Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die Herausbildung der französischen Richtungsgewerkschaften 2
2.1. Rechtliche und betriebliche Hürden um 1900. 2
2.2. Entstehung der CGT als erstem französischen Gewerkschaftsbund 3
2.3. Entstehung der übrigen repräsentativen Gewerkschaften 4
3. Direkte Aktion 5
4. Kooperationen mit Parteien 6
5. Adressaten der Forderungen 7
6. Mitgliederschwund und ideologische Orientierungslosigkeit 8
7. Die deutsche Gewerkschaftslandschaft als Vorbild? 9
8. Wege aus der Krise 11
9. Fazit 12
10. Literaturverzeichnis 14
1. Einleitung
Die heute existierenden Arbeitnehmergewerkschaften in Frankreich scheinen dem Laien vor allem durch ihre augenscheinlich radikale Aktionsweise ein Begriff zu sein: Sie seien durch eine ausgeprägte Streikfreude, angeführt durch den Generalstreik als schärfstem Schwert branchenübergreifender Arbeitskämpfe, zu charakterisieren. Angeführt durch die kommunistische CGT wurde dieses durch die Verfassung legitimierte Mittel zuletzt im März 2009 angewendet, um von Präsident Nicolas Sarkozy eine soziale Wirtschaftspolitik und die Rückdrängung von Kurzarbeit zu fordern. 1
Fraglich ist jedoch, ob direkte Aktionsformen in globalisierten Wirtschafts- und Arbeitsmärkten zukunftsfähig sind. Trotz großen Vertrauens seitens der Basis bei Betriebsrats- oder Arbeitsgerichtswahlen leiden die Gewerkschaften seit langem an Mitgliederverlusten und damit finanziellen Einbußen und geringerer
Mobilisierungsfähigkeit. In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich, vordergründig am Beispiel der CGT, untersuchen, in wieweit sich die Gewerkschaften hinsichtlich ihrer Einflussnahme auf die Regierung auf Faktoren wie der gesellschaftlichen Individualisierung oder der Herausbildung neuer Berufszweige eingestellt haben und welche Strategien sie gewählt haben oder nutzen könnten, um sich aus ihrer seit dem Ende der 1970er Jahren angespannten Lage zu manövrieren. Ebenfalls soll dabei herausgestellt werden, ob sie ihre schwierige Situation zum Beispiel durch eine zu enge Bindung an Parteien selbst mitverursacht haben oder ob sie lediglich Fremdeinflüssen unterliegen. Aus praktischen Gründen beschränke ich mich dabei auf die Analyse von Fachliteratur, Zeitungsartikel und Internetseiten. Anfragen an Mitglieder französischer Gewerkschaften würden mit großer Wahrscheinlichkeit keinen Erkenntnisgewinn über eine etwaige Misslage der betreffenden Gewerkschaft liefern. Um die bisherige Aktionsweise der Gewerkschaften zu verstehen, sollen zunächst ihre historischen Wurzeln und die daraus entstandenen Handlungsweisen betrachtet werden. Hieran schließt sich eine Analyse der verschiedenen Ursachen für die heutige Lage der Gewerkschaften an. Zuletzt erörtere ich in Frage kommende Gegenmaßnahmen, um eine Antwort auf die Frage zu finden, ob die bisher angewendeten Strategien noch zeitgemäß sind oder eine grundlegende Neuausrichtung ratsam erscheint.
1 Uterwedde, Henrik, Sarkozy muss Druck aus dem Kessel nehmen, in: Frankfurter Rundschau vom
21.03.2009, S.5.
1
2. Die Herausbildung der französischen Richtungsgewerkschaften
Die französische Gewerkschaftslandschaft umfasst heute zahlreiche Organisationen, die im weitesten Sinne im linken politischen Spektrum zu verorten sind, dennoch aber zahlreiche Unterschiede aufweisen. Grob betrachtet können heute vier Hauptströmungen erkannt werden: Die dem Marxismus verbundenen Gewerkschaften beziehen sich auf klassenkämpferische Theorien und gehen perspektivisch von der Verwirklichung des Sozialismus durch das Bestreiken der Betriebe aus. Reformistische Gewerkschaften wie die CFDT streben eine Verbesserung der betrieblichen Situation der Arbeitnehmer und die Erhaltung von bisherigen Errungenschaften an. Für sie kommen Aktionsformen in Frage, die im Rahmen der gegebenen parlamentarischen Möglichkeiten legitim erscheinen. Die christliche Strömung legt besonderen Wert auf eine Orientierung an der christlichen Soziallehre und verfügt über eine kirchenfreundliche Doktrin. Anarchistisch-revolutionäre Gewerkschaften betrachten den Streik als Mittel zur Vereinigung der Gewerkschaftsbewegung. 2
Eine Betrachtung der gewerkschaftlichen Historie ist nötig, da die Aktionsweisen der Gewerkschaften nicht im luftleeren Raum entstanden sind, sondern vor bestimmten geschichtlichen Hintergründen. Die Historizität der Organisationen bestimmt wiederum in unterschiedlichem Maß die heutigen Ansichten und Entscheidungen in den Gewerkschaften.
