Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 1
2. Das „Ritterliche Tugendsystem“ 1
3. Die êre 6
4. Hartmann von Aues „Iwein“ und die êre 9
5. Resümee 14
1. Einleitung
Ich möchte in dieser Arbeit darstellen, was die Menschen zu der Zeit Hartmann von Aues unter dem Begriff der êre verstanden haben, was er für die Ritter bedeutete und welche Rolle er in Hartmanns Roman „Iwein“ spielt. Zunächst werde ich das sogenannte „Ritterliche Tugendsystem“, wie es Ehrismann 1919 formuliert hat, erläutern. Dies dient als Grundlage, um anschließend die Kritik an diesem „Tugendsystem“ darzustellen und kurz darüber nachzudenken, ob solch ein System überhaupt existiert hat. Dabei werden verschiedene Begriffe genannt, mit Hilfe derer ich versuchen werde, den Begriff der êre konkreter zu fassen. Anschließend gehe ich dann auf den „Iwein“ ein und schildere, welche Rolle die êre in diesem Roman spielt.
2. Das „Ritterliche Tugendsystem“
Gustav Ehrismann prägte in seinem 1919 erschienenen Aufsatz „Die Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems“ diesen Begriff. Ehrismanns Anliegen war es, darzulegen, welche ethischen Vorstellungen die Gedankenwelt der Ritter prägten. Seine Ansichten sind in der Folge teils mehr, teils weniger kritisiert worden. Auf jeden Fall stellen seine Überlegungen die Basis dar, aufgrund derer sich die Forschung im folgenden mit dem Thema der ethischen Vorstellungswelt der Ritter auseinandersetzen konnte. Ich zitiere dazu Vogt :
Die Arbeit Ehrismanns ist insofern fruchtbar, als sie die Komplexität des ritterli-chen Ethos aufzeigt. Erst so konnte eine wissenschaftliche Auseinandersetzung um
dieses Thema in Gang kommen. Es bleibt der Verdienst Ehrismanns, als erster die
ethischen Vorstellungen des Rittertums zu einem eigenständigen Forschungsge-genstand gemacht zu haben. 1
Ich möchte nun kurz darstellen, wie Ehrismanns Vorstellung des „Ritterlichen Tugendsystems“ aussieht und danach die wichtigsten Kritikpunkte erläutern.
Er leitet es aus der griechischen Philosophie ab. Dabei greift er zurück auf die Dreiteilung der Seelenkräfte, wie Platon sie beschrieben hat.
1 Vogt, Dieter : „Ritterbild und Ritterlehre in der lehrhaften Kleindichtung des Stricker und im sog. Seifried Helbling“, S. 27.
1
Die Seelenkräfte teilen sich demnach in die folgenden Seelenteile auf : in die Vernunft, in den Mut und in die Begierde.
Die Seele eines jeden Menschen nun enthält alle diese Bestandteile, jedoch mit unterschiedlichen Verteilungen. Abhängig von dem jeweils vorherrschenden Seelenteil, ergeben sich dann konsequenterweise drei verschiedene Charaktertypen. Herrscht die Vernunft vor, wird der Mensch nach Weisheit streben, ist der Mut der stärkste Teil, strebt er nach Ehre und Macht, im Falle der Begierde nach Besitz und Genuß. Des weiteren kommt jedem Seelenteil eine ganz bestimmte Tugend zu, die er zu pflegen hat. In entsprechender Reihenfolge handelt es sich hierbei um Weisheit, Tapferkeit und Selbstbeherschung. Hinzu kommt noch eine vierte, sozusagen außerhalb stehende Tugend, die dazu gebraucht wird, alle diese verschiedenen Eigenschaften in das richtige Verhältnis zu bringen. Diese Aufgabe übernimmt die Gerechtigkeit.
Nach Aristoteles kommt es nun bei der Ausübung einer jeden Tugend immer darauf an, das richtige Maß einzuhalten. Demnach kann jede Tugend als Mittel zwischen zwei Extremen aufgefaßt werden. So kann z.B. die Freigebigkeit als Mittel zwischen Verschwendung und Geiz oder die Freundlichkeit als Mittel zwischen Schmeichelei und Streitsucht verstanden werden. 2 Außerdem unterscheidet Aristoteles die Tugenden danach, ob sie das Denken und die Vernunft oder aber die Beherrschung der Affekte zum Ziel haben. Da das Leben nach der Vernunft als das ethisch wertvollste gilt, sind die Tugenden der Vernunft auch höher zu bewerten als die der Affektbeherrschung. Zusätzlich zu den inneren Werten der Tugenden gibt es laut Aristoteles dann schließlich noch die äußeren Güter, die für das rein praktische Leben von Bedeutung sind, wie z.B. Geld und Körperkraft, prächtige Kleidung oder ein herrschaftliches Anwesen. Für Ehrismann ist diese „von Platon begründete, von Aristoteles in seinem eigenen Sinne ausgestaltete und in ein System gebrachte Ethik...die Grundlage für alle spätere Moralphilosophie des Altertums“. 3 Für die geschichtliche Überlieferung hat seiner Meinung nach Cicero mit seiner Schrift „De officiis“ gesorgt. Cicero schließe sich in seinem System Aristoteles an und
2 Vgl. Bien, Günter : „Erläuterungen zu Aristoteles Nikomachische Ethik“, S. 275 ff., Hamburg 1972.
2
bespreche wie dieser eine größere Anzahl von Tugenden, die er jedoch nach dem platonischen Modell als den vier Gruppen der Weisheit, der Tapferkeit, der Selbstbeherrschung und der Gerechtigkeit zugehörig betrachte. Wie Aristoteles unterscheide auch Cicero zwischen drei Werten; eine Systematik, die später von Augustinus im Sinne der christlichen Moraltheologie wieter ausgeformt worden ist. Das höchste Gut ist demnach das sogenannte summum bonum . Dieses repräsentiert die Lehre von Gott, gehört ausschließlich in den Bereich der Theologie und bezeichnet die „theoretische Art der Pflichten, die sich auf den vollendeten und weisen Menschen beziehen“. Das nächste Gut ist das honestum. Dieses stellt eine Art Zwischenstufe dar, indem es sowohl dem theologischen als auch dem philosophischen Bereich zuzurechnen ist. Es beschreibt die eigentlichen Tugenden, „das praktische Pflichtverhalten des gewöhnlichen und einfach rechtschaffenen Mannes“. 4 Schließlich fehlen noch die rein äußerlichen Güter , die „nützlichen“, die als utile bezeichnet und als am wenigsten wertvoll betrachtet werden. Bei Hartmann wird sich das z.B. darin zeigen, daß er äußere Güter wie eine prachtvolle Rüstung zwar immer wieder herausstreicht und als für einen würdigen Ritter notwendig und ehrend darstellt, jedoch keinen Zweifel daran läßt, daß dies alleine niemals ausreichen würde, sondern eben nur im Verbund mit den anderen, den „inneren“ Werten dem Ritter zur êre gereicht. Diese besitzen schon eher aus sich heraus einen gewissen Wert und sind nicht unbedingt auf das „Bündnis“ mit den anderen Werten angewiesen, um etwas zu gelten.
Walther von der Vogelweide hat in seinem ersten Reichstonspruch drei Begriffe verwandt, die Ehrismann als angemessene mittelhochdeutsche Entsprechung zu summum bonum, honestum und utile bezeichnet. Es sind dies die Begriffe gôtes hulde, êre und varnde guot. Diese Reihenfolge bezeichnet zugleich die Rangfolge, gôtes hulde steht also ganz oben, genau wie summum bonum. Die für diese Arbeit interessante êre entspricht demnach dem honestum, dem „praktischen Pflichtverhalten des gewöhnlichen und einfach rechtschaffenen Mannes“. Die Ritter sind zwar keine „gewöhnlichen und einfachen“ Männer, sondern gesellschaftlich geachtete Menschen (wenn
3 Ehrismann, Gustav : „Die Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems“. In : Eifler, Günther : "Ritterliches Tugendsystem“, S. 1 - 84.
4 Beide Zitate ebd., S. 3.
3
sie denn nicht ihre êre verloren haben). Aber dennoch trifft die Definition recht gut die Bedeutung von êre, indem nämlich der Ehrenkodex den Rittern vorschreibt, nach welchen Verhaltensregeln und Grundsätzen sie zu leben haben, um êre zu erlangen und zu bewahren, sprich, um gesellschaftlich anerkannt zu sein und ihrem Status als Ritter gerecht zu werden. Das Streben nach êre führt so gewissermaßen zu einem Pflichtverhalten. Wie dies im Idealfall auszusehen hat, wird in den Artusromanen beschrieben, z.B. anhand der Figur des Iweins.
Laut Ehrismann ist nun das ritterliche Ethos des Mittelalters direkt auf diese drei Wertgebiete zurückzuführen. An ihnen hat sich seiner Meinung nach das gesamte sittliche Leben orientiert. Er begründet dies mit der Tatsache, daß Ciceros „De Officiis“ in zahlreichen Handschriften überliefert ist und demnach stark verbreitet gewesen sein muß.
Die Kritik an Ehrismann besteht nun im wesentlichen darin, daß es unwahrscheinlich oder sogar unsinnig erscheint, daß das „Ritterliche Tugendsystem“, wie Ehrismann es suggeriert, etwas gewesen sein soll, das in der Art eines Gesetzbuches etwa das ritterliche Leben und Verhalten reglementiert hätte. Dies war sicherlich nicht der Fall. Es gab keinen schriftlich fixierten Ehrenkodex. Allerdings könnte man sich vorstellen, daß gewisse ethische Grundsätze sozusagen als „ungeschriebenes Ideal“ galten, nach dem es als wünschenswert erachtet wurde zu leben. In diesem „ungeschriebenen Ideal“ wiederum war dann sicherlich z.B. das Gebot der mâze enthalten, welches besagte, daß der Ritter von nichts zu viel und von nichts zu wenig haben und tun sollte. So sollte er beispielsweise selbstlos sein, aber wiederum nicht so selbstlos, daß er seine eigenen Bedürfnisse völlig vernachlässigte. Andererseits sollte er nicht so ehrversessen sein, daß er etwa wie Iwein den König Askalon erschlägt, nur um ein sichtbares Zeichen seines Sieges zu besitzen, daß ihm vor anderen (im Falle Iweins vor Keie) zur êre gereicht. Der Hauptkritiker Ehrismanns war Curtius. In seiner 1948 erschienenen Arbeit 5 wendet er sich gegen die Erstellung eines allgemeingültigen Systems und gegen die Herleitung der drei Wertgebiete aus der griechischen Philosophie, was näher zu erläutern jetzt allerdings zu weit vom Thema wegführen würde. Die Unwahrscheinlichkeit der Tatsache, daß ein fixiertes
4
Arbeit zitieren:
Florian Görner, 1999, Der mittelhochdeutsche Begriff der "êre" und seine Bedeutung für Hartmann von Aues Roman "Iwein", München, GRIN Verlag GmbH
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