1. Einleitung
Wir leben in einer Demokratie, und jede Demokratie lebt davon, dass sich ihre Bürger und Bürgerinnen an ihr beteiligen. D.h., dass Demokratie nicht nur eine Herrschaftsform, sondern auch eine Lebensform sein sollte.
In meiner Hausarbeit will ich auf den Punkt der Beteiligung näher eingehen, da richtige Beteiligung Demokratie als Lebensform erst ermöglicht. Dazu werde ich mich auf Kinder und Jugendliche spezialisieren, denn auch sie sind ernst zunehmende Bürger und die Erwachsenen von Morgen. Genau aus diesem Grund ist es wichtig, sie möglichst früh in demokratische Prozesse einzubeziehen und sie auf die demokratische Lebensform vorzubereiten. Doch in welcher Form ist die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen realisierbar? Ab welchem Alter können Kinder eigentlich in politische Entscheidungsprozesse einbezogen werden? Welche Möglichkeiten der Beteiligung gibt es und sind diese ausreichend? Im ersten Teil will ich, nachdem ich den Begriff der Beteiligung definiert habe, auf einige psychologische Aspekte eingehen, um herauszufinden, ab welchem Alter Kinder bzw. Jugendliche in der Lage sind politisch mitzuentscheiden. Im zweiten Punkt beleuchte ich einige Taxonomien der Beteiligung, da man - was die Art und Weise der Beteiligung betrifft - unterscheiden muss.
Zuletzt werde ich näher auf veränderte Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen eingehen und einige Möglichkeiten aufzeigen, wie und in welchen Lebensbereichen Beteiligungen angeboten wird und ob diese ausreichend sind.
2. Was ist Beteiligung eigentlich?
Beteiligung oder Partizipation lässt sich von dem lateinischen Wort „particeps“ ableiten, was soviel heißt wie „an etwas teilnehmend“.
Im deutschen Sprachgebrauch lässt es sich sinngemäß als „politische Beteiligung“ übersetzen. Doch um diesen Begriff noch verständlicher machen zu können, werde ich zurück zu den Wurzeln dieses Begriffes gehen.
Der griechische Philosoph Platon (300 v.Chr.) war der Auffassung „[...] dass ein politisches Gemeinwesen seine Eigenart durch die Verfassung, d.h. durch die Gesamtheit der Gesetze (nomoi) hat, die sich die Bürger geben. Und indem sie durch Gründung, Ausbau und 1
Veränderung der Formen ihres Zusammenlebens eine eigene gesetzliche Ordnung schaffen, üben sie bereits die Tätigkeit aus, die im bestehenden Gemeinwesen ihre vorrangige Aufgabe ist. Das ist die aktive Teilnahme am Ganzen jener gesellschaftlichen Einheit, die sie selbst hervorzubringen und zu erhalten haben. Eben das meint: Partizipation.“ (Gerhardt 2007, S.27) Also kurz gesagt ist Partizipation die aktive Beteiligung von Bürgern an Entscheidungsprozessen, die deren Lebenswelten in Gegenwart und Zukunft beeinflussen oder verändern. Aber die Verwirklichung darf einer Gesellschaft nicht aufgezwungen werden, da dann der Gedanke der Partizipation verfälscht wird, denn „echte Partizipation vollzieht sich freiwillig.“ (Stange/Tiemann 1999, S.215; zit. n. Club of Rome 1979, S. 58f) Da wir nun eine Vorstellung vom Begriff der Beteiligung haben, möchte ich nun die psychologische Perspektive betrachten. Hier werde ich der Frage nachgehen, ab welchem Alter Kinder und Jugendliche eigentlich in der Lage sind sich zu beteiligen. Hierzu werde ich einige entwicklungspsychologische Aspekte und Untersuchungen vorstellen.
3. Sicht aus der Entwicklungspsychologie
Ein wichtiger Aspekt, den man zum Thema Partizipation beachten muss, kommt aus der Entwicklungspsychologie: Immer wieder wird darüber diskutiert, was vor allem Kindern zugemutet werden kann, ohne sie zu überfordern. Ab welchem Alter sind Kinder in der Lage an politischen, planerischen und gestalterischen Themen teilnehmen zu können? Um dies zu beantworten möchte ich auf einige Untersuchungen eingehen, die sowohl die geistige als auch die moralische Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen betrachten. Oft wird Kindern und Jugendlichen das Recht auf politische Mitentscheidung verwehrt. Der Grund hierfür ist, dass man ihnen Mangel an Reife und Verständnis für politische Fragen zuschreibt. (vgl. Oerter 1997, S. 34)
Doch die folgenden Untersuchungen zeigen, dass Kinder und Jugendliche mehr können als ihnen zugetraut wird.
