Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Einführung in Begrifflichkeiten, Forschungsfelder und -hintergund 2
2.1 Unterscheidung zwischen den Begriffen „sex“ und „gender“ 2
2.2 Definition „Geschlechtsunterschiede“ 3
2.3 Theorien der Entstehung von Geschlechtsunterschieden 4
3. Geschlechtsunterschiede nach Cohn 5
3.1 Die Geschlechtlichkeit als solche und der primäre Geschlechtsunterschied 6
3.2 Die sekundären Geschlechtsunterschiede 7
3.3 Konsequenzen für die Erziehung 9
4. Geschlechtsunterschiede nach Freud 11
4.1 Die phallische Phase 11
4.1.1 Der Ödipuskomplex 11
4.1.2 Der Penisneid 12
4.1.3 Die Kastrationsangst 13
5. Forschungsergebnisse 13
5.1 Die soziale Ebene 14
5.1.1 Die Aggressivität 14
5.1.2 Das soziale Handeln 15
5.2 Die kognitive Ebene 16
5.2.1 Das räumliche Denken 17
5.2.2 Verbale Fähigkeiten 17
5.2.3 Mathematische Fähigkeiten 17
5.3 Motorische Fähigkeiten 18
6. Fazit 19
7. Literaturverzeichnis 21
II
1. Einleitung
„Männlein und Weiblein“, „Junge und Mädchen“, „Mann und Frau“ - die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden schon seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit postuliert und genießen auch gerade in der heutigen Zeit wieder Beachtung. Das Thema „Gender“ feiert Konjunktur - angefangen mit einer eigenen Forschungsdisziplin über das soziale Geschlecht werden die Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch der breiten Öffentlichkeit durch diverse Sachbücher („Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken: Ganz natürliche Erklärungen für eigentlich unerklärliche Schwächen“ 1 oder „Männer sind vom Mars. Frauen von der Venus: Tausend und ein kleiner Unterschied zwischen den Geschlechtern“ 2 sowie „Männer sind anders. Frauen auch. 3 “) und Fernsehshows (wie z. B. „Typisch Frau - typisch Mann“ 4 ) nicht vorenthalten. Doch wie sieht es bei all den viel diskutierten Unterschieden zwischen den Geschlechtern mit dem Ursprung, der Herkunft, geschlechtstypischen Verhaltens aus? Ist „männliches und weibliches Verhalten ‚natürlich‘, d. h. von der Natur mittels Erbanlagen in uns festgelegt“ oder werden uns die geschlechtstypischen Verhaltensweisen durch entsprechende Normen von Kind an so auferlegt, dass sie sich (unbewusst) als typisches Rollenverhalten in uns festigen? 5 Letztere Erklärung teilen laut Ekkehard Kloehn viele Soziologen und Feministen. 6 Sie seien der Auffassung, „jede Gesellschaft habe eine bestimmte Vorstellung von dem, was als männlich und weiblich zu akzeptieren sei, und schreibe diese ihre Normen dem heranwachsenden Kind vor wie ein Theaterregisseur seinem Schauspieler eine bestimmte Rolle. Das Kind spiele dann diese Geschlechterrolle und verinnerliche sie dabei unbewußt.“ 7 Die vorliegende Arbeit möchte sich mitunter genau dieser Forschungsproblematik stellen und eine Annäherung zwischen beiden doch sehr „radikalen“ Behauptungen schaffen. Auf Grundlage einer ausführlichen Abgrenzung verschiedener Begrifflichkeiten und Erklärung der aktuellen Forschungsproblematik innerhalb des Themenfelds sollen zunächst die Arbeiten des Philosophen und Pädagogen Jonas Cohn herausgearbeitet werden, welcher sich schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit
1 Pease/Pease 2000.
2 Evatt 2010.
3 Gray 1998.
4 Typisch Frau - Typisch Mann ist eine seit 2005 von Günther Jauch moderierte und beim Fernsehsender
RTL ausgestrahlte Spielshow, in der sich prominente Gäste und das Studiopublikum mit Spielen und
Fragen zum Thema der Geschlechterrollen von Mann und Frau beschäftigen.
5 Kloehn 1979, S. 14.
6 Vgl. Kloehn ebd.
7 Kloehn ebd.
1
der Thematik beschäftigte. Cohn hatte - im Kontext der damaligen Zeit betrachteteine sehr moderne Auffassung zum Thema Geschlechterdifferenzen und Geschlechterdifferenzierungen. Diese soll im Laufe der Ausarbeitung explizit hervorgebracht werden. Anschließend sollen die Ergebnisse seiner Forschungsarbeiten mit aktueller Literatur und gegenwärtigen Diskussionen verglichen werden. Hauptgegenstand der Diskussion bilden dabei (aus Sicht der damaligen Zeit) das Werk Cohns „Geist der Erziehung“ bzw. der daraus zu entnehmende Teil „Geschlecht und Geschlechtsunterschiede“ sowie verschiedene Arbeiten des Mediziners Sigmund Freud, welcher sich seinerzeit ausführlich mit der Entstehung von Geschlechtsunterschieden beschäftigte. Grundlage für die heutige Zeit bilden diverse aktuelle (Lehr-)Bücher über verschiedene Bereiche rund um das Thema „Geschlecht“ und „Geschlechterdifferenzen“.