2.1 Rechtliche und betriebliche Hürden um 1900
Die Herausbildung großer Arbeitnehmergewerkschaften verlief in Frankreich, anders als in Großbritannien oder Deutschland, im zwanzigsten Jahrhundert sehr schleppend. Verschiedene Ursachen für den erschwerten Aufstieg solcher Vereinigungen sind zu benennen. Das nach dem Abgeordneten Isaac René Guy Le Chapelier benannte Gesetz „Loi Le Chapelier“, datiert auf den 17. Juni 1791, untersagte die Gründung von Zünften, Gewerkschaften und sonstigen betrieblichen Zusammenschlüssen. 3 Es sollte
2 Vgl. Schäfer, Werner, Die französische Gewerkschaftsbewegung in der Krise. Historische Entwicklung
und sozioökonomische Rahmenbedingungen ihrer Bildungsarbeit (=Schriftenreihe der Otto-Brenner-
Stiftung, Bd. 44), Köln 1989, S. 23.
3 Vgl. Roth, Christian, Frankreich, in: Schmid, Josef/Kohler, Harald (Hrsg.), Arbeitsbeziehungen und
sozialer Dialog im alten und neuen Europa. Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Kooperationen, Baden-
Baden 2009, S. 96.
2
die alten Zünfte des ancien régime daran hindern, ihre Machtstrukturen nach der Französischen Revolution erneut zu errichten. Mehr und mehr erwies es sich jedoch als Maßregelung vornehmlich der Arbeiterschaft, da diese aufgrund ihrer Mittellosigkeit weitaus stärker vom Verbot der Zusammenschlüsse betroffen war, als die Arbeitgeberseite, das sogenannte „Patronat“. Die Situation der Arbeiter besserte sich schrittweise durch die Aufhebung von Streik- (1864) und Koalitionsverbot (1884). 4 Daneben erschwerte die vorhandene Struktur der Betriebe die Entstehung von Gewerkschaften:
„Um 1900 arbeitete ein Drittel der Industriearbeiter noch in Betrieben mit weniger als zehn Arbeitern und fast 60% in Firmen mit weniger als hundert Beschäftigten. Folglich war die Arbeiterschaft eine ausgesprochen heterogene Klasse(…)“ 5
Die geringe Größe der Betriebe lässt die Beschäftigten betriebliche Angelegenheiten bis heute überdurchschnittlich oft direkt mit ihren Vorgesetzten klären, für die rasche Bildung gewerkschaftlicher Strukturen wäre um 1900 keine Basis vorhanden gewesen. Dennoch existierten mit den „sociétés mutuelles“ genannten
Unterstützungsgesellschaften bereits lose Zusammenschlüsse einer kleinen Zahl von Arbeitern. 6 Nach 1884 nahm die Entwicklung deutlich an Fahrt auf. Jules Guesde gründete den ersten nationalen Gewerkschaftsverband (Fédération Nationale des Syndicats), während sich unter Fernand Pelloutier lokale Arbeiterbörsen entwickelten, die den Arbeitern effizienter als Gewerkschaften erschienen, da sie nicht über große, landesweiten Strukturen verfügten. Sowohl bei Guesde als auch Pelloutier handelte es sich um sozialistische Theoretiker, die ihre Ideen zuvor bereits in Zeitungen veröffentlichten und zeitweise gemeinsam politisch in der Parti ouvrier français betätigten.
2.2 Die Entstehung der CGT als erstem französischem Gewerkschaftsbund
Keimzelle der später dominierenden Doktrin des Anarchosyndikalismus war der Verzicht der Arbeiterbörsen auf die Bindung an eine Partei und die konstruktive Mitarbeit auf parlamentarischer Ebene. Ein Teil der Arbeiterbörsen vereinigte sich 1895 mit dem bestehenden Gewerkschaftsverband zur Confédération Genérale du Travail
4 Vgl. Kempf, Udo, Das politische System Frankreichs, 4., aktual. u. überarb. Aufl., Wiesbaden 2007, S.
270.
5 Ebd.
6 Vgl. Ebd.
3
Arbeit zitieren:
Daniel Grosser, 2010, Antiquierte Aktionsformen als Ursache einer andauernden Krise?, München, GRIN Verlag GmbH
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