Wie veränderte sich das Denken der französischen Bauern vor und während der Französischen Revolution?
Die französische Revolution gilt nicht als eine Revolution der Unterschicht und auch nicht als eine Revolution der Dörfer. Die „Gruppe der Bastille-Sieger [bestand aus] „Familienvätern [...], die zum Großteil - 77% - keine Lohnempfänger sind, sondern unabhängige Produzenten - Handwerker und Kleinhändler[...]“(Vovelle, 1982, S. 95). Ein Großteil der französischen Bevölkerung hat an der Revolution nicht aktiv teilgenommen, sondern sie eher miterlebt. Laut Vovelle haben sich nur etwa 10% der Männer aktiv an der Revolution beteiligt (vgl. Vovelle, 1982, S. 133). Ich möchte mich in meiner Arbeit damit beschäftigen, wie sich die Revolution auf das Denken einer Gruppe, die die Revolution vorwiegend passiv erlebte, ausgewirkt hat - die der Bauern. Hat dieses große historische Ereignis die Mentalität der Bauern kalt gelassen? Oder waren sie vielleicht doch gar nicht so inaktiv? Robert Mandrou sieht die Aufgabe der Mentalitätsgeschichte darin, „Verhaltensweisen und Ausdrucksweisen zu rekonstruieren, die Vorstellungen von der Welt und kollektive Empfindungen ausdrücken und dabei auch das Schweigen berücksichtigen“ (Sammler, 1997, S. 195). Änderungen in Mentalitäten finden eigentlich eher in längeren Zeitabständen statt als in den wenigen Jahren der Französischen Revolution. Doch ich möchte versuchen zu zeigen, dass auch diese kurze Zeit Eindrücke im Denken der Bauernschaft hinterlassen hat. Zudem blicke ich auch weiter in die Vergangenheit, da die Revolution natürlich eine lange Vorgeschichte hat, ohne die sie nicht das wäre, was sie ist - ohne die sie gar nicht geschehen wäre. Da ich dies im Zusammenhang mit der Französischen Revolution für am wichtigsten erachte, möchte ich mich in diesem Aufsatz insbesondere damit befassen, wie sich vor und während der Revolution das kollektive Bewusstsein der Bauern gegenüber Autoritäten verändert hat - gegenüber dem Klerus, den Lehnsherren und dem König - und wie sich ihre Einstellung zu abstrakten Begriffen wie Nation und Volk verwandelte. Die Bauern und die Kirche
Mit der Revolution wurde das Recht auf Scheidung eingeführt, ebenso die Zivilehe. Kirchenglocken, die bis dato das Alltagsleben bestimmt und geordnet hatten, wurden eingeschmolzen (vgl. Vovelle, 1982, S. 108): ein deutlicher Machtverlust für die Kirche. Daniel Roche schreibt, dass sich das Ansehen der Priesterschaft spätestens im Verlauf der
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Revolution geändert haben muss, denn der Held war jetzt der Familienvater, der Frau und Kind ernährt und verteidigt. (vgl. Francois, 1989, S. 457) Ein ähnliches Umdenken hatte schon einmal stattgefunden - rund 250 Jahre vorher hatte Martin Luther die Familie moralisch höher eingestuft als das bis dahin gültige katholische Vorbild: das Zölibat des alleinlebenden Priesters und das ebenfalls enthaltsame und familienlose Klosterleben der Mönche.