2. Einführung in Begrifflichkeiten, Forschungsfelder und -hintergund
Um eine angemessene Diskussionsgrundlage sicher zu stellen, werden in diesem Teil der Arbeit zunächst alle Begrifflichkeiten, die in unserem Kontext von Bedeutung sind, beschrieben und voneinander abgegrenzt. Außerdem werden in diesem Zusammenhang verschiedene Theorien erläutert, die die Entstehung von Geschlechtsunterschieden auf unterschiedliche Art und Weise zu erklären versuchen.
2.1 Unterscheidung zwischen den Begriffen „sex“ und „gender“
Die aus dem Englischen stammenden Wörter sex und gender können im Deutschen am ehesten mithilfe der Zuschreibungen „biologisches Geschlecht“ (= sex) und „soziales Geschlecht“ (= gender) übersetzt werden. „Der Begriff sex bezieht sich auf geschlechtsspezifische Definitionen und Unterschiede, die auf biologischer Ebene angesiedelt werden, so im Bereich der Gene, Anatomie, Physiologie, Immunologie, oder des Stoffwechsels. Der Begriff gender dagegen umfasst die psychologischen, sozialen und kulturellen Dimensionen der Geschlechtszugehörigkeit: soziale Rollen und Beziehungen, persönliche Eigenschaften, Haltungen und Verhalten, Werte, Macht und Einfluss etc., die auf der Basis von Geschlechtszugehörigkeit (unterschiedlich) zugeschrieben werden.“ 8 Während die biologische Geschlechtszugehörigkeit (männlich = engl. male/weiblich = engl. female) im Allgemeinen als unveränderbar gilt, gilt die Zugehörigkeit zum sozialen Geschlecht als „erlernt und damit auch [als]
8 Bundesamt für Gesundheit 2004, S. 1.
2
veränderbar“. 9 Renate Tanzberger steht dieser Unterscheidung jedoch kritisch gegenüber und bemängelt, „dass mit der scheinbaren Natürlichkeit und Unveränderbarkeit von sex im Unterschied zu gender, das als kulturell überformt und veränderbar gilt, eine Dualität reproduziert wird, die verschleiert, dass sex ebenfalls sozial und kulturell überformt und lange nicht so eindeutig ist, wie es den Anschein hat.“ 10 Inzwischen macht es die Medizin sogar möglich das biologische Geschlecht zu verändern, wobei hier natürlich das ursprüngliche Geschlecht, wie es von Geburt an bestimmt ist, bestehen bleibt.
Eine Unterscheidung zwischen biologische und sozial bzw. kulturell bedingte Geschlechtsunterschiede zeigt sich auch bei der Ursachenforschung der Geschlechtsunterschiede, wie am Ende des zweiten Themenblocks im Abschnitt „Theorien der Entstehung von Geschlechtsunterschieden“ deutlich wird.
2.2 Definition „Geschlechtsunterschiede“
Unter Geschlechtsunterschiede versteht man die Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht, die in unterschiedlicher Ausprägung in biologische, psychologische und soziale Unterschiede aufgeteilt werden können. Oft wird in diesem Zusammenhang auch von Geschlechtsmerkmalen oder -dispositionen gesprochen, die den jeweiligen Geschlechtern entweder mehr oder weniger zugeordnet werden können (z. B. Jungen sind aggressiver, Mädchen haben eine höhere verbale Kompetenz). „Mit diesen unterschiedlichen Dispositionen oder Merkmalen beschäftigt sich die Geschlechtsunterschiedsforschung.“ 11
Geschlechtsmerkmale werden in primäre, sekundäre und tertiäre Merkmale unterteilt. „Die äußeren und inneren Geschlechtsorgane, z. B. Penis, Hoden und Scheide, sowie deren Anhangdrüsen sind primäre Geschlechtsmerkmale. Schamhaare, Bart, Stimmlage und Milchdrüsen werden zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen gezählt. Tertiäre Geschlechtsmerkmale sind z. B. Unterschiede in der Körperhöhe, beim Knochenbau, im Verhalten und im Empfindungsbereich.“ 12 Primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale können also dem Begriff „sex“ zugeordnet werden, tertiäre hingegen fallen unter den Ausdruck „gender“.
Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern können folgendermaßen kategorisiert werden:
9 Haratsch 2010, Definitionen. Definition der deutschen Bundesregierung. Gender; Hervorh. vom
Verfasser.
10 Tanzberger 2006, S. 128.
11 Bamberg/Mohr 1999, S. 237.
12 Mühlberg 2003, S. 3.
3
1. Geschlechtsspezifisches Merkmal: Das Merkmal besitzt ausschließlich nur eins der beiden Geschlechter, z. B. Gebärfähigkeit der Frau.
