Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 1
1. Charcots Forschungen und seine Arbeit an der Salpêtrière 1
2. Die Leçons du mardi: Forschung oder Schauspiel? 3
3. Die Iconographie photographique de la Salpêtrière 5
4. Salpêtrière - „Die weibliche Hölle“ 8
5. Die Darstellung der grande hystérie in Claríns La Regenta 10
Fazit 12
Bibliographie 14
2
0. Einleitung
In meiner Hausarbeit beschäftige ich mich mit den Hysterieforschungen Jean Martin Charcots, insbesondere mit seinen photographischen Arbeiten, deren Ergebnis unter dem Titel Iconographie photographique de la Salpêtrière in 3 Bänden zwischen 1876 und 1880 1 veröffentlicht wurde. 2 Sie besteht aus einer „Sammlung exemplarischer Fallgeschichten“ 3 in der Charcot die hysterischen Anfälle seiner Patienten fotografisch festhält und genau beschreibt. Die ausführlichste Bildserie lieferte das Starmodell Augustine mit ihren „leidenschaftlichen Gebärden [attitudes passionelles]“ 4 , auf die ich im dritten Kapitel genauer eingehen werde. Der Fall der Geneviève ist ein gutes Beispiel für Charcots wöchentliche Vorlesungen, die ich im zweiten Kapitel vorstellen möchte. Dort stellte er die hysterischen Attacken der Patientinnen öffentlich zur Schau. Diese Schau erfordert eine gut funktionierende wechselseitige Beziehung zwischen Arzt und Patientin. Wie aber sah so eine Vorstellung aus? Dieser Frage und wie dieses wechselseitige Spiel funktionierte werde ich in meiner Arbeit nachgehen. Das vierte Kapitel erläutert, wie der Ablauf der einzelnen Arbeiten und Maßnahmen Charcots ausgesehen haben. Schließlich möchte ich im fünften Kapitel der Frage nachgehen, inwiefern die Hysterie in dem spanischen Roman La Regenta von Clarín dargestellt wird. Um auf die Hysterieforschungen eingehen zu können, werde ich zunächst im ersten Kapitel Charcots beruflichen Aufstieg an der Salpêtrière genauer erläutern.
1. Charcots Forschungen und seine Arbeit an der Salpêtrière
Charcot begann 1848 seine Tätigkeit als Arzt und wurde 1862 Chefarzt an der Salpêtrière in Paris. 5 Er allein wurde für fast fünfhundert geistesgestörte Patienten eingesetzt. Laut Statistiken lag dort die Genesungsquote bei 9,72 Prozent, pro Jahr einhundertdreiundfünzig epileptische Anfälle und zweihundertvierundfünzig tote Frauen allein im Jahre 1862. Die
1 Désiré-Magloire Bourneville/Paul Regnard, Iconographie photographique de la Salpêtrière. 3 Bde., Paris: Progrès médical 1876/77, 1878, 1878-1880, http://jubil.upmc.fr (15.9.2009).
2 Vgl. dazu Sigrid Schade, „Charcot und das Schauspiel des hysterischen Körpers“, in: Silvia Baumgart/Gotlind Birkle/Mechthild Fend/Bettina Götz/Andrea Klier/Bettina Uppenkamp (Hgg.), Denkräume. Zwischen Kunst und Wissenschaft, Berlin: Reimer 1993, S. 461-484, hier S. 466.
3 Susanne Holschbach, „Vom Bild der Leidenschaften zur Aufzeichnung der Symptome. Zu den zwei Visualisierungsparadigmen in Charcots 'photographischer Klinik'“, in: Nusser, Tanja/Strowick, Elisabeth (Hgg.), Krankheit und Geschlecht. Diskursive Affären zwischen Literatur und Medizin, Würzburg: Könighausen & Neumann 2002, S. 123-142, hier S. 125.
4 Holschbach, S. 125.
5 Vgl. dazu W. Keitel/H. Kaiser, „Der Zauberer von Paris (Jean Martin Charcot 1825-1893)“, Zeitschrift für Rheumatologie 64.1 (2005), S.52-57, hier S. 52.
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Ursachen für diese Todesfälle waren verschieden. Unter den aufgezeichneten Ursachen findet man achtunddreißig physische Ursachen, darunter Selbstbefriedigung, Vergewaltigung, Alkoholismus, Schläge, Verletzungen, sexuelle Ausschweifung, Libertinage, Erotomanie, Cholera sowie Skrofulose, desweiteren einundzwanzig moralische Ursachen wie Liebe, Wolllust, Heimweh und Verelendung, und alle übrigen wurden als unbekannte Ursachen dokumentiert. 6 Von diesem Zeitpunkt an gewann Charcot sich innerhalb der nächsten acht Jahre seinen guten Ruf als Wissenschaftler der Neurologie und Neuropathologie und auch als Lehrer 7 und wurde somit 1872 Professor für pathologische Anatomie an der Salpêtrière. 8 Aufgrund einer neuen Reform wurden 1870 die Hysterikerinnen und die Epileptikerinnen der Salpêtrière zusammen auf eine Abteilung gelegt, wodurch man einen hysterischen Anfall gar nicht mehr so genau von einem epileptischen Anfall zu unterscheiden versuchte. 9 Charcot wurde somit 1878 auf den weltweit ersten „Lehrstuhl für Pathologie“ der Pariser Universität berufen, den er für die folgenden zehn Jahre bekleidete. Daneben führte er aber seine Tätigkeit, insbesondere seine Vorlesungen an der Salpêtrière fort.“ 10 Nach der Übernahme des Lehrstuhls führte Charcot seine Visiten nicht mehr am Krankenbett aus, sondern ließ die Patienten zu sich in sein „Kabinett“ 11 bringen indem Wände und Möbel völlig schwarz gestrichen waren. 12 Die Visite verlief wie folgt: Der Kranke wird vollständig ausgezogen. 13
Der Internist liest Beobachtungen vor, der Meister hört aufmerksam zu. Dann folgt ein langes Schweigen, in dem er schaut, den Patienten anschaut, und dabei mit der Hand auf den Tisch klopft. Die Assistenten, stehend, zusammengerückt, warten ängstlich auf ein Wort, das für sie erhellend wäre. Charcot setzt sein Schweigen fort. Danach befiehlt er dem Kranken eine Bewegung, bringt ihn zum Sprechen, verlangt, daß man seine Reflexe untersuche, seine Empfindlichkeit teste. Dann erneut ein 14 Schweigen, das geheimnisvolle Schweigen Charcots.