Auch dieses Mal verlor die katholische Kirche an Ansehen, doch ohne Zuwendung zu einer neuen religiösen Gruppierung, wie im Falle der Reformation zu den Protestanten. Kann man also von einer Dechristianisierung sprechen, die nicht nur von den Revolutionären von oben gelenkt wurde, sondern die auch in den Köpfen der Bauern ankam? Vielleicht war sie nur möglich, weil die Bauern sich bereits deutlich vorher von der Religion nicht komplett, aber zumindest doch schrittweise etwas entfernt hatten. Bereits ab 1730 hatten religiöse Riten nicht nur in der Großstadt, sondern auch in der Provinz nachgelassen. Es wurde um weniger Messen gebeten, die die Strafen des Fegefeuers verringern sollten und weniger Geld für die Kirche aufgebracht. Der Ort der Bestattung verlor an Bedeutung; es wurde mehr verhütet. (vgl. Chartier, 1995, S. 118-120) Die Angst vor den Strafen Gottes bei Sünden schien also nachgelassen zu haben. Auch die Entrichtung des sogenannten „Zehnten“, der Kirchensteuer, wurde nicht immer vom Volk befolgt. Pfarrer klagten über Widerworte und den zunehmenden Mangel an Respekt. Der Gottesdienst wurde nicht mehr so häufig besucht; die Arbeit oder auch der Gang ins Wirtshaus wurden dem gegenüber vorgezogen ( vgl. Ado, 1997, S. 71f.): „Der Respekt gegenüber dem curé und die Akzeptanz des Zehnten als verbrieftes Recht und verdienter Lohn für die seelsorgerische und charitative Tätigkeit des curé werden im Verlaufe des 18. Jahrhunderts in zunehmendem Maße in Frage gestellt[...]“ (Sammler, 1997, S. 212). Aus dem Jahr 1743 ist eine Anklage gegen eine Bauersfrau seitens des lokalen Priesters bekannt: „Er beschuldigte die Frau der wiederholten Unbotmäßigkeit gegen die Autorität des Pfarrers und schilderte die Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten, denen er bei der Einbringung der „dime“ [des Zehnten] in sein Haus ausgesetzt gewesen sein soll. Catherine Blondier soll ihn nach seinen Aussagen als Dieb beschimpft haben“ (Sammler, 1997, S. 212). Chartier hält es für möglich, dass die katholische Kirche mit ihrer „katholischen Erneuerung“ den Werteverlust im Denken der Bevölkerung sogar - natürlich ungewolltbegünstigt hat. Durch die Verdammung von Sexualität hat sie die (heimliche) Verwendung von Verhütungsmitteln gefördert, um die Geburt von Kindern zu verhindern, die ja gewissermaßen „lebendige Spuren des unreinen Handelns“ gewesen wären. Die Gebiete
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mit der stärksten Entchristianisierung waren auch die mit dem größten Rückgang der Geburtenrate. (vgl. Chartier 1995, S. 120)
Die katholische Erneuerung, die mit Korruption und Nachlässigkeit innerhalb der Kirche aufräumen wollte, hatte für die einfachen Gläubigen einen „erhöhten Schwierigkeitsgrad“ zur Folge: Die Vorschriften wurden immer strenger. Immer weniger Menschen sahen sich in der Lage ihnen Folge zu leisten und wandten sich daher enttäuscht und resigniert ab. (vgl. Chartier, 1995, S. 126) Wolfgang Schmale hingegen findet es gar nicht unbedingt angebracht, von Dechristianisierung zu sprechen, weil er es für möglich hält, dass die französische Bevölkerung im Innern nie christlich war, sondern einfach herzlos die ihr auferlegten Pflichten erfüllte: den Gang zur Messe, die Teilnahme an den Osterfeierlichkeiten etc. Das ist sicherlich eine interessante These. Doch auch er selbst gibt zu, dass hierfür Belege fehlen. ( vgl. Schulze, 1991, S. 114-118) Es scheint also eine Vorgeschichte im Handeln und Denken der französischen Bauern zu der bereits angesprochenen Dechristianisierung zu geben, die speziell im zweiten Revolutionsjahr ihren Höhepunkt erreichte. Religiosität beinhaltet aber immer auch Verehrung und Idealisierung - Merkmale die erhalten geblieben sind - auch wenn sie sich von nun an vielleicht nicht mehr oder nicht mehr nur auf Jesus beschränkten. Schillernde Figuren der Revolution wie Jean Paul Marat oder Maximilien de Robespierre schienen von weiten Teilen der Bevölkerung verehrt zu werden wie christliche Ikonen. Entstanden ist zum Beispiel das äußerst populäre Volkslied „O cor Jesus, o cor Marat“. (vgl. Vovelle, 1982, S. 119-124). Robespierre legte zudem Wert darauf, dass die Seele unsterblich blieb und Übermenschliches und Anbetungswürdiges existiert. (vgl. Francois, 1989, S. 466) Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass ein Wandel im Denken gegenüber der Kirche schon im recht jungen 18. Jahrhundert eingesetzt hat. Möglicherweise war diese Entwicklung durch die Strenge des „neuen Katholizismus“ begünstigt worden. Mit der kritischen Einstellung gegenüber der Institution Kirche war aber nicht der innere Wunsch nach ewig währenden Idolen (von Jesus zu Marat) gewichen. Dieses war den Revolutionären durchaus bewusst, die die Macht der Kirche deutlich einschränkten, den Hunger nach Übermenschlichkeit aber zu stillen wussten (Robespierre und die Unsterblichkeit der Seele).
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Arbeit zitieren:
Hajo Kiel, 2009, Die Bauern in der Französischen Revolution, München, GRIN Verlag GmbH
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