Laut Mussel (1993) kann festgestellt werden, das im Alter
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• Ab 4-6 Jahren
Kinder ihre Meinung klar vertreten können, wenn es um ihren Wohnblock oder einzelne Spiel- und Aufenthaltsorte geht,
• von 6-10 Jahren
der unmittelbare Lebensbereich (Haus, Wohnumfeld) überblickt wird und Handlungen stark lustorientiert sind,
• ab 10 Jahren
Kinder eher zu Abstraktionen fähig sind, Strukturen in Ansätzen erkennen und entwickeln können, zwischen eigenen und fremden Interessen stärker differenzieren,
• ab 14 Jahren
Fähigkeiten, Strukturen zu abstrahieren, stärker entwickelt sind und in subjektiven und allgemeinen Kategorien gedacht wird. (Schröder 1995, S. 19)
An diesem Modell ist gut zu erkennen, dass Kinder im Alter von ca. 6 Jahren die Fähigkeit zum logischen Denken entwickeln und durchaus in der Lage sind logische Schlüsse zu ziehen. Ab diesem Alter sind Kinder ernst zu nehmende Partner. (vgl. Schröder 1995, S. 20) „Der Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern ist gar nicht so groß, zumindest bezüglich der Entscheidungskompetenz für die Zukunft. Es ist fraglich, ob Kinder wirklich soviel weniger rational über ihre ureigensten zukünftigen Belange urteilen können als Erwachsene, denen bislang kurzfristiger Ertrag vor langfristigen negativen Auswirkungen gegangen ist.“ (Schröder 1995, S. 21; zit. n. Oerter 1992, S. 92) Um es noch deutlicher zu machen, dass Kinder schon relativ früh in der Lage sind, sich an politischen Themen zu partizipieren oder um es anders zu sagen, dass man Kindern schon ziemlich früh die Chance geben sollte sich an Planungen und Gestaltungen des Lebensumfeldes zu beteiligen, möchte ich auf eine weitere Untersuchung eingehen: Auch Piaget hat eine Klassifizierung in Form eines Stufenmodells entwickelt, was sich heute in vielen Lehrprogrammen an Schulen und in vielen Köpfen von Pädagogen und Eltern wiederfindet. (vgl. Schröder 1995, S. 22)
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„Piaget klassifiziert vier Perioden der kognitiven Entwicklung. Diese Stufen werden präsentiert als invariante, d.h. in einer bestimmten Abfolge voranschreitenden Sequenz.“ (Schröder 1995, S. 22)
1. „Die sensomotorische Stufe: Diese Stufe dauert von der Geburt bis zum Alter von 2 Jahren. Sie markiert einen Wechsel vom bewegungseingeschränkten zum stärker handelnden Kind.
2. Die präoperationale Stufe: Diese Stufe dauert vom Alter von 2 Jahren bis ungefähr 5 bis 7 Jahren an. In dieser Phase entwickeln Kinder die Fähigkeit, sich einen Raum außerhalb ihrer eigenen Aktionen vorzustellen. In dieser Stufe ist das Denken von Kindern in abnehmendem Maße egozentrisch.
3. Die konkret operationale Stufe: Diese Stufe dauert vom 7. bis zum 11. Lebensjahr. In dieser Periode erlangen Kinder die Fähigkeit logisch zu denken. Kinder verwechseln nicht mehr länger ihre eigene mit der Sicht von anderen. Sie sind jetzt in der Lage, die Welt aus Perspektiven unabhängig von ihrer eigenen zu sehen. Beziehungen sind vielschichtig, assoziativ und umkehrbar (reversibel).
4. Die formal operationale Stufe: Diese Stufe beginnt im Alter von 11 bis 13 Jahren. Kinder entwickeln in dieser Periode die Fähigkeit, sich Raum vollständig abstrakt vorzustellen.“ (Schröder 1995, S. 22)
Auch an diesem Modell lässt sich gut erkennen, dass Kinder ab einem Alter von 2 Jahren mit räumlichen Gesetzmäßigkeiten umzugehen wissen. Mit 3 beginnen sie „einen Sinn für projektiven Raum zu entwickeln.“ (Schröder 1995, S. 22) Wenn Kinder das Alter von 11 Jahren erreicht haben, lernen sie Perspektiven zu koordinieren. Z.B. für Stadtplaner und Architekten ist es wichtig zu wissen, dass Kinder im Alter von etwa 3 Jahren durchaus in der Lage sind, auf Luftbildaufnahmen Wiedererkennungs- und kartographische Aufgaben zu lösen. (vgl. Schröder 1995, S. 22f)
Diese und viele andere Studien zeigen, dass es nicht grade förderlich ist, wenn man Kinder und Jugendliche nicht an der Planung und Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes mit einbezieht, denn wer kennt die Wünsche , Bedürfnisse und Verhältnisse des Lebensumfeldes besser als die, die sich darin befinden?
Ich möchte noch eine weitere Studie aufzeigen, die nahe legt das Jugendliche, wenn es um politische Themen geht, auf dem gleichen Denkniveau sind wie Erwachsenen.
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Arbeit zitieren:
Marcel Rösner, 2009, Partizipation, München, GRIN Verlag GmbH
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