Danach ließ er den nächsten Patienten zu sich bringen. Die Visite verläuft gleichermaßen ab. So läuft es weiter, einer nach dem anderen. Er vergleicht sie miteinander und setzt sein Schweigen fort. Durch diese visuelle Beobachtung erfindet Charcot, sowohl als Mediziner als auch als Künstler, die Hysterie. 15
6 Vgl. dazu Georges Didi-Huberman, Erfindung der Hysterie. Die photographische Klinik von Jean-Martin Charcot, übers. v. Silvia Henke/Martin Stingelin/Hubert Thüring, München: Fink 1997, S. 22-24.
7 Vgl. dazu Elisabeth Bronfen, Das verknotete Subjekt. Hysterie in der Moderne, Berlin: Verlag Volk & Welt 1998, S. 257-364, hier S. 263.
8 Vgl. dazu Schade, S. 465.
9 Vgl. dazu Schade, S. 474.
10 Keitel/Kaiser, S. 53.
11 Keitel/Kaiser, S. 53.
12 Vgl. dazu Keitel/Kaiser, S. 54.
13 Vgl. dazu Keitel/Kaiser, S. 54. 14 Didi-Huberman, S. 32.
15 Vgl. dazu Didi-Huberman, S. 32.
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2. Die Leçons du mardi: Forschung oder Schauspiel?
Die Vorlesungen am Dienstag und Freitag, die sogenannten Leçons du mardi, im Amphitheater der Salpêtrière, waren theatralische Aufführungen. Der Augenzeuge Max Nonne beschreibt:
In seinen klinischen Vorlesungen wurden die verschiedenen Bilder der Grande Hysterie vorgeführt, und diese übten eine gewaltige Anziehungskraft auf ein internationales Ärztepublikum aus. Es war ein großer Eindruck, wenn vor dem dicht gefüllten Saal, der Ärzte aus allen Ländern aufwies, der vornehm ruhige Professor erschien, sorgfältig gekleidet, im schwarzen Rock, auf dem das rote Bändchen der Ehrenlegion glänzte … Dazu kam die zurückhaltend vornehme Art des Vortrags, die ruhige Bestimmtheit, verbunden mit liebenswürdiger Aufnahmebereitschaft den Kranken gegenüber, die es als eine Art Vorzug betrachteten, von diesem Mann beachtet, angesehen und mit Interesse durchforscht zu werden. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass die Vorlesungen Charcots damals, am Abend seines Lebens, mehr einer Theatervorstellung glichen... 16
Mit dem Einsatz von Hypnose brachte Charcot seine Patientinnen dazu über traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit zu sprechen. „Sehen Sie nur, wie diese Hysterikerinnen weinen. Man könnte sagen: >Viel Lärm um nichts<“ 17 , waren Charcots Worte in einer seiner Vorlesungen zu seinem Publikum. Er präsentierte also in seinen dienstäglichen Vorlesungen „die intimen Lebensgeschichten und Phantasien dieser jungen Frauen“ 18 als ein öffentliches Schauspiel und ahmte auch häufig „die klinischen Veränderungen seiner Patienten nach, etwa die typischen Lähmungs- oder Gangstörungen.“ 19
Man kann annehmen, dass die Patientinnen ihre hysterischen Attacken und Symptome simulierten und „sich so verhielten, wie es die Ärzte und vor allem der Maestro Charcot wünschten“ 20 , denn die Hysterikerinnen lernten voneinander und beobachteten sich gegenseitig, um „ihre Auftritte noch dramatischer [zu] gestalte[n]“ 21 , da sie das Ausmaß der Wirkung auf das Publikum erkannten. 22 Man kann kaum glauben, dass Charcot es
nie in den Sinn gekommen zu sein scheint, daß die Patienten möglicherweise nur das vorführten, was, wie sie ja wußten, von ihnen erwartet wurde, oder daß die Wiederholung dieser dramatischen Krisen genau zum Zeitpunkt der Vorlesungen und Demonstrationen vor einem empfänglichen Publikum aus Ärzten und Medizinstudenten von seinen Assistenten geplant worden sein könnte. 23
16 Keitel/Kaiser, S. 54.
17 Charcot, zit. nach Bronfen, S. 260.
18 Bronfen, S. 271.
19 Keitel/Kaiser, S. 55.
20 Bronfen, S. 273.
21 Bronfen, S. 273.
22 Vgl. dazu Bronfen, S. 273.
23 Veit, zit. nach Bronfen, S. 273.
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Arbeit zitieren:
Claudia Hoffmann, 2009, Charcots Hysterieforschungen und ihre Darstellung in "La Regenta", München, GRIN Verlag GmbH
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