2. Geschlechtstypisches Merkmal: Das Merkmal kommt häufiger und intensiver bei einem Geschlecht vor, kann aber auch bei dem anderen Geschlecht, wenn auch nicht so häufig oder prägnant, beobachtet werden. 13
Wenn von Geschlechtsunterschieden gesprochen wird, ist häufig von einer Benachteiligung der Frauen die Rede. Hier werden die unterschiedlichen Lebensbedingungen für Männer und Frauen thematisiert. 14 Dabei wird von einer Benachteiligung der Frauen in verschiedenen Bereichen (Erwerbstätigkeit, Verdienst, Rolle im Haushalt) gesprochen. Das Konzept des Gender Mainstreaming, welches 1985 auf der dritten Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen in Nairobi vorgestellt wurde, versucht nun die besagten Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu beseitigen und fördert somit die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Gesellschaft. 15
2.3 Theorien der Entstehung von Geschlechtsunterschieden
Im Wesentlichen werden drei Erklärungsversuche für die Entstehung von Geschlechtsunterschieden herangezogen: die biologische Sichtweise, die soziologische Sichtweise und die psychologische Sichtweise.
Die biologische Perspektive geht von genetischen Gründen für die Entstehung von Geschlechtsunterschieden aus und schließt daraus auch auf unterschiedliche Verhaltensweisen der Geschlechter. Diese Betrachtungsweise wurde vor allem in den frühen Anfängen der Geschlechtsunterschiedsforschung vertreten und gilt heutzutage als veraltet. Nur physiologische Gründe für das Auftreten von Geschlechtsunterschieden heranzuziehen, verdrängt gänzlich den Aspekt der Sozialisation. Die soziologische Sichtweise nimmt den Aspekt der Rollenübernahme in den Blickpunkt: demnach übernimmt das Kind die eigene Geschlechtsrolle, nachdem es die eigene Geschlechtlichkeit identifiziert und die unterschiedliche Rollenverteilung von Mutter und Vater in der Familie anerkennt. „Dann lernt das Kind die mehr expressive Funktion der Mutter und die mehr instrumentelle Funktion des Vaters. Somit sieht das
13 Vgl. Mühlberg ebd.
14 Vgl. Bamberg/Mohr 1999, S. 237.
15 Vgl. Tanzberger 2006, S. 128.
4
Kind die elterliche Autorität aufgeteilt und verinnerlicht die Grundrollen der Familie. Instrumentalität und Expressivität kennzeichnen Handlungstendenzen, die das Verhalten von Männern und Frauen steuern können. Mit dieser Erkenntnis beginnt das Kind seine eigene Geschlechtsrolle zu erlernen. Meist orientiert sich das Kind am gleichgeschlechtlichen Elternteil.“ 16
Diese Perspektive stellt also die Rollenübernahme des Geschlechts durch Lernen am Vorbild (Modelllernen), in dem Fall durch die Eltern als Vorbilder, in den Vordergrund. Das unterschiedliche Verhalten der Geschlechter gilt hier als anerzogen bzw. erlernt und nicht als biologisch verankert.
Die psychologischen Erklärungsversuche rücken das Interesse bezüglich Geschlechtsunterschiede auf die Kindheit und die Rolle der Eltern bei der Geschlechtsrollenentwicklung und versuchen so zu erläutern, „warum Jungen und Mädchen schon im Kindergarten verschiedene Verhaltensrepertoires, Interessen und Beschäftigungsvorlieben bilden.“ 17 Es werden verschiedene Arten von Theorien beschrieben, innerhalb derer Eltern die Geschlechtsrollenausbildung des Kindes beeinflussen können (z. B. durch Bekräftigung für angemessenes Verhalten, Imitation gleichgeschlechtlicher Erwachsener, Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil u. v. m.).
Ein Beispiel für eine psychologische Auslegung für Geschlechtsunterschiede, die Geschlechtsrollenentwicklung nach Freud, wird uns im weiteren Verlauf noch genauer interessieren (siehe 4. Geschlechtsunterschiede nach Freud).
3. Geschlechtsunterschiede nach Cohn
Der Philosoph, Pädagoge und Psychologe Jonas Cohn beschäftigte sich hauptsächlich mit der sog. „Theorie der Dialektik“ und widmete sein Lebenswerk einer wertwissenschaftlichen Begründung von Philosophie. 18 Er forschte dabei im Grenzbereich zwischen Pädagogik und Philosophie und entwickelte neben zahlreichen Abhandlungen beispielsweise zur Ästhetik, Logik oder Erziehung auch einige Niederschriften zu geschlechtstypischen Verhaltensweisen von Jungen und Mädchen. Die Gedanken Cohns sollen nun im Folgenden anhand des Kapitels „Geschlecht und Geschlechtsunterschiede“ aus dem Werk „Geist der Erziehung. Pädagogik auf
16 Härtwig 2004, 2.4 Theorien der Entstehung von Geschlechtsunterschieden.
17 Härtwig ebd.
18 Vgl. Salomon Ludwig Steinheim Institut für Deutsch-Jüdische Geschichte 2009, Jonas Cohn.
5
Arbeit zitieren:
Jennifer Schons, 2009, Mädchen und Jungen – Über Geschlecht, Geschlechtsunterschiede und geschlechtstypisches Verhalten, München, GRIN Verlag GmbH
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