einer rückwärtig, sich erinnernden Perspektive zu verstehen ist, was auf den Charakter der hier beschriebenen Untersuchung von Fix/Barth zurückgeht (dazu Kap. 2.2). Im Folgenden werden in drei Kapiteln Grundbedingungen der Kommunikation in der DDR dargestellt. Im Kapitel 2.1 werden Charakteristika öffentlicher Kommunikation beschrieben, während Kapitel 2.2 die Perspektive der Sprecher näher darlegt. In Kapitel 2.3 wird die Wirkung von Sprechakten allgemein auf die Reproduktion der staatlichen Herrschaft in der DDR verdeutlicht.
2.1 Der offizielle Sprachgebrauch
„Zum Machtapparat von Diktaturen aber gehört unerlässlich eine gelenkte Sprache.“, worauf nicht nur Schlosser in seiner Darstellung über die deutsche Sprache in der DDR hinweist (1990: 10). In der von der SED „durchherrschten“ (Kocka) 2 Deutschen Demokratischen Republik etablierte sich ein
Kommunikationssystem, welches alle Institutionen der Gesellschaft wenigstens berührte, jedoch zumeist bestimmend prägte. Ein ausnehmender Bereich, der sich ein Mindestmaß an Freiraum und eigenständigen kommunikativen Regeln bewahren konnte, kann in den Kirchen der DDR gesehen werden, unter deren Schutz auch zuerst oppositionelle Gruppierungen ihre widerständige Sprache entwickeln konnten. Für den Rest aller öffentlichen Bereiche hatte dies eine stark
2 Zitiert nach Fix 2000: 27.
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reglementierte kommunikative Ordnung zur Folge, die unter der beständigen Einflussnahme und Kontrolle der Organe des Staates standen. Spezifisch ‚sozialistische’ Merkmale entwickelte die Sprache einerseits in genuinen Begrifflichkeiten in der Organisation vieler Sach- und Lebensbereiche der DDR. Hier finden sich umfassende terminologische Systeme, beispielsweise zur Benennung des zentralistischen Staatsaufbaus, bei der Entwicklung spezifisch marxistischleninistischer politischer Theorie, welche in der Häufigkeit ihrer Verwendung teilweise eine alltagssprachliche Qualität erreichte oder bei der Durchsetzung der Sprache mit starren, formelhaften Phraseologismen bei jeglichen offiziellen Ansprachen und politischen Reden.
Andererseits gab es auf der Seite der diskursiven Regeln der Sprache und ihrer Anwendung Eigenheiten, die darauf ausgerichtet waren, die herrschende Ordnung zu stützen und den Führungsanspruch der Partei der Arbeiterklasse zu gewährleisten. Eine wesentliche Eigenschaft dieser Ordnung bestand darin, den überwiegenden Teil der Bevölkerung aus dem Diskurs auszuschließen, bzw. ihn durch sich beständig wiederholende Zustimmungsakklamationen gleichzuschalten. (Fix 2000: 26-29) 3
2.2 Der persönliche Sprachgebrauch
In ihrer Untersuchung zum Sprachgebrauch in der DDR bedienen sich Fix und Barth der Analyse fokussierter, diskursiver und narrativer Interviews. Leitende Fragestellung ist dabei, wie Menschen, die den Kommunikationsbereich der DDR teilnehmend erfahren haben, die Bedingungen der Teilhabe einschätzen. Dabei werden Rechtfertigungs-, Erklärungs- und Vermeidungsstrategien bei den Interviewten sichtbar, die aus einer sich erinnernden, subjektiven Perspektive befragt werden. Dieses Projekt eröffnet erstmalig den Bereich der Diskursanalyse nach Foucaultschem Muster mit der Frage nach Zulassungs- und Ausschließungsbedingungen der kommunikativen Ordnung in der DDR und kann somit einen wichtigen Beitrag zur Einschätzung der empfundenen und wahrscheinlichen Machtverhältnisse liefern. Im Besonderen ist ebenso die
3 Fix bezieht sich explizit auf Foucaults Beschreibung von Ausschließungs- und Zulassungsfaktoren in
Bezug auf die Ordnung des Diskurses, zitiert in: Fix 2000: FN 25.
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Arbeit zitieren:
Thilo Moritz, 2010, Die Verwendungen des Begriffs "Wende", München, GRIN Verlag GmbH
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