Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 1
2. THEORETISCH-METHODISCHE VORBEMERKUNGEN 2
2.1 KONSTRUKTIVISMUS 2
2.2 INHALTSANALYTISCHE KATEGORIEN 4
3. CAPSTONE-KONSTRUKTIONEN 5
3.1 DIE KONSTRUKTION VON AKTEURSPOSITIONEN 6
3.1.1 DIE ANDEREN 6
3.1.2 DIE UN IN DER SELBSTDARSTELLUNG 8
3.2 DIE LEGITIMIERUNG VON GEWALT 10
3.3 DAS STAATSIDEAL DER UN 12
4. FAZIT 14
5. LITERATURVERZEICHNIS 16
1. Einleitung
Die UN haben sich im Laufe ihres Bestehens ein breites Spektrum an operativen Möglichkeiten zur Vermeidung und Beendigung von Konflikten, sowie zum Erhalt langfristigen Friedens nach Beendigung des Konfliktes angeeignet und diese in zahlreichen Schauplätzen auf der ganzen Welt eingesetzt. Die konsensfähigen Ziele der internationalen Sicherheit und des Weltfriedens reichen jedoch als Legitimierung von UN-Missionen kaum aus, insbesondere, da an ihrer Wirksamkeit verstärkt gezweifelt und in Teilen sogar eine Legitimitätskrise konstatiert wird (Heinemann-Grüder 2009 und Brozus 2010: 1). Gerade weil der Eingriff in kriegerische Auseinandersetzungen häufig den Einsatz von Gewalt durch UN-Personal impliziert, bedürfen UN-Friedensmissionen einer besonderen Legitimation, die sich kaum rein aus dem Zweck der Operation ergibt.
Abseits der UN-Charta, welche die rechtlichen Voraussetzungen für die verschiedenen Arten an UN-Missionen vorgibt, lassen sich in den Dokumenten der UN zahlreiche tiefergehende Rechtfertigungen für zivile und militärische Operationen herauslesen, die auf der einen Seite nicht nur der Legitimierung von UN-Missionen dienen, sondern darüber hinaus auch ein sehr spezifisches Selbstverständnis der Vereinten Nationen reflektieren. Mit zum bedeutsamsten Missionstyp gehören die Peacekeeping-Operationen, welche zeitnah nach Beilegung des Konflikts und im Einvernehmen mit den Konfliktparteien zur Aufrechterhaltung des Waffenstillstandes sowie der Schaffung langfristigen Friedens beitragen sollen und sich dabei militärischen, polizeilichen und zivilen Instrumenten bedienen (UN 2008: 18). Maßgebliches Dokument für diesen Bereich ist die so genannte Capstone-Doktrin, welche 2008 durch das Department of Peacekeeping Operations der UN veröffentlicht wurde und den Anspruch hat, die Peacekeeping-Erfahrungen der letzten sechs Jahrzehnte in einer übergeordneten Leitlinie für alle bestehenden und folgenden Peacekeeping-Operationen zu bündeln (UN 2008: 7/9).
Aus konstruktivistischer Perspektive kann die Capstone-Doktrin jedoch kaum die soziale Realität, sondern lediglich ein selbstgeschaffenes Abbild derselben wiedergeben, welches durch die spezifische Art und Weise der eigenen Beobachtung determiniert ist. Wirklichkeit ist in diesem Sinne das konstruierte Resultat von Wahrnehmungen und „verhält sich so, wie sie beobachtet wird“ (Siebert 2005: 20). Die durch Beobachtungen vorgenommenen Unterscheidungen und deren kollektive Anerkennung implizieren regelmäßig Unterschiede in den Machtverhältnissen und setzen Regeln, welche sich dann in der Sprache abbilden (Kubálková 2001: 64). Folglich ist anzunehmen, dass sich aus der Capstone-Doktrin nicht nur
1
eine Legitimierung von Peacekeeping-Operationen ergibt, sondern dass sich übergeordnet eine UN-eigene Konstruktion der Wirklichkeit aufzeigen lässt, welche erst die maßgeblichen Prämissen bereitstellt, um die Legitimität der Interventionen logisch zu schlussfolgern. Vor diesem Hintergrund lautet die zentrale Fragestellung dieser Arbeit, wie die UN in der Capstone-Doktrin in Bezug auf die Legitimierung von Peacekeeping-Operationen und insbesondere in Bezug auf den Einsatz von Gewalt Wirklichkeit konstruiert. Maßgeblich sind hier unter anderem wertende Unterscheidungen zwischen verschiedenen Akteuren, sowie der Maßstab anhand dessen diese Unterscheidungen getroffen werden.
Methodisch bedarf es zur Bearbeitung der Fragestellung zunächst einer näheren Betrachtung konstruktivistischer Annahmen, um hieraus im nächsten Schritt geeignete Kategorien für die in Kapitel 3 anschließende qualitative Inhaltsanalyse der Capstone-Doktrin zu bilden. Abschließend werden die Ergebnisse zu einem einheitlichen Bild zusammengefügt, wobei auch hiesige Untersuchung lediglich eine komplexitätsreduzierende Beobachtung und damit eine von vielen Wirklichkeitskonstruktionen darstellt.
2. Theoretisch-methodische Vorbemerkungen
2.1 Konstruktivismus
Ausgangspunkt konstruktivistischer Annahmen ist, dass Realität nicht unmittelbar erschließbar ist und Sachverhalte nicht so erkannt werden können, wie sie sind, sondern nur wie sie uns erscheinen (Beushausen 2007: 7). Wirklichkeit ist daher als das Resultat von Wahrnehmungen zu begreifen und wird im Prozess des Beobachtens und Wahrnehmens konstruiert. Der Konstruktivismus ist damit „eine genuin erkenntnistheoretische Position, welche die kantsche Frage nach der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis aufgreift“ (Moser 2004: 13). Zur Überprüfung der Wirklichkeitskonstruktion eines bestimmten Akteurs gilt es demnach, die Art und Weise, wie dieser Akteur beobachtet zu beobachten. Beobachtungen sind in diesem Rahmen in der Regel gleichzusetzen mit der Feststellung eines Unterschiedes, der einen Unterschied macht, das heißt das Erkennen einer Entität impliziert die Attribution einer Bedeutung, die vorher nicht notwendigerweise vorhanden war (Beushausen 2007: 2). Der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit des Menschen kommt dabei eine ganz besondere Rolle zu, denn Sprechen ist nach Austin gleich Handeln. Sprechakte wie „Ich verspreche X zu tun“ fügen dem Wirklichkeitsbereich eine neue Tatsache hinzu (Austin 2002: 29). Darüber hinaus findet die Attribution von Bedeutungen aus dem Erkenntnisvorgang und
2
die darin enthaltenen Unterschiede eine Repräsentation in der Sprache. In der Sprache drückt sich daher nicht nur aus, wie beobachtet wird, sondern sie dient auch dazu, die jeweilige Wirklichkeitskonstruktion und die immanenten Unterschiede nach außen zu verbreiten. „Konstruktion von Wirklichkeit heißt: sprachliche Unterscheidungen treffen; Wirklichkeiten verändern heißt: sprachliche Unterscheidungen verändern“ (Siebert 2005: 33). Moser definiert Konstruktionen „als spontane Ordnungsbildungen (..), die endogenen Konstitutionsregeln folgen und nicht auf einzelne externe Ursachen rückführbar sind“ (Moser 2004: 10). Jene Ordnungsbildungen sind nach Searle als Regeln zu verstehen, die für einen bestimmten sozialen Kontext bestimmten Entitäten eine Statusfunktion zuweisen, die über die physikalischen Eigenschaften der Entität hinausgehen (Searle 2006: 17), das heißt Ordnungen machen Unterschiede, die vorher nicht existent waren. In der Beobachtung ordnen Menschen Entität Y im Kontext Z die Statusfunktion X zu und repräsentieren diese Zuweisung von Statusfunktionen durch Sprache nach außen. Prinzipiell ist es jedem jederzeit möglich, Entitäten Statusfunktionen zuzuordnen, von einer Ordnung bzw. Regel kann jedoch erst die Rede sein, wenn die Statusfunktion und die darin implizierte Macht kollektiv anerkannt wird (Searle 2006: 13). Erst durch die kollektive Akzeptanz eines Geldscheines erhält sein Eigentümer im Kontext des Warentausches Aktionsmöglichkeiten, die kaum von den physikalisch vorhandenen Eigenschaften des bedruckten Blattes Papier abgeleitet werden können. Selbst die Bestimmung des Eigentümers als Eigentümer resultiert aus einer Ordnung und ist damit sozial konstruiert. Soziale Realität existiert also nur, weil wir glauben, dass sie existiert und Regeln können nur Unterschiede machen, weil sie kollektiv anerkannt werden und somit als legitim gelten (Searle 2006: 13). In diesem Sinne ist das Verstehen eines Sachverhalts nicht als die objektive Erkenntnis eines Realitätsausschnittes anzusehen, sondern als Anteilnahme an einer kollektiven Interpretation bzw. Konstruktion von Wirklichkeit (Fierke 2007: 172).
Im Gegensatz zur Strömung des radikalen Konstruktivismus, der die Existenz einer objektiven Realität gänzlich negiert (Beushausen 2007: 9), erkennt der regelorientierte Konstruktivismus ontologisch objektiv vorhandene Gegenstände an und bleibt lediglich auf der Konstruiertheit der sozialen Welt bestehen. Darüber hinaus betonen regelorientierte Konstruktivisten die Wechselwirkung von Regeln und Akteuren, denn „rules make agents, agents make rules“ (Kubálková 2001: 65), das heißt Regeln formen und beschränken die Wahrnehmungen bzw. Wirklichkeitskonstruktionen der Akteure, doch gleichzeitig werden durch die Konstruktionen der Akteure Unterschiede und damit Regeln reproduziert, verändert oder verworfen (Ulbert 2006: 417). Unterschiede sind potenziell machtbegründend, da sie zu
3
Arbeit zitieren:
Dipl. Verwaltungswirt (FH) Hendrik Thurnes, 2010, Interventionismus-Konstruktionen der UN, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit: Interventionismus-Konstruktionen der UN ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit: neuer Titel erschienen: Interventionismus-Konstruktionen der UN
Hendrik Thurnes